Neues Versorgungswerk der Verkehrsbranche:

Mobilitätsrente startet trotz Corona-Widrigkeiten

von Detelf Pohl, Berlin, 6. Juli 2020

Fast ein Jahr lang hat die Verkehrswirtschaft Anlauf genommen, ein neues Versorgungswerk zu etablieren. Jetzt startet die Mobilitätsrente für Mitglieder mehrerer Verbände mit Angeboten zur bAV und mehr. Erste Details wurden am vergangenen Mittwoch in einem Online-Fachgespräch bekannt. Der Begriff „Sozialpartnermodell“ fiel nur am Rande. LbAV-Autor Detlef Pohl hat sich zugeschaltet.

 

 

Was lange währt, wird hoffentlich gut. Mehrere Verbände aus der Verkehrswirtschaft haben gemeinsam für ihre Beschäftigten ein neues Versorgungswerk mit Sitz in Berlin gegründet. Der Name: VVW – Versorgungswerk der Verkehrswirtschaft.

 

Entsprechende Andeutungen hatte es bereits im Sommer 2019 gegeben – mit dem Hinweis verbunden, dass alles „noch in einem recht frühen Stadium“ sei, wie der Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL) damals auf Nachfrage betonte. Nun ist klar: Die heterogen aufgestellte Branche fokussiert ihre bAV gleich für mehrere (und sicher nicht jedem Leser geläufigen) Verbände in einem einzigen Versorgungswerk.

 

Werner Gockeln, SVG und VVW.

Neben dem BGL, der den gewerblichen Güterkraftverkehr vertritt (Transport fremder Waren mit Lkw über 3,5 Tonnen und für Dritte gegen Rechnung), sind mit im Boot: DSLV Bundesverband Spedition und Logistik (Straßen-, Eisenbahn-, Luftfracht- und Seefrachtspeditionen, die in erster Linie die Frachtvermittlung übernehmen), AMÖ Bundesverband Möbelspedition und Logistik (Umzugsfirmen), BDO Bundesverband Deutscher Omnibusunternehmer, BWVL Bundesverband Wirtschaft, Verkehr und Logistik (Transport eigener Waren von Handels- oder Produktionsbetrieben mit eigenen Lkw) und die SVG Bundes-Zentralgenossenschaft Straßenverkehr. Letztere ist die Gewerbewirtschaftsorganisation, da Verbände keiner gewerblichen Tätigkeit nachgehen und somit selbst kein Versorgungswerk gründen dürfen. Daher übernimmt SVG-Vorstand Werner Gockeln auch den Vorstandsvorsitz der „MobilitätsRente“.

 

Bestehende Versorgungswerke zur …

 

Ganz neu ist das „neue“ Versorgungswerk nicht, werden dort doch nun zwei bereits bestehende Versorgungswerke vereinsrechtlich verschmolzen: das TSL Versorgungswerk Transport, Spedition und Logistik Deutschland der Allianz in Oldenburg und das SVL Versorgungswerk des Straßenverkehrs- und Logistikgewerbes von R+V und Kravag in Hamburg

 

Die beiden Versicherer Allianz und R+V sind exklusive Produktpartner und bieten jeweils ihre hauseigenen Vorsorgelösungen an – über alle Vertriebswege. Es handelt sich gerade nicht um eine Konsortiallösung (auch kein Vertriebskonsortium). Es gibt für das VVW auch keinen eigenen Deckungsstock und kein spezielles Sicherungsvermögen.

 

Klaus Schäfer, R+V und Kravag.

An der bestehenden Versorgung bereits versicherter Arbeitnehmer ändere sich nichts, jetzt könnten aber deutlich mehr Firmen und Arbeitnehmer profitieren. „Wer schon eine Versorgung über die TSL oder SVL besitzt, kann auf die Portabilität bauen, die innerhalb des Versorgungswerkes gesichert ist“, verspricht Klaus Schäfer, Leiter der Vertriebsdirektion Geno-Partner der R+V und zugleich der auf die Verkehrsbranche spezialisierten Kravag-Logistic Versicherung (gehört zur R+V-Gruppe). Aus einem Bestandsvertrag in einen Neuvertrag umzuswitchen, sei „zwar denkbar, aber wegen der schlechteren Rechnungsgrundlagen nicht sinnvoll“, so Schäfer weiter. Besser sei es, Firmen würden neue Produkte für neue Mitarbeiter installieren.

 

Mobilitätsrente zusammengeführt

 

Offeriert wird das ganze unter der neuen Marke „MobilitätsRente“ – mit Angeboten zur bAV sowie zur betrieblichen Kranken-, Gruppen-Unfall- und BU-Versicherung. „Auch Lebensarbeitszeitkonten sind machbar, etwa bei Sabbatical oder vorübergehende Pflege von Angehörigen“, ergänzt Schäfer.

 

Profitieren könnten nunmehr 100.000 Unternehmen mit über 1 Mio. Beschäftigten in den Bereichen Spedition und Logistik, Lagerhaltung, Güterverkehr, Entsorgung und Personenbeförderung. „Das neue Versorgungswerk bündelt dabei die bisherigen Einzelaktivitäten der Verbände zur sozialen Absicherung der Beschäftigten und trägt dazu bei, die bestehenden Leistungen zu stärken und den Umfang der bAV zu erhöhen“, sagt Gockeln bei Vorstellung des Versorgungswerk am Mittwoch im Haus der Berliner Bundespressekonferenz. Man habe „faire und rabattierte Verträge mit den beiden bAV-Marktführern ausgehandelt“, so der Chef des neuen Versorgungswerkes.

 

Frank Huster, DSLV.

Für den Start sei jetzt der richtige Zeitpunkt, sagt Frank Huster, Hauptgeschäftsführer des DSLV Bundesverband Spedition und Logistik. Vor der Corona-Krise herrschte in der Verkehrswirtschaft ein spürbarer Mangel an Fachkräften. Insbesondere mit bAV wolle man solche Fachkräfte noch während der Corona-Krise an die Firmen binden, deren Größe vom kleinen Mittelständler bis zum Konzern reiche.

 

Alle Berufsgruppen sollen profitieren, „auch solche, die gar nicht Mitglied in den genannten Verbänden sind“, so Gockeln. Mit Bordmitteln könnten die meisten Firmen die bAV nicht stemmen, ergänzte Huster mit Blick auf die von beiden Versicherern eingerichteten Firmenportale, die offenbar eine schlanke Administration erlauben.

 

Einfach, für jedermann, schlank verwalted

 

Der richtige Zeitpunkt sei auch deswegen noch in der Corona-Pandemie gewählt, weil nun auch betriebliche Krankenversicherungen einbezogen würden, so Schäfer. Trotz Corona-Krise habe die Verkehrswirtschaft wesentlich zu stabilen Lieferketten beigetragen, ergänzt Marc Braun, Leiter Firmenkundengeschäft der Allianz Lebensversicherung und Vorstand des Allianz Pensionsfonds.

 

Gesundheit und bAV seien zwar keine Themen, die Fahrer, Lagerarbeiter oder Disponenten um den Schlaf bringen, doch „keiner soll bereuen, mit der bAV zu spät begonnen zu haben“, bringt es Gockeln auf den Punkt. Motto: Krisen bieten immer auch Chancen. Doch ein avantgardistisches Anlagekonzept wird gar nicht geboten. „Wir beschränken uns bewusst auf die bekannten ‚Motoren‘ der Altersvorsorge“, sagt Allianz-Mann Braun für beide Anbieter. Im Vordergrund stehe die Direktversicherung (mit vollem Anspruch auf Portabilität bei Jobwechsel) – je nach Sicherheitsbedürfnis in den Tarifvarianten Perspektive (100% Beitragsgarantie, also 0%-Verzinsung, aber höhere Beteiligung an den Überschüssen als bei klassischen Rentenpolicen) und Komfort Dynamik (maximal 100% Beitragsgarantie und chancenreiche Anlage der Überschüsse; garantierte Mindestrente). Für Firmenchefs komme auch die rückgedeckte U-Kasse in Betracht.

 

Kein Gedanke an ein SPM

 

Marc Braun, Allianz.

Das bisherige TSL-Versorgungswerk der Allianz Lebensversicherung konzentrierte sich nach eigener Aussage ebenfalls auf die Durchführungswege Direktversicherung, Unterstützungskasse und (rückgedeckte) Pensionszusage. „Das wird bei der Mobilitätsrente so bleiben“, erklärte Braun. An ein Sozialpartnermodell sei in der jetzigen Ausbaustufe des Versorgungswerkes nicht gedacht. Mit Blick auf den Kapitalmarkt meint Kravag-Mann Schäfer: „Es ist gerade ein Vorteil, dass nichts Neues in der Kapitalanlage gemacht wird.“

 

Dem pflichtet VVW-Chef Gockeln bei: „Stabile, positive Erträge sind uns sehr wichtig, wobei gezielt auch renditestarke Anlageformen auf sicherer Basis einbezogen werden können.“ Wie das im dauerhaften Niedrigzinsumfeld ohne Risiken klappen soll, blieb in dem Online-Pressegespräch offen. Die diesbezügliche Frage des LbAV-Autors, ob Pensionsfonds womöglich besser passen, wurde (aus technischen Gründen?) gar nicht ans Podium übermittelt. Dabei ist deren anlageseitige Anpassungsfähigkeit – nicht nur beim Sozialpartnermodell – offenkundig.

 

Keine Marktaufteilung, aber ein gemeinsames Schwergewicht

 

Beide Versicherer gelten je nach Sichtweise als Nr. 1 und Nr. 2 der bAV. Sie betonen, dass es zwischen ihnen keine Marktaufteilung innerhalb der Berufsgruppen der Verkehrswirtschaft oder der Produktpalette des VVW gebe. Die jeweiligen Produktlösungen würden im Wettbewerb ins Versorgungswerk eingebracht. Der jeweilige Berater vor Ort beim Arbeitgeber habe das entscheidende Wort. Die R+V hat nach eigenen Angaben die betriebliche Krankenversicherung neu ins Angebot für Versorgungswerke genommen, ihre Gruppenunfall-Versicherung verbessert und die Altersvorsorge-Palette komplett erneuert. Details wurden nicht genannt, weder in Form von Charts beim Fachgespräch noch in Form sonstiger Informationen für die Teilnehmer des Live-Stream.

 

Nicht das erste Mal

 

Übrigens: Im Verkehrswesen hatte es erste Ansätze zu einem überbetrieblichen Versorgungswerk außerhalb von Allianz und R+V bereits 2008 gegeben. Damals hatte der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV), der die Interessen der Eisenbahnunternehmen und öffentlichen Nahverkehrsbetriebe vertritt, mit den Kölner DEVK-Versicherungen den Verein „Forum für Verkehr und Logistik“ ins Leben gerufen. Als erstes Produkt war die „VerkehrsRente“ an den Start gegangen.

 

Durchführungswege sind bis heute Direktversicherung, Pensionsfonds, Direktzusage und U-Kasse. Ein SPM ist bisher auch hier Fehlanzeige. Das neue VVW sieht in der Verkehrsrente keine Konkurrenz, weil man auf Firmen des Straßengüterverkehrs und der privaten Personenbeförderung abziele.

 

Die DEVK beteiligt sich nicht am neu gegründeten Versorgungswerk, weil wir bereits seit mehr als zehn Jahren im Bereich bAV im Verkehrsmarkt aktiv sind“, sagte ein DEVK-Sprecher auf Nachfrage von LbAV. Die Verkehrsrente sei besonders für kleine Unternehmen attraktiv. Aktuell sind über 700 Unternehmen Mitglied. Der DEVK-Pensionsfonds führt aktuell 180.000 Versicherte und nahm 2019 rund 155 Mio. Euro Beiträge ein. Für große Unternehmen gebe es individuelle Lösungen – etwa im Rahmen der DB Altersvorsorge.



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