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Online aus Berlin


Lurse Round Table „Pension Asset Management“:

„In dieser Form noch nicht erlebt“

Die Inflation, die bAV und ihre Kapitalanlage bilden derzeit einen Komplex von besonderer Herausforderung – und das vermutlich für längere Zeit. Die Beurteilung der Lage und den grundsätzlichen Umgang mit der Problematik ließ ein Consultant neulich von Fachleuten diskutieren. Utta Kuckertz-Wockel war dabei und hat einige der prägnantesten Aussagen notiert.

13. Oktober 2022, erster virtueller Lurse Round Table „Pension Asset Management“. Ganz oben auf der Agenda: die Inflation und die daraus folgenden Herausforderungen für die bAV und ihre Kapitalanlage. Im Folgenden einige der prägnantesten Statements (alle im Indikativ der Referenten):

Gute reale Renditen nur in der Offensive

Christof Quiring, Fidelity.

Christof Quiring, Head of Workplace Investment der Fidelity International, hält den Impulsvortrag und erläutert, dass differenziert nach Leistungsbeziehern, Anwärtern und Sponsoren die Betriebsrentner am stärksten unter der Inflation leiden. Anwärter wiederum können weniger Geld für das Alter sparen, obwohl sie inflationsbedingt mehr zurücklegen müssten, wogegen die Sponsoren vor der Herausforderung stehen, die Kapitalanlagestrategie neu zu kalibrieren.

In Deutschland und den USA hat sich die Inflation in den zweistelligen Bereich entwickelt, und auch für das kommende Jahr ist mit einer Inflation im hohen einstelligen Bereich zu rechnen, berichtet Quiring. Hintergrund sind die Energiepreisentwicklung, aber auch die Konsequenzen aus der Pandemie, den unterbrochenen Lieferketten, den fiskalischen Rettungsschirmen und gestiegenen Löhnen.

Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Energiepreiserhöhung für die deutsche Wirtschaft (ohne staatliche Intervention) schätzt Fidelity auf ca. 170 Mrd. Euro oder 5% des BIP (2022 bis 2024). Bei den privaten Haushalten würde der Anteil der Energiekosten am Haushaltsverbrauch ohne staatliche Intervention von 5 auf 19% steigen.

Mit Blick auf die Wirkung der Inflation auf die Kapitalanlage kommt Fidelity zu dem Ergebnis, dass sich liquide Assets in einem inflationärem Umfeld negativ entwickeln. Bei einer Inflationsrate über 3% verlieren sowohl die Aktien- als auch die Bondsmärkte und damit ein typisches 60:40-Portfolio an Wert, zeigt Quiring auf. Über die kommenden zehn Jahre erwartet man eine Inflationsrate von durchschnittlich 3% und damit verbunden gute reale Gesamtrenditen nur bei den offensiveren Anlageklassen.

Zurück zum festen

Aus der Diskussion mit den 12 Round Table-Teilnehmern aus bedeutenden Investmenthäusern geht hervor, dass im Pension Asset Management eine starke Tendenz „Back to Fixed Income“ zu beobachten ist. Die Sponsoren nutzen die steigenden Zinsen zum Wiedereinstieg in festverzinsliche Investmentpapiere. Man istsich einig, dass die Anlagestrategie regelmäßig von den institutionellen Investoren zu überprüfen ist und eine moralische Verpflichtung zu einer chancenreichen Kapitalanlage besteht.

Über dem Ziel der EZB – und das Gebot der Stunde

Im Folgenden die Statements einiger Teilnehmer zu der Frage: Welche Konsequenzen hat die Inflation für die betriebliche Altersversorgung und das Pension Asset Management:

 

Matthias Grimm, Berenberg AM.

Bei nachhaltig höheren und volatileren Inflationsraten sollten die Ziele der Kapitalanlage stärker anhand realer Renditen ausgerichtet werden. Investoren sollten in diesem Umfeld mit einer dynamischen SAA einer erhöhten Unsicherheit begegnen und statische Konzepte sowie getroffene Annahmen überprüfen.“

Matthias Grimm, Head of Corporates & Pensions, Berenberg Asset Management

 

Michael Hennig, Swiss Life Asset Managers.

In Zeiten höherer Inflation sollte die Kapitalanlage der bAV mit stärker inflationsgeschützten Anlageklassen ausgestaltet sein. Neben den klassischen liquiden Anlageklassen ist die Investition in Real Assets wie Immobilien (indexierte Mietverträge) oder Infrastruktur ratsam, um einen Quasi-Inflationsschutz zumindest auf einen Teil des Portfolios zu haben und es damit weniger anfällig zu machen – damit die Berechtigten im Ruhestand ein selbstbestimmtes Leben führen können.“

Michael Hennig, Mitglied der Geschäftsleitung, Swiss Life Asset Managers Deutschland.

 

Sven Reuss, Commerzbank.

Steigende Zinsen als Reaktion auf steigende Inflation entlasten bilanzielle Verpflichtungen. Fixed Income wird als Investment wieder attraktiver. Analyse und mögliche Adjustierung bestehender Asset Diversifikation scheint derzeit das Gebot der Stunde.“

Sven Reuss, Head of Pensions & Solutions, Commerzbank AG.

 

Martin Stenger, Franklin Templeton.

Die bAV in Deutschland steht vor immensen Herausforderungen. Auch die leicht steigenden Zinsen können der galoppierenden Inflation nicht viel entgegensetzen. Eine harte Bruttobeitragsgarantie von 100% im Rahmen einer BZML ist kaum mehr darstellbar. Garantien in der Altersversorgung müssen daher neu bewertet und bedarfsgerecht gestaltet werden. Es sind zeitgemäße Garantien erforderlich, die Chancen in der Kapitalanlage eröffnen und gleichzeitig langfristig eine verlässliche und auskömmliche Versorgung im Alter bieten. Die Anlage in Sachwerte wie Aktien muss in Zukunft eine wichtigere Rolle spielen.“

Martin Stenger, Director Sales Business Development Insurance & Retirement Solutions Germany & Austria, Franklin Templeton International Services S.à r.l., Niederlassung Deutschland.

 

Heiko Teßendorf, AGI.

Neben der offensichtlichen Tatsache, dass der Wert des Angesparten real signifikant abgenommen hat, ist eine natürliche Folge der Inflation, dass die Sparquote der Arbeitnehmer fällt. Hier bedarf es zum einen, gezielte Anreize der Unternehmen, ihre Mitarbeiter weiterhin zu motivieren, Vermögen in der zweiten Säule aufzubauen. Zum anderen sollten in der Kapitalanlage reale Werte mit Inflationsschutz (Unternehmensbeteiligungen, Infrastrukturinvestments) stärker berücksichtigt werden.“

Heiko Teßendorf, CFA, Director, Head of Business Development Corporates & Family Office DE Institutional Clients – Allianz Global Investors GmbH.

 

Christof Quiring, Fidelity International.

Wir erleben aktuell Preissteigerungen, die die meisten von uns in dieser Form noch nicht erlebt haben. Die gute Nachricht: Die Inflation wird im nächsten Jahr sinken und in den folgenden Jahren deutlich zurückgehen – allerdings nicht auf das Niveau der vergangenen zwei Jahrzehnte. Wir werden künftig mit einer Inflation leben müssen, die über dem aktuellen Ziel der EZB liegt. Das hat signifikante Auswirkungen auf die Begünstigten der bAV und bedeutet, dass es für die Arbeitnehmer in Deutschland zukünftig noch wichtiger werden wird, eine gut gestaltete und gut ausgestattete bAV zu haben.“

Christof Quiring, Head of Workplace Investing, Fidelity International.

 

Raphael Horst, Lurse.

Die Bedeutung der aktuellen Inflationsentwicklung für die längerfristig zu erwartenden Kapitalanlageergebnisse hängt davon ab, ob es sich um ein temporär begrenztes Phänomen handelt. Entweder es normalisiert sich die Lage durch umsichtiges Verhalten aller Interessengruppen und einem baldigen Ende der treibenden Faktoren (Ukraine-Krieg, covidbedingte Störungen der Lieferketten etc.), oder es entsteht infolge einer Lohn-/Preisspiralen-Dynamik eine langfristige Beharrungsinflation mit negativen Auswirkungen auf Wachstum und Kapitalanlage.“

Raphael Horst, Investment Consultant, Lurse.

Utta Kuckertz-Wockel, Lurse.

Die Autorin ist Senior Managerin bei Lurse.

Von ihr und anderen Autorinnen und Autoren der Lurse sind zwischenzeitlich bereits auf LEITERbAV erschienen:

Lurse-Webinar am 7. Dezember:
Neugestaltung einer bAV nach Konzernausgliederung
von Utta Kuckertz-Wockel, 21. November 2023

Lurse Round Table „Frauen in der bAV“:
Update aus der Wilhelmstraße
von Utta Kuckertz-Wockel, 26. Juli 2023

Betriebliche Altersversorgung:
Ordnung ist das halbe ...
von Miroslaw Staniek. 5. Juli 2023

Lurse Round Table „Frauen in der bAV“:
Munter“ in das Jahr
von Utta Kuckertz-Wockel, 6. Februar 2023

Lurse Round Table „Pension Asset Management“:
In dieser Form noch nicht erlebt“
von Utta Kuckertz-Wockel, 12. Dezember 2022

Kostenloses Webinar zu Zeitwertkonten:
Viele Wege, keine Blaupause ...
von Utta Kuckertz-Wockel, 1. September 2022

Lurse Round Table Frauen in der bAV:
Viele offene Türen
von Utta Kuckertz-Wockel, 1. August 2022

Das BMAS zu Perspektiven in der Altersversorgung:
Es hat nicht an dem Gesetz gelegen“
von Utta Kuckertz-Wockel, 20. Juni 2022

In den Zeiten des Fachkräftemangels:
Multimediale bAV-Kommunikation stärkt Mitarbeiterbindung
von Adelheid Lanz, 24. März 2022

Rethinking Pension:
Inflation enteignet
von Utta Kuckertz-Wockel, 17. Februar 2022

Round Table Frauen in der bAV (II):Covid, Frauen, bAV ...
Corona vertieft Pension Gap
von Utta Kuckertz-Wockel, 12. Juli 2021

Round Table Frauen in der bAV (I):
Zwischen Eis und Pipeline
von Utta Kuckertz-Wockel und Isabel Noe, 8. Juni 2021

REthinking Pensions:
auch außerhalb eines Sozialpartnermodells
von Utta Kuckertz-Wockel und Matthias Edelmann, 8. Januar 2021

Studie: Das BRSG …
und der Verlauf der Entgeltumwandlung
von Miroslaw Staniek und Björn-Schütt-Alpen, 9. November 2020

 

Diskriminierungsfreie Sprache auf LEITERbAV

LEITERbAV bemüht sich um diskriminierungsfreie Sprache (bspw. durch den grundsätzlichen Verzicht auf Anreden wie „Herr“ und „Frau“ auch in Interviews). Dies muss jedoch im Einklang stehen mit der pragmatischen Anforderung der Lesbarkeit als auch der Tradition der althergerbachten Sprache. Gegenwärtig zu beobachtende, oft auf Satzzeichen („Mitarbeiter:innen“) oder Partizipkonstrukionen („Mitarbeitende“) basierende Hilfskonstruktionen, die sämtlich nicht ausgereift erscheinen und dann meist auch nur teilweise durchgehalten werden („Arbeitgeber“), finden entsprechend auf LEITERbAV nicht statt. Grundsätzlich gilt, dass sich durch LEITERbAV alle Geschlechter gleichermaßen angesprochen fühlen sollen und der generische Maskulin aus pragmatischen Gründen genutzt wird, aber als geschlechterübergreifend verstanden werden soll. Auch hier folgt LEITERbAV also seiner übergeordneten Maxime „Form follows Function“, unter der LEITERbAV sein Layout, aber bspw. auch seine Interpunktion oder seinen Schreibstil (insb. „Stakkato“) pflegt. Denn „Form follows Function“ heißt auf Deutsch: "hässlich, aber funktioniert".

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