ADRs auf russische Aktien:

Was geht bei Gazprom?

von Pascal Bazzazi, Köln; Berlin, 6. September 2022

Und was nicht? Die Größenordnungen mögen überschaubar sein, doch dürfte ein großer Teil der diversifiziert investierenden deutschen Pensionsinvestoren auch Wertpapiere auf russische Unternehmen in ihren Portfolios halten – die derzeit und auf absehbare Zeit nicht handelbar sind. Abschreiben ist eine Möglichkeit. Im Sinne der Berechtigten andere Optionen prüfen das andere. Hierüber spricht LEITERbAV mit einem Broker, der sich der Sache widmet.

 

Gas, Nordstream-2, Umlagen: Die Energiekrise ist derzeit in aller Munde. Nun hat Gazprom trotz – manche meinen: wegen – der gegen Russland verhängten Sanktionen eine Rekordgewinn vermeldet und eine Sonderdividende angekündigt. Wie bitte? Gazprom? Der Chronist erinnert sich dunkel – ja, da war doch was. Richtig, er hat ja noch einen Haufen Gazprom-ADRs in seinem Depot bei der ING-Diba, einst gekauft in besseren Zeiten, nun praktisch ausgebucht und vor sich hinvegetierend im Schatten des elenden Krieges – nur noch dem Zweck dienend, eines Tages eine steuerliche Verlustbescheinigung hervorzubringen.

 

Und nun also ein Rekordgewinn bei Gazprom, an dem ihm eigentlich sein Anteil zusteht – wovon angesichts des Krieges und der Sanktionen keine Rede sein kann. Gleichwohl Grund genug, sich mit dem Thema zu beschäftigen, kann es doch durchaus sein, dass in der LbAV-Leserschaft der ein oder die andere Gazprom ADRs im Depot hat – sei es privat, sei es institutionell. Schließlich war der Versorger-Gigant einst ein wahres, dividendenstarkes Real Asset-Liebling bei West-Investoren.

 

Sicher, der schreckliche Krieg und das Leid der Menschen sind das eine, und das ist nicht wegzudiskutieren. Das andere ist, dass alle institutionellen Pensionsinvestoren stets und immer ihre Portfolios im Sinne der Renten ihrer Berechtigten managen müssen (und was den Institutionellen recht ist, darf den Privaten billig sein). Hier tritt hinzu, dass offenkundig ist, wer davon profitiert, wenn die westlichen Anleger ihre Rechte aus dem Eigentum an russischen Unternehmen nicht wahrnehmen.

 

Was tun also? Nun, es gibt einen Broker namens Freedom Finance, der es sich neben seinem Broker-Alltags-Geschäft auf die Fahnen geschrieben hat, für West-Investoren russische ADRs in Aktien zu tauschen – so auch die von Gazprom. Stellen wir diesem ein paar Fragen, genaugenommen an Mikhail Petrov, Senior Investment Consultant der Freedom Finance Germany GmbH mit Sitz in Berlin.

 

Mikhail Petrov, wer ist Freedom Finance? Da die meisten in der Leserschaft Ihr Haus nicht kennen dürften, ein paar Daten und Fakten hierzu bitte. Und natürlich wichtig für Institutionelle: Welcher Aufsichtsbehörde unterliegen Sie?

 

Mikhail Petrov, Freedom Finance.

Wir sind eine internationale Holding mit Sitz in den USA und mit NASDAQ-Listing (Freedom Holding Corp. FRHC), ursprünglich 2008 in Kasachstan gegründet und seinerzeit auf die damaligen GUS-Staaten fokussiert. 2018 erfolgte dann das Listing an der NASDAQ. Wir haben unseren europäischen Sitz – die Freedom Finance Europe Ltd – in Zypern und verfügen über Office in Berlin nach § 73 WPIG. Entsprechend werden wir von der SEC und der zypriotischen CySec beaufsichtigt. Wir unterliegen MiFID II.

Am Rande: Wir befinden uns gerade in einem Re-Banding und werden künftig unter „Freedom Broker“ auftreten.

 

Inwiefern sind Sie derzeit auf den Umgang mit ADRs auf russische Aktien spezialisiert?

 

Wir sind ein klassischer Broker und bieten direkten Zugang zu den Börsen weltweit. ADR-Umwandlung ist nicht unser Kerngeschäft, aber wir helfen den Kunden, die ADRs in lokale Aktien umzutauschen. Wir habenebenfalls den direkten Zugang zu der Moskauer Börse, der momentan wegen Sanktionen geblockt ist. Wir hoffen auf baldige Entsperrung.

 

Warum können Sie das – und andere nicht?

 

Wir verfügen, nach wie vor, über ein „Schließfach” bei der russischen Verwahrstelle NSD, deswegen können wir die besagten Konvertierungen durchführen und anschließend die umgetauschten Aktien bei uns verwahren. Diese sind dann ebenfalls derzeit „eingefroren”, bis es eine positive Entwicklung im Kontext der Sanktionen gibt. Aber man hat dann die Aktien im Depot – und keine ADRs.

 

Wie ist derzeit die Lage bei Gazprom-ADRs?

 

Die Lage kann man durchaus als „prekär“ bezeichnen, da die hiesigen Investoren im Regen stehen gelassen wurden. Die Akteure, ohne jetzt Namen zu nennen, weigerten sich des Öfteren, die ADRs im Rahmen der „normalen“ Depotüberträge zu übertragen, damit die Hinterlegungsscheine umgewandelt werden könnten. Es herrschte Verwirrung und, allzuoft, Stille. Die Rahmenbedingungen änderten sich nahezu stündlich, und viele der Kontrahenten wählten, leider, die „Vogel-Strauß-Politik”, sprich: Sie steckten Kopf im Sand und waren nicht kooperativ.

 

Westliche Anleger könnten also – eigentlich – über Freedom Finance ihre ADRs in Aktien tauschen?

 

Aktuell würde ich sagen, dass die westlichen Anleger es KONNTEN. Denn mittlerweile geht es ja fast nicht mehr – aufgrund der restriktiven Politik seitens der Clearstream-Verwahrstelle, die alle Bewegungen der ADRs seit kurzem blockiert. Andere Verwahrstellen wie Euroclear transferieren dagegen weiter. Wir hoffen, nach dem 8. September mehr Informationen von Clearstream zu bekommen. Am 7. September, also morgen, endet die automatische Konvertierung, die Russland bei russischen ADR-Holdern unternimmt. Wir hoffen, dass dann der Transfer bei Clearstream weitergeht. Eine Bestätigung haben wir aber noch nicht.

 

Okay, dann frage ich jetzt nicht, wie so ein Tausch abläuft, sondern wie er ablief und ggf. wieder ablaufen wird.

 

Man führte eine Depotübertragung zu Freedom Finance durch (nachdem man ein Depot eröffnet hat, falls man noch keines hatte), überwies das Geld für die Kostendeckung, die ADRs wurden umgetauscht und die lokalen Aktien sind dann in der NSD gelandet zur anschließenden Verwahrung.

 

Warum funktionierte ein Tausch überhaupt, obwohl es doch sehr früh nach Kriegsbeginn schon Sanktionen gegen Russland gab?

 

Nachdem die Sanktionen verschärft worden sind, funktionierte der Tausch ab Mitte Juni nicht mehr, bis dann der russische Verwahrer NSD erklärt hatte, dass er ab dem 18. Juli keinerlei Gebühren für den Umtausch erhebt, also keinen Profit daraus zieht. Damit wurden die Konvertierungen nicht mehr von den Sanktionen erfasst. Diese Gebührenfreiheit erklärte die NSD seinerzeit erst für die Dauer von zwei Wochen, hat aber diese Frist mittlerweile bis auf den 14. Oktober ausgedehnt. Mögliche weitere Verlängerungen sind völlig unklar.

 

Also am besten bis 14 Oktober handeln?

 

Eigentlich ja, aber es gibt derzeit besagte Hürden.

 

Also hakt es derzeit bei Clearstream, richtig?

 

Ja, definitiv. Bei manchen Kontrahenten lag das Problem in der technischen/logistischen Umsetzung des Lagerstellenwechsels. Man kann nur hoffen, dass das „Einfrieren” der Überträge seitens Clearstream aufgehoben wird.

 

Begründet Clearstream denn die plötzliche Verweigerung der Übertragungen?

 

Clearstream begründet seine Blockade damit, dass Russland ADRs auch ohne Zustimmung der europäischen Verwahrer konvertiert. Daher ja auch die Hoffnung, dass morgen wieder etwas Bewegung in die Sache kommt.

 

Anm. d. Red: Dazu mehr auf der Seite von Clearstream.

 

Kann die Politik helfen?

 

Ich bin mir sicher, dass die Entscheidungen politisch motiviert sind. Die Sanktionen treffen da die Falschen, nämlich die westlichen Anleger, das ist doch nicht Sinn und Zweck der Sanktionen gegen Russland.

 

Teil der Wahrheit ist, dass es weniger die russische als vielmehr westliche Regulierungen sind, welche westliche Anleger daran hindern, an ihr Geld zu kommen? Die Sanktionen schaden zumindest hier weniger dem Angreifer, sondern vielmehr den Einwohnern der westlichen Staaten, die eben diese Sanktionen verhängt haben, um den Angreifer zu treffen?

 

Mein Eindruck ist, dass die russische Seite hier stets bemüht ist, eine Lösung zu finden bzw. anzubieten, wie ja auch bei dem erwähnten Verzicht auf Gebühren durch die NSD. Die Schranken werden seitens der EU aufgestellt, und rein subjektiv empfinde ich es auch so, dass manche Banken bzw. Broker von Anfang an nicht zu kooperieren gewillt waren.

 

Gazprom hat nun just eine Sonderdividende angekündigt. Wie kommen die Aktionäre an diese?

 

Die möglichen Dividenden werden gesondert verwahrt, bis auf Weiteres. Einen Zugriff darauf hat man derzeit wegen der Sanktionen aber nicht.

 

Das gilt also für die, die schon ihre Aktien getauscht haben. Und die, die immer noch nur ihre ADRs haben?

 

Hier kann ich leider keine verbindliche Aussage machen. Die Situation ist unklar. Möglicherweise benötigt man sogar ein Konto in Russland, das auf Rubel lautet. Jedenfalls können wegen der Sanktionen keine Zahlungen nach Europa erfolgen.

 

Welche Größenordnungen können Sie zu der ADR-Problematik nennen?

 

Keine genaue, sondern wir können nur sehr grob schätzen, da wir nur einen Ausschnitt des Marktes sehen. Sicher sind mehrere Tausend deutsche Anleger betroffen, und es geht um Assets im Wert von Hunderten von Millionen Euro, eher Milliarden. Es geht ja keinesfalls nur um Gazprom.

 

Haben Sie auch ADR-Mandate von institutionellen Investoren erhalten?

 

Selbstverständlich. Aber dafür bitte direkt an mich als Zuständigen wenden, denn wir sind kein ganz kleines Haus, sondern haben über 2.000 Mitarbeiter weltweit in allen Bereichen:

mikhail.petrov@freedom24.com

 

Was passiert, wenn ein Anleger nun gar nichts tut oder gar nichts tun kann?

 

Hier gibt es bis dato auch keine klare Perspektive, die Einschätzungen reichen von „Enteignung“ über „Zwangsumtausch” bis zu „Spot(t)preis Zwangsverkauf”, wenn die ADRs auslaufen.

 

Zum Schluss: Sie sagen uns sofort Bescheid, wenn der Tausch via Clearstream wieder möglich ist, ja?

 

Natürlich!

 

Anm. d.Red.: LEITERbAV wird auf LbAVDynamics über neue Entwicklungen berichten.

 



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