DAI-Studie offenbart für Deutschland:

Schwach auf der Brust bei Kapitaldeckung

von Detlef Pohl, Berlin, 27. Juni 2019

Eine neue Studie beschäftigt sich mit der Kapitaldeckung von Renten und präferiert eine höheren Aktienanteil. Wie Deutschland hier im Vergleich zu westlichen Industrienationen abschneidet, zeigt nicht zuletzt Optionen auch für die hiesige bAV. Detlef Pohl berichtet.

 

 

Die Deutschen erwarten von der bAV vor allem Sicherheit, also eine risikofreie Anlage der bAV-Sparbeiträge, hatte die Studie „Global Benefits Attitude“ von Willis Towers Watson unter Arbeitnehmern im Vorjahr ergeben.

 

Das Rad nicht neu erfinden

 

Nun kommt eine brandneue Altersvorsorge-Studie des Deutschen Aktieninstituts (DAI) zu dem Schluss, dass diese Herangehensweise zu einem Desaster führe, wenn die Altersvorsorge nicht mit Aktien zukunftsfest gemacht werde. Dass dies auf lange Sicht dennoch mit hoher Sicherheit verknüpft sei, zeigten internationale Langzeitergebnisse.

 

Aktien tragen in anderen Ländern wesentlich dazu bei, den Lebensstandard der Menschen im Alter zu sichern“, heißt es darin. „Obwohl absehbar ist, dass die Rentenbeiträge steigen und das Rentenniveau weiter sinkt, fehlt den politischen Entscheidungsträgern der Mut, bei der drohenden Rentenmisere entschlossen gegenzusteuern, obwohl das Rad nicht neu erfunden werden muss“, ergänzt Christine Bortenlänger, geschäftsführender Vorstand des DAI.

 

Um das Potenzial von Aktien auch für künftige Rentnergenerationen voll auszuschöpfen, muss Deutschland zeitnah ein Ansparverfahren mit Aktien einführen“, fordert Bortenlänger. Gemeint ist damit, mehr Kapitaldeckung in die Altersvorsorge einzubringen. Das Ansparverfahren sollte unter anderem um ein Opting-out und eine kostengünstige, privatwirtschaftlich organisierte Standardlösung ergänzt werden. Begründung: Während das Opting-Out sicherstellt, dass die in das Ansparverfahren einbezogenen Menschen eben dieser Einbeziehung widersprechen können, gewährleistet die Standardlösung bei den Arbeitnehmern eine hohe Akzeptanz des Verfahrens. Damit greift der DAI-Vorschlag nicht zuletzt in die bAV ein, wo Opting-out seit längerem kontrovers diskutiert wird und im BRSG verankert ist.

 

Umlage sinnvoll mit Kapitalmarktinstrumenten kombinieren

 

Die Altersvorsorge in Deutschland muss mit den Instrumenten, die uns der Kapitalmarkt bietet, sinnvoll kombiniert werden“, ist Bortenlänger überzeugt. Nur so gelänge es, die Rente unabhängiger von den demographischen Entwicklungen zu machen und gleichzeitig die Deutschen am wirtschaftlichen Erfolg der Unternehmen zu beteiligen. Das Land hinkt laut Studie den Erfordernissen hinterher. So liegt der Fokus des deutschen Rentensystems weiterhin stark auf dem Umlageverfahren. Nur 25 Prozent der Rente werden über das Ansparverfahren finanziert. Das liegt unter dem OECD-Durchschnitt von 31 Prozent, ganz zu schweigen von Ländern wie Australien, Dänemark, Niederlande und Großbritannien, wo der Umlageanteil allenfalls halb so hoch wie bei uns ist:

 

Abb. 1: Deutschlands Renten hängen zu stark vom Umlageverfahren ab.

Quelle: DAI. Grafik zur Volldarstellung anklicken.

 

Die Studie zitiert den Pensions-Outlook der OECD von 2018, in dem die Organisation eine ausgewogene Mischung aus Ansparverfahren („kapitalgedeckter Altersvorsorge“) und Umlageverfahren empfihelt. Sie stellt fest, dass viele Länder in diesem Sinne ihre Altersvorsorgesysteme in den letzten Jahren zunehmend durch das Ansparverfahren ergänzt haben. Daher verfolgten die DAI-Studienautoren drei wesentliche Fragestellungen:

 

1. Welche Elemente eines Ansparverfahrens in der Altersvorsorge haben sich bewährt, um eine hohe Verbreitung in der Bevölkerung sicherzustellen?

2. Wie kann ein angemessener Anteil von Aktien im Ansparverfahren erreicht werden?

3. Wie hat sich die Aktienanlage in der Altersvorsorge bewährt – auch über Krisenzeiten am Kapitalmarkt hinweg?

 

Wie Deutschland im Vergleich abschneidet

 

Die Antworten fielen nicht völlig überraschend aus. Unter neun Ländern ist der Aktienanteil des im Ansparverfahren, also bei der kapitalgedeckten Altersvorsorge, angelegten Vermögens hierzulande am niedrigsten (17 Prozent). Eine gewisse Trennschärfe fehlt, da offenbar nur die bAV zugrunde gelegt wurde, nicht jedoch die private Altersvorsorge (3. Schicht) auf Basis von Aktien-Direktinvestments, Fonds oder Fondspolicen.

 

Andererseits zeigt die Studie, wie stark Aktien anderswo zum Erfolg der bAV beitragen. In Schweden etwa macht der Aktienanteil des im Ansparverfahren angelegten Vermögens gar 92 Prozent aus, ist also mehr als fünfmal so hoch wie bei uns. Aber auch die Niederlande (31 Prozent) und die Schweiz (30 Prozent) sind hier weniger risikoscheu unterwegs, ohne dass man von Altersarmut gehört hätte. In Großbritannien legt der National Employee Savings Trust (NEST), die staatlich organisierte bAV-Standardlösung, fast die Hälfte des Vermögens in Aktien an. Über Pläne mit Beitragszusage in der britischen bAV werden 67 Prozent der Mittel in Aktien investiert, ebenso über einen 401(k)-Plan, die US-Betriebsrente.

 

Abb. 2: Deutsche nutzen die Chance der Aktie zu wenig.

Quelle: DAI. Grafik zur Volldarstellung anklicken.

 

Die Studie gibt Ländern, die das Ansparverfahren bereits intensiv nutzen, breiten Raum. Begründung: „Andere Länder haben uns bereits vorgemacht, wie man mit Aktien die Altersvorsorge zukunftsfest machen kann“, so Bortenlänger.

 

Festgestellt wurde dabei, dass die in Aktien investierten Rentenbeiträge in diesen Ländern jährliche Erträge bis zu zehn Prozent erwirtschaften sollen. Da große Teile der arbeitenden Bevölkerung mehr oder weniger verpflichtend in die Altersvorsorge mit Aktien eingebunden werden, kommen den Menschen diese Erträge im Alter zugute. Ganz überwiegend liegen die Erträge laut Studie bei mindestens fünf Prozent vor Kosten (mindestens drei Prozent nach Kosten), teilweise sind sie sogar zweistellig (siehe Grafik). Das ist höher als die Erträge des deutschen Renten-Umlageverfahrens, die schätzungsweise zwischen zwei und drei Prozent jährlich liegen sollen (Quelle: Bundesregierung, Stand 2016).

 

Abb. 3: Erträge aktienbasierten Ansparverfahrens im Ländervergleich.

Quelle: DAI. Grafik zur Volldarstellung anklicken.

 

Laut Studie liegt vor Kosten und Steuern die bAV in Dänemark und den Niederlanden mit Erträgen von rund fünf Prozent pro Jahr ungefähr gleichauf – ein guter Gradmesser für Deutschland. Nach Kosten und vor Steuern liegen die schweizerischen Pensionsfonds mit 2,7 Prozent Jahresertrag hinter den britischen Pensionsfonds (5,1 Prozent pro Jahr). Den doppelten Ertrag erwirtschaften der Canada Pension Plan mit zehn Prozent jährlich und – inflationsbereinigt – der schwedische AP 7 Såfa mit neun Prozent jährlich. Da sowohl in Schweden als auch in Kanada Aktien eine wesentliche Rolle in der Anlagepolitik der betrachteten Vehikel spielen, zeigen sich auch an diesen Zahlen die Ertragschancen, die mit der Aktienanlage verbunden sind, heißt es in der Studie.

 

Selbst wenn die Studienergebnisse in Bezug auf Kosten und Steuern nicht homogen sind, zeigen sie das Aufholpotenzial für Deutschland. Mittels internationalen Vergleichs werden zahlreiche Ideen entwickelt, wie die Aktienquote in der Altersvorsorge bei uns sukzessive so erhöht werden könnte, dass das gesetzliche Rentensystem nicht von der demografischen Entwicklung gesprengt wird. „Vor allem den jüngeren Generationen gegenüber sind wir bisher die Antwort schuldig geblieben, wie wir sie mit Blick auf das gesetzliche Umlageverfahren entlasten wollen“, so Bortenlänger.

 

Was die Beispiele Dänemark und Schweiz zeigen

 

Schaut man sich etwa die Lage in Dänemark an, so zeigt sich die Robustheit des dortigen Drei-Säulen-Systems. Ein verpflichtendes Ansparverfahren in der ersten Säule (Volksrente sowie Arbeitsmarktzusatzrente ATP) wird um eine quasi obligatorische Betriebsrente ergänzt, auf die dann noch steuerlich gefördertes Sparen in der dritten Säule aufsetzt, wobei dort der Trend zum Verzicht auf Kapitalgarantien politisch forciert wird:

 

Abb. 4: Wie Dänemark den demografischen Wandel bewältigt.

Quelle: DAI. Grafik zur Volldarstellung anklicken.

 

Beispiel Schweiz: Hier dominieren ebenfalls drei Säulen, aber etwas anders gewichtet. Die obligatorische Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV) stellt zusammen mit den Ergänzungsleistungen aus der steuerfinanzierten bedarfsabhängigen Grundsicherung die erste Säule des Rentensystems.

 

Die AHV beruht auf dem Umlageverfahren und wird durch Steuermittel ergänzt. Die zweite Säule ist im Ansparverfahren organisiert und betrifft eine obligatorische bAV – ab umgerechnet 19.000 Euro bis zu knapp 76.000 Euro Jahreseinkommen. Den Beitrag teilen sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer, Selbstständige können freiwillig mitmachen, Besserverdiener bekommen nicht selten von den Firmen „überobligatorische Vorsorge“. Es gibt für Arbeitnehmer eine Mindestverzinsung des Altersguthabens (derzeit 1,0 Prozent). Dadurch besteht quasi eine Kapitalgarantie für die eingezahlten Beiträge; Pensionsfonds müssen folglich vollkapitalisiert sein. Bei langfristiger Unterdeckung droht die Abwicklung.

 

Dritte schweizerische Säule ist die Privatvorsorge, unterteilt in gebundene Selbstvorsorge (Säule 3a) und die sogenannte freie Selbstvorsorge (Säule 3b). Bei 3b handelt es lediglich um das „normale“ Sparen etwa mit Banksparplänen oder Fonds, das nicht steuerlich begünstigt ist. Bei 3a hingegen gelten steuerliche Privilegien. Angestellte, die einem Pensionsfonds angehören, können maximal knapp 6.100 Euro pro Jahr steuerbegünstigt einzahlen. Zugelassen sind nur gebundene Vorsorgeformen bei Banken oder Versicherern, also Produkte mit der Vorgabe, dass das angesparte Kapital ausschließlich zur Altersvorsorge genutzt wird.

 

Abb. 5.: Wie die Schweiz den demografischen Wandel bewältigt.

Quelle: DAI. Grafik zur Volldarstellung anklicken.

 

Was die Studie und das DAI noch zeigen

 

Die Studie umfasst darüber hinaus weitere ausführliche Länderberichte für Australien, Schweden, Niederlande, Großbritannien, USA und Kanada sowie zahlreiche Handlungsoptionen für Deutschland, das Potenzial von Aktien auch in unserer Altersvorsorge umfassend zu nutzen. Diese drehen sich vor allem um die Themenkomplexe der Kapitalgarantien bei Beitrags-undLeistungszusagen, der Regulierung der Anlagepolitik in der Ansparphase, um Lebenszyklusmodelle, um die Flexibilität in der Auszahlungsphase und um kollektiveBeitragszusagen. „Ich appelliere an die verantwortlichen Politiker, das deutsche Altersvorsorgesystem unter der Einbindung von Aktien neu zu denken. Gerne stehen wir der Politik mit unserer Expertise zur Verfügung“, bot DAI-Chefin Bortenlänger wenig überraschend an. Das Institut vertritt seit über 60 Jahren die Interessen der kapitalmarktorientierten Unternehmen, Banken, Börsen und Investoren. Bekannt ist das DAI-Renditedreieck. Es weist die jährlichen DAX-Renditen für jeden Zeitraum seit 1968 aus.

 

Im Übrigen sei hier bezüglich des Investitionsverhaltens deutscher EbAV auf den Mercer European Asset Allocation Survey 2017 verwiesen, in dessen Rahmen mehr als 1.200 institutionelle Investoren in Europa mit einem Anlagevolumen von insgesamt über 1,1 Billionen Euro analysiert wurden.

 

Demnach haben sich vor allem regulierte deutsche Pensionsinvestoren aus den klassischen Anleihen zurückgezogen und diese Quote in den letzten sechs Jahren von 85 auf 41 Prozent mehr als halbiert. Dafür stieg der Anteil der Immobilien und alternativen Anlagen in ihren Portfolios auf 46 Prozent entsprechend Platz eins unter den untersuchten Staaten. Und deutsche CTAs fuhren zum Studienzeitpunkt mit 40 Prozent die höchste Aktienquote in Europa.

 

Ebenfalls ergänzt sei, dass suffiziente Renten für die Alten eines Landes nur das eine sind. Denn darüber hinaus gibt es weitere Beweggründe für ein aktienorientiertes Sparen. Es sei hier das alte industriepolitische Mantra von LEITERbAV wiederholt, dass Deutschland am Vorabend seines demographischen Zusammenbruchs unter anderem auch eine Industrie benötigt, die nicht mehrheitlich in ausländischer Hand ist. Dazu passt die gestrige Meldung, dass der ewige Exportweltmeister Deutschland zunehmend die Kontrolle über seine eigene Industrie verliert. Wie die Kölnische Rundschau hier unter Berufung auf eine EY-Studie berichtet, befinden sich mittlerweile 55 Prozent der Anteile der DAX-30-Konzerne in ausländischer Hand, Tendenz offenbar weiter steigend. Auch das Schicksal von Unternehmen wie Hoechst, DASA oder Kuka sollte Deutschland Mahnung sein.

 

Die gesamte DAI-Untersuchung „Altersvorsorge mit Aktien zukunftsfest machen“ gibt es zum Download hier.

 





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