Zahlungsströme aus RDV und Zusage:

Künftig kongruent

von Dr. Claudia Veh und Andreas Johannleweling, München, Köln, 11. August 2021

Der neue IDW-Rechnungslegungshinweis IDW RH FAB 1.021 „Handelsrechtliche Bewertung von Rückstellungen für Altersversorgungsverpflichtungen aus rückgedeckten Direktzusagen“ dürfte spürbare Wirkung auf die Handelsbilanzen von Arbeitgebern haben, welche Rückdeckungsversicherungen einsetzen. Die neue Regelung ist spätestens für Stichtage ab 31. Dezember 2022 anzuwenden. Claudia Veh und Andreas Johannleweling rechnen vor.

 

 

Änderungen

 

Das Institut der Wirtschaftsprüfer in Deutschland e.V. (IDW) hat am 30. April 2021 einen neuen Rechnungslegungshinweis verabschiedet, der die handelsrechtliche Bilanzierung von Ansprüchen aus Rückdeckungsversicherungen (RDV) und den zugehörigen Pensionsverpflichtungen erheblich ändern wird.

 

 

Analyse und Vergleich der Zahlungsströme erfordern neue versicherungsmathematische Bewertungsformen, bei denen oftmals zusätzliche Informationen über den RDV-Vertrag benötigt werden.“

 

 

Claudia Veh, KPMG.

Künftig sind – weit über die bisherigen Regelungen zu wertpapiergebundenen Zusagen hinaus – alle gemeinsamen Zahlungsströme aus der RDV und der Versorgungszusage kongruent zu bewerten. Der aktivierte Anspruch und die passivierte Pensionsrückstellung dürfen dann nur noch hinsichtlich einer echten Über- oder Unterversicherung auseinanderfallen.

 

Die Analyse und der Vergleich der Zahlungsströme erfordern neue versicherungsmathematische Bewertungsformen, bei denen oftmals zusätzliche Informationen über den RDV-Vertrag benötigt werden. Deutliche Auswirkungen auf die Handelsbilanz aller Arbeitgeber, die Rückdeckungsversicherungen einsetzen, sind zu erwarten. Die neue Regelung ist spätestens für Stichtage ab dem 31. Dezember 2022 anzuwenden.

 

Optimierungsmöglichkeiten bei Pensionszusagen

 

Unternehmen mit versicherungsrückgedeckten Direktzusagen sollten die bilanziellen Änderungen infolge der neuen Handhabung im Blick haben.

 

Bei bestehenden Pensionszusagen bietet sich im Allgemeinen an, den Finanzierungsstand der Zusage einer Prüfung zu unterziehen und danach einzelfallbezogen zu entscheiden, inwieweit eine Anpassung der Zusage an den Stand der RDV möglich ist bzw. ob eine Anpassung der RDV an die Pensionszusage erfolgen soll.

 

 

Die Erstellung versicherungsmathematischer Gutachten dürfte infolge der Neuerung in vielen Fällen aufwändiger werden.“

 

 

Oftmals werden bestehende Versicherungen nicht erhöht werden können, so dass in diesen Fällen der Abschluss einer weiteren Versicherung in Frage kommt. Die bilanziellen Effekte, die sich aus der Umstellung der Handhabung ergeben, sollten im Vorfeld ermittelt werden, um diesbezüglich Klarheit zu haben.

 

Andreas Johannleweling, KPMG. Foto: Hans Scherhaufer.

Bei neu zu erteilenden Leistungszusagen im Durchführungsweg Direktzusage kann die neue Handhabung ein zusätzliches Argument für eine Finanzierung der Zusage über eine RDV sein, möchte man die bilanziellen Effekte aus der Pensionszusage möglichst gering halten.

 

Die Erstellung versicherungsmathematischer Gutachten dürfte infolge der Neuerung in vielen Fällen aufwändiger werden; dies vor allem dann, wenn Rückdeckungsversicherungen bei verschiedenen Versicherungsgesellschaften bestehen.

 

Auch wenn die neue Handhabung erst für Stichtage ab dem 31. Dezember 2022 verpflichtend anzuwenden ist, sollten sich Unternehmen mit versicherungsrückgedeckten Leistungszusagen zeitnah mit der Neuerung auseinandersetzen und mit ihrem versicherungsmathematischen Gutachter die konkrete Umsetzung besprechen.

 

Beispiel

 

Das folgende Beispiel soll die bisherige und die neue Handhabung gegenüberstellen:

 

Mann, beherrschender GGF, geb. 27.7.1956.

 

Rückdeckungsversicherung mit folgenden Daten:

 

  • Versicherungsbeginn: 1.8.1997 (garantierter Rechnungszins 4,00%)

  • Versicherungsablauf: 1.8.2021

  • Garantierte AR: 30.037,44 Euro p.a. (= 2.503 Euro p.m.)

  • Garantierte AR bei Beitragsfreistellung ab dem 1.1.2020: 27.600 Euro p.a. (= 2.300 Euro p.m.)

  • Keine Hinterbliebenenversorgung

  • Keine Invalidenversorgung

 

Aktivwert per 31.12.2019: 406.122 Euro.

 

Direktzusage:

 

  • Zusagezeitpunkt: 1.8.1997

  • Altersrente ab Alter 65 in Höhe von Euro 2.556 Euro p.m.

  • Zum Stichtag 31.12.2019 nach handelsrechtlichen Grundsätzen erdiente Altersrente: 2.347 Euro p.m.

  • Keine Rentenanpassung

 

Handelsbilanz Erfüllungsbetrag 31.12.2019: 391.204 Euro.

 

Unterschied zwischen Aktiv- und Passivwert zum Stichtag bislang: 14.918 Euro.

 

Unterschied in der Höhe der zum Stichtag versicherungsseitig finanzierten bzw. handelsrechtlich erdienten Leistung: 47 Euro monatlich ohne Berücksichtigung von Überschüssen.

 

Annahmegemäß wird erwartet, dass unter Ausblendung von Stornoabzügen und zzgl. der künftigen Überschüsse die Zusage zum Stichtag 31.12.2019 voll ausfinanziert ist; d.h. der erwartete Zahlungsstrom der zum Stichtag finanzierten Versicherungsleistung unter Berücksichtigung der zu erwartenden Überschüsse entspricht in der Höhe und dem zeitlichen Verlauf exakt dem Zahlungsstrom der zum Stichtag erdienten Leistungen aus der Pensionszusage

 

Alte Handhabung (zum 31. Dezember 2019):

 

Sofern RDV ordnungsgemäß verpfändet: Saldierungspflicht nach § 246 HGB, Passivseite = 0 (Pensionsrückstellung), Aktivseite = 406.122 Euro – 391.204 Euro = 14.918 Euro (Aktiver Unterschiedsbetrag aus Vermögensverrechnung).

 

Sofern RDV nicht verpfändet: Aktivseite = 406.122 Euro, Passivseite = 391.204 Euro.

 

Neue Handhabung (fingiert zum 31. Dezember 2019):

 

Primat der Aktivseite: Aktivseite = Aktivwert der Versicherung = 406.122 Euro = Passivseite.

 

oder

 

Primat der Passivseite: Passivseite = Handelsrechtlicher Erfüllungsbetrag = 391.204 Euro = Aktivseite.

 

Sofern die RDV ordnungsgemäß verpfändet ist, ergibt sich in der Folge sowohl beim Aktivprimat als auch beim Passivprimat durch die Saldierung ein Bilanzausweis in Höhe von 0 auf der Aktiv- und der Passivseite.

 

Die neue Handhabung führt im Falle der nicht verpfändeten RDV zu zusätzlichem Aufwand (Anheben Passivseite bzw. Absenken Aktivseite). Im Falle einer Verpfändung führt die neue Handhabung zu einem Absenken der Aktivseite. Danach ist die bilanzielle Verzerrung beseitigt.

 

Die Autoren:

Andreas Johannleweling ist Aktuar und 
Senior Manager 
Financial Services in der Pension Assessment Group
 der KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft.

 

Dr. Claudia Veh ist Aktuarin und 
Director 
Deal Advisory Pensions
 in der KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft
.

 

Von Autorinnen und Autoren der KPMG sind zwischenzeitlich bereits auf LEITERbAV erschienen:

 

Der Chef und seine bAV …

von Dr. Claudia Veh, 7. August 2020

 

Wertgleiche Teilung beim Versorgungsausgleich?

Nicht für den beherrschenden GGF

von Dr. Claudia Veh, 28. Oktober 2020

 

Insolvenzverwalter versus PSV:

Und immer lockt die GGF-Pensionszusage …

von Dr. Claudia Veh, 11. Februar 2021

 

Neulich in München:

Wenn der Chef einfach weitermacht …

Von Dr. Claudia Veh, 17. Mai 2021

 

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