Kassandra – Die kommentierte Presseschau zur bAV:

Zwischen Faust und Hegel und …

von Pascal Bazzazi, Euskirchen, 11. März 2022

so blöd kann keiner sein. Unregelmäßig freitags bringt LEITERbAV eine kommentierte Presseschau zur bAV. Heute zur Finanzierung der Aktienrente, zu Missverständnissen bei der Allianz, zu einer bevorstehenden Eheschließung, den Logen raumfremder Mächte – und was nach Putin kommt.

 


Business Insider (10. März):
„Einstieg in die Aktienrente: Grünen-Rentenexperte kritisiert FDP für fehlenden Finanzierungsplan und schlägt eigenes Konzept vor.“

 

Die Aktienrente der FDP ist auch schon auf LEITERbAV mehrfach diskutiert worden, nicht zuletzt mit ihrem Urheber.


Dass das Thema zwischen rot, grün und gelb kein ganz einfaches ist, ist klar. Im Business Insider hat nun Markus Kurth, rentenpolitischer Sprecher der Grünen, Position zur Frage der Finanzierung bezogen. Kernaussage: Der Beitragssatz der Arbeitgeber solle um 0,5 Prozentpunkte erhöht werden. Das zugrundeliegende Thesenpapier Kurths findet sich hier.


Klar ist, dass es hier noch zu Diskussionen zwischen den Ampel-Partnern kommen wird. Ausgang unklar.


Grundsätzlich gilt abseits der Frage der Finanzierung trotz aller Vorbehalte gegenüber der staatlichen Aktienrente (vor allem Crowding out an den Kapitalmärkten mit dem neuen Staatsgeld sowie Skepsis bezüglich Anlage und Staatszugriff): Jede Entwicklung, bei der deutsche Renten aller Säulen auch um den Preis hoher Vola sich mehr auf Real Assets denn auf Fremdkapitalinstrumente gründen, ist renten- und industriepolitisch zu begrüßen. Wie man das den garantiegewöhnten Deutschen vermittelt, ist eine andere Frage.


Apropos Skepsis bei der Anlage: Es wäre keine Überraschung, dass irgendwann, nach dieser oder jener Krise, in dem Fonds am Ende doch keine ausländischen Aktien liegen, sondern nur noch deutsche Staatsanleihen – also am Ende eine reine Nullnummer steht, die auch noch als besonders sicher verkauft wird. Und warum wäre das nicht überraschend? Weil dies bei staatlichen deutschen Pensionsfonds durchaus schon zum Standard gehört(e), so z.B. in Thüringen und (weiland) Rheinland Pfalz, natürlich begleitet vom übliche fachfremden Gerede der Verantwortlichen.

 

 

 

Versicherungsjournal (7. März): „Allianz SE: Vergütungen für den Vorstand steigen sprunghaft.“


Das VJ beobachtet aufmerksam die Entwicklungen bei der Allianz. Hier vermeldet es, dass die Grundvergütung der zehn Allianz-Vorstände 2021 um 4,3% auf 10,93 Mio. Euro zugelegt hat. Insgesamt klettern die Bezüge des Gremiums um 21% auf 38,7 Mio. Euro.

 

Erst im Februar hatte der Vorstandschef kundgetan, dass sich beim Allianz-Management das Problem der milliardenschweren US-Schadenersatzklagen finanziell negativ auswirken werde (und merkwürdigerweise bei den Aktionären angeblich nicht). Vielleicht nur ein Missverständnis.

 

 

 

Die Welt (10. März): „Schnelleres Ende des billigen Geldes? Rätselhafte Kehrtwende der EZB.“

 

Die Welt ist angesichts der Art und Weise der Kommunikation der EZB erheblich irritiert, und die Märkte waren es gestern nicht minder. Das spricht für die alte, erst vor einer Woche erneuerte These Kassandras, dass die EZB in diesen Jahren (die auch geldpolitisch zu den prekärsten zählen, die Europa seit zig Jahrzehnten gesehen hat), fachlich nicht optimal besetzt ist – um es vorsichtig auszudrücken.

 

Jedoch noch wichtiger als das Wie bei den gestrigen Aussagen aus dem Frankfurter Ostend ist das Was – und das hat es in sich: In Q III sollen zwar nicht die Zinsen erhöht werden, doch tatsächlich die wichtigste Finanzquelle der Eurostaaten der letzten Jahre, das Quantitative Easing, auslaufen!

 

Das heißt mitten in den Zeiten des unabsehbaren Krieges, umfassender Sanktionen, gestörter Lieferketten und der nicht bewältigten Pandemie will die EZB nach über einer Dekade, faktisch 15 Jahren des billigen Drogengeldes europäische Staatshaushalte und Volkswirtschaften tatsächlich auf Entzug setzen? Ausgerechnet jetzt?

 

Der Chronist hält das für unvorstellbar. Denn die Möglichkeit, unbeschadet aus der Politik des billigen Geldes – umgesetzt durch Null Prozent Hauptrefinanzierungssatz und negative Einlagenfazilität, 1-Billionen-Bazooka, zig Milliarden schwere QE-Programme mit Govies und Corporates, 500-Milliarden-schwerem ANFA-Aufkäufen und nun auch noch diverse Corona-Programme – auszusteigen, besteht seit über einer Dekade nicht mehr. Kapitalmärkte und auch Realwirtschaft (man sehe die Mini-Renditen selbst angeschlagener Corporates) sind längst heroinabhängig von dem billigen Geld, vor allem infolge Verfestigung und Neuanimation unwirtschaftlicher Strukturen in Staat und Privatwirtschaft. Im Krieg mehr denn je.

 

Ergo kommen die Notenbanken aus der selbstgestellten Falle nicht mehr heraus. Die Zahnpasta ist aus der Tube – und da bleibt sie auch. Denn wer über Geldschwemme und Niedrigzins die Krise verhindert, verhindert die Korrektur finanzwirtschaftlicher und mittelbar auch realwirtschaftlicher Fehlallokationen – mit dem Ergebnis, dass vor allem die Fallhöhe steigt.

 

Kassandra unkt daher auf LEITERbAV seit 2013 (und schon vorher in der dpn ab 2008), dass die EZB Zinsen weder erhöhen kann noch will (bzw. wollte). Hauptgrund ist die prekäre Geolage von Euroland: zu der erwähnten Drogenabhängigkeit von dem billigen Geld treten u.a.: zahlreiche Failed States vor der Haustür, der nahöstliche Krisenbogen, Griechenland- und Eurokrise, Separatismus und europäische Zentrifugalkräfte, Brexit, russisch-türkischer Gegensatz, Migrationsdruck, Terrorgefahr und nun auch der hier schon früher regelmäßig erwähnte Ukraine-Konflikt… Und auf all diese Herausforderungen hat die europäische Politik am Vorabend des demographischen Zusammenbruchs seit über einer Dekade keine einzige strategische Antwort außer der des billigen Geldes.

 

Deshalb werden und müssen die Zinsen noch viele, viele Jahre niedrig bleiben. Die EZB als Gefangene des eigenen Handelns“ ist Kassandras übliche Metapher dazu.

 

Und auch dieser Krieg, der morgen zu Ende gehen kann, kann ebensogut noch viele Jahre dauern. Der Vietnamkrieg, erster und dritter Golfkrieg, Zentralafrika, Syrienkrieg, Afghanistan-Einsatz, Mali-Einsatz: Die Konflikte in diesen Jahrzehnten, erst recht die asymmetrischen, neigen dazu, viele, viele Jahre dauern. Das muss in der Ukraine nicht zwangsläufig so ein. Das Potential ist aber da.

 

Zurück zur EZB-Fallhöhe. Es sei zum x-ten Mal wiederholt: Abgerechnet wird, wenn eines Tages die Zinsen ungeplant steigen. Denn dann sind die Instrumente der Notenbanken stumpf und die Staaten schnell am Ende. Denn wenn hier Dynamik reinkommt, werden die Notenbanken bald sehr schnell immer größere Summen an frischegedrucktem Geld in die Hand nehmen müssen, wollen sie nicht die Implosion der Staatshaushalte riskieren, und je größere Summen sie in die Hand nehmen, desto größer wird die Dynamik und so weiter und so fort…

 

Doch genau das droht Euroland jetzt, wenn QE endet, zumindest regional in der Peripherie. Denn bitte schön, wie sollen sich bspw. die Spreads langlaufender Govies nicht nur der südeuropäischen Krisenstaaten, sondern auch des Baltikums oder der Slowakei zu Bunds entwickeln, wenn QE als Finanzierungsquelle wegfällt? Wir reden hier von Staaten in unmittelbarer geographischer Nähe zu Russland und der Ukraine. Wie sollen hier die Spreads in vertretbarem Rahmen bleiben, wenn die Anleger stattdessen Bunds oder Supra-Nationals kaufen können? Dann wäre es da, das gefährliche Szenario der ungeplant steigenden Zinsen – und das mitten im Krieg und im Schatten von Covid. Unmittelbar entstünden hier Zentrifugalkräfte, die der Euro nicht lange aushielte.

 

Hinzu kommt die prekäre Lage der Realwirtschaft, die sich trotz Corona und Krieg zwar halbwegs robust zeigt; jedoch ist offenkundig, dass dies im Wesentlichen auf die ständig neuen Geldspritzen zurückzuführen ist – die ebenfalls woher kommen? Richtig: aus der Notenpresse!

 

Als sei all das nicht genug, muss ja auch die teilzerstörte und unter massivem Brain Drain leidende, aus allen Wunden blutende Ukraine, die ja nun auch noch Blitz-EU-Mitglied werden soll, irgendwann nach dem Krieg wieder aufgebaut werden. Wer wird das denn bezahlen? Die Russen? Kaum. Die Ukraine selbst? Unmöglich. Der deutsche Steuerzahler? Das ist selbst für ihn zuviel. Auch hier bleibt am Ende nur ein Finanzier: die Notenpresse in Frankfurt-Ostend.

 

Erinnert sei auch an Jean Claude Trichet, der 2011 auf niedrigem Niveau sich an einer Mini-Zinserhöhung versuchte – und prompt scheiterte. Und damals waren Fallhöhe und Geozwänge ungleich milder als heute.

 

Zwischenfazit: Die EZB wird die gestrige Tapering-Ankündigung nicht umsetzen können, weil ihr sonst der Laden auseinanderfliegt. Ergo bleibt ihr nichts übrig, als die nun massiv anziehende Inflation zu akzeptieren. Inflation bekämpfen und gleichzeitig Rezession und Staatsbankrotte vermeiden (und ohne QE sind faktisch alle Euroländer bankrott) ist für eine Notenbank zwar grundsätzlich möglich – aber längst nicht mehr in der Fallhöhe, in welche die EZB die Euroländer mittlerweile geführt hat.

 

Aber ernsthaft: Welcher Idiot hat denn wirklich geglaubt, dass diese exponentielle M0-Ausweitung durch die EZB seit 2007 (auch wenn aus diversen Gründen M3 langsamer gestiegen ist) sich auf die Asset Inflation beschränken und nicht zu Güterpreisinflation und danach (wie immer) zur Stagflation führen werde? Oder wie Klaus Kinski sagen würde: „So blöd kann keiner sein.“

 

Schon vor einem halben Jahrzehnt prophezeite Kassandra der EZB erstmalig: Wer mit der Inflation flirtet, wird irgendwann von ihr geheiratet. Die Verlobung ging damals zwar Mario Draghi ein. Doch die Eheschließung der Mde. Lagarde dürfte unmittelbar bevorstehen.

 

Zusätzliches Problem: Inflation entsteht durch Geldmengenausweitung, beschleunigt sich aber ab einem gewissen Niveau über höhere Umlaufgeschwindigkeit (Geld besser heute loswerden als morgen) und Hortung (was man für nachhaltig hält: kaufen und einlagern) selbst.

 

Außerdem gilt: Die Zahnpasta, die aus der Tube ist, verschwindet nach einmaligem Zähneputzen ja nicht. Denn wenn ein Wirtschaftssubjekt aus der Sorge um Inflation mit Geld einen Kauf tätigt, ist das Geld ja nicht aus der Welt. Sondern der Verkäufer ist nun in der Situation, in der vorher der Käufer war – er will das Geld loswerden. Das Geld zirkuliert weiter, und die Umlaufgeschwindigkeit steigt ständig weiter. Gemäß Fisherscher Verkehrsgleichung/Quantitätstheorie bedeutet das steigendes Preisniveau – mit der Folge, dass die Umlaufgeschwindigkeit noch weiter steigt – mit der Folge, dass das Preisniveau … usw. usf… Ein bisschen Tapering, selbst wenn es käme, kann diese über ein Jahrzehnt gesäte Dynamik nicht aushebeln. Nochmal, die EZB sitzt in der Falle. Sie hat es über Jahre versäumt, Real Assets statt Govies und Corporates zu akkumulieren (obwohl ihr dazu schon früh geraten wurde), die ihr die Macht zu echtem Tapering gegeben hätten. Jetzt bekommt sie die Quittung.

 

Wie dem auch sei, man wird sehen, ob die EZB ihren hehren Worten wird Taten folgen lassen können. Oder ob sie nur redet. Für Kassandra gilt jedenfalls aus der Tragödie erster Teil:

 

Die Botschaft hör ich wohl – allein mir fehlt der Glaube.“


Und für die EZB Hegel:

 

Die Wahrheit der Absicht ist nur die Tat selbst!“

 

 

 

Die Welt (10. März): „DIW-Chef – Top-Ökonom hält Inflation von bis zu zehn Prozent für möglich.“

 

Da mag er recht haben. Jedoch: Wenn er schon zehn Prozent für möglich hält, macht man vermutlich keinen Fehler, mit zwanzig zu rechnen. Der Begriff „Top“ ist übrigens ein sehr dehnbarer – offenbar auch für die Welt-Leserschaft, besieht man sich deren Kommentare.

 

 

 

Die Welt (5. März): „Steigender Bauzins – Für Käufer wächst die Gefahr, in die Blasen-Falle zu tappen.“

 

Zunächst: die LbAV-Redaktion hat den Beitrag nicht gelesen, da sie kein Welt-Abo hält. Doch für einen Kommentar reicht die Überschrift. Gehen wir mal durch:

 

1.) Richtig ist, dass wir in den Real Estate-Märkten Europas ungesunde Entwicklungen sehen, Ursache alles andere als unbekannt. Derzeit kann man etwas feststellen, was man schon fast als das an den Märkten eher seltene Phänomen des FOMO bezeichnen muss: „Fear of missing out“. Wirkliches Bubble-Verhalten der Anleger ist aber etwas anderes.


2.) Richtig ist auch, dass in diesen völlig unsteten Zeiten zwischen Geldschwemmen, Kriegen, Corona etc… an allen Märkten grundsätzlich alles möglich ist. Das betrifft Upside, Downside, Vola … Jede Art der Prognose ist damit mit noch mehr Unsicherheiten behaftet als ohnehin. Gleichwohl ein Versuch:


3.) Wie Kassandra erst vergangene Woche dargelegt hat, ist nach Ausbruch des Krieges im Osten eine Zinserhöhung durch die EZB noch unwahrscheinlicher als sie es zuvor war. An dieser Ansicht ändert auch die gestrige Pressekonferenz im Ostend nichts (s.o.), im Gegenteil.

 

4.) Auf hohem Niveau steigt derzeit in Europa, besonders aber in Deutschland kriegsbedingt der Migrationsdruck weiter, und das offenbar äußerst dynamisch. Die Zahlen aus der Ukraine dürften allein für Deutschland schnell siebenstellig werden (ob vorne eine 1,2 oder 3 steht, wird man sehen), und angesichts der Zerstörung der Ukraine dürfte diese Migration von Dauer und wenig umkehrbar sein.

 

Angesichts eines Zusammenwirkens von 3. und 4. ist zumindest dem Chronisten ungeachtet der hochvolatilen Lage und des schon erreichten hohen Preisniveaus völlig unklar, wieso es hier bei Immobilien in Deutschland zu nachlassender Dynamik kommen soll. Im Gegenteil dürften Preise und Knappheit von Wohnraum für die Politik in Kürze zu einem noch drängenderem Problem werden, als es schon heute der Fall ist. Entspannung ist jedenfalls nicht in Sicht.

 

Sicher ist: Der Problemkomplex Wohnraum/Mieten/Immobilienpreise wird schon sehr bald mit Macht auf die politische Agenda der Bundesrepublik zurückkehren.

 

 

 

OFF TOPIC – TO WHOM IT MAY CONCERN:

 

Focus (8. März): „US-Senator fordert Putin-Attentat: Ist ein Tyrannenmord legitim?“

 

Der US-Senator hat gut reden. Lebt er doch in einem Land, das genau wie China als raumfremder Akteur den Krieg im Osten bequem vom fernen Logenplatz aus ansehen kann. Man sollte ohnehin nicht darauf setzen, dass es raumfremde Mächte sind, welche auf eine schnelle Beendigung eines Krieges drängen, der dem geostrategischen Abstieg der vergreisenden Akteure Eurasiens nochmal echte Dynamik nach unten verleiht.

 

Aber Stimmen wie die des US-Senators nach einem wie auch immer gearteten physischen Ende Vladimir Putins – seien es Forderungen nach einem Militärputsch, Gedankenspiele über Attentate oder Hoffnung auf eine letale Erkrankung – hört und liest man derzeit oft (gestern erst im Heute-Journal von irgendeinem Fachmann).


Solche Phantasien seien jedem gegönnt, und man muss Putin weder „verstehen“ noch mögen, doch gleichwohl muss man prekäre Geo-Lagen wie die vorliegende auch als das betrachten, was sie sind: als Geo-Lagen nämlich. Und nicht als eine Talkshow im ZDF.


Haben sich all jene, die Attentate oder einen Militärputsch in Russland fordern oder wünschen, mal gefragt, was danach kommen soll? Wie es nach Putin weiterginge im VielVölker-VielReligionen-VielAtomwaffen-VielKonflikt-VielProblem-Staat Russland? Ist ihnen klar, dass ein Land wie Russland in seiner jetzigen katastrophalen diplomatischen, militärischen und ökonomischen Stress-Situation – ständig taumelnd in der Grauzone zwischen Rationalität und Irrationalität – bei Führerlosigkeit schnell im totalen Bürgerkrieg versinken kann? Sich schnell Syrifizieren oder Balkanisieren kann?

 

Den Älteren sind noch die brutalen jugoslawischen Teilungskriege aus den frühen 90ern präsent. Ein Bürgerkrieg im 145-Mio.-Atom-Staat-Russland infolge eines verlorenen Ukraine-Krieges oder eines halbgaren Militärputsches wäre ein Jugoslawien hoch 10, plus wild zirkulierender Atomwaffen – ein Szenario, dass zu den schlimmsten Albträumen gehört, die man sich in Ost-, Mittel- und West-Europa überhaupt vorstellen kann und angesichts dessen sogar die jetzige schreckliche Lage sich moderat ausmacht. Ein Zerfall Russlands einschließlich herrenloser Massenvernichtungswaffen würde für ganz Europa Destruktionspotentiale freisetzen, die ohne weiteres das Zeug hätten, die Katastrophe des II. Weltkrieges in den Schatten zu stellen.

 

Jeder sollte wissen: „Stabilität“ als Terminus der Geostrategie ist keine hohle Phrase der Politiker, sondern essentiell für Frieden und Freiheit in einem politischen Großraum – zumindest für alle nicht-raumfremden Akteure. Wer sich Putin wegwünscht, der kann das tun. Es sei ihm aber geraten, eine gute Idee für die Zeit danach zu haben – will er nicht riskieren, dass dieser ganze Kontinent von Scapa Flow bis Heraklion und Riga bis Madeira im nuklearen Chaos versinkt.

 

 

 

FAZ (10. März): „Das 100-Milliarden-Euro-Risiko der Bundeswehr.“

 

Zwei Gastautoren rechnen in der Frankfurter vor: Die Regierung Scholz erhöht den Wehretat (den berühmten „Einzelplan 14“ im deutschen Haushalt) auf zwei Prozent des BIP, dabei der Extratopf von 100 Mrd. Euro für Rüstungsprojekte; projiziert auf eine Dekade, geht es um rund 770 Mrd. Euro – die bei unklugem Vorgehen auch verbrannt werden könnten, so die Warnungen.

 

Die Fachleute weisen auf viele Stolperfallen hin, die den Deutschen bei dem Versuch im Weg sein könnten, ihre Armee mit diesen gigantischen Mitteln zu modernisieren – denn dies ist auch mit Geld alles andere als eine triviale Aufgabe.

 

Kassandra stellt in diesem Zusammenhang infrage, ob das Problem unserer Armee wirklich Geldmangel heißt. Zur Erinnerung: Die deutsche Bundeswehr verfügt (2020) über nicht weniger als den siebtgrößten Vereidigungsetat der Welt und den drittgrößten der NATO!

 

Mit dem drittgrößten Verteidigungsbudget der NATO eine Armee in so einen erbärmlichen Zustand zu versetzen wie die Bundeswehr – das muss man erstmal schaffen. Nein, nicht Geldmangel ist das Problem der Bundeswehr, sondern jahrelanges Missmanagement – und wie so oft stinkt auch hier der Fisch vom Kopfe her.

 

Und wer die deutsche Governance des frühen 21. Jahrhunderts kennt, der weiß, was in Deutschland mit dem vielen zusätzlichen Geld passieren dürfte: Als erstes werden ein paar tausend Beamtenstellen geschaffen, deren Inhaber dann prüfen, wie man noch mehr Beamtenstellen schaffen kann.

 

Am Ende hat Deutschland dann nicht sechs U-Boote, die nicht einsatzfähig sind. Sondern zwölf.

Kassandra bei der Arbeit.



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