Roundtable Politische Risiken:

Und wenn morgen die Welt unterginge…

von Pascal Bazzazi, Bonn; Berlin, 6. Juli 2018

Vielfalt und Anzahl der geo- und geldpolitischen Risiken, denen sich heute Pensionsinvestoren ausgesetzt sehen, scheinen groß wie lange nicht. Oder hat es diese Art von Herausforderungen für institutionelle Anleger schon immer gegeben, nur werden sie derzeit intensiver wahrgenommen? An der bloßen Existenz vieler politischer Risiken kann es dagegen kaum einen Zweifel geben. Was tun also? Kann man überhaupt etwas tun? Sind Risiken vielleicht immer auch Chancen? Und wie ist die Perspektive? Diese breite Gemengelage diskutierte Pascal Bazzazi im Bonner Post Tower mit Monika Ritter, Olaf John, Dennis Hänsel, Nader Purschaker, Stefan Nellshen und Benedikt Köster.

 

Guten Morgen Frau Ritter, die Herren – die Welt ist schlecht! Ich zähle nur beispielhaft auf: Brexit-Verlauf weiter unklar, Donald Trump geo-, industrie- und handelspolitisch ständig agiler, man könnte auch sagen: aggressiver. Dann die Italienwahl mit weiter unklaren Folgen – und an internationalen Krisenherden herrscht ohnehin kein Mangel. Täusche ich mich, oder nehmen Kadenz sowie anhaltende Wirkung der politischen Risiken eher zu als ab?

 

Nellshen: Nun, wir kommen aus einer jüngeren Vergangenheit, die möglicherweise etwas einfacher war. In der zweiten Hälfte der 90er Jahre, bis zu den Anschlägen von New York am 11. September 2001, haben sehr stark wirtschafts- und innenpolitische Themen die Landschaft dominiert. Und nun wird uns wieder bewusst, dass auch die internationale Politik die Welt um uns und damit auch das Rahmenumfeld der Kapitalanlage massiv beeinflussen kann. Aber war das in den 70er und 80er Jahren, im Kalten Krieg, denn anders? Deshalb glaube ich nicht, dass wir generell in einer besonders schwierigen Zeit leben. Ich glaube vielmehr, dass eben außen- und geopolitische Risiken, die man zeitweise überwunden geglaubt hatte, zurückgekehrt sind – und deshalb auch wieder entsprechend Beachtung von uns erfordern.

 

Purschaker: Ebenso ist es wichtig, zwischen lokalen und globalen Risiken zu unterscheiden. Der Brexit und die italienischen Wahlen sind für die entsprechenden Länder äußerst relevant – die getroffenen Entscheidungen könnten sich erheblich auf den Lebensstandard in diesen Ländern und damit auf konkrete Vermögenswerte auswirken. Jedoch ist es sehr unwahrscheinlich, dass diese Ereignisse einen großen Einfluss auf die Aktivitäten und Vermögenswerte auf einem globalen Niveau haben.

 

Wir waren in der Dekade vor dem 11. September in einer Wohlfühlzone und kassierten die Bonusprämie nach Ende des Kalten Krieges? Und jetzt kehren wir zur Normalität zurück?

 

Nellshen: So würde ich das in Bezug auf außenpolitische Risiken in etwa sehen, ja.

 

Hänsel: Die Volatilitäten der letzten Jahre im MSCI World waren die niedrigsten, die wir je hatten. Die einzigen Unsicherheiten, die entstanden sind, waren tatsächlich durch geopolitische und geldpolitische Risiken getrieben. Vielleicht wird durch diese mediale Aufmerksamkeit auch die Wahrnehmung verstärkt. Auch in den 90er Jahren hatten wir zuweilen höhere Volatilitäten. Diese standen jedoch nicht unmittelbar stichtagsbezogen mit einzelnen politischen Events im Zusammenhang. Im derzeitigen Marktumfeld mit einem hohen Anteil an chancenreichen Anlagen und geringen Diversifikationseffekten durch Staatsanleihen sind die Auswirkungen von höheren Volatilitäten auf die Portfolios unserer Investoren höher als in den Jahren zuvor.

 

Ritter: Verkürzt man den Blickwinkel etwas, dann denke ich, dass in diesem Jahr die Volatilität an den Märkten zugenommen hat. Dass dies auch mit der Politik zu tun hat, belegen die Kurs- und Wechselkursschwankungen, die auf jüngst in Davos gemachte Statements folgten, die dann zu erheblicher Bewegung an den Devisenmärkten geführt haben. Und trotz des Konjunkturoptimismus gehen wir davon aus, dass es in diesem Jahr auch erhebliche Volatilitäten geben wird, wie zum Beispiel eben bei den Währungen oder auch infolge steigender Inflation. Wir sehen auch Gefahren bei einer Beschränkung des Welthandels. Um zu sehen, dass dies erhebliche Folgen haben kann, genügt ein Blick auf die zentrale Rolle der Handelsbeschränkungen bei Ausbruch der Weltwirtschaftskrise Ende der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Damals wurde 1929 im Repräsentantenhaus der Smoot Hawley Tariff Act beschlossen, mit dem neue Zölle erhoben wurden. Der Welthandel brach ein, und nicht zuletzt dadurch entstand dann die Weltwirtschaftskrise.

 

Nellshen: Ja, der Welthandel ist damals fast zum Erliegen gekommen.

 

Ritter: Insofern darf man das Risiko einer Einschränkung des Welthandels und mögliche negative Folgen für das Weltwirtschaftswachstum nicht unterschätzen.

 

Köster: Auch früher hat es immer wieder Krisen unterschiedlichster Natur gegeben, in großer Zahl und schneller Folge: in den 80er Jahren atomares Patt, kalter Krieg, NATO-Doppelbeschluss und Friedensbewegung. Heute sind wir mit Staatsschuldenkrisen konfrontiert, die manchen Ländern immer noch stark zu schaffen machen und deren Lösungen sehr komplex und schwer zu durchschauen sind. Daher haben einige Menschen das Gefühl von Ungewissheit.

 

John: Hinzugesellt hat sich derzeit möglicherweise ein Trend zu politischen Zentrifugalkräften. Sehen Sie die Entwicklungen in Großbritannien, in Italien, in Spanien und Katalonien. Und nun kommen die von Monika Ritter schon erwähnten möglichen Handelskriege zwischen den großen Wirtschaftsblöcken hinzu. Dies gepaart mit einer in ihren Dimensionen in der Tat neuen Geld- und Staatsschuldenpolitik könnte meines Erachtens durchaus beizeiten in eine Vertrauenskrise münden, die sich dann letztlich vielleicht ähnlich entwickeln könnte, wie wir das 1981 gesehen haben. Damals sind innerhalb weniger Tage die Aktien um 20 Prozent gefallen, die Spreads gestiegen, und der französische Franc musste in den folgenden Monaten 20 Prozent abwerten.

 

Beginnen wir mit den schweren Fällen: Wie sieht es mit politischen Risiken aus, die nicht direkt auf der ökonomischen, sondern auf der sicherheits- und militärpolitischen Ebene liegen und damit nur mittelbare, dafür gegebenenfalls aber umso größere wirtschaftliche Folgen haben? Da wären beispielsweise der vermutlich nicht endgültig beigelegte Atomkonflikt zwischen Nordkorea und den USA, dann Russland versus Ukraine samt Konflikt mit der NATO, der syrische Bürgerkrieg mit seinen zahlreichen Akteuren, der überhaupt kontinuierlich instabile Nahe Osten et cetera. Kann man solche Konflikte und ihre im Prinzip völlig unkontrollierbaren Folgen überhaupt in seine Überlegungen als Pensionsinvestor einfließen lassen? Beispielsweise indem man bestimmte Regionen untergewichtet?

 

 

Anfang Juni ist die fünfte Print-Sonderausgabe bAV der dpn in Kooperation mit LEITERbAV erschienen, aus der dieser Beitrag stammt. Der gesamte Beitrag findet sich als pdf zum Download hier (Ausdruck tonerintensiv):







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