WTW-DAX-Pensionswerke 2020:

Stabil trotz Zinsdruck und Corona

von Pascal Bazzazi, Berlin, 26. März 2021

Der DAX ist 2020 ordentlich durchgeschüttelt worden, das betrifft nicht nur seine eigene Performance, sondern auch seine Zusammensetzung. Doch im Verhältnis zu diesen Turbulenzen zeigen sich die Versorgungswerke seiner 30 Großkonzerne reichlich wetterfest.

 

 

Die Pensionsverpflichtungen der heutigen DAX-Konzerne sind 2020 um 1,8 Prozent auf 409 Mrd. Euro gesunken (2019: 416 Mrd. Euro).

 

Auch die Pensionsvermögen liegen niedriger als im Vorjahr: Sie sanken um 3,9 Prozent auf 266 Mrd. Euro (2019: 277 Mrd. Euro).

 

Dies ist im Wesentlichen darauf zurückzuführen, dass Lufthansa und Wirecard (v.a. erstere mit hohen DBO und Plan Assets) den DAX verlassen haben, während Deutsche Wohnen (115 Mio. Euro DBO, 8 Mio. Euro Plan Assets) und Delivery Hero (6 Mio. Euro DBO, 0 Euro Plan Assets) mit hier geringeren Werten nachrückten.

 

Hierdurch wurden Effekte, die aus den Rahmenbedingungen an den Kapitalmärkten beeinflusst wurden, überkompensiert: Der noch weiter gesunkene Rechnungszins (0,8%; minus 31 BP) ließ den Umfang der DBO weiter ansteigen, während gute Erträge (+3,8%) die Pensionsvermögen vergrößerten.

 

Der spezifische Ausfinanzierungsgrad blieb dennoch nahezu stabil. Er sank 2020 im Vergleich zum Vorjahr um einen Prozentpunkt auf 65 Prozent (wenig überraschend Spitzenreiter mit der Deutschen Bank mit 98% ein Kreditinstitut, traditionell sensibel im Umgang mit EK-Schwankungen). Die Deutsche Telekom, jahrelang zurückhaltend im Funding, erreicht mittlerweile 47%. MTU akkumuliert immerhin eine gute Milliarde Euro DBO, hat sich aber nur für eine minimale Ausfinanzierung mir 28. Mio. Euro entschieden.

 

Zu all diesen Ergebnissen kommt die Studie „DAX-Pensionswerke 2020“ von Willis Towers Watson (die etwas abweicht von der frühen Mercer-Analyse, die bereits Anfang Februar erschienen war, jüngst upgedatet worden ist und die unterjährigen Wechsel im DAX anders berücksichtigt).Quelle: WTW: Grafik zur Volldarstellung anklicken.

 

Angesichts eines von der Corona-Krise deutlich geprägten volatilen Aktienjahres sowie des verschärften Zinsdrucks hätte man durchaus einen stärkeren Rückgang des Ausfinanzierungsgrads erwarten können“, sagt Heinke Conrads, „tatsächlich wurden die Pensionswerke aber sehr stabil gemanagt“.Quelle: WTW: Grafik zur Volldarstellung anklicken.

 

Dies bestätige den Erfahrungswert, dass viele große Unternehmen ihre Pensionswerke wetterfest aufgestellt haben und klug managen, so dass sie auch bei schwierigeren externen Rahmenbedingungen stabil laufen, so die Leiterin Retirement Deutschland und Österreich bei Willis Towers Watson weiter. Dass die Pensionsvermögen 2020 in Summe dennoch niedriger sind als 2019 sei im Wesentlichen auf die Änderungen im Index zurückzuführen.

 

Vola nimmt Einfluss …

 

Nach der Tal- und Bergfahrt an den Aktienmärkten ging 2020 mit leichten Kursgewinnen zu Ende. Dies schlägt sich auch in den Erträgen auf die Pensionsvermögen nieder, die 9,9 Mrd. Euro betrugen. Dies ist weniger als im Vorjahr (30,2 Mrd. Euro), was aber mit Blick auf das gute Aktienjahr 2019, in dem zudem Erträge auf wesentlich höhere Pensionsvermögen erwirtschaftet wurden, nicht erstaune. Tatsächlich konnten die DAX-Unternehmen ihre eigene Renditeerwartung für ihre Pensionsvermögen 2020 (3,4 Mrd. Euro) deutlich übertreffen, erläutert WTW.

 

SAA stabil …

 

Heinke Conrads, WTW.

Die Strategische Asset Allocation insgesamt in den DAX-Planvermögen ist derweil offenbar keinen großartigen Veränderungen unterworfen: Anleihen nur leicht schwächer bei 49%, Aktien bei 19%, Immobilien bei 3%, und stetig zulegend nur „Sonstige“ einschließlich Alternatives und PE bei mittlerweile 29%., so die Studie.

 

Im übrigen haben viele Unternehmen – wie in den Vorjahren – ihre Pensionsvermögen weiter dotiert. So wurden insgesamt rund 7,8 Mrd. Euro (Vorjahr 7,6 Mrd. Euro) zusätzlich für die Pensionszahlungen reserviert, betont der Consultant. Vorneweg: Siemens mit 2,9 Mrd. Euro, gefolgt von VW 0,9 und Daimler mit 0,8 Mrd. Euro.

 

Offenbar konnten die Unternehmen 2020 ihre Pensionsanlagen in Summe gut durch die Kapitalmarktturbulenzen steuern und vom Aufschwung an den Kapitalmärkten profitieren. Dass sie darüber hinaus über Jahre hinweg die spezifische Finanzierungsbasis ihrer bAV freiwillig durch zusätzliche Dotierungen ausbauen, verdeutlicht einmal mehr, welchen Stellenwert die bAV als Instrument zur Mitarbeiterbindung und -gewinnung genießt“, zeigt sich Conrads zufrieden.

 

und Zins fällt weiter

 

Der Rechnungszins fiel von dem letztjährigen Tiefstand weiter. Aktuell setzen die DAX-Unternehmen laut WTW im Median einen Rechnungszins von den erwähnten 0,8%. Das sind 31 BP weniger als 2019 mit 1,11%.

 

Eine Zinswende erwartet man bei WTW angesichts der Politik der Notenbanken vorerst nicht zu. „Kurz zusammengefasst: Auskömmliche Renditen für die bAV lassen sich mit den herkömmlichen Garantiemodellen nicht mehr erzielen. Das Sozialpartnermodell ist eine mögliche Alternative. Zudem erarbeiten Versicherer und Unternehmen neue Modelle, die reduzierte Garantien und damit höhere Renditechancen beinhalten“, spannt Hanne Borst, Leiterin Actuarial Consulting bei Willis Towers Watson, den Bogen zur aktuellen Diskussion.

 

Garantiert niedrig

 

Hanne Borst, WTW.

Allerdings bevorzugen laut WTW zwei Drittel aller Mitarbeiter (66%) Garantien in der bAV gegenüber hohen Ertragschancen. Borst weiter: „Im aktuellen Zinsumfeld lassen sich mit den herkömmlichen Garantiemodellen garantiert nur niedrige Erträge erwirtschaften. Es gilt also, Mitarbeitern das Für und Wider von Garantiemodellen nahezubringen, damit sie gute Entscheidungen für ihre Altersvorsorge treffen können. Hier besteht noch viel Handlungsbedarf.“

 

Immerhin sieht Borst jüngere Mitarbeiter offener für eine neue Balance von Sicherheit und Renditechancen. Von den unter 25-Jährigen, die im Niedrigzinsumfeld großgeworden sind, präferiere nur die Hälfte (51 Prozent) Garantien, während es bei den über 55-Jährigen, die auf eine lange Hochzinsphase zurückblicken, 74 Prozent seien, wie der „Global Benefits Attitudes Survey“ von Willis Towers Watson zeige.

 

Die Studie „DAX-Pensionswerke 2020“ basiert auf den Geschäftsberichten der DAX-Unternehmen, einschließlich der Anhangsangaben zu den Pensionsverpflichtungen sowie weiterer öffentlich zugänglicher Daten. Per 23. März 2021 hatten 27 Indexmitglieder ihre Zahlen für 2020 vorgelegt. Bei Delivery Hero, E.ON und Deutsche Wohnen, deren aktuelle Daten noch nicht veröffentlicht sind, hat WTW die Vorjahreswerte berücksichtigt und hochgerechnet.

 

Das Spannungsverhältnis der zentralen Pensions-Parameter wie DBO, Plan Assets, DBL, OCI, Cashflow, Rentenzahlungen etc. in ihrem Zusammenwirken, das LEITERbAV bereits mehrfach dargelegt hat, ist an sich nicht sonderlich komplex, hat aber ausserhalb der Fachpresse nicht selten bereits zu explosiven Schlagzeilen geführt (s. bsphft. hier und hier). Ob hier Lerneffekte einsetzen, wird man sehen.



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