Studie:

Smells like DC-Spirit

von Pascal Bazzazi, Berlin, 24. November 2021

Die Verbreitung der bAV in Deutschland könnte besser sein. Es zeigt sich aber erneut: Da, wo betriebliche Altersversorgung stattfindet, wird sie meist solide gehandhabt – zumindest soweit es die Rahmenbedingungen von Regulierung, Geldpolitik und Märkten es zulassen. Handlungsbedarf gibt es gleichwohl. Naheliegende Möglichkeiten auch.

 

Die deutsche bAV ist heute risiko-optimiert und flexibel. Noch nachhaltiger könnte sie das Altersvorsorgesystem – und das hat es bitter nötigentlasten, wenn sie mehr Menschen zugänglich gemacht und die Finanzierung breiter aufgestellt würde.

 

Das ist das Fazit der Studie „Deutscher bAV-Index 2021“ von Willis Towers Watson.

 

Kernergebnisse: Matching und DC

 

Geman-DC: Unternehmen, die eine bAV anbieten, gestalten die Zusage fast immer (93%) beitragsorientiert aus, berechnen also die Altersleistung auf Basis jährlicher Beiträge sowie deren Wertentwicklung. Für die Wertentwicklung setzen fast drei Viertel der Unternehmen (71%) auf kapitalmarktorientierte Modelle (Fonds oder Versicherungen).

 

Matching: Die meisten Arbeitgeber bieten an, die bAV durch Entgeltumwandlung auszubauen. Fast vier Fünftel (79%) belohnen dies durch Zuschüsse. Kann lohnen: Erreichen Arbeitnehmer laut Studie im Median eine bAV in Höhe von 4% bis 5% ihres letzten Gehalts, kommen für Matcher die durch Entgeltumwandlung finanzierten Altersleistungen noch hinzu.

 

Dennoch sollte die Finanzierung der bAV mehr als verdoppelt und noch mehr Arbeitnehmern der Zugang zur bAV eröffnet werden, um das Absinken der gesetzlichen Rente abzufedern, so die Conclusio der WTW-Autoren.

 

Thomas Jasper, Willis Towers Watson.

Thomas Jasper, Leiter Retirement Europa bei Willis Towers Watson, liest aus dem Deutschen bAV-Index zwei Punkte ab: „Erstens werfen Unternehmen gerade in engen Arbeitsmärkten einiges in die Waagschale, um gute Mitarbeiter zu gewinnen und an sich zu binden. Und zweitens begreifen sie die Altersversorgung als eine Generationenaufgabe und stellen ihre Modelle so auf, dass sie tatsächlich über Jahrzehnte und auch unter wechselnden Bedingungen an den Finanzmärkten gut planbar und finanzierbar bleiben.“ Jasper betont: „Dieses nachhaltige Vorgehen liegt sowohl im Interesse der Unternehmen als auch der Mitarbeitenden“.


Mach doch was Du willst!


Doch nicht nur an ein wechselndes Finanzmarktumfeld passt sich die bAV an. Heutige Vorsorgemodelle sind meist so flexibel konzipiert, dass Arbeitnehmer sie anhand von Auswahl-Optionen passend für ihre persönlichen Anforderungen nutzen können, berichtet Johannes Heiniz, Leiter General Consulting Retirement bei WTW Deutschland.

 

 

 

 

Die Dotierung der bAV müsste mehr als verdoppelt werden.“

 

 

 

 

So bieten bspw. drei Viertel der Unternehmen (75%) die Altersleistung wahlweise als lebenslange Rente oder einmaliges Alterskapital bzw. eine steueroptimierte Auszahlung in mehreren Jahresraten an. Auch den Wünschen der Mitarbeiter nach zusätzlicher Vorsorge für Invalidität oder Tod kommt nahezu jedes Unternehmen nach (95%). Heiniz betont: „Je besser die bAV zu den Altersvorsorge-Anforderungen der einzelnen Mitarbeitenden passt, desto mehr wird sie wertgeschätzt.“

 

Abb. 1: Altersrente oder lieber eine Kapitalzahlung? Die meisten Unternehmen überlassen ihren Mitarbeitenden die Wahl.

Quelle: Deutscher bAV-Index von Willis Towers Watson, 2021. Grafik zur Volldarstellung anklicken.

 

Breiter. Mehr. Und Opting-out.

 

Johannes Heiniz, WTW.

Die Altersvorsorgemodelle, da, wo es sie gibt, sind in den Unternehmen also gut aufgestellt, kann man vermuten. Dennoch sieht Heiniz Handlungsbedarf: „Die bAV bietet eine sehr effektive Infrastruktur für das Altersvorsorgesparen – aber noch wird sie längst nicht von allen Unternehmen und allen Mitarbeitenden genutzt.“ Auch die Finanzierungsbasis der bAV müsse verbreitert werden: „Das Versorgungsniveau der arbeitgeberfinanzierten bAV reicht kaum aus, um die sinkende Tendenz der gesetzlichen Rente allein in den letzten 15 Jahren auszugleichen. Hierfür müsste die Dotierung der bAV mehr als verdoppelt werden.“


Diese Summe könnten die Unternehmen allerdings nicht allein tragen, so der Experte. Daher sollte auch die Eigenvorsorge der Mitarbeiter ausgebaut werden. „Sinnvoll hierfür wären Opting-Out-Pläne, in denen alle Mitarbeiter automatisch einen Teil ihres Gehalts für die bAV sparen. Wer das nicht möchte, kann diese Option abwählen. Studien zeigen aber, dass die meisten Mitarbeiter sehr zufrieden damit sind, wenn ihr Unternehmen ihnen den Aufwand abnimmt, sich selbst für das Altersvorsorgesparen anzumelden“, sagt Heiniz.


Keine Hektik – und besser besser als neu


Zu dem bisher noch nicht die gewünschten Impulse gebenden BRSG mahnt Heiniz: „Bevor die Koalitionsparteien aber hektisch weitere Neuerungen diskutieren, sollten sie eher das bestehende bAV-System verbessern und vereinfachen“. Zu denken wäre hier an ein flächendeckendes Opting-out und an die Abschaffung längst bekannter Ärgernisse wie etwa der hohe steuerliche Rechnungszins, der handelsrechtliche Durchschnittszins sowie die partiell weiter bestehende Doppelverbeitragung.


Über den Deutschen bAV-Index


Die Studie zeichnet laut Autoren ein repräsentatives Abbild der aktuellen arbeitgeberfinanzierten bAV in Deutschland. Sie bildet Strukturmerkmale, Leistungen und Kosten der Versorgungswerke von insgesamt 200 Unternehmen ab. Die Ergebnisse wurden mit Gewichtungsfaktoren nach den Kriterien Branche und Anzahl sozialversicherungspflichtiger Beschäftigter in Deutschland der tatsächlichen Unternehmensverteilung im deutschen Markt angepasst. Der ausführliche Studienreport findet sich – nach Anmeldung – zum Download hier.

 

Das zur heutigen Headline anregende Kulturstück findet sich hier (garniert mit einer LivePerformance des im Gegensatz zum Sänger auch über 25 Jahre danach noch lebenden Drummers).



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