EIOPA-Stresstest 2019 (III):

„Keine praktische Relevanz…“

von Pascal Bazzazi, Münster in Westfalen, 19. Dezember 2019

und rechtliche auch nicht. Und keine voreiligen Schlüsse bitte. Vorgestern Abend hat die EIOPA die Ergebnisse ihres diesjährigen EbAV-Stresstests veröffentlicht, über die LEITERbAV gestern berichtet hat. Heute ein Blick auf die ersten Reaktionen von Medien und Verbänden – während die EIOPA schon weiterzieht.

 

Gestern hatte LEITERbAV die aktuellen Ergebnisse des dritten EbAV-Stresstests der EIOPA vermeldet. Heute ein Blick auf die Reaktionen – die an sich nicht überraschen.

 

Handelsblatt & Co: wenig Alarmismus, wenig Position

Die Berichterstattung in den deutschen Massenmedien ist immer noch überschaubar, was angesichts der Exotik des Themas nicht überraschen muss. Ebensowenig überrascht der Tenor: Die Berichterstattung orientiert sich im Wesentlichen an den Verlautbarungen der EIOPA und schlägt den Bogen zu der teils kritischen Lage der deutschen Pensionskassen (Stichwort „intensivierte Aufsicht“). Echter Alarmismus bleibt aus, ebenso weitgehend das Beziehen einer ausgefeilteren Position. Eine – fast erschöpfende – Auswahl:

 

Handelsblatt (17. Dezember): „Stresstest offenbart große Löcher in Europas Pensionskassen.

 

Frankfurter Allgemeine (18. Dezember, mit dpa/Reuters): „Plötzlich steigende Zinsen könnten Betriebsrenten gefährden.“

 

IVS: lieber nationaler Blick als Verzerrung und…

 

Schnell waren auch die deutschen Aktuare, und sie steigen naturgemäß etwas tiefer und kommentarischer in die Materie ein. Und sie legen mehr Skepsis an den Tag. So warnen die Aktuare des Instituts der Versicherungsmathematischen Sachverständigen für Altersversorgung e.V. (IVS) davor, aus den Ergebnissen des Stresstests voreilige Schlussfolgerungen über die Situation der deutschen Pensionskassen und -fonds zu ziehen.

 

Friedemann Lucius, IVS.

Die Zahlen sind im Kontext der vorgegebenen Systematik der EIOPA zu bewerten und dürfen nicht unreflektiert verwendet werden“, schreibt Friedemann Lucius, IVS-Vorstandsvorsitzender, in einer Mitteilung, und die Aussagekraft der Ergebnisse über die langfristige Finanzkraft der hiesigen Pensionseinrichtungen und ihrer Trägerunternehmen ist begrenzt.“ Gleichwohl betont auch Lucius, dass die Situation zahlreicher EbAV aufgrund der anhaltenden Nullzinsphase zunehmend angespannt sei.

 

Positiv hingegen sehen die IVS-Aktuare den Wunsch von der EIOPA, länderübergreifend größere Transparenz über die Situation der EbAV zu schaffen – und bemängeln Uniformität: „Der jetzt gewählte EU-weit einheitliche und damit allgemein gehaltene Ansatz kann die lokalen Besonderheiten der bAV nicht in der erforderlichen Differenzierung abbilden“, betont Lucius. Dieser nationale Blick sei aber wichtig, da die EbAV hauptsächlich lokal agierten und entsprechend nach nationalen Aufsichtsvorgaben gesteuert würden. Lucius wird in seiner Stellungnahme dabei durchaus grundsätzlich: „Es gibt keine Handvoll grenzüberschreitender bAV-Einrichtungen. Von daher muss kritisch hinterfragt werden, inwieweit überhaupt ein gesamteuropäischer Rahmen geschaffen werden muss, der alle Einrichtungen über einen Kamm schert.“

 

Im Fokus auch die Frage, wie die Ergebnisse nun aufgenommen werden, gerade abseits der Fachleute des Pensionswesens. Besorgt zeigt sich der IVS-Vorsitzende jedenfalls darüber, dass die Ergebnisse von EIOPA als Beweis für angebliche Finanzierungslücken der EbAV missverstanden werden könnten, wie es bei den letzten Stresstest vor zwei und vier Jahren in der Tat zu beobachten war.

 

Ob und inwieweit zusätzlicher Finanzbedarf aufgezeigt werde, hänge schließlich maßgeblich davon ab, nach welchen Ansätzen und Vorgaben Vermögen und Verpflichtungen einer EbAV bewertet würden, betont Lucius, und wird deutlich: „Um es klar zu sagen: Mit den aufsichtsrechtlichen Vorgaben einer BaFin, die den nationalen Gegebenheiten Rechnung trägt, sehen wir keine Multimilliarden-Lücke, die von den Trägerunternehmen der Pensionskassen und Pensionsfonds geschlossen werden muss“.

 

außerdem nehmen die Kopfschmerzen zu

 

Ungeachtet seiner Vorbehalte gegenüber dem EIOPA-Stresstest nutzt Lucius die Gelegenheit, in der gestrigen IVS-Stellungnahme auf die Brisanz von Lage und Perspektive in der Altersvorsorge und vor allem auf die zugrundeliegende Ursache hinzuweisen:

 

Durch die Dauernullzinsphase wird der Druck auf die kapitalgedeckte Altersvorsorge in Europa immer größer. Nicht zuletzt durch die Entscheidungen der EZB sind die natürlichen Gesetze der Kapitalmärkte zunehmend außer Kraft gesetzt, und die Kopfschmerzen der Kapitalanleger in den EbAV werden täglich größer.“

 

Lucius, der jüngst erst auf LEITERbAV gemeinsam mit seinem IVS-Vorstandskollegen Stefan Oecking wichtige Handlungsoptionen im deutschen Aufsichtsrecht dargelegt hat, appelliert abschließend an die Währungshüter, bei ihren künftigen Zinsentscheidungen nicht nur das kurzfristige Wachstum, sondern wieder stärker die nachhaltige Vorsorge in den Blick zu nehmen.

 

aba: keine Überraschung, keine Konsequenzen und…

 

Georg Thurnes, aba.

Umgehend reagiert hat auch die aba – was mit einem Aktuar an der Spitze auch nur standesgemäß ist.

 

Die Ergebnisse decken sich grundsätzlich mit den Ergebnissen der vorhergehenden EIOPA-Stresstests und sind daher keine Überraschung“, lässt sich aba-Chef Georg Thurnes in einer Mitteilung zitieren.

 

Außerdem beantwortet die aba in ihrer Mitteilung die Frage der praktische Bedeutung:

 

Die EIOPA-Stresstests für EbAV haben – im Gegensatz zu dem ebenfalls von allen Pensionskassen und Pensionsfonds regelmäßig durchzuführenden BaFin-Stresstest – allein eine makroökonomische Bedeutung. Sie haben weder eine praktische Relevanz, insbesondere nicht für die Steuerung der EbAV, noch eine rechtliche. Vor allem haben sie keine aufsichtsrechtlichen Konsequenzen für die einzelne Altersversorgungseinrichtung.“

 

Dies sei auch richtig, da zentrale Methoden und Annahmen zur Beurteilung deutscher EbAV ungeeignet seien, so der Verband weiter. Das gelte insbesondere für die Stresstest-Variante im umstrittenen Common Framework.

 

…bitte nachbessern

 

Dass der anhaltende Niedrigzins alle langfristigen Ansparvorgänge vor große Herausforderungen stelle – DB, DC, Hybride – betont die aba ebenso wie das IVS. In diesem Zusammenhang weist Thurnes auf die Tatsache hin, dass dies allerdings längst erkannt ist und damit umgegangen wird: „Viele EbAV und Trägerunternehmen stellen sich seit Jahren diesen Herausforderungen und haben geeignete Maßnahmen ergriffen.“ Das verdiene Anerkennung.

 

Des weiteren fordert die aba, dass angesichts der Lage die in den letzten Jahren entwickelten und grundsätzlich hilfreichen Instrumente Nachbesserung erfahren, damit sie auf breiterer Basis eingesetzt werden könnten. Denn „notwendig ist ein Ausbau der betrieblichen Altersversorgung – mehr Menschen brauchen eine Betriebsrente und viele eine deutlich höhere Absicherung als vorhanden.“

 

PensionsEurope: ebenfalls not surprised, and we are Contrarians

 

Auch der europäische bAV-Verband PensionsEurope hat flugs reagiert.

 

Janwillem Bouma, PensionsEurope.

Not surprised“ sei man „by the results“, schreibt der Verband in seiner gestrigen Mitteilung, und weist – zu Recht – darauf hin, dass als Ausgangsbasis des Test das kapitalmarktseitig in der Tat „relatively challenging“ Jahresende 2018 zugrunde lag. PE erinnert daran, dass viele Aktien „fell sharply in December 2018 – suffering one of the worst declines since the 2008 financial crisis.“ Das habe als Basis natürlich Wirkung auf die Testergebnisse gehabt.

 

Janwillem Bouma, Vorsitzender der PensionsEurope, nachdem er der EIOPA für einen „constructive dialogue on this years’ stress test“ gedankt hat, betont, dass der Test das antizyklische Verhalten der IORPs und deren wichtige Rolle als Langfristinvestor zur Stabilisierung der Finanzmärkte belegt habe:

 

IORPs’ long-term investment horizon and their ability to follow contrarian investment strategies support the proposition that IORPs can act as shock absorbers in the economy by providing liquidity and by not being forced to sell assets, when asset prices are squeezed, but buying these to rebalance to their strategic asset allocation.“

Es sei wichtig, dass dieses antizyklische Verhalten den IORPs weiterhin rechtlich möglich sei, gibt Bouma dabei zu bedenken.

 

Übrigens hat PensionsEurope naturgemäß einen europaweiten Blick auf die Dinge – und hat festgestellt:

 

The results of the DB and DC stress tests were strongly influenced by only one country each: DB by the Netherlands and DC by Italy.“

 

Soweit die ersten Reaktionen der maßgeblichen Verbände und – weniger – deutscher Medien. Und die EIOPA? Die wird und wird nicht müde. Gestern erst hat LEITERbAV den Damen und Herren vom Frankfurter Westhafen Fleiß bescheinigt. Und als wollte die Behörde dies untermauern, hat sie gestern um 16.30 Uhr, einen Tag nach Vorlage der Stresstestergebnisse, gleich mal zwei weitere Reports veröffentlicht:

 

EIOPA outlines key financial stability risks of the European insurance and pensions sector

 

EIOPA publishes advice on potential undue short-term pressures from financial markets

 

LEITERbAV wird auch hierüber berichten.

 

Aber nicht morgen. Versprochen.



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