Neue Rubrik auf LEITERbAV – Pensions in their Markets:

Schwerter, Drachen, Märchenbücher

von Pascal Bazzazi, Berlin; Frankfurt, 10. August 2022

Die Kapitalmärkte waren für Pensions-Investoren bisher schon nicht einfach, doch seit Monaten nehmen die Anforderungen weiter zu, und das dynamisch. Die Märkte sind ambivalent wie nie. Um dem Informationsbedarf gerecht zu werden, befragt LbAV in kurzen Interviews ausgewiesene Fachleute zu kleinen, speziellen Ausschnitten der Märkte. Heute: Alexander Froschauer überInflation Linker.

 

 

Alexander Froschauer, die Inflation hat massiv angezogen, in der Pipeline der Erzeugerpreise wartet vermutlich noch mehr, Krieg und Lieferketten tun ein Übriges. Nun hebt die Fed die Zinsen sprunghaft an, die EZB macht eher Trippelschritte. Werden die Notenbanken, wenigstens die Fed, den Kampf gegen die Geldentwertung wirklich durchfechten können?

 

Die aktuelle Inflation in der EU liegt bei 8,6%, in den USA bei 9,1%. Eigentlich recht vergleichbare Inflationsniveaus. Wenn man sich nun die unterschiedlichen Geschwindigkeiten und Größenordnungen der Zinsanhebungen der beiden Zentralbanken ansieht, dann finde ich es schwierig, hier denselben Willen zur Inflationsbekämpfung zu erkennen. Ich weiß ja nicht, welcher Wirtschaftstheorie Sie nahestehen …

 

Friedmann, Hayek, Mieses natürlich.

 

Alexander Froschauer, AXA IM.

doch ich garantiere, dass Sie kein Lehrbuch finden, in dem steht, dass Sie mit einem 1%- oder 2%-Zinsschwert einen 9%-Inflationsdrachen bekämpfen können – nicht in Lehrbüchern, in Märchenbüchern vielleicht schon.

Dadurch erscheint die Vorgehensweise der Fed ernsthafter und erfolgsversprechender.

Diese Unterschiede sind umso erstaunlicher, als die Fed in ihrem Aufgabenkatalog sowohl Preisstabilität als auch Wirtschaftswachstum zu beachten hat. Die EZB könnte sich dagegen rein auf die Preisstabilität konzentrieren, denn das war und ist bis heute ihre einzige Aufgabe.

 

Das heißt, die Inflation samt schwachem Wachstum und negativem Realzins werden uns vermutlich v.a. in Euroland erhalten bleiben. Als wir vor einem Jahr sprachen, brachten Sie bereits Inflation Linker für Pensionsinvestoren ins Spiel? Die wirken heute erst recht attraktiv, oder?

 

Ja und ja. Die Anlageklasse „inflationsgeschützte Staatsanleihen“ war für mich auch schon vor einem Jahr attraktiv und ist es mit den aktuellen Inflationszahlen heute noch genauso. Um das Potential zu verdeutlichen, habe ich einen Vergleich mitgebracht:

Eine 5-jährige deutsche Staatsanleihe hat seit unserem Interview im Juli 2021 eine negative Performance von rund –4% verzeichnen müssen. Ein 5-jährige deutsche inflationsgeschützte Staatsanleihe konnte im selben Zeitraum eine positive Performance von über +7% verbuchen. Die gleiche Laufzeit, derselbe Emittent und trotzdem ein Riesenunterschied in der Performance, je nachdem ob man auf Zinsen oder Inflation gesetzt hat. Minimaler Unterschied – maximale Diversifikation. Noch dazu in einem der sichersten und damit auch langweiligsten Instrumente, welches wir im Anleihenbereich überhaupt kennen – einer deutschen Staatsanleihe. Mit dem Beispiel hoffe ich aufzuzeigen, dass es für bAV-Anleger Sinn macht sich mit der Anlageklasse vertieft auseinandersetzen und inflationsgeschützte Anleihen im Portfolio beizumischen.

 

Wie sieht es derzeit mit der Break Even-Inflation aus?

 

Die Break-Even Inflation ist aktuell ebenfalls ein sehr starkes Argument für die Anlageklasse. Bei deutschen Staatsanleihen kostet der Inflationsschutz inklusive der nominellen Alternativverzinsung insgesamt nicht mehr als 2,80% per annum für die nächsten fünf Jahre, und dafür bekommen sie ab dem ersten Tag die aktuelle Inflation abgegolten. Erst wenn die Inflation in Europa unter diesen Wert fällt, sind Sie mit nominellen Anleihen besser beraten – und da ist es bei 8.6% aktueller Inflation noch ein weiter Weg.

 

Gibt es denn noch auskömmliche Kurse, und gibt es genügend Material? Welche Emittenten, welche Laufzeiten könnten passen?

 

Der Gesamtmarkt an inflationsgeschützten Staatsanleihen der Industriestaaten beträgt weltweit rund 4.000 Mrd. Euro. Neben den USA, UK und Kanada emittieren Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien in Euro. Bei allen non-Euro Emittenten muss wohl die Währung abgesichert werden, und Spanien und Italien kommen aufgrund des Emittentenratings für viele bAV Investoren nicht infrage.

Dementsprechend bieten sich Frankreich und Deutschland als Emittenten an. Hier stehen 23 liquide Anleihen zur Verfügung im Gesamtvolumen von rund 350 Mrd. Euro. Die Laufzeiten reichen von 2023 bis 2053, da sollte also für jeden Geschmack etwas dabei sein. Da es sich um Anleihen handelt und ein weiterer Zinsanstieg bei Euro-Anleihen insgesamt durchaus vorstellbar ist, würde ich Anleihen mit einer Restlaufzeit bis zu 5 Jahren bevorzugen: Zinsrisiko überschaubar, Inflationsausgleich für alle Laufzeiten identisch. Sollten bAV-Anleger aufgrund von Asset Liability-Überlegungen lange Laufzeiten benötigen, spricht naturgemäß nichts dagegen, auch hier inflationsgeschützte Staatsanleihen einzusetzen.

 

Aber die Pensions-Investoren zögern ihrer Beobachtung nach noch, wie die institutionellen Investoren überhaupt? Woran liegt das?

 

Das stimmt leider. Wir erhalten sehr viel Zustimmung von institutionellen Investoren bei Präsentationen oder Artikeln zu inflationsgeschützten Staatsanleihen, aber zur Umsetzung im Portfolio fehlt dann doch oft der letzte Schritt. Viele Investoren haben keine inflationsbezogene Anlageziele, sondern Anleihenbenchmarks, in denen inflationsgeschützte Anleihen oft nicht vorkommen. Auch die vermeintliche Komplexität der Anleihen schreckt viele ab. Weiters wurden viele inflationsgeschützte Anleihen mit langen Laufzeiten begeben, sodass Indizes, die den Gesamtmarkt widerspiegeln, auch lange Laufzeiten von rund zwölf Jahren aufweisen.

Dabei wird aber übersehen, dass es genügend liquide Anleihen mit viel kürzeren Laufzeiten gibt und sogar Investmentfonds, die nur in kurzlaufende, inflationsgeschützte Anleihen investieren. Diese Anlageklasse bringt soviel Diversifikation und Performancepotential in ein Anleihenportfolio, dass eine Beimischung im angelsächsischen Raum nahezu selbstverständlich ist. Vielleicht konnten wir mit diesem Interview ein ganz klein wenig dazu beitragen, dass bAV-Investoren dies zukünftig auch so sehen.

 

 

Alexander Froschauer ist Head of Fixed Income Germany der AXA Investment Managers.

 

In der Rubrik Pensions in their Markets sind bisher auf LEITERbAV erschienen:

 

Schwerter, Drachen, Märchenbücher

Interview mit Alexander Froschauer, 10. August 2022

 

Tektonik in der Taktik

Interview mit Olaf John, 3. Juni 2022

 

Quo vadis, Rentenmarkt?

von Florian Kuhn, Frankfurt am Main, 5. November 2021

 

Wenn nicht jetzt, wann dann?

Interview mit Alexander Froschauer, 2. Juli 2021

 

Doppelpass alleine?

von René Penzler, Frankfurt am Main, 12. März 2021

 

 

 

 

 

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