Die Weihnachts-Presseschau zur bAV:

Kassandra

von Pascal Bazzazi, Euskirchen, 23. Dezember 2021

Unregelmäßig freitags – heute ausnahmsweise am Mittwoch – bringt LEITERbAV eine kommentierte Presseschau zur bAV. Heute: Eine 28 mit zwölf Nullen. Eine Lagarde ist kein Volcker. Die Bild mit gewagter Rechnung. Und besser Kaugummi als GRV?

 

Die Welt (20. November): „Verbraucherschützer warnen Ampel vor Irrweg bei der Rente.“

 

Jüngst hatte Leiter-bAV die Kritik des DIA als auch des vzbv an der bAV aufgegriffen und „gewürdigt“ (die des vzbv gleich zweimal).

 

Eine der vielen Kassandrischen Aussagen dazu lautete:

 

Die bAV hat bei den Menschen in diesem Lande – gleich welcher politischen Couleur, gleich ob im Arbeitnehmer oder -geberlager – nach wie vor einen äußerst guten Ruf!“

 

Hier nun ein seinerzeitiger Artikel aus der Welt, der ebenfalls die Kritik der beiden Organisationen aufgreift. Besonders lesenswert die Leserkommentare im dreistelligen Bereich. Es ist bemerkenswert, wie diese mehrheitlich belegen, dass die bAV bei den Menschen in Deutschland in der Tat ein gutes Standing genießt – die gefühlt sehr große Mehrheit der Community lässt jedenfalls kein gutes Haar an der Kritik, v.a. jedoch an der ersten Säule als einer vorgeblichen Alternative zur bAV. Prädikat: lesenswert. Kassandras Lieblingskommentar auf dem Artikel stammt von einem Leser namens Andi W., betrifft die GRV und lautet:

 

Jeder Euro, der nicht in das gesetzliche Rentensystem fließt, ist sogar in Kaugummis besser angelegt.“

 

 

Die Welt (15. Dezember): „28.000.000.000.000 Dollar – Die Welt versinkt in neuen Schulden.“

 

Eine 28 mit zwölf Nullen: Der globale Verschuldungsprozess hat sich über den Gesamtkomplex Bankenrettung / Staatssanierung / QE / Nullzins seit 2007 quasi exponentiell dynamisiert. Seitdem ist die Strategie, jede Krise über das Prinzip „dem Alkoholiker Schnaps geben“ bekämpfen zu wollen, praktisch weltweit dominierend. Zentrale Treiber der Entwicklung: Politik und Notenbanken. Insofern sind solche Größenordnungen an Schulden nicht überraschend.

 

Wir hier alle wissen: Schulden verschwinden NIE einfach so aus der Welt, sie werden immer irgendwie bezahlt – sei es durch ein Begleichen mit echtem Geld, sei es per Verzicht, Haircut, Inflation oder endlose Methusalem-Refinanzierung. Besonders die Inflation ist diesen Jahren das Mittel der Wahl, operativ umgesetzt durch QE und Nullzins. Nicht zu vergessen: Die Inflation ist eine Steuer, die immer bezahlt wird, v.a. von denen, die sich ihrer nicht durch Real Assets entziehen können, also eher von den unteren Schichten. Diese wiederum stellt man dann mit kleinen Transferleistungen ruhig – hierzulande nennt man so etwas bspw. „Respekt-Rente“.

 

Übrigens: Bezüglich des Krisenpotentials muss man bei der Verschuldung von 28 Bio. USD beachten, dass das diese nicht so hoch ist wie es scheint. Ein großer Teil dieser Schulden ist per QE in die Welt gekommen, liegt in den Kellern der Notenbanken gut verstaut und wird nie wieder das Licht der Welt erblicken – ist also (wie vorhin erläutert) bereits beglichen, nämlich per Gelddrucken/Inflation (erstes Kassandrisches Axiom). Alle Staatsschulden, die durch QE entstanden sind, sind also praktisch nicht mehr existent (und den Emissions-Staaten geschenkt worden). Die Staatsschuldenquoten der Euroländer sind also infolge der QE-Gnade der EZB viel geringer als offiziell ausgewiesen (besonders diejenigen des hier rechtswidrig bevorzugten ClubMed), und unter diesem Gesichtspunkt sind die Länder gerade nicht fragil, sondern im Gegenteil äußerst stabil (ähnlich wie die USA und Japan auch). Ordnungs-, sozial-, öko- und industriepolitisch ist QE fatal, unter dem Gesichtspunkt der Staatsverschuldung aber gerade nicht.

 

Das ökonomische (von dem politischen ganz zu schweigen) Destabilsierungspotential, das Staaten und Volkswirtschaften bedroht, ist zwar gigantisch, resultiert aber nicht unmittelbar aus zu hohen Schulden und befürchteten Ausfällen (der Staaten). Das Krisenpotential speist sich vielmehr aus durch zu billiges Geld manifestierten Fehlstrukturen in Finanz- und Realwirtschaft, aus der Drogenabhängigkeit der Staatshaushalte, aus den mit der Asset Inflation einhergehenden sozialen Schieflagen und v.a. aus der nun anziehenden Verbraucherpreisinflation. Besonders letztere könnte sich – in Zusammenwirken mit Corona und Lockdowns, Lieferkettenproblemen, Überalterung etc… – zu einem echten Problem auswachsen, und vieles spricht dafür, dass es so kommt.

 

Am Rande sei erneut angemerkt, dass ein ständiges Überdrehen ganzer Volkswirtschaften nicht nur soziale Schieflagen und auch ökologische Belastungen befeuert wie kaum eine andere Politik (durch das Ermöglichen auch völlig unrentabler und damit unsinniger, gigantischer Wirtschaftsaktivitäten). Sondern auch nahezu alle größeren Kriege seit 1914 – von den Weltkriegen über den Vietnamkrieg bis hin zu den Feldzügen des „War on Terror“ – konnten nur geführt werden, weil die dort antreibenden Staaten sich in der ein oder anderen Form der Notenpresse bedienten.

 

Ein Staat, der sich nur aus dem Steueraufkommen seiner Bürger finanzieren muss, hat in dieser Moderne niemals die Ressourcen, große Kriege anzuzetteln.

 

 

Die Welt (16. Dezember): „EZB belässt Leitzins bei historisch niedrigen null Prozent.“

 

Focus.de (15. Dezember): „Hans-Werner Sinn: ‚Wir haben Inflation, wie sie in einem Menschenleben einmal vorkommt‘.“

 

Hier der völlig schmucklose Blick auf Lage und Perspektive der Geldpolitik als auch der Inflationsfrage. Prof. Hans Werner Sinn (der schon vor einem Jahr die exponentielle Geldmengen-Ausdehnung der EZB dokumentiert und prognostiziert hat) sieht jedenfalls schwere Zeiten auf die Volkswirtschaften und damit auf die Menschen zukommen, der Focus zitiert ihn:

 

Wir haben eine Inflation wie vielleicht seit Menschengedenken nicht mehr.“

 

Fest macht Sinn das an den Teuerungsraten für Zwischenprodukte. Für Preissteigerungen der gewerblichen Erzeugerpreise nennt der Wissenschaftler im November für Deutschland 17,5%, für Spanien gar 31,8% – laut Sinn die höchsten Werte seit 70 Jahren.

 

Und was kann die EZB tun? Nicht viel. Sie hat nie Real Assets gekauft (obwohl Kassandra ihr stets dazu geraten hat und wie die BoJ es seit Jahr und Tag tut) und hat deshalb keine Möglichkeit, die Geldmenge über den Verkauf von Real Assets schonend und ohne Zinserhöhungen zu verknappen. Da sie seit 2007 alle privaten und staatlichen Akteure systematisch zu Notenbankgeld-Junkies gemacht hat, ist sie – ebenfalls ein Kassandrisches Uralt-Axiom – „längst Gefangener des eigenen Handelns“. Nun hat sie weder die Kraft noch den Mumm noch die Unabhängigkeit, die Zinsen zu erhöhen. Sie hat keinerlei Exit-Strategie. Eine Lagarde ist kein Volcker.

 

Wie geht es nun also weiter? Vielleicht schlecht, zumindest wenn die Inflation weiter anzieht. Wenn sich das magische Dreieck aus unumkehrbarer Geldpolitik / unerlässlichem Nullzins / steigender Inflation weiter verfestigt, vielleicht noch ergänzt um einen Verfall des Euro-Außenwerts (s.u.), dann dürften die Regierungen der Euroländer unter Druck kommen, wie man ihn seit Gründung der WWU nicht ansatzweise erlebt hat, enorme Zentrifugalkräfte inklusive.

 

Apropos Zinsanstieg: Übrigens stelle man sich kurz vor, was in den Bilanzen von Banken und VAG-Anlegern los wäre, stiegen die Zinsen zügig.

 

Eines anderes der ältesten Kassandrischen Axiome (erstmals geprägt schon vor fast 9 Jahren) lautet bekanntlich Abgerechnet wird, wenn die Zinsen ungeplant steigen“. Denn die Geldmengen, die Christine Lagarde (von Kassandra schon zu Amtsantritt als Madame l’Hélicoptère geadelt) dann in die Hand nehmen muss, um den Kollaps der in 12 Jahren aufgeblasenen staatlichen und privaten Fehlallokationen zu verhindern, werden jedes tolerierbare Maß selbst für duldsamste Markteilnehmer überschreiten.

 

Man muss blind sein oder begriffsstutzig, dieses mögliche Szenario nicht zu sehen – sollte man denken. Wie dem auch sei, Lagarde weigert sich offenbar weiter zu handeln – wohl v.a, weil sie wie erläutert faktisch gar nicht mehr handeln kann. Zumindest Anfang Dezember sprach sie immer noch von „transitory“. Doch wenn sie nicht handelt, dann wird es jemand anderes für sie tun: Wer mit der Inflation flirtet, wird irgendwann von ihr geheiratet. Lagarde wäre eine schöne Braut.

 

Doch geht es hier um mehr als Zwangsehen. Kassandra wird nicht müde, zu mahnen: „Wer das Währungssystem aushöhlt, der legt die Hand an die Wurzel eines der konstituierenden Elemente einer jeden freiheitlich-demokratischen Grundordnung – nicht mehr und nicht weniger. Ein Blick in die deutsche Geschichte sollte für die Verantwortlichen Warnung genug sein, mit der Stabilität der Währung nicht fahrlässig umzugehen.

 

 

FAZ (16. Dezember): „Macrons Wiederwahl-Programm: Sparen, nein danke!“

 

Hier ein Beitrag, inwiefern die Politik sich längst an das QE-Füllhorn gewöhnt hat. Das ist besonders gut sichtbar in den Staaten des ClubMed, gilt bei Licht betrachtet für Deutschland aber nicht minder.

 

 

Handelsblatt (16. Dezember): „Britische Notenbank prescht mit Zinserhöhung vor.“

 

Es ist an dieser Stelle schon oft betont worden, dass die EZB von allen Notenbanken in der schlechtesten Situation ist: verantwortlich für einen gigantischen, vielstaatlichen Währungsraum mit unterschiedlichsten ökonomischen und politischen Strukturen sowie geopolitisch in prekärer Lage, demographisch nicht minder; außerdem hat sie mit QE keine Real Assets gekauft, ist politisch nicht wirklich unabhängig – und vermutlich auch fachlich nicht optimal besetzt.

 

Anderswo ist die Lage zwar ebenfalls nicht einfach, da praktisch alle Notenbanken seit Jahren über QE und Mini-Zins das Spiel der Staatsfinanzierung treiben. Aber gleichwohl gibt es – bei kleinen und großen Währungsräumen – zumindest eine langfristige Perspektive, mit Mini-Schritten und viel Geduld irgendwann zur Normalität zurückzukehren. Die BoJ sitzt auf einem Berg Real Assets, der USD hat ohnehin eine ganz andere strategische Substanz als der Euro (auch wegen der privilegierten Geolage der USA), und mit Norwegen, Polen und Tschechien gibt es auch in der europäischen Peripherie erste Schrittchen raus aus der Absurdität des Nullzinses. Und nun auch fühlt sich auch Großbritannien – in deutschen Medien nur noch als Katastrophenfall am Rande des Zusammenbruchs dargestellt – offenbar stark genug, einen Zinsschritt zu unternehmen.

 

Ist die EZB also bald allein zu Haus? Das könnte passieren, und das dürfte Wirkung auf den Außenwert des Euro haben. Folge: Importe – v.a. Energie und Rohstoffe – werden noch teurer, die Inflation (eher: Stagflation) zieht weiter an. Sommer 22: Euro-USD pari? Dann sollte man langsam wirklich unruhig werden.

 

 

FAZ (20. Dezember): „Neuer Bundesbank-Chef Nagel: Wie Weidmanns Nachfolger tickt.“

 

Nach Deutschland: Bisher ist Joachim Nagel öffentlich kaum in Erscheinung getreten. Mit ihm hat sich die Politik offenbar für die denkbar unspektakulärste und pragmatischste Lösung entschieden – pragmatisch dergestalt, dass er zwar vom Fach, es für die Geldpolitik in Euroland aber ohnehin ohne jede Relevanz ist, wer gerade Präsident der Deutschen Bundesbank ist – das war bei Jens Weidmann so (der wohl aus guten Gründen die Segel gestrichen hat), und das wird bei seinem Nachfolger nicht anders sein.

 

 

Bild.de (21. Dezember): „Herr Nagel, stoppen Sie die Hammer-Inflation!“

 

In den Massenmedien ist das Thema natürlich längst angekommen. Hier äußert die Bild gleich mal einen ganz besonderen Wunsch an den neuen BuBa-Chef. Ähnlich äußern sich in dem Beitrag einige Experten, die auch gleich und ganz artig mit Vorschusslorbeeren nicht sparen. Ohnehin alles zwecklos. Warum? Einen der wesentlichen Gründe spricht das Blatt selber aus; eine hier altbekannte, aber da draußen viel zu selten klar kommunizierte Wahrheit:

 

Die Französin ignoriert die Inflations-Explosion seit Monaten, druckt immer neues Geld, um hoch verschuldete Staaten wie Italien oder Spanien zu stützen.“

 

Am Ende noch ein kleiner Rechenfehler in der Bild: (Abruf 22.12., 16.23): Der Artikel spricht auch den bundesdeutschen „Goldschatz“ an und nennt hier 3,3 Tonnen im Gegenwert von 170 Mrd. Euro. 3,3 Tonnen wäre für die traditionell goldstarke Bundesrepublik reichlich mickrig. Gemeint sind sicher 3.300 Tonnen. However, vielleicht handelt es sich bei der Bild’schen Gleichung von 3,3to Gold = 170 Mrd. Euro ja gar nicht um einen Rechenfehler. Sondern um eine Prognose.

 

 

MetallRente (17. Dezember): „Umfrage: Mehrheit der jungen Erwachsenen spart in der Pandemie weiter – Finanzielle Lage bei Geringverdienenden verschärft sich.“

 

Union Investment: „Studie: Die Menschen blicken verhalten auf 2022, nur wenige fassen Neujahrsvorsätze.“

 

Oben wurden als nur drei der übelsten Side-Effects der Gelddruckerei Umweltbelastung, Kriegsfinanzierung und soziale Ungleichheit angemerkt.

 

Ein anderer der vielen weiteren Effekte ist, dass die Inflation den Menschen die Kultur der Nachhaltigkeit und das langfristige Denken abtrainiert, das gilt auch für die Altersvorsorge: Hier und Heute statt an morgen und übermorgen denken, das ist die Devise, welche die Inflation den Menschen in die Köpfe hämmert.

 

Dazu passt, was die Union-Investment ermittelt hat: Die Menschen sind nicht nur in weiten Teilen skeptisch für die Zukunft, sondern sie sparen derzeit vor allem für den „Notgroschen“ und nicht mehr primär für die Altersvorsorge.

 

Die MetallRente findet in ihrer jüngsten Studie ebenfalls viel Zurückhaltung bei den Menschen, allerdings durchaus auch Optimismus, zumindest partiell:

 

Mehr als die Hälfte der jungen Erwachsenen (51%) spürt bislang keine finanziellen Einbußen durch Corona. 16% nehmen sogar eine Verbesserung ihrer finanziellen Lage durch die Pandemie wahr. Ein Drittel jedoch gibt an, finanziell schlechter dazustehen als vor Beginn der Pandemie. Bei denjenigen, die wenig Geld zur Verfügung haben, ist dieser Anteil deutlich höher.“

 

Ergo: Krise und Gelddrucken wirken unten stärker als oben. Auch das entspricht allem hier kassandrisch dargelegten. Die Profiteuere der Krise sind diejenigen, die Real Assets, v.a. Aktien und Immobilien, ihr eigen nennen (wegen Asset Inflation), die daher ihren Alltag immer problemlos bewältigen können (trotz Verbraucherpreisinflation) und die als Selbständige mglw. auch die übergroßzügigen staatlichen Rettungspakete in der Pandemie abgreifen. Doch die anderen, also die für Nominalgeld Arbeitenden und nominal Sparenden, müssen sich aber auch nicht grämen. Denn für die gibt es dann ja eines Tages halt die „Respekt-Rente“.

 

Mit diesem wunderbaren Blick auf die Zukunft geht LEITERbAV in die Winterpause und wird Anfang/Mitte Januar wieder erscheinen. Kassandra wünscht der gesamten Leserschaft frohe Weihnachten und ein gutes 2022.

 

Wir werden es alle brauchen können.

 



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