Sperrfeuer – der Kommentar auf LEITERbAV:

Corona-Kassandra

von Pascal Bazzazi, Berlin, 10. März 2020

Regelmäßig freitags bringt LEITERbAV eine kommentierte Presseschau zur bAV. Doch hier ausnahmsweise am heutigen Dienstag ein kassandrischer Kommentar, da die aktuellen Entwicklungen nicht unbehandelt bleiben dürfen. Heute: Die EZB sollte, muss und wird Aktien kaufen!

 

Die Corona-Krise, assistiert von Ölpreis-Streit, Flüchtlingsfrage und Türkei-Russland-Syrien-Konflikt, schlägt wild um sich. Worauf gilt es nun zu achten, in aller Kürze zu Epidemie, Geolage und dann Geldpolitik und Märkten:

 

– Ausmaß der Corona-Epidemie: Schwer zu sagen. So viele Experten, so viele Meinungen – angesichts der unklaren Gemengelage nachvollziehbar. Blick auf Italien: Den gegenwärtigen Zahlen zufolge liegt die Letalität bei bis zu fünf Prozent. Bei Durchseuchung der europäischen Gesellschaften hieße das hochgerechnet zig Millionen Tote. Hoffnung: Die Zahl der Infizierten in Italien ist um ein Vielfaches höher als die der bestätigten Fälle, da der große Teil der Symptomfreien und Symptomarmen gar nicht getestet wird und insofern die Letalität im grippeüblichen Rahmen bleibt. Wie gesagt: hoffen, dass diese Logik stimmt.

 

Letzte Woche wurde an dieser Stelle gewarnt, dass mit einem denkbaren militärischen Konflikt zwischen Russland und der Türkei weiteres gigantisches Krisenpotential bereit steht. Dem muss nach den jüngsten Entwicklungen hinzugefügt werden, dass nun auch „heiße“ Zusammenstöße zwischen den Sicherheitskräften der beiden NATO-Staaten Türkei und Griechenland im Raum Edirne nicht mehr ausgeschlossen werden können, ggf. angesichts des drückend überlegenen Russlands auch als Übersprungshandlung der emotional gesteuerten Türkei. Erdogan, der aus seiner hier schon vor sechs Jahren analysierten strategischen Sackgasse genausowenig eine Exit-Strategie hat wie die EZB aus QE, gießt jedenfalls soviel Öl ins Feuer, wie er will.

 

– Mit Italien hat die Corona-Krise den wohl zweitlabilsten Staat der Eurozone getroffen. Mal sehen, wann erste Schlagzeilen folgen, die nicht mehr nur mit der Krankheit und deren Eindämmung zu tun haben, sondern mit ordnungs-, geld- und finskalpolitischen Folgen.

 

– Nicht zuletzt Kassandra hat seit ihrer Geburt 2013 Jahr und Tag gepredigt (erst letzte Woche wieder), dass es heute einen wesentlichen Unterschied zu 2007 gibt: Damals hatten die Notenbanken angesichts der noch halbwegs auskömmlichen Leitzinsen die Möglichkeit der echten geldpolitischen Lockerung. Heute nicht mehr! Denn nachdem man ab 2007 eine durch zu billiges Geld entstandene Krise durch noch mehr und noch billigeres Geld bekämpfte (also dem Alkoholiker Schnaps gab), um damit in völliger Hemmungslosigkeit das Ziel zu verfolgen, den Reformbedarf zu verschleiern und damit die Fallhöhe zu steigern, hat die EZB bis heute ihr Pulver schlicht verschossen.

 

– Ebenfalls mit Ansage: Die ganzen durch die katastrophale Politik des billigen Geldes in der Finanzwirtschaft, aber auch in der Realwirtschaft in den vergangenen zwölf Jahren aufgetürmten Fehlallokationen müssen, sollte nun mit Wucht eine neue Wirtschaftskrise einsetzen, irgendwie wieder abgebaut werden. Irgendwann wird eben immer abrechnet. Das könnte Folgen haben nicht zuletzt für die Ausfallraten bei High Yield und EMD.

 

– Kassandra wettet daher, dass bei einer weiteren dynamischen Entwicklung der Baisse an den Aktienmärkten die EZB schon in Kürze Aktien kaufen wird. Sie muss es tun, um in der selbstherbeigedruckten Sackgasse nicht die Stabilität vollends aus den Händen zu verlieren. Mit QE, Liquidität oder weiterem Negativ-Zins, also neuem EZB-Geld allein kann sie jedenfalls außer ein bisschen Bankenrettung nichts mehr bewirken. Das hat die jüngste, üppige Zinssenkung der FED, die sogar noch von höherem Niveau kam, bewiesen, als sie im völligen Nirgendwo verpuffte. Die EZB hat nur noch einen einzigen geldpolitischen Pfeil im Köcher, und den muss und wird Lagarde ziehen, wenn sich die Sache weiter beschleunigt – Aktienkäufe. Sonst bliebe ihr nur Däumchen drehen, und das ist ihre Art nicht so recht.

 

– Und das ist auch wirklich das einzig Positive an der ganzen Sache. Die EZB hat nun die einmalige Gelegenheit, die Versäumnisse der Draghi-Zeit nachzuholen und endlich, endlich, endlich Aktien zu kaufen. Das ist zwar ordnungspolitisch genauso verwerflich, unsozial und schäbig wie QE, jedoch innerhalb dieser verwerflichen Ordnungspolitik die einzige Möglichkeit der EZB, Strukturen zu schaffen, um eines Tages aus der Politik des billigen Geldes wieder eine Exit-Strategie zu haben. Es sei wiederholt: Eine andere Möglichkeit gibt es nicht, und in der jetzigen Krise hat man erstens günstige Kurse, zweitens einen krisendämpfenden Zusatzeffekt und drittens eben damit einen „guten“ Grund, eine solche Maßnahme der ohnehin begriffsstutzigen Öffentlichkeit zu verkaufen. Und wie oben erwähnt: Die EZB hat ohnehin keine andere geldpolitische Waffe mehr. Sie muss Vabanque spielen, jetzt mehr denn je, und wenn schon Wahnsinn, dann bitte mit Methode.

 

Der Rat an alle Institutionellen also:

 

Italienische Banken im Auge behalten – und in der Folge die Haftungskaskade für Bankkunden ebenso. Auch eventuelle Ausfalldynamik bei High Yield und EMD auf dem Schirm haben. Und auf die EZB achten, wann und in welcher Form sie an die Märkte geht.



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