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Online aus Berlin


Kassandra – Die kommentierte Presseschau zur bAV:

Mehr! Mehr! Mehr!

Unregelmäßig freitags – aus technischen Gründen am heutigen Dienstag – bringt LEITERbAV eine kommentierte Presseschau zur bAV. Heute: Allerwertester Deutschlands, was die drei gemeinsam haben, Raffelhüschener Rundumschlag – und Frankfurter Abwärtsdynamik.

Die Welt (28.Oktober): Zahl der Anträge auf Rente mit 63 steigt auf Rekordniveau.“

Kassandra zeigt sich an dieser Stelle seit einem Jahrzehnt regelmäßig erfreut über Klugheit und Weisheit. deutscher Industriepolitik, die in der Welt ihresgleichen suchen.

Doch auch die deutsche Arbeitsmarktpolitik kann sich sehen lassen. Wie ein Land am Vorabend seines demographischen Zusammenbruchs und dem seiner Sozialsysteme es schaffen kann, mit der toxischen Kombination einer Rente mit 63 und einem überüppigen Bürgergeld angesichts seiner sich abzeichnenden Agonie sich selbst gleichwohl auch noch einen doppelten Tritt in den ohnehin taumelnden Allerwertesten zu verschaffen, das ist schon ebenso bemerkenswert wie einzigartig.

Als Randnotiz muss man hier fairerweise hinzufügen, wie auch viele Leser-Kommentare in der Welt schreiben, dass die Rente mit 63 mittlerweile nur noch mit gewissen Abschlägen möglich ist. An der Grundproblematik der oben angeführten toxischen Kombination ändert das wenig – wie man an den Antragszahlen sehen kann.

Nius.de (22. September): „Der Sozialstaat ist aus dem Ruder gelaufen.“

Interessanter Rundumschlag zur Problematik u.a. unserer Rentensysteme von dem auch auf unserem Parkett bestens bekannten Prof. Raffelhüschen; hier in einem Interview in einem neuen Internet-Kanal, der von ehemaligen Springer-Leuten gegründet und betrieben wird.

Seine Aussagen – zu Demographie, Vorsorge, Kapitaldeckung, Arbeitsmarkt und und und … – sind gewohnt prägnant; die für ihn nicht untypischen stechenden rhetorischen Spitzen spart er sich hier allerdings. Anhören lohnt. Im übrigen wird man Raffelhüschen ja auch dieser Tage auf der Handelsblatt bAV-Tagung in Berlin sehen.

Focus (31. Oktober): „10 Milliarden nicht genug – ARD und ZDF werden zum „‘perfekten Selbstbedienungsladen’.“

Was haben das deutsche Beamtenwesen, die deutsche gesetzliche Rentenversicherung und der öffentlich-rechtliche Rundfunk dieses Landes gemeinsam?

Antwort: viel. Vor allem, dass sie keinerlei Regulativ der Märkte unterliegen, dass sie damit tendenziell zu Wildwuchs neigen (hier muss man die gesetzliche Rente ausnehmen.), dass ihr weiland einwandfreies Renommee bei den Menschen im Land sichtlich gelitten hat – und nicht zuletzt, dass sie gigantische Berge von Vorsorge-Verpflichtungen nahezu unfunded vor sich her schieben, die sie ohne ständig frisches Geld teils schon jetzt, aber erst recht in der Zukunft offenkundig nicht mehr werden bewältigen können.

Die Welt (6. November): SPD fordert Extra-Abgaben von Superreichen – ‚Mehr zum Gemeinwohl beitragen’.“

Wie die Welt aus einem SPD-Papier zitiert, sollten „diejenigen, die reichensteuerpflichtig sind, zusätzlich eine temporäre Krisenabgabe beisteuern“. Außerdem solle der Soli, der heute in der Einkommensteuer nur noch von Spitzeneinkommen bezahlt werde, als„Zukunftsabgabe“ neu begründet und weitergeführt werden.

Also das übliche Rezept für Staaten, die schon auf der Überholspur in den Niedergang sind: Mehr Steuern, mehr Staat, mehr Staatsausgaben, mehr Subventionen, mehr Sozialleistungen … weiter Richtung Paradies.

Fragt sich nur, mit wem die SPD das durchsetzen will. Zur Antwort muss man nicht lange suchen: Mit Grünen und Linkspartei bzw. künftig Wagenknecht geht das ohnehin, bei der FDP wettert Kubicki dagegen und stimmt dann im Bundestag dafür – bleibt als einziges Bollwerk mal wieder die Union.

Die Union? Da war doch was. Schnelle Recherche im kassandrischen Langzeitgedächtnis, und richtig:

CDU plant höhere Steuern für Spitzenverdiener.“

Also: Bahn frei, SPD!

OFF TOPIC – TO WHOM IT MAY CONCERN

Die Welt (27. Oktober): „Frankfurts harter Abstieg.“

Wer Frankfurt kennt (und das ist auf unserem Parkett ja fast jede und jeder) der weiß, dass die Stadt in Sachen Kultur – und übrigens auch Bar-Leben – mehr zu bieten hat, sichtlich mehr, als es auf den ersten oberflächlichen Blick scheint.

Dennoch: Der Artikel in der Welt über den Niedergang der Stadt – die ja in den letzten Jahren bekanntlich auch etwas skurril reagiert wurde – trifft’s. Und er trifft es sehr genau. Prägnant ist, dass der Welt-Autor daran erinnert, wie in der Tat vor einigen Jahren engagierte Frankfurter daran gingen, dem Bahnhofsviertel insofern Impulse zu geben, als dass es wenigstens ein wenig den Flair bspw. des Hamburger Kiezes bekomme. Auch Kassandra erinnert sich gut an diese – schon seinerzeit überaus ambitionierten – Bemühungen und hat so manchen Abend in dem damals scheinbar kommenden Szeneviertel verbracht.

Alles vorbei. Die Asozialität (und das ist noch wohlwollend ausgedrückt), die vom Bahnhofsviertel ausstrahlt, und die buchstäblich Monat für Monat zunimmt (als regelmäßiger Frankfurt-Reisender spürt man deutlich die Dynamik nach unten) hat all diese Bemühungen völlig humor- und kompromisslos zunichte gemacht. Nochmal: Der Artikel trifft’s.

Erinnert sich übrigens noch jemand an die Zeit, als es nach dem Brexit in Frankfurter Kreisen voller Vorfreude-Besoffenheit hieß, nun würde Frankfurt von der Abwanderung aus der Londoner Finanz-City profitieren? Kassandra hat das schon immer für irreal gehalten, für einen Wunsch als Vater eines sichtlich unterkomplexen Gedankens. Und schon lange hat man davon nichts mehr gelesen. Wird man auch nicht mehr.

Apropos London: Diese Stadt macht heute, eine gute halbe Dekade nach dem Brexit, einen properen, putzmunteren Eindruck, und, obwohl weit über zehn mal so groß wie Frankfurt, übrigens auch einen sichtlich gepflegteren.

Doch zum Schluss etwas Versöhnliches – auch Frankfurt kann schön. Aus mancher Perspektive zumindest:

In den Pfützen schwimmt Benzin …
Grafik zur Volldarstellung anklicken. Foto: Kassandra.

Das zur heutigen Headline anregende Kulturstück findet sich hier.

Und zu London beizeiten mehr im LEITERbAV Feuilleton.

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