Die kommentierte Presseschau zur bAV:

Kassandra

von Pascal Bazzazi, Berlin, 3. April 2020

Regelmäßig freitags bringt LEITERbAV eine kommentierte Presseschau zur bAV. Heute:

Die Exponentialkeule. Wer ist Deutschlands größter Gläubiger? Und wo es noch genug Masken gibt…

 

 

Die Welt (31. März): „‘Die Deutschen halten sich noch immer für eine überlegene Rasse.`“

 

Erst in der Presseschau der vergangenen Woche hat Kassandra geunkt, dass im langen Schatten eines kleine Virus‘ derzeit zahlreiche Akteure ihre ganz eigene Agenda verfolgen und schon längst an die Zeit nach der Krise denken.“

 

Als „einen der perfidesten und durchsichtigsten Vorstöße überhaupt“ nannte Kassandra die Vorstöße des Club Med, nun die Corona-Krise zu nutzen, um mit den üblichen Krokodilstränen Eurobonds und damit endlich eine EU-Mitglieder-Gemeinschaftshaftung durchzusetzen.

 

Und warum perfide? Erstens, da man eine Leidensgeschichte der eigenen Bevölkerung nutzt, um eine politische Agenda durchzusetzen. Denn die Notwendigkeit von Eurobonds ist überhaupt nicht gegeben. Erstens kauft die EZB mittlerweile bekanntlich unlimitiert Sovereigns und wie gehabt auch abseits des Capital Keys, und zweitens rentieren 10jährige Italienische derzeit mit 1,5%. Das ist offenkundig kein Zinssatz, der für einen G7-Staat eine ernsthafte Refinanzierungsproblematik darstellen könnte.

 

Und zweitens perfide, weil manche Stimmen offenbar vor nichts, aber auch gar nichts zurückschrecken, um diese Agenda zu verfolgen. Hier eine Stimme aus der Tageszeitung Die Welt, die sicher für die italienische Politik nicht repräsentativ ist, aber gleichwohl aus Italien stammt:

 

Die Welt berichtet über einen in Italien wohl recht bekannten Komiker und Schauspieler namens Tullio Solenghi, der ein offenbar weit verbreitetes Video gepostet hat, indem er Eurobonds fordert.

 

Der Inhalt ist schnell erzählt, allein über die Keywords. Der geld- und finanzpolitisch mutmaßlich fachfremde Komiker (bei dem man sich fragt, wie oder durch wen er überhaupt auf die Idee kommt, sich mit Dingen wie Basispunkten, Spreads und Sovereigns zu befassen) bemüht zwei Weltkriege, den Holocaust mit sechs Millionen ermordeten Juden und einen angeblich weiterhin bestehenden Rassismus der Deutschen für seine Botschaft. Die Welt legt dar, dass dies „nur die radikale Spitze einer wieder anschwellenden Deutschenfeindlichkeit in Italien“ ist und zitiert weitere Stimmen aus dortigen Medien und Politik.

 

Es sei daran erinnert: Deutschland ist das das Land, dessen Steuerbelastung wie Renteneintrittsalter zu den höchsten in Euroland gehören, dessen Bürger umgekehrt über eines der niedrigsten (wenn nicht das niedrigste) Pro-Kopf-Vermögen verfügen und die mit ihren Steuern den maroden Laden namens EU seit Jahren, eher seit Jahrzehnten rechts klaglos über Wasser halten; das Land, das sich bei QE, ANFA und Target-II-Salden sehende Auges, aber wohlwollend über den Tisch ziehen lässt.

 

Auch dass Deutschland in der gegenwärtigen Lage, in dem jedes Land der Welt mit seinen Intensivbetten streng haushalten muss, schwerkranke Corona-Patienten aus Italien und Frankreich einfliegt, um hier deren Leben zu retten, ist nicht nur richtig und löblich und begrüßenswert, sondern dürfte derzeit auf dem Planeten eher der Ausnahmefall sein. Umso ekelerregender, was dieser Komiker dort von sich gibt.

 

Solche perfiden Stimmen wie die seine, ohne dass offenbar irgendjemand in der italienischen Politik sich bemüßigt fühlt, ihn zur Ordnung zu rufen, sind bestens geeignet, die Menschen in Euroland weiter auseinander zu treiben.

 

Ohnehin dürfte Deutschland in dieser Krise auch industriepolitisch unter Druck geraten. Ebenfalls schon vergangene Woche hatte Kassandra geunkt, dass gerade für Deutschland eine der üblen Langzeitfolgen dieser Krise ein nachhaltiger Schaden des Mittelstands sein könnte, des Rückgrats unseres Landes, das politisch ohnehin verwaist ist.

 

Hoffen muss man hier, dass eben dieser Mittelstand seine traditionellen Stärken einsetzen wird: seine Flexibilität, seine Innovationskraft, seine Ideenreichtum. Hier nur ein Beispiel des schnellen Umsteuerns aus einer Branche, die derzeit zu den am brutalsten getroffenen gehört – einfach, aber der zugehörige Bedarf ist die Krise sicher überdauernd.

 

 

Deutscher Bundestag (5. März): „Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Fraktion Die Linke – Fiskalische Entlastung durch Niedrigzinsen und Zinsgewinne.“

 

Seit Kassandra fast zeitgleich zu QE das Licht der Welt erblickte, unkt sie, dass die Staaten diese Schulden bei der EZB bzw. ihren eigenen Notenbanken niemals zurückzahlen werden, sondern die EZB sie eines Tages entweder sang- und klanglos abschreiben oder aber – etwas eleganter, faktisch das gleiche – von den Staaten mit 100- oder 200-jährigen zum Nullzins refinanzieren lassen wird. Das Super-Pig Deutschland wird hier vermutlich (und hoffentlich) keine Ausnahme machen.

 

Nun gibt es infolge der Kleinen Anfrage der Linken im Bundestag Größenordnungen für Deutschland: Von der Deutschen Bundesbank werden für die EZB inzwischen 27,6 Prozent aller Bundeswertpapiere gehalten.

 

Damit heißt faktisch der größte Gläubiger Deutschlands Deutschland – ein Phänomen, das mehr oder weniger schon seit Jahren für alle westlichen Industriestaaten gilt.

 

 

 

OFF TOPIC – TO WHOM IT MAY CONCERN

 

ORF (25. März): „Italien: Hohe Sterblichkeit vor allem ‚altersbedingt‘.“

 

Für Interessierte zur der Corona-Lage abseits der Finanzwelt, und die Lage bleibt unübersichtlich.

 

Wie der österreichische Rundfunk berichtet, haben römische Ärzte sich die Altersstruktur der Corona-Opfer in China und Italien genauer angesehen. Unterschiede gibt es, doch richtig ist, dass das Virus (wie die Grafik in dem Beitrag klar illustriert) zumindest derzeit hüben wie drüben offenbar in der Tat vornehmlich Menschen über 80 tötet.

 

Kassandra betont erneut, dass dies kein Trost ist. Ein Indiz für den Grad der realen Gefährlichkeit der Seuche ist das gleichwohl. Die Aussagekraft erhöhte sich, wenn man erstens genauer eruieren könnte, ob die Opfer MIT oder AN Corona gestorben sind und wie hoch die Sterblichkeit in der betreffenden Alterskohorte in den Corona-Clustern in Norditalien in normalen Zeiten ist bzw. inwiefern sich nun eine Übersterblichkeit entwickelt (jeder lokale Lebensversicherer sollte solche Zahlen ohne weiteres liefern können).

 

Dazu der in dieser Presseschau schon „traditionelle“ Blick auf den einstigen Corona-Super-Cluster Süd-Korea: Das 51-Mio.-Volk hatte vorgestern VIER Corona-Tote zu beklagen (bis dato insg. drei Tote pro 1 Mio. EW), offizielle Zahlen hier.

 

Daneben lohnt auch ein Blick auf Schweden, das bekanntlich einen unorthodoxen, nämlich entspannten Umgang mit der Problematik gewählt hat. Die offiziellen schwedischen Zahlen (die Schriftsprache ist für Deutsche halbwegs verständlich) hier.

 

Wenn man die schwedischen Zahlen mit 8 multipliziert, hat man den groben Vergleich mit den 83 Mio. Menschen in Deutschland. Teil der Wahrheit: Pro 1 Mio. EW i Sverige also mehr als doppelt so viele Tote wie bei uns (30 vs. 13) – bei halb so vielen Fällen (550 vs. 1.000), und das auch noch in dem kleinen Großraum Stockholm konzentriert. Hier dürften allerdings auch die unterschiedlichen Dunkelziffern zum Tragen kommen. Man darf gespannt sein, wie lange Schweden seinen Kurs durchhält.

 

Wie dem auch sei, es gibt in dem öffentlichen Diskurs in Deutschland mittlerweile auch seriöse Stimmen, die einen milden Verlauf der Seuche prognostizieren und die sich nicht mehr ohne weiteres als Verschwörungstheorien der Verharmlosung abtun lassen, da sie vornehmlich auf die erwähnte Altersstruktur der Todesopfer abstellen, die sich von der üblichen Letalität wenig unterscheide.

 

Auf der anderen Seite steht (neben der mglw. anziehenden Dynamik in Schweden) die gnadenlose Keule der Exponentialfunktion (für Nicht-Aktuare hier wunderbar veranschaulicht von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg; leider ist das Schachbrett eingangs falsch liegend dargestellt), die derzeit offenbar vor allem in den USA ihre volle Brutalität entfaltet. Und die, wenn sie so weitermacht, wohl bald alle Stimmen, die zur Entspannung raten, verstummen lassen wird.

 

Wie gesagt, die Lage ist unklar, und das sehen offenbar auch die Märkte so, die nicht so recht zu wissen scheinen, wo sie hinwollen. Einerseits die besonders in den USA wütende Exponentialkeule, die nun auch voll auf den hochsensitiven US-Arbeitsmarkt durchschlägt, andererseits ein Dow über 21.000 Punkten – das ist durchaus bemerkenswert.

 

 

Die Welt (2. April): „Plötzlich ändert das Robert-Koch-Institut seine Einschätzung zum Mundschutz.“

 

Zurich (1. April): „Mundschutz für alle. Zurich unterstützt Aktion #MaskeAuf!“

 

Endlich, mag man ausrufen, endlich denken Bundesregierung und RKI in der Frage der Maske um (vielleicht hat man dort ja Kassandra gelesen).

 

Denn: Jedes Mindern der Übertragungs-Wahrscheinlichkeiten hilft, die Exponentialkurve zu verflachen und damit das Gesundheitssystem vor Überlastung zu schützen. Und dazu können auch selbstgemachte Masken klar dienen (jedenfalls eher als das Rotzen in die Armbeuge, das nach wie vor die amtliche Empfehlung in Deutschland ist).

 

Was noch fehlt, ist ein konzertierter Aufruf von Regierung, Behörden, Verbänden, Arbeitgebern, Gewerkschaften, ÖPNV, Handelsketten etc.: Ohne Maske keine Teilnahme am öffentlichen Leben! Kein Zutritt zu Bus und Bahn, zum Arbeitsplatz, zum Arzt, zum Supermarkt…! Insofern geht die Initiative der Zurich klar in die richtige Richtung.

 

Außerdem hier für alle Leserinnen und Leser von LEITERbAV exklusiv ein geheimer Tipp, wo es noch Masken in Hülle und Fülle gibt, man darf halt nur nicht allzu wählerisch sein.

 



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