Das Forum für das institutionelle deutsche Pensionswesen

Kassandra – Die kommentierte Presseschau zur bAV:

„So weit entfernt wie ein Hedgefonds vom Sozialismus.“

Unregelmäßig freitags bringt LEITERbAV eine kommentierte Presseschau zur bAV.

Heute: ESG in Action, FDP in der Verantwortung – und Cash ist King.

 

Die Welt (23. Februar): „Milliardär als Tierfreund – gefürchteter Investor legt sich mit McDonald’s an.“

Wenn nicht gerade Corona wütet oder Krieg herrscht, also in den guten Zeiten, dann ist ESG und der Umgang damit eines der Überthemen im institutionellen Asset Management und damit im Pensionswesen. Viel geht es dabei um Theorie und Praxis, um Regulierung und Techniken, um Impact und Stewardship, um Greenwashing und Prozyklik.

Hier zeigt einer, wie es handfest geht: Der als eisenhart bekannte US-Raider Carl Icahn setzt den McDonalds-Konzern unter Druck, bei seinen Zulieferern für artgerechtere Haltung der Schweine zu sorgen (konkret: keine Kastenhaltung zu akzeptieren). Laut Welt unternimmt Icahn das auf Basis von ganzen 200 Aktien, die er an dem Fast-Food-Konzern hält. Insofern könne es ihm hier nicht um Rendite gehen – sondern um die Sache.

Egal ob es um das Schweinswohl geht oder um gute Eigen-PR oder um beides – zwei Dinge: Alles, was konkret und direkt dem Tierschutz dient, ist gut. Und zweites fühlt sich der Chronist beim Lesen des Artikels an ein Bonmot erinnert, dass – so ihn eben diese Erinnerung nicht trügt – einst die FAZ prägnant formulierte über den heute 86jähirgen Carl Icahn:

So weit entfernt vom Ruhestand wie ein Hedgefonds vom Sozialismus.“

Und das ist mindestens zehn Jahre her.

 

Deutscher Bundestag (16. März): „Zinsanpassung zur Wiederherstellung einer Steuergerechtigkeit.“

Im August 2021 hatte des Bundesverfassungsgericht entschieden, dass die Verzinsung von Steuernachforderungen und Steuererstattungen mit jährlich 6% ab dem Jahr 2014 verfassungswidrig ist.

Die Causa – die Drittwirkung auf die ebenfalls in Karlsruhe liegende 6a-Problematik für Pensionsrückstellungen haben könnte – ist schon älter. Schon im Mai 2018 hatte der BFH die Verfassungsmäßigkeit der Regelung des § 233a AO in Zweifel bezogen – und lag damit richtig.

Parlamentarisch wurde bzw. wird die Angelegenheit v.a. von AfD und FDP getrieben (wobei letztere pikanterweise nun ja seit einigen Monaten selbst in der Regierung sitzt). Im Mai 2019 hatte die FDP höchstselbst einen Antrag in den Bundestag eingebracht, die Regelung anzupassen – vergeblich (die AfD hatte das bereits im November 2018 unternommen – natürlich ebenso völlig vergeblich).

Im Juni 2020 hatten es die Freidemokraten dann mit einer Kleinen Anfrage (die neben dem 233 AO auch den 6a EStG erfasste) an die damalige großkoalitionäre Bundesregierung versucht, sind aber regelrecht abgekanzelt worden.

Die FDP-Fraktion schrieb damals mit Blick auf eine in der Tat nicht standesgemäße Governance:

Erneut abzuwarten – wie bereits in den Fällen der Grundsteuer oder der Erbschaft- und Schenkungsteuer –, bis das Bundesverfassungsgericht eine aus Sicht der Fragestellenden klar erkennbar verfassungswidrige Regelung widerruft, entspricht nach Ansicht der Fragesteller nicht dem Maßstab, dem der Gesetzgeber genügen sollte.“

Der Vorsitzende der oppositionellen FDP-Bundestagsfraktion hieß damals wie? Richtig: Christian Lindner. Der ist bekanntlich mittlerweile Bundesfinanzminister und die FDP Regierungspartei. Und das Urteil des BfVerfG – auf das die Bundesregierung nicht hätte warten sollen, wie die FDP schrieb – ist wie erläutert längst ergangen.

Nun ist die Reihe wieder an der AfD. Die hat nun den oben verlinkten Antrag im Bundestag gestellt – und fordert nicht nur eine Anpassung der AO, sondern erfasst den 6a ebenfalls gleich mit, wenn sie am Ende fordert:

…den Rechnungszinsfuß nach § 6a EStG für die Abzinsung von Pensionsrückstellungen den entsprechenden Regelungen des § 253 Abs. 2 HGB anzugleichen.“

Es bleibt abzuwarten, wie BMF-Lindner und die FDP sich nun in dieser Frage positionieren werden. In der Opposition war ihre Haltung glasklar. Und nun in der Regierung? Man wird sehen. Oder besser: Vermutlich wird man nichts sehen.

 

Institutional Money (11. März): „Contrarian David Woo warnt vor Value-at-Risk Schock.“

Sicher ein kluger Mann, und interessante Statements. Ein paar kassandrische Kommentare zu einigen Zitaten:

Die Märkte hätten das Risiko eines langwierigen Krieges in der Ukraine nicht angemessen eingepreist.“

Richtig. Wie vor einer Woche erläutert, kann der Krieg im Osten morgen zu Ende sein. Er kann aber (und das wäre keinesfalls ungewöhnlich gerade für asymmetrische Konflikte), auch noch zig Jahre weitergehen – auf kleiner wie auf großer Flamme. Ebensowenig eingepreist haben die Märkte übrigens das Eskalationspotentential des Konfliktes: Die Atommacht Russland ist „all-in“ gegangen, hat sich verkalkuliert, steht nun unter katastrophalem diplomatischen, militärischen und ökonomischen Stress, kann weder vor noch zurück, taumelt in der Grauzone zwischen Rationalität und Irrationalität und droht gar bei evt. Führerlosigkeit schnell im totalen Bürgerkrieg zu versinken. Da kann die atomare Karte – realisiert gerade NICHT durch die Drohung mit dem großen Weltkrieg, sondern viel geschickter durch die Erpressung der kleinen Staaten der weichen NATO-Ostflanke (z.B. zum NATO-Austritt) mit taktischen Mini-Atomwaffen, ohne die USA direkt angreifen zu müssen – schnell zur letzten semi-rationalen Option werden, die Russland noch hat. Kassandra hält dieses Szenario leider für sehr wahrscheinlich und in der westlichen Öffentlichkeit für nicht ausreichend antizipiert.

Wenn Aktien und Anleihen sinken, werden diese Fonds einen massiven Anstieg des Value-at-Risk erleben. Das wird sie dazu zwingen, zu kapitulieren und mit dem Rückzug aus allen Asset-Klassen, in die sie investiert sind, zu beginnen.“

Kann gut sein, gerade wenn sich das o.a. Eskalationspotential realisiert oder die Märkte den Eindruck gewinnen, dass der Konflikt möglicherweise doch sehr, sehr lange dauern wird. Dann wird Cash wieder King! Jedenfalls im alten Europa.

Doch sollte jedem klar sein, dass angesichts weiter sprudelnder Geldmengen zumindest in Euroland (Kassandra glaubt nicht an ein EZB-Tapering mitten im Krieg) mangels Anlagealternativen das Cash-ist-King-Zeitfenster ein sehr kurzes sein wird (man erinnere sich an die überschnelle Corona-Erholung im Sommer 2020).

Zu viele Leute denken, dass US-Aktien ein sicherer Hafen sind“ und „die nächste große Portfolioumschichtung wird weg von US-Aktien und hin zu Cash gehen.“

Wie gesagt, mag sein. Die Erkenntnis allein nützt aber noch nichts. Die Kunst ist wie immer im Asset Management, auch das dazugehörige Zeitfenster richtig einzuschätzen. Erst recht, wenn es ein kurzes sein wird.

Ein Szenario des Kalten Krieges, in dem die USA ihren globalen Vorsprung technologischer Innovation verlieren, hätte auch Auswirkungen auf die Dominanz des US-Dollars im globalen Finanzsystem auswirken.“

Ofenbar schreibt Woo wohlweislich nicht, dass es so kommen muss, und das kann man auch für unwahrscheinlich halten. Jedenfalls abseits von Woo: Seit der Chronist im Studium an der RWTH Ender der 80er Jahre mit dem damaligen Lieblings-Bestseller aller europäischen Salon-Bolschewisten konfrontiert wurde, nämlich Paul Kennedys „Aufstieg und Fall der großen Mächte“ (engl.: „The Rise and Fall of the Great Powers“, 1985), also seit über dreißig Jahren, muss er sich in Gesprächen ständig das dümmliche Gequatsche vom unmittelbar bevorstehenden „Ende des amerikanischen Zeitalters“ anhören.

Eine Erläuterung würde hier zu weit führen, doch seien Sie gewiss, liebe LbAV-Leserschaft: Von allen größeren Akteuren auf dem Planeten genossen und genießen die USA seit 1945 die beste aller Geo-Lagen. Alle maßgeblichen geostrategischen Trends laufen für Nordamerika – und gegen Europa und Russland, die beide ohnehin vor dem demographischen Zusammenbruch stehen. Der selbstzerstörerische Krieg im Osten gibt dem Niedergang dieser beiden scheintoten Akteure (v.a. dem des insuffizienten Angreifers) nochmals eine echte zusätzliche Dynamik nach unten.

 

NACHTRAG 19. März 2022, 12:40 Uhr:

Betreffend zu der o.a. Aussage, dass Russland in der Grauzone zwischen Rationalität und Irrationalität taumelt und so die atomare Karte – realisiert z.B. durch Drohungen bzw. Einsatz von taktischen Mini-Atomwaffen – schnell zur letzten semi-rationalen Option werden könnte, die Russland noch hat: Wie Medien heute vermelden, hat Russland in dem Ukraine-Krieg nun nach eigenen Angaben erstmals eine Kinzhal-Hypersonic-Rakete eingesetzt, und zwar, um ein Munitionslager zu zerstören. Das ist kein gutes Zeichen. Denn diese Überschall-Waffen sind derzeit der letzte Schrei in der modernen Kriegsführung, besonders in der unkonventionellen Kriegsführung – denn an sich sind das Trägersysteme für Atombomben. Und sie stellen einen der wenigen militärischen Bereiche dar, in denen Russland mit dem Westen militärtechnologisch mithalten kann bzw. derzeit sogar einen kleinen Vorsprung besitzt.

Wenn nun Russland eine so „kostbare“ Über-Waffe einsetzt, um etwas verhältnismäßig Banales wie ein Munitionslager zu zerstören, dann ist das insofern beunruhigend, als dass dies keinen taktischen Hintergrund haben kann. Vielmehr dürfte das eine strategische Botschaft sein, und zwar eine, die niemand missverstehen sollte – auch wenn er kein Russisch spricht. Und die Botschaft lautet, dass Russland sich konkret darauf vorbereitet, die atomare Karte zu spielen. Der nächste Schritt dürfte ein Atomtest sein, mglw. in internationalen Gewässern, mglw. in der Nähe kleiner NATO-Staaten wie bspw. Norwegen oder Portugal.

Mit dem Einsatz der Kinshal ist die Welt dem europäischen Atomkrieg einen großen Schritt näher gekommen.

 

Tagesschau (16. März): „Fed erhöht Leitzins – erstmals seit 2018.“

Eines der vielen ur-alten kassandrischen Axiome lautet, dass die USA (nicht zuletzt wegen ihrer demographisch, geographisch, technologisch, ökonomisch, militärisch und diplomatisch beneidenswert besseren Geolage als Europa) anders als Euroland zumindest die grundsätzliche Option haben, auf konventionellem Wege aus der fatalen Geldschwemmen-Nullzinspolitik auszusteigen – wenn auch nur behutsam und mit viel Geduld (15 Jahre sollte man hier schon einkalkulieren).

Den ersten Schritt haben die Amerikaner (und ihrem Kielwasser ihre britischen Polit-Klons gleich mit) nun unternommen. Immerhin. Die Nachhaltigkeit des Kurses bleibt aber abzuwarten. Die Gebildeten in der Leserschaft wissen es ja – Hegel, Wahrheit, Absicht, Tat…

Kassandra bei der Arbeit.

Diskriminierungsfreie Sprache auf LEITERbAV

LEITERbAV bemüht sich um diskriminierungsfreie Sprache (bspw. durch den grundsätzlichen Verzicht auf Anreden wie „Herr“ und „Frau“ auch in Interviews). Dies muss jedoch im Einklang stehen mit der pragmatischen Anforderung der Lesbarkeit als auch der Tradition der althergerbachten Sprache. Gegenwärtig zu beobachtende, oft auf Satzzeichen („Mitarbeiter:innen“) oder Partizipkonstrukionen („Mitarbeitende“) basierende Hilfskonstruktionen, die sämtlich nicht ausgereift erscheinen und dann meist auch nur teilweise durchgehalten werden („Arbeitgeber“), finden entsprechend auf LEITERbAV nicht statt. Grundsätzlich gilt, dass sich durch LEITERbAV alle Geschlechter gleichermaßen angesprochen fühlen sollen und der generische Maskulin aus pragmatischen Gründen genutzt wird, aber als geschlechterübergreifend verstanden werden soll. Auch hier folgt LEITERbAV also seiner übergeordneten Maxime „Form follows Function“, unter der LEITERbAV sein Layout, aber bspw. auch seine Interpunktion oder seinen Schreibstil (insb. „Stakkato“) pflegt. Denn „Form follows Function“ heißt auf Deutsch: "hässlich, aber funktioniert".

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