Die kommentierte Presseschau zur bAV:

Kassandra

von Pascal Bazzazi, PMI, 18. Oktober 2019

Regelmäßig freitags bringt LEITERbAV eine kommentierte Presseschau zur bAV.

Heute: Bomben Bomben. Überall nur Bomben.

 

Die Welt (12. Oktober): „Zwei Effekte machen die Betriebsrenten zur tickenden Zeitbombe.“

 

Schon wieder Alarm wegen nicht gedeckter Pensionszusagen in der deutschen Industrie. Bombenalarm diesmal. Wie meist werden nicht mit Plan Assets gefundete, rückstellungsfinanzierte Pensionsverbindlichkeiten als Grande Catastrophe idenitifiziert – und wie immer möglicherweise die Zusammenhänge nicht so ganz verstanden.

 

Kassandra hatte schon im August – nicht zum ersten und sicher nicht zum letzten Mal – nicht ohne Verärgerung eine äußerst fragwürdige Interpretation des Verhältnisses von Outside Funding vs. Unternehmenssteuerung vs. Solvenz kommentieren müssen.

 

Es waren Sätze wie diese, die Kassandra seinerzeit sauer aufgestoßen waren:

 

Die Unternehmen haben es versäumt, in der Vergangenheit die nötigen Mittel dafür zurückzulegen.“

 

und

 

„‘Wie man es auch dreht und wendet: Es sieht nicht gut aus für die Unternehmen“, sagt Lehman. Jetzt räche es sich, dass sie nicht genug Geld zurückgelegt hätten.“

 

Allerdings scheint diese Sicht auf die Dinge unausrottbar. Oben verlinkt jedenfalls ein Artikel aus der Welt. Der Tenor ergibt sich schon aus der Überschrift. Mit den zwei Bomben-Effekten sind wenig überraschend gemeint: Langlebigkeit und Niedrigzins.

 

Die Welt nennt zuvorderst das deutsche Maximal-Beispiel VW:

 

Der Autokonzern hat in der Bilanz ein Loch von knapp 33 Milliarden Euro stehen. Pensionszusagen von 43,9 Milliarden Euro stehen lediglich angelegten Assets von 10,9 Milliarden Euro gegenüber.“

 

Oh Schreck.

 

Die Welt lässt in dem Beitrag mit Heinke Conrads zwar sachkundige, fast mahnende Stimmen von Willis Towers Watson, die solche Zahlen in den rechten Zusammenhang rücken, zu Wort kommen, doch hat dies das Blatt offenbar von ihrer „bombastischen“ Überschrift nicht abhalten können.

 

Dabei erkennt die Welt sogar richtigerweise, dass eine DBO im Prinzip nichts anderes ist als eine Schuld. Doch abgesehen davon, dass es wahrlich unangenehmere Gläubiger gibt als die eigenen Mitarbeiter, sei festgehalten:

 

– dass es für Großkonzerne, die bekanntlich regelmäßig auch großvolumige Bonds en masse emittieren, nichts besonderes ist, gewaltige Schulden in der Bilanz zu haben, VW wies Ende 2018 über 102 Mrd. Euro Verbindlichkeiten aus.

 

– dass auch solche Zahlen kein Anlass sind, in Panik zu geraten (oder bombastische Headlines zu wählen), denn diese Schulden wie auch die DBO finden selbstverständlich ihren Eingang in jeder Unternehmenssteuerung, jedes Rating etc.. Das ist nichts neues.

 

– dass ein Blick auf die 2018er-Bilanz für VW Finanzanlagen von fast 113 Mrd. Euro ausweist. Wo Schulden sind, da sind auch Assets (andernfalls das Unternehmen wohl meist auch längst beim Insolvenzrichter wäre).

 

– dass VW Teile dieser Finanzanlagen ohne weiteres nutzen könnte, seine komplette DBO mit einem Federstrich off balance zu bringen (CTA, Pensionsfonds) und dann nicht mit Zeitbomben in Verbindung gebracht würde, obwohl sich faktisch gar nichts geändert hätte.

 

– dass VW ebenso ohne weiteres entsprechende Mittel praktisch zum Nullzins am Kapitalmarkt aufnehmen könnte und auch damit seine gesamte DBO off balance bringen könnte.

 

– dass eine so auf Null reduzierte DBL dem Unternehmen in dem Welt-Artikel vielleicht den Preis als Klassenbester verschafft hätte, ansonsten dieses Totalfunding die finanzpolitischen Spielräume des Unternehmens infolge der unumkehrbaren Reservierung dieser Mittel als Plan Assets sichtlich einschränken würde (ceteris paribus nimmt die Insolvenzwahrscheinlichkeit für ein Unternehmen dadurch in der Theorie eher zu als ab – das wissen übrigens auch Ratingagenturen).

 

Wenn die Welt also schreibt:

 

…rund um den Globus schieben Firmen hohe Rentenzusagen vor sich her, von denen heute kein Mensch weiß, wie sie je eingelöst werden sollen.“

 

…dann sei ihr zugerufen, dass zumindest die CFOs der DAX-Konzerne und der allermeisten deutschen Unternehmen sehr wohl wissen dürften, wie sie die Rentenzusagen einlösen werden, nämlich wie alle anderen Schulden auch, die sie haben: indem sie sie bei Fälligkeit bezahlen. So einfach ist das, und so klar war und ist das für jeden, der mit der Sache nur im Ansatz zu tun hat. Ein Unterschied zwischen einer Pensionsverbindlichkeit und bspw. eines Corporate Bonds ist, dass der Pensionsberechtigte via PSV sogar noch besser geschützt ist als der Bondholder. All das ändert am Ende nichts daran, dass ein Unternehmen regelmäßig:

 

  • ein operatives Kerngeschäft mit operativem Cashflow

  • und Schulden

  • und Vermögen

 

hat.

 

Selbstverständlich gehen ständig zahllose Unternehmen in Deutschland und rund um den Globus pleite – weil die Schulden das Eigenkapital aufzehren, mglw. auch wegen zu großer Pensionsverbindlichkeiten. Aber dass eine ungefundete DBO für ein Unternehmen zeitbombig-prekärer sein soll als andere Schulden, erschließt sich zumindest Kassandra nicht.

 

Keiner sagt, dass die bAV frei von Problemen sei, keinen Ärger mache, nicht gewaltige Kosten verursache oder De-Risking nicht nottue, am allerwenigsten Kassandra. Zerstörte Kapitalmärkte, schwierigstes Asset Management, handlungsunfähige Politik, kritische Bilanzierungsvorschriften, unstete Gesetzgebung, launische Rechtsprechung, ausufernde Bürokratie, teure Anpassungsvorschriften, überbordernde Regulierung, überschaubare Förderung, lustlose Tarifparteien usw. usw.: Erst in der Presseschau vor einer Woche hat die Kröte diese üble strategische Gemengelage, in der sich die bAV befindet, en detail beunkt.

 

Aber angesichts der Frage „DBO on balance oder off balance“ von „Zeitbomben“ zu reden, geht – zumindest nach Ansicht Kassandras – völlig am Kern der Sache vorbei.

 

Nicht zu vergessen: Die Welt sieht übrigens Handlungsbedarf auch bei den Berechtigten:

 

Die Deutschen tun gut daran, sich jetzt mit ihrer betrieblichen Altersvorsorge auseinanderzusetzen, um nicht irgendwann böse Überraschungen zu erleben. Immerhin gut jeder zweite Angestellte in Deutschland hat eine Betriebsrente, muss also handeln.“

 

Aha. Muss. Dann kann – genaugenommen: MUSS – am Montag ja mal jeder zweite abhängig Beschäftigte in Deutschland zu seinem Chef gehen oder zu dem Leiter der bAV in seinem Unternehmen (also zu Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser) und betreffend seiner bAV „handeln“, weil er das in der Welt gelesen hat…

 

 

Süddeutsche Zeitung (13. Oktober): „Altersvorsorge – Merkels Renten-Sünde.“

 

Hier erneut in der Massenpresse wie so oft und anlasslos ein negativer Beitrag zur Doppelverbeitragung (positive liest man ohnehin nie).

 

Der Fokus des Kommentars in der SZ liegt dabei auf dem Spannungsverhältnis zwischen dem Ansinnen Jens Spahns auf Entlastung und dem dagegen gerichteten Widerstand Angela Merkels.

 

Der Beitrag ist in seiner Wortwahl allerdings unspektakulär. In anderen Massenmedien geht es zuweilen derber zur Sache, da ist zuweilen die Rede von „doppeltem Abkassieren“, von „Volksfalle“ oder gar von „Verarsche“.

Demgegenüber beschränkt sich die SZ auf den Terminus „Renten-Sünde“.

 

Nicht neu, gleichwohl wichtig aber der Satz, dass die Politik die Brisanz des Themas offenbar unterschätzt (wie sie übrigens so viele ihrer Fehlsteuerungen in der bAV unterschätzt), genaugenommen die immer gleiche Person dies tut (wie sie übrigens so vieles in der Politik unterschätzt), Zitat aus der SZ:

 

Offenbar unterschätzt Angela Merkel die Wirkmacht der Causa.“

Kassandra bei der Arbeit.





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