Nachbericht – 15. Villa Mumm Konferenz:

Von seltenen Tieren, goldenen 20ern, ökonomischem Long Covid …

von Holger Schwarze, Kronberg, 1. Oktober 2021

und einer Zahl: 9. September, Kronberg im Taunus; 15. Villa Mumm Konferenz von Fidelity International. Die digitale bAV- und Investment-Konferenz für Arbeitgeber, Investoren und Pensions-Experten – mit Vorträgen zur Volkswirtschaft, zur Kapitalanlage und zu konkreten Praxisberichten aus der bAV dabei. Holger Schwarze dokumentiert für LEITERbAV einige der Kernaussagen.

 

 

Ein Appell

 

Ferdinand Alexander Leisten, Fidelity International.

Wie jedes Jahr eröffnet Ferdinand-Alexander Leisten, Deutschlandchef von Fidelity International, die Konferenz und richtete einen Appell an die Politik und an alle, die in Zukunft Verantwortung für unser Land tragen. Drei Aspekte sind ihm besonders wichtig:

 

  1. Aktien- und fondsbasierte Vorsorge sollte das Mittel der Wahl sein und in Zukunft mehr steuerlich begünstigt werden.

  2. Die Menschen sollten Instrumente an die Hand bekommen, die einen genauen Blick auf die finanzielle Situation erlauben, in der sie sich beim Eintritt in die Rente befinden.

  3. Financial Education“ also die finanzielle Bildung, insb. auch der jungen Generation muss eine deutlich größere Rolle spielen, es fehlen in der Bevölkerung Kenntnisse zu den Themen Finanzen und (vor allem auch) Altersvorsorge.

 

Die „goldenen 20er“? Oder doch „ökonomisches Long Covid“?

 

Prof. Jens Südekum, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.

Wie präsentiert sich aktuell und in der Zukunft die deutsche und internationale Wirtschaft, nicht zuletzt im Zuge der Pandemie-Eindämmung? Dies beantwortet Jens Südekum, Professor für Internationale Volkswirtschaftslehre an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des BMWi, mit zwei Grundhypothesen:

 

1. die optimistische These des Anbrechens der „goldenen 20er Jahre“

 

oder

 

2. die pessimistische These des „ökonomischen Long Covid“.

 

Seiner Meinung nach wird beides in einer bestimmten Form miteinander einhergehen, aber im Großen und Ganzen ist er davon überzeugt, dass eher die „goldenen 20er“ anbrechen werden.

 

Diese Einschätzung begründet der Hochschullehrer mit einer genauen Analyse der aktuellen Daten und Fakten. Dabei stehen beim BIP, bei Investitionen, aber auch beim Arbeitsmarkt die Zeichen auf Erholung – und es sind keine Zeichen der Überhitzung zu erkennen. Auch bei der Inflation ist Südekum – entgegen häufig zu hörenden Meinungen – entspannt, wenn man denn eine etwas längere Perspektive einnimmt.

 

Gute Prognosen also. An Leistens Forderungen an die Politik möchte Südekum sich anschließen, vor allem betreffend die Vorsorge: „Enteignet“ werden ja schließlich nur die Sparer, die auf die vermeintlich sicheren, defensiven Sparanlagen setzen. Damit wird man aber insb. bei der Altersvorsorge nicht weit kommen, und so appelliert auch er an die Verbreitung des aktien- und fondsbasierten Sparens. Zugewinne durch Aktieninvestments müssen für alle das Ziel sein.

 

Nachhaltigkeit ist ein Muss – auch in der bAV

 

 

Richard Edgar, Editor in Chief bei Fidelity, besprach die aktuellen Themen zum Thema Nachhaltigkeit in Investments – zwar aus der Innensicht von Fidelity International, aber doch auch als Journalist, der er ist.

 

In den Zeitungen finden sich nach wie vor skeptische und negative Headlines, die den positiven Effekt von ESG-Fonds anzweifeln. Und warum müssen Unternehmen überhaupt dafür sorgen, dass sie die Welt retten? Sie haben doch im Wesentlichen die Aufgabe, Rendite zu erwirtschaften und ökonomisch effizient zu sein?

 

Edgar bringt es auf den Punkt: Nachhaltigkeit in den Investments geht nicht zu Lasten einer gewinnbringenden Rendite. Aber vor allem: Wir alle haben die Bilder der letzten Flut im Kopf und alle anderen Auswirkungen des Klimawandels. Das allein sollte reichen, um sich mit Nachhaltigkeit zu beschäftigen – auch beim Investieren.

 

Und genau das tun mittlerweile auch die Unternehmen: Eine Analystenumfrage von Fidelity zeigt, dass noch 2017 nur 13% der Unternehmen sich mit ESG Investing beschäftigten, während 2020 der Wert bereits auf über 40% gestiegen ist. Zudem: In einer aktuellen Sales Force Analyse ist deutlich zu erkennen, dass Kunden-Meetings zum Thema „Nachhaltiges Investieren“ kontinuierlich ansteigen.

 

Und dass es sich lohnt, zeigt Edgar anhand eines Beispiels von YTO – einer großen Logistikfirma in Asien: Fidelity-Recherchen, so Edgar, ergaben, dass YTO deutlich weiter in Bezug auf Nachhaltigkeit als Unternehmen ist, als sie es selbst bisher kommuniziert haben.

 

Edgars Fazit: ESG hat sich vom „nice-to-have“ zum „must-have“ entwickelt und wird in Zukunft nicht mehr wegzudenken sein.

 

Status des pan-europäischen Pensions-Vehikel

 

Pan-europäische Pensions-Vehikel werden schon lange besprochen, doch zumeist werden sie wie ein seltenes Tier nicht wirklich wahrgenommen. Sind sie also eher Mythos oder Realität? Ken Gulick, Commercial Director Pan European Pensions bei Fidelity, gibt eine klare Antwort darauf: Ja, es gibt sie – tatsächlich. Aktuell existieren etwa 85 aktive Pläne, die meisten davon aus UK, Irland und den Niederlanden. Doch die Anzahl wächst kontinuierlich

 

Eine Barriere für die Umsetzung ist die hohe Komplexität. Zumeist liegen zudem die Vorteile auf dem übergeordneten regionalen Level, so dass sich die Vorteile für die einzelnen Länder nicht sofort erkennen lassen. Dennoch können Synergien gehoben werden, und eine Harmonisierung der lokalen Pläne ist möglich.

 

Betrachtet man die jüngste Entwicklung, so kann man mittel- und langfristig von einem starken Wachstum in diesem Bereich ausgehen. Gulick erklärt die Struktur der pan-europäischen Pläne und führte auf, dass zwar die Gründe für die Einführung eines pan-europäischen Plans von Land zu Land verschieden sind, aber zumeist folgende anzutreffen sind:

 

  • Effektivität von Oversight & Risk Management

  • Niedrigere Administrationskosten für die Berechtigten

  • Besseres Angebot für die Berechtigten

  • Vereinfachtes Vendor- und Plan Management

  • Konsistenz über die Länder hinweg

  • Einfachere Portabilität der Pläne für Berechtigte in andere Länder

 

Finanzielle Ausbildung ist essenziell wichtig

 

Juri Galkin und Lorenzo Wienecke, Zukunftstag.

Der Frage „Wie begeistert man junge Menschen für Finanzen und Altersvorsorge?“ stellten sich Lorenzo Wienecke und Juri Galkin, Gründer des „Zukunftstags“ und Vorstand der Initiative für wirtschaftliche Jugendbildung, schon in ihrer eigenen Schulzeit.

 

Ein Tweet brachte die beiden Gründer auf die Idee, Experten in die Schulen zu bringen, um den jungen Menschen Know-how zu vermitteln, wie Börse, Altersvorsorge & Co funktionieren. Der Zukunftstag ist zu einem großen Erfolg gewachsen, die beiden Unternehmer können sich kaum vor Anfragen retten.

 

Ihre Kernaussagen: 80% aller Schüler mangelt es an wirtschaftlichen Lerninhalten. 83% fühlen sich unsicher beim Abschluss einer Altersvorsorge, und dass bei einer viel zu geringen Aktienquote (exakt der Zustand, den die beiden ehemaligen Schülersprecher nicht akzeptieren konnten, so und gründeten sie den „Zukunftstag“). Jeder Schüler, der teilnimmt, durchläuft einen Crashkurs mit vier Modulen und lernt etwas über Steuern, Krankenkasse, Finanzen/ Altersvorsorge, Miete/ Immobilien.

 

Bei der Altersvorsorge werden dabei fünf Themen in den Vordergrund gerückt: 1. Das Problem mit der gesetzlichen Rente, 2. Zeit zählt, 3. Chancen von Aktien und Fonds, 4. Vorurteile auflösen und 5. Spekulation vs. Investition.

 

Mittlerweile gibt es den Zukunftstag in allen Bundesländern. Abschließend ein genereller Appell der beiden Sprecher– „Die Politik, die Anbieter, die Unternehmen – wir alle sind in der Verantwortung“.

 

Ein Rentencockpit für einen guten Überblick

 

Prof. Andreas Hackethal, Goethe-Universität Frankfurt.

Eine digitale Ruhestandsplanung kann endlich einen Durchblick bei der Rente geben – mit dem Rentencockpit. Das sagt Andreas Hackethal, Professor für Finanzen am House of Finance, Goethe-Universität Frankfurt am Main, und hat sich dem Problem der Rententransparenz gewidmet. 1.000 Leserinnen und Leser der Zeitschrift Brigitte testen aktuell das von ihm entwickelte, digitale Tool, das zum großen Teil öffentlich finanziert, non-profit und damit neutral ist, wie der Referent betont.

 

Hackethal erläutert, inwieweit das Rentencockpit weiter gehe als das Tool der Zentralstelle für digitale Rentenübersicht (ZfDR): Deutlich mehr Funktionalitäten helfen einen besseren Durchblick zu bekommen, so der Referent. Eine direkte Schnittstelle zur Rentenversicherung Bund gibt es aktuell leider noch nicht, aber die Renteninformation kann der Nutzer direkt ins System hochladen; genauso wie eine Vielzahl anderer Vorsorgelösungen. Auch das Teilen des Rentencockpits mit einem weiteren User – zum Beispiel dem Lebenspartner – ist möglich, so dass man ein umfassendes Bild des gesamten Haushalts erhalten kann. Zudem können Immobilieninformationen eingegeben werden.

 

Ziel, so Hackethal abschließend, ist es, den Überblick für die Rente dramatisch zu vereinfachen, nämlich auf eine Zahl: das monatliche Renteneinkommen bei Renteneintritt.

 

Die 16. Villa Mumm Konferenz findet im Herbst 2022 statt.

 

Der Autor ist Head of Workplace Investing Marketing von Fidelity International.

 

Von ihm beziehungsweise Fidelity International sind zwischenzeitlich bereits auf LEITERbAVerschienen:

 

 

„… und neuer Schwung für die drei Akteure“, 25. Juli 2017

 

Von Strahlkraft, Verantwortung Mitleid und mehr…“, 21. Oktober 2019

 

Der Weg zum Ruhestand, 4. November 2019

 

Von 0 auf 150? Sechs Regionen auf dem Prüfstand, 28. Juli 2020

 

Pandemie verstärkt ESG-Fokus – bei Unternehmen und Anlegern, 8. April 2021

 

An einer Rentenreform führt kein Weg vorbei, 28. Juli 2021

 

15. Villa Mumm Konferenz am 9. September online aus Kronberg, 26. August 2021

 

Nachbericht – 15. Villa Mumm Konferenz:

Von seltenen Tieren, goldenen 20ern, ökonomischem Long Covid …, 1. Oktober 2021



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