Endlich! Erste Präsenz-Tagung für Institutionelle:

Krönung, Kukies, Kirche

von Detlef Pohl, Berlin, 3. September 2020

In der Dauerniedrigzinsphase investieren EbAV, Versicherer und Versorgungswerke zunehmend in nachhaltigere und klimafreundlichere Anlagen – wegen der Suche nach Rendite und/oder des Drucks der Regulierung. Über den aktuellen Stand informierten Experten – darunter zahlreiche aus dem Bereich der evangelischen Kirche – auf einer Fachkonferenz im Berliner Tempodrom, und das endlich wieder live! LbAV-Autor Detlef Pohl war mittendrin, natürlich maskiert auf Mindestabstand.

 

 

Das Tempodrom in der Nähe des Potsdamer Platzes hat den Autor in der Vergangenheit als Ort rauschender Rock- und Soul-Konzerte von Top-Musikern wie Van Morrison oder Chris Rea begeistert – in den Zeiten des Corona-Stillstandes nur eine Erinnerung fast aus grauer Vorzeit.

 

Doch immerhin: Während Corona je nach Sichtweise entweder in den letzten Zügen liegt oder aber zur zweiten Welle ansetzt, geht am vergangenen Donnerstag in einer echten Pionierleistung tatsächlich wieder die erste institutionelle Fachkonferenz als Präsenzveranstaltung seit dem Lockdown an den Start – die „Portfolio Institutionell Jahreskonferenz 2020“.

 

Hygiene, wie das Gesetz es befahl.

 

Diese 14. Portfolio-Fachkonferenz – Thema: „Sustainable Finance“ – avanciert allerdings zum „1. Portfolio-Maskenball“, wie der Veranstalter in Anspielung auf das harte Hygienekonzept betont. Nur an den Tischen selbst darf die Maske abgelegt werden; und natürlich beim Essen, bei dem maximal zwei Leute an Stehtischen das praktizieren können, was auf solchen Konferenzen allseits beliebt ist – das Netzwerken.

 

Green Bunds nachhaltig renditeschwach

 

Jörg Kukies, BMF.

Inhaltlich wird gleich zu Beginn ein politisches Schwergewicht aufgeboten – und tritt live auf (während manch anderer Teilnehmer nur per Video zugeschaltet werden kann, weil sein Arbeitgeber die persönliche Teilnahme verweigert hat): Jörg Kukies, beamteter Staatssekretär für Finanzmarktpolitik und Europapolitik im Bundesministerium der Finanzen.

 

Kukies erinnert in seiner Keynote daran, dass vor dem Hintergrund des Pariser Klimaabkommens insbesondere die Eindämmung des Klimawandels in den Fokus gerückt ist. Deutschland wolle führender Standort für Nachhaltigkeit im Finanzsystem sein. Der Bund sei in diesem Zusammenhang Emittent und Investor zur Förderung und Finanzierung umwelt- und klimafreundlicher Projekte. Kukies nannte auf der Konferenz Details zur Emission der ersten grünen Bundesanleihe als Teil der Nachhaltigkeitsstrategie, die noch im September auf den Markt kommen soll.

 

Mit diesem Green Bond will die Regierung unter anderem den CO2-Ausstoß von Fahrzeugen reduzieren, effizienten Energieverbrauch fördern, nachhaltige Forschung, nachhaltige Land- und Forstwirtschaft sowie Naturlandschaften unterstützen. Damit sollen bereits im Haushalt fixierte Ausgaben refinanziert werden. Laut Kukies sind für 2019 Ausgaben von 12,7 Mrd. Euro belegt, bei denen „grün drin“ ist. Konkret sei dem Green Bond eine herkömmliche Bundesanleihe als „Zwilling“ zur Seite gestellt. Beide haben einen Zinskupon von null Prozent und 10 Jahre Laufzeit, unterscheiden sich lediglich bei der ISIN. Das für Anleger bestimmte Volumen soll mindestens 4 Mrd. Euro betragen (zwischenzeitlich ist die Emission erfolgt; Medienberichten zufolge hat das Emissionsvolumen sogar 6,5 Mrd. Euro erreicht und ist auf große Nachfrage getroffen).

 

Durch das innovative Zwillingskonstrukt soll die Liquidität gesichert werden, damit Versicherer und Fondsgesellschaften ihre grünen Anteile jederzeit gegen konventionelle eintauschen können. Das gilt als innovativ und wegweisende für den Bondmarkt, doch bringen zehnjährige Bundesanleihen aktuell minus 0,4% Rendite. Dem BMF dürfte es gefallen, wenn die Nachfrage groß ist und so die Rendite der Öko-Anleihe noch niedriger ausfällt.

 

Investoren, die angesichts der EZB-Niedrigzinspolitik bereits massiven Anlagenotstand haben, dürfte dies naturgemäß weniger freuen. So äußerte einem Pensionskassenvorstand am Rande der Konferenz gegenüber LEITERbAV etwas ebenso Grundsätzliches wie Handfestes zu hören: dass er bei aller Notwendigkeit nachhaltiger Kapitalanlage seinen Versicherten stabile 3% Rendite und mehr liefern und deshalb auf andere Anlagen setzen müsse. Green Bonds könnten allenfalls als kleine Beimischung zu einem breit aufgestellten Portfolio mit nennenswertem Anteil an Aktien taugen.

 

Der Renditebereich des Green Bonds sei „nicht zufriedenstellend für die Investoren“, so auch Kukies, aber durch die Zwillings-Konstruktion aus Sicht des Emittenten ein faires Angebot. Da der Bund bis 2023 allein 50 Mrd. Euro in klimafreundliche Infrastruktur investieren will und damit auf Wachstum ziele, sei bereits in aller Kürze, nämlich im vierten Quartal 2020, mit dem nächsten Green Bond zu rechnen – einer fünfjährigen Anleihe mit einem Volumen von bis zu 7 Mrd. Euro.

 

Bei den Details zu den Green Bonds ließ es Kukies dann auch bewenden. Wer von dem StS Grundsätzliches erwartet hatte – beispielsweise zu Fragen der weiteren Dauer von Gelddrucken und Niedrigzins, den Folgen für Währung, Altersvorsorge und Asset Inflation oder gar zu einer Exit-Strategie aus dem seit gut zehn Jahren eingeschlagenen Weg – wurde wenig überraschend enttäuscht.

 

Kirche engagiert

 

Ewald Stephan, Verka.

Wie institutionelle Investoren erfolgreich Einfluss auf die Unternehmen, in die sie investieren, nehmen können (neudeutsch „Engagement“), zeigt das Konferenz-Panel „Engagement und Dialoge für nachhaltige Investments“ (auf das sich LbAV in diesem Beitrag beschränkt).

 

Ewald Stephan, Vorstand der Verka Kirchliche Vorsorge und Verka Kirchliche Pensionskasse, sieht im Dialog der Investoren mit den Unternehmen „die Krönung der Nachhaltigkeit“. Dazu habe man die Stimmen insbesondere über den Arbeitskreis Kirchlicher Investoren (AKI) in der evangelischen Kirche gebündelt. Dort haben sich die 46 Mitglieder (kirchliche Einrichtungen, Banken und Pensionskassen) über einen „EKD-Leitfaden“ dazu bekannt, nachhaltige Kapitalanlage zu betreiben und zu beeinflussen.

 

Wir führen nur Dialoge mit den Firmen, in denen wir tatsächlich investiert sind“, beschreibt Stephan das Herangehen von Verka, die erst kürzlich mit einem ESG-Preis bedacht worden ist.

 

Neu hinzugetreten sei, so Stephan, dass man die Zulieferketten der Automobilindustrie nach Verwendung bestimmter metallischer Rohstoffe genauer anschaut, die im Zusammenhang mit Umweltschäden und Menschenrechtsverletzungen stünden, berichtet Stephan. Kirche als Investor und Meinungsführer in ethischen Fragen tue sich auch bei Projekten wie „Lohn zum Leben“ hervor, das bei mehreren börsennotierten deutschen Textilunternehmen ein Umdenken bei der Bezahlung bewirkt habe.

 

Dass unser Klima langsam auch die Portfolios ändert, zeigte sich nicht nur auf dieser Konferenz, sondern belegt auch der jüngste „European Asset Allocation Survey 2020“ von Mercer (LbAV berichtete). 54 Prozent der befragten westeuropäischen Pensions-Investoren berücksichtigen aktiv die Auswirkungen von Klimarisiken in ihrer Kapitalanlage, gar 89% ESG-Risiken ingesamt.

 

Wenn die Governance pressiert

 

Ingo Speich, Deka.

Während die Kirche naturgemäß bei Betrachtung ökologischer, sozialer und Governance-Kriterien bei ihren Investitionen das „S“ besonders deutlich macht, ordnet Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance bei Deka Investment, das „G“ besonders hoch ein. „Zwei Drittel der Wertschöpfung durch ESG gehen auf das Konto von Governance“, sagt er auf der Konferenz. Vermutlich nicht nur der Wertschöpfung, mag man hinzufügen, sondern auch der Wertvernichtung, besieht man sich nur beispielhaft die Performance nicht nur der Aktien, sondern auch der Anleihe des Ex-DAX-Wertes Wirecard.

 

Bei der Beeinflussung der Unternehmen in Sachen Nachhaltigkeit reiche reines Engagement, also Kritik, oft nicht aus, so Speich weiter. Daher müsse man als Investor klare Forderungen aufmachen (Kritik), eine Zeitachse für Veränderungen vorgeben (Fristen) und letztlich auch vor Sanktionen (Abzug des Kapitals) nicht zurückschrecken.

 

Rheinmetall und Bolsonaro an der kurzen Leine?

 

Tommy Piemonte, EKC.

Für Engagement spricht sich auch Tommy Piemonte, Leiter Nachhaltigkeitsresearch der Bank für Kirche und Caritas (BKC), aus. Selbst kleinere institutionelle Investoren könnten Einfluss nehmen, und sei es indirekt über Asset Manager. „Engagement ist ein Baustein ethisch-nachhaltiger Anlagestrategie“, erklärte er in der Konferenzdebatte. Neben dem externen Einfluss über Asset Manager nannte er ebenfalls den internen Zusammenschluss in der AKI sowie Solo-Einflussnahmen seines Hauses. So habe man erfolgreich über den Norwegischen Staatsfonds darauf hingewirkt, dass er Einfluss darauf nehme, dass Unternehmen wie Rheinmetall keine Waffen in Embargo-Staaten liefern würden.

 

Als jüngeres Beispiel der Einflussnahme durch die Bank für Kirche und Caritas nennt Piemonte das abgestimmte Vorgehen von 26 Investoren, die wilde Rodung von Regenwäldern im brasilianischen Amazonasgebiet zu begrenzen. Dazu habe ein Lead-Investor beim brasilianischen Umweltminister vorgesprochen und mit dem Engagement letztlich eine Gesetzesänderung erreicht. Ob das zu Änderungen bei den wilden Rodungen und zur Umweltpolitik von Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro führt, bleibe aber abzuwarten, sagt Piemonte.

 

Erst reden, dann ausschließen

 

Hartmut Fritz, EKBO.

Die Bündelung von Stimmrechten sei im Investmentbereich noch relativ neu, ordnet Hartmut Fritz, Oberkonsistorialrat der Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO), ein. Beim AKI würden dazu die Ressourcen gebündelt. Nach Abschluss des erwähnten Projektes „Lohn zum Leben“ habe man letztlich die Investmententscheidung danach getroffen, welche Unternehmen sich auf dem Weg zu einem fairen Existenzlohn für die Textilarbeiter bewegten. „Der unmittelbare Kontakt auf Managementebene brachte mehr als die Drohung, Geld abzuziehen“, betont Fritz.

 

Fazit der Diskutanten dieses Panels: Umwelt-, soziale und Unternehmensführungsaspekte fließen zunehmend in die Entscheidungen von Finanzakteuren ein. Wer sich abseits stellt, muss damit rechnen, zum Outsider zu werden – gleichzeitig darf aber niemand seine Renditeziele aus dem Blick verlieren. Green Bonds werden den Anlagenotstand nicht beseitigen, die Gefahr von Green-washing ist längst nicht gebannt. Gleichzeitig wachsen die Ansprüche der Aufseher und Stakeholder an Umfang, Aussagekraft und Qualität des Reportings sowie an Dokumentation und Rechtfertigung der Prozesse.

 

Abseits der fachlichen Inhalte wurde mit der Portfolio-Konferenz im Tempodrom auch organisatorisch der Nachweis erbracht, dass der Austausch von Emittenten, Investoren, Kapitalanlagegesellschaften und anderen Branchenexperten persönlich derzeit machbar ist. Das haben alle Teilnehmer ausdrücklich gewürdigt. Damit hat das Tempodrom zumindest symbolisch dem Corona-Virus den Marsch geblasen und als Location für gute institutionelle Begleitmusik gesorgt.

 

Und schließlich das Engagement-Panel. Alle Fotos: Andreas Schwarz portfolio institutionell.

 

Herbst 2020: Pensions-Events ante portas

 

Dem Wagnis des Veranstalters, Corona die Stirn zu bieten und die erste größere physische Konferenz des institutionellen Investments auszurichten, sei also Respekt gezollt. Die Redaktion von LEITERbAV verweist hier auf weitere Veranstaltungen, die sich noch fokussierter an Pensionsinvestoren wenden – und Stand heute bis auf eine nach wie vor auf Digitalablauf statt Präsenz setzen; chronologisch:

 

8. September: Virtueller Senior Round Table der Pensions-Akademie zu Digitalisierung, VAIT und Pensionsfonds.

 

24. September: eTagung der aba-Fachvereinigung Mathematische Sachverständige.

 

30. September: eTagung der aba zu Aufsichtsrecht für EbAV.

 

1. Oktober: eTagung der aba-Fachvereinigung Pensionskassen

 

21. und 22. Oktober: Institutioneller Altersvorsorge- und Investorengipfel 2020 von Barbara Bertolini.

 

10. bis 12. November: 21. Handelsblatt Jahrestagung Betriebliche Altersversorgung 2020, Stand heute als Präsenztagung in Berlin geplant.

 

LEITERbAV wird berichten.

 

 

 



© alle Rechte vorbehalten