Die kommentierte Presseschau zur bAV:

Kassandra

von Pascal Bazzazi, Görlitz, 31. Juli 2020

Regelmäßig freitags bringt LEITERbAV eine kommentierte Presseschau zur bAV. Heute: Brille? Fielmann! Und über das „Presse-Paradoxon“ im deutschen Pensionskassenwesen.

 

Süddeutsche Zeitung (27. Juli): „Deka Bank und Versicherer – Knapp bei Kasse.“

 

Die Leserinnen und Leser von LEITERbAV sind erstens vom Fach und zweitens infolge der engmaschigen Berichterstattung zu den drei Pensionskassen, welche in den Past Service eingegriffen haben, über die v.a. niedrigzinsbedingte Lage im deutschen Pensionskassenwesen im Bilde.

 

Mit dem Artikel zu der Sparkassen Pensionskasse in der Süddeutschen Zeitung ist das Thema nun erneut auch in den Massenmedien angekommen – nicht zuletzt, weil im Netz unzählige weitere Medien den Beitrag der Süddeutschen aufgegriffen haben; kein Wunder, wenn zehnstellige Beträge (unter Berufung auf ungenannte „Insider“) aufgerufen werden. Und es klingt in der Presse allenthalben nach Alarm – große Zahlen, tiefe Löcher, harte Headlines.

 

Besieht man die Sache bei Licht, dann stellt man fest, dass für hohen Blutdruck kein echter Anlass besteht – zumindest nicht für höheren, als ihn LbAV-Leser angesichts der ewigen Alles-Rettungs-Politik des Niedrigzinses auf diesem Parkett seit rund einem Dutzend Jahren ohnehin schon haben.

 

Gucken wir uns im vorliegenden Fall das an, was wir wissen, und hier hilft zunächst ein Blick in den Geschäftsbericht 2019 der Sparkassen Pensionskasse (der der Redaktion seit gestern Nachmittag vorliegt). Seinerzeitige Kerndaten der Ende 2019 zu Buchwerten knapp 5,2 Mrd. Euro schweren und auch im Neuzugang weiter wachsenden Kasse:

 

Laufende Durchschnittsverzinsung 2,5% (VJ 2,5%)

 

Nettoverzinsung (inkl. Zu-/Abschreibungen) 3,9% (VJ 3,3%)

 

Durchschnittlicher Garantiezins 2,94% (VJ 2,96%), im Neugeschäft 0,75%

 

Durchschnittlicher Rechnungszins 2,66 (VJ 2,75 %)

 

Solva 103% (VJ. 111%)

 

Stille Reserven gut 1,1 Mrd. Euro entsprechend einer Reservequote auf den Buchwert von 21,4% (VJ 685 Mio. Euro und 14,1%).

 

Erinnert man sich an die schwierige Lage an den Märkten Ende 2018 (die Reservequote der Kasse zum Ende 2017 lag noch drei Prozentpunkte höher) und wie stark seitdem der Zins nochmals nachgegeben hat, so kommt der Anstieg der Reserven nicht überraschend.

 

Das alles sieht zumindest nicht nach akutem Kontrollverlust in Köln (derzeit das Epizentrum des deutschen Pensionskassenwesens) aus, und auch die vergangenen BaFin-Stresstests hat die Kasse wohl nicht umsonst bestanden. Warum die Maßnahmen also, über die die Süddeutsche berichtet?

 

Weil es – wie wir alle wissen, und auch die Süddeutsche erwähnt das – in der jahrzehntelangen Duration der bAV, speziell bei Pensionskassen, nicht auf das Hier und Heute ankommt, sondern auf die Perspektive.

 

Pensionskassen haben jahrzehntelange Garantie-Verpflichtungen (infolge des meist frühen Eintrittsalters und der üblichen Verrentung regelmäßig sichtlich längere als LVU), so dass mit der Aktivseite praktisch immer auch ein ordentlicher Duration Gap vorliegt. Ein echtes LDI, wie man es aus dem CTA kennt, ist für Pensionskassen sichtlich schwerer umzusetzen (auch wegen Stresstests und Anlageverordnung). Gleiches gilt für mehr Anlage in Real Assets. Außerdem bekommen Kassen, erst recht weiter wachsende, ständig neue Prämien rein, die im Bestand dann auch mit dem jeweiligen Garantiezins verzinst werden müssen – wiederum mit Wirkung für Jahrzehnte. Die Frage der Wiederanlage ist es also, welche die Lage so prekär für garantiegebende EbAV macht – und davon wird sich wohl kaum eine Kasse freimachen können.

 

Um zumindest auf der Ebene der weiter fließenden Prämien Entlastung zu finden, nehmen viele Kassen einen Eingriff in den Future Service vor. Ein solcher gehört auf dem Parkett derzeit quasi zum guten Ton, wird von der BaFin als Maßnahme des Risikomanagements gern gesehen und ist von der PKDW jüngst erst (als einer von bereits gut drei Dutzend regulierter Kassen) mit großer Konsequenz und einer Absenkung des FS-Rechnungszinses auf 0,4% vorgenommen worden.

 

Dieser Weg ist der deregulierten Sparkasse Pensionskasse versperrt. Ihre AVB lassen einen Eingriff in den FS schlicht nicht zu.

 

Bleibt im vorliegenden Fall also die Aktivseite, d.h. ein renditorientierteres Asset Management. Hierzu bedarf es aber, will man die BaFin-Stresstest weiter bestehen, einer höheren Risikotragfähigkeit. Diese gibt es wiederum nur über höhere Eigenmittel – welche die Eigner nun einlegen (die Deka Bank und die Beteiligungsgesellschaft der öffentlichen Versicherer mbH beteiligen sich je mit 140 Millionen Euro. Von diesen 280 Millionen Euro fließen 80 Millionen Euro zur Verstärkung des Solvenzkapitals in die Rücklagen, 200 Millionen Euro stärken die Risikotragfähigkeit im Zusammenhang mit einer Rückversicherung).

 

Anlässlich der Vorgänge in Köln muss erneut betont werden, dass der politisch gewollte und herbeimanipulierte Niedrigzins auf Dauer keinen garantiegebenden Investor ungeschoren lassen wird.

 

Im Januar schrieb Kassandra angesichts einer Lage, in der die BaFin mittlerweile mit Prognoserechnungen operieren muss, bei denen Pensionskassen für Fixed Income in der Wiederanlage mit 0,5 Prozent kalkulieren müssen (wie im November 2019), dass …

 

„… es am Ende wohl nur noch eine Frage des Prognosezeitraumes sein dürfte, bis statt 31 von 135 Pensionskassen unter intensivierter Aufsicht es 135 von 135 sind.“

 

Die BaFin-Spitze höchstselbst mahnte auf ihrer Jahrestagung im Oktober 2019:

 

Es ist ein Punkt erreicht, an dem die Marktteilnehmer sehr deutlich machen sollten, wie stark die niedrigen Zinsen mittlerweile ihr Geschäftsmodell und damit ihren Beitrag zur kapitalgedeckten Altersversorgung gefährden.“

 

Es sei wiederholt: Die Lage vieler deutschen Pensionskassen ist – wie im ständig dynamischeren Niedrigzinsumfeld es für jeden garantiegebenden Investor der Fall ist – anlageseitig schwierig, in the long run vermutlich auch kritisch.

 

Klar ist damit auch, dass wir weitere Maßnahmen in der Sphäre der garantiegebenden Altersvorsorge Deutschlands sehen werden – sie ist besonders garantielastig, besonders Fixed-Income-fokussiert und von besonderer Duration. Wer angesichts unabsehbar anhaltendem Niedrigzins von der Lage und der kommenden Entwicklung überrascht ist, dem ist nicht zu helfen (umso enttäuschender, dass bspw. Gewerkschaften wie die IG Metall immer noch Garantien von Arbeitgebern einfordern, die selbst professionelle Versicherer zu geben längst nicht mehr bereit sind).

 

Auch dass bAV teuer ist, ist bekannt (diesmal für die Eigner). Vor allem aber zeigt sich in diesen Zeiten ein gewisses „Presse-Paradoxon“: Bei der PKDW war von „Straucheln“ die Rede, jetzt bei der Sparkassen Pensionskasse von einem „Milliarden-Loch“. Fazit: Diejenigen, die sich für die Zukunft aufstellen – sei es, weil sie es müssen, sei es weil sie weitsichtig sind, und ob sie es mittels Future Service oder über neue Eigenmittel tun – bekommen Schlagzeilen. Und zwar solche, die nicht immer schmeichelhaft sind.

 

Ändern wird sich das wohl erst, wenn das Massenmedieninteresse nachlässt, weil solche Maßnahmen endgültig zum Alltag geworden sind. Beizeiten also.

 

 

ARD plusminus (29. Juli): „Wie Corona sich auf Betriebsrenten auswirkt.“

 

Vergangen Mittwoch Abend in der ARD ein Bericht über Kürzungen bei Pensionskassen (einige Kassen sind im Vorfeld von den ARD-Redakteuren um Stellungnahmen gebeten worden, zu Wort gekommen ist aber im Beitrag dann aber kaum eine). Der Bericht ist bis auf Kleinigkeiten fehlerfrei (abgesehen von der irregeleiteten Headline; als ob Corona das Problem wäre). Vor allem aber gilt: Auch er trägt die Lage bei den Pensionskassen in die breite Öffentlichkeit.

 

Logisch und richtig, dass dort die Perspektive des Betriebsrentners im Mittelpunkt steht. Doch sei anlässlich dessen an dieser Stelle nochmals klargestellt: Auch Arbeitnehmer und Betriebsrentner sind in einer Demokratie mündige Bürger. Zwar kann niemand von ihnen erwarten, Finanzexperten und Kenner der Geldpolitik zu sein. Durchaus erwarten von ihrer großen Mehrheit kann man aber, zu erfassen, dass ewige Rettungs- und Wiederaufbaupakete (erst die Banken, dann die Haushalte der EU-Südstaaten und nun während Corona gleich deren ganze Volkswirtschaften) durchaus ihren Preis haben, namentlich für Deutschland – und dieser Preis heißt Gelddrucken, Target-Salden und Niedrigzins für Jahre und Jahrzehnte. Ebenso klar sollte sein, dass dies mittel- bis langfristig auf Kosten garantierter Renten gehen muss – so sicher wie das Amen in der Kirche.

 

Wenn jetzt nach dem ersten Lockdown schon ca. zwei Billionen Euro (die eigentlich keiner hat) in Eurolands Märkte und Wirtschaften gepumpt werden, was passiert dann eigentlich, sollte es beizeiten zu einem zweiten kommen? Wieder zwei Billionen? Oder dann gleich vier? Deutsche Politiker sprechen ja gern von einem Wumms – während gestern für Q II ein Einbruch von gut 10% des deutschen BIP vermeldet worden ist, Negativrekord. Man könnte auch formulieren: Bundesdeutsche Rezession auf All Time High – und Geldmengen auch!

 

However, Kassandra sieht diese Rettungspolitik des billigen Geldes (nämlich dem Alkoholiker Schnaps zu geben, mittlerweile muss man wohl eher von Heroin sprechen) kritisch, seit es sie gibt. Die Kröte hält die gegenwärtig zu beobachtbaren ökonomischen und geldpolitischen Verwerfungen in Euroland für im Wesentlichen hausgemacht und damit prinzipiell vermeidbar.

 

Doch Teil der Wahrheit ist auch: Es kann kein Zweifel daran bestehen und muss von jedem Kritiker wie auch Kassandra akzeptiert werden, dass all diese Politik samt der einzigen Antwort des billigen Geldes und des Niedrigzinses tief und fundamental in Deutschland und Euroland demokratisch legitimiert ist. Im Angesicht dessen erscheinen Klagen nun ach so überraschter Betriebsrentner, warum denn nun ihre Rente gekürzt werden müsse, zumindest Kassandra geradezu surreal.

 

 

Bafin (22. Juli): „Eiopa: Maßnahmen der Zentralbanken verfestigen Niedrigzinsumfeld.“

 

Echt jetzt? Ist ja kaum zu fassen! Für diese bahnbrechende Erkenntnis sollte die EIOPA für den Wirtschaftsnobelpreis vorgeschlagen werden.

 

Übrigens: Gelegenheit zur Gratulation könnte sich schon bald ergeben, denn am 4. Februar 2021 – also kurz nach Verleihung der Nobelpreise – plant die Behörde eine Konferenz anlässlich des zehnjährigen Jubiläums ihrer Inauguration in Frankfurt am Main.

 

 

Die Zeit (18. Juli): „Todesstrafe in den USA: Dritte Hinrichtung auf Bundesebene in einer Woche.“

 

So manch ein Investor – namentlich aus dem kirchlichen Bereich – investiert unter ESG in den USA mit dem Hinweis, dass dort der Bund (anders als die Einzelstaaten) die Todesstrafe seit 17 Jahren nicht angewendet habe. Dies wird man nun wohl ändern müssen – oder künftig anders argumentieren.

 

 

Market Watch (20. Juni): „Fed’s Clarida says he doesn’t see any asset bubbles resulting from recent policy response to pandemic.“

 

Bei der EIOPA gilt: Zugegeben besser späte Erkenntnis als gar keine. Im Vergleich zu dem Kollegen von der US-FED ist die Frankfurter Behörde ja geradezu ein Hort der Erkenntnis. Auch die obige Klage Kassandras über die Ahnungslosigkeit viele Betriebsrentner muss angesichts der offenkundigen Begriffsstutzigkeit manch eines US-Akteurs relativiert werden.

 

Gleichwohl: Wenn Mister Claride, Nummer 2 der FED, wirklich partout keine Zusammenhänge zwischen gegenwärtiger Geldmengenpolitik und gegenwärtiger Asset Inflation sehen kann, dann sei ihm von Kassandra ein kostenloser Rat erteilt:

 

Brille? Fielmann!

 

Gotik in Görlitz. Im Hintergrund die architektonisch-ästhetischen Errungenschaften des Sozialismus.
Foto: Bazzazi.



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