Altersvorsorge-Leitlinien von Fidelity:

Pi mal Daumen 389.000 Euro

von Detlef Pohl, Berlin, 15. November 2018

Fidelity hat „neue Altersvorsorge-Leitlinien“ entwickelt – und einen passenden Internet-Rechner gleich dazu. Demnach sollten deutsche Arbeitnehmer bis zum Rentenbeginn das Zehnfache ihres Jahreseinkommens zurücklegen. Detlef Pohl berichtet.

 

Module und Meinungen zur Versorgungslücke gibt es wie Sand am Meer. Nun hat Fidelity global konsistente Altersvorsorge-Leitlinien entwickelt, damit Arbeitnehmer in Deutschland und Großbritannien, aber auch in Japan, Hongkong und Kanada in wenigen Schritten grob nachvollziehen können, wie viel sie für einen adäquaten Ruhestand ansparen müssten.

 

Für Deutschland heißt das: Arbeitnehmer müssten bis zum 67. Lebensjahr das Zehnfache ihres jährlichen Bruttoeinkommens ansparen, um ihren Lebensstandard im Ruhestand halten zu können. In anderen Teilen der Welt beträgt diese erforderliche Sparleistung zwar im Schnitt ebenfalls nahezu das Zehnfache. Jedoch variieren die Ergebnisse für die untersuchten Länder teils erheblich.

 

 

Abb.: Kennzahlen der globalen Altersvorsorge-Leitlinien von Fidelity.

 

Quelle: Fidelity. Grafik zur Volldarstellung anklicken.

 

Damit Arbeitnehmer in Deutschland das Ziel erreichen, sollten sie eine jährliche Gesamtsparquote von 21 Prozent ihres Bruttoeinkommens umsetzen, so die „Faustformel“. Dafür bekäme man im Ruhestand dann privat einen Betrag ausgezahlt, der 45 Prozent des letzten Einkommens deckt. Den Rest – 55 Prozent – soll die staatliche Rente bringen.

 

 

55 Prozent brutto oder 48 Prozent netto?

 

Einschränkung: Derzeit beträgt das Rentenniveau deutscher Arbeitnehmer nach Angaben der DRV Bund 48,1 Prozent netto vor Steuern (Stand Oktober 2017), Tendenz fallend. Daran werden auch die von der Politik gerade beschlossenen Haltelinien für die gesetzliche Rentenversicherung nicht viel ändern. Sie sehen vorerst bis 2025 vor, dass das Sicherungsniveau vor Steuern bei 48 Prozent und den Beitragssatz bei 20 Prozent gehalten werden.

 

Die Leitlinien von Fidelity sollen deutschen Arbeitnehmern helfen, die beiden häufigsten Fragen zur Ruhestandsplanung zu beantworten: „Wie viel muss ich für den Ruhestand sparen?“ und „Bin ich mit meinen Sparbemühungen im Plan?“ Den Leitlinien liegen im Wesentlichen zwei Kenngrößen zugrunde, die jeder Arbeitnehmer kennt: Alter und Einkommen. Dies gibt ihnen einen einfachen Ansatz an die Hand, mit dem sie bestimmen können, wie viel sie für den Ruhestand bei Erreichen bestimmter Altersstufen angespart haben sollten. Somit schaffen die Vorsorge-Faustformeln einen Vergleichsstandard für die Altersvorsorge – vergleichbar beispielsweise dem Body-Maß-Index. 

 

 

Keine Denkverbote bitte

 

Den Leitlinien liegen hypothetische länderspezifische Annahmen zugrunde, wie zum Beispiel zur Anzahl der Erwerbsjahre eines Arbeitnehmers, zur Gesamtsparquote, zur Kapitalmarktentwicklung sowie zum Lohnwachstum und zur Inflationsentwicklung. Mit 4,6 Prozent ist die für Deutschland von Fidelity als angemessen eingestufte Entnahmerate die zweithöchste im weltweiten Ländervergleich. Diese Rate gibt an, wie viel Kapital im Ruhestand jährlich entnommen werden kann, damit das Kapital nachhaltig für die gesamte Rentenphase ausreicht. 

 

 

Christof Quiring, Fidelity.

Die Analyse zeigt, dass es Arbeitnehmer in Deutschland sehr viel schwerer haben, ihre individuelle Vorsorgelücke zu schließen als in anderen Ländern. Sie müssen mehr Eigenverantwortung übernehmen – auch weil sich der der Staat immer stärker zurückzieht“, sagt Christof Quiring, Head of Workplace Investing Germany bei Fidelity. Auf den ersten Blick scheinen die Zahlen hoch zu sein, räumt Quiring ein. Sie reduzierten sich aber, wenn man bereits vorgesorgt hat. Zuallererst seien die Leitlinien Faustformeln, die signalisierten, dass niemand die eigene Altersvorsorge auf die lange Bank schieben darf. „Jetzt sind alle gefragt, gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Der Wegfall der Garantien in der bAV war ein erster wichtiger Schritt“, so Quiring. Aber es gebe noch viele Ansatzpunkte. Auch ein Obligatorium bei der betrieblichen Vorsorge dürfe kein Denkverbot sein.

 

 

Wenn man einen leistungsorientierten Pensionsplan hätte

 

In den Leitlinien wird die bAV neben der privaten Vorsorge und der staatlichen Rente nicht explizit erwähnt. Auf Nachfrage von LEITERbAVhat Fidelity noch Berechnungen unter Einbezug der bAV durchgeführt.

 

Ergebnis ist, das in Deutschland, wo die vorgeschlagene persönliche Einkommensersatzquote 45 Prozent beträgt und Fidelity eine Sparquote von 21 Prozent sowie einen 10-fachen Spar-Meilenstein vorschlägt, die bAV einiges bewirken kann.

 

Beispiel: Bezieht ein Altersrentner 10 Prozent seines Alterseinkommens aus einem leistungsorientierten Pensionsplan, könnte die Sparquote von maximal 21 Prozent um satte 5 Prozentpunkte sinken und der „Spar-Meilenstein“ vom 10-fachen Bruttoeinkommen auf das 7-fache. Kämen gar 20 Prozent aus einen leistungsorientierten Pensionsplan, könnte die Sparquote auf 12 Prozent und der Spar-Meilenstein auf das 5-fache sinken, so die Berechnungen von Fidelity.

 

 

Kleine und große Zahlen

 

Mehr Informationen zu den Altersvorsorge-Leitlinien und einem entsprechenden Informationsportal gibt es hier,

 

auch mit detaillierteren Auswertungen für die anderen Länder. Die Abweichungen zwischen den Ländern seien vor allem auf Unterschiede in der Besteuerung, bei den Beiträgen zur gesetzlichen Rente, den Betriebsrenten, den Lohnzuwächsen, der Inflationsentwicklung und Lebenserwartung zurückzuführen.

 

Der auf der genannten Internetseite hinterlegte Rechner arbeitet offensichtlich bewusst mit groben Parametern, entsprechend der genannten Faustformeln. Wer demnach in Deutschland im Alter von 30 mit seiner Altersvorsorge startet, sollte bis dahin ein ganzes aktuelles Bruttoeinkommen zurückgelegt haben, mit 50 wären es schon sechs Jahreseinkommen, mit 67 wie beschrieben deren zehne.

 

Übrigens: Ein deutsches Durchschnittsentgelt beträgt nach dem Gesetzentwurf zur Sozialversicherungs-Rechengrößenverordnung 2019 exakt 38.901 Euro.

 

Der deutsche Durchschnittsverdiener, der mit 67 in den Ruhestand geht, sollte also rund 389.000 Euro auf der Seite haben, will er den gleichen Lebensstandard halten wie während des Arbeitslebens.

 

Die anderen

 

Hier noch Details zu den anderen von Fidelity untersuchten Staaten:

 

USA: Gemäß der Altersvorsorge-Leitlinien sollten Arbeitnehmer in den USA das Zehnfache ihres Jahresbruttoeinkommens für den Ruhestand ansparen, um damit 45 Prozent ihres Vorruhestandseinkommens zu ersetzen. Mit 4,5 Prozent ist die Entnahmerate die dritthöchste im weltweiten Ländervergleich. Arbeitnehmern in den USA wird empfohlen, jährlich 15 Prozent ihres Jahreseinkommens zum Erreichen der Meilensteine zu sparen.

 

Großbritannien: Gemäß den Leitlinien von Fidelity müssen Arbeitnehmer in Großbritannien 13 Prozent ihres Jahresbruttoeinkommens sparen, um bei Beginn des Ruhestands über ein Vorsorgekapital in Höhe ihres siebenfachen Jahresbruttoeinkommens zu verfügen. Damit liegen sie im Plan, um 35 Prozent ihres Jahreseinkommens vor Beginn des Ruhestands zu ersetzen, die durch Bezüge aus staatlich geförderten Rentenplänen ergänzt werden. Die Umsetzung dieser Leitlinien erlaubt Arbeitnehmern in Großbritannien im Ruhestand eine nachhaltige Entnahmerate von fünf Prozent.

 

Hongkong: Für Arbeitnehmer aus Hongkong beträgt die vorgeschlagene Sparquote 20 Prozent und der Spar-Meilenstein das Zwölffache ihres Jahreseinkommens zum Rentenbeginn. Die Umsetzung dieser Leitlinien soll sie in die Lage versetzen, nahezu die Hälfte (48 Prozent) ihres Einkommens vor Beginn des Ruhestands zu ersetzen. Mit 4,1 Prozent ist die Entnahmerate für Arbeitnehmer aus Hongkong etwas niedriger als in anderen Regionen. Der Grund dafür: Sowohl der angenommene Rentenbeginn als auch die angenommene Lebenserwartung sind in Hongkong höher, die Annahmen zur Kapitalmarktentwicklung aber niedriger als im internationalen Vergleich.

 

Japan: Für Arbeitnehmer in Japan liegt die empfohlene Sparquote bei 16 Prozent ihres Jahresbruttoeinkommens. Japans Arbeitnehmer müssen das Siebenfache ihres Jahresbruttoeinkommens vor Beginn des Ruhestands ansparen und etwas weniger als ein Drittel (36 Prozent) ihres Vorruhestandseinkommens ersetzen. Ihre mögliche Entnahmerate ist mit 3,9 Prozent so niedrig wie in keinem anderen Land.

 

Kanada: Für Arbeitnehmer in Kanada sind die Leitlinien zur Altersvorsorge nur etwas höher als für Arbeitnehmer in den USA. Die vorgeschlagene Sparquote für kanadische Arbeitnehmer liegt bei 16 Prozent mit einem angestrebten Sparziel in Höhe des zehnfachen Jahresbruttoeinkommens vor Ruhestandsbeginn. Damit können sie nahezu die Hälfte (45 Prozent) ihres Vorruhestandseinkommens ersetzen. Die empfohlene Entnahmerate von 4,5 Prozent ist genauso hoch wie in den USA und nur etwas niedriger als in Deutschland.

 







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