Das Parkett in Bewegung (XXXII):

Gelber Riese, lila Riese, Portugiese

von Pascal Bazzazi, Berlin, 9. Februar 2021

Zwei wesentliche Positionen in der deutschen bAV sind heute betroffen: Einer der größten DAX-Konzerne verpflichtet für die Finance-Seite seines Pensionswesens einen neuen Chef, und einer der größten Pensions-Consultants verliert den Kopf seines Investment-Consultings. Und: Eine zentrale Persönlichkeit des europäischen Aufsichtswesens verabschiedet sich.

 

Jüngst erst vermeldete LEITERbAV Personalbewegung im Pensionswesen, und heute gibt es schon wieder Anlass hierzu:

 

Den Rhein aufwärts

 

Christian Mehlinger, Deutsche Post DHL.

Christian Mehlinger wird neuer Head of Group Pensions bei der Deutschen Post DHL und somit verantwortlich für die Finanzierung und Rechnungslegung der Pensionsverpflichtungen im Post-Konzern in Bonn.

 

Der 49 jährige Mathematiker und Finanzanalyst (DVFA) war seit 2001 bei der Heubeck AG in Köln als Seniorberater tätig und hatte sich in der Vergangenheit auf Fragen der internationalen Rechnungslegung (Globaler Aktuar) und Kapitalanlagethemen spezialisiert.

 

Mehlinger übernimmt mit Amtsantritt am kommenden Montag nicht nur die Position des mit Wirkung zum Jahresbeginn zum PSV-Vorstand bestellten Benedikt Köster bei dem Logistiker, sondern folgt ihm auch als Mitglied der Arbeitsgruppe Rechnungslegung bei Pensions Europe.

 

Die Deutsche Post DHL mit knapp 550.000 Mitarbeitern weltweit bilanzierte Ende 2019 eine DBO von 18,6 Mrd., ein Planvermögen von gut 13,75 Mrd. und demzufolge eine DBL von gut 4,8 Mrd. Euro.

 

Vom Consultant zum Asset Manager

 

Nigel Cresswell, Quoniam.

Nigel Cresswell wird – vorbehaltlich der behördlichen Zustimmung – zum 1. Juli 2021 CEO der Quoniam Asset Management GmbH in Frankfurt am Main. Aktuell verantwortet Cresswell bei Willis Towers Watson als Mitglied der deutschen Geschäftsführung das Investment-Geschäft in Kontinentaleuropa. Der derzeitige Quoniam-Chef Nikolaus Sillem werde nach einer geordneten Übergabe seine zukünftigen Schwerpunkte neu ausrichten, teilte der Asset Manager mit.

 

Cresswell ist auf dem Parkett wohlbekannt und altgedient: Der Aktuar und CFA Charterholder verfügt über mehr als 30 Jahre Erfahrung im Asset Management sowie im Investment Banking. Bei WTW hat er in über 12 Jahren (und über mehrere größere Merger hinweg) das Geschäft rund um ALM, Corporate Finance, Investitionen und Asset Allocation ausgebaut. Seinerzeit kam Cresswell von Morgan Stanley zu WTW.

 

Willis Towers Watson erklärte gegenüber LEITERbAV, dass Cresswells Positionen als Head of Investments Continental Europe und Head of Investments Germany neu besetzt und Cresswell seine Verantwortlichkeiten vor seinem Austritt im April an die Nachfolge übergeben werde.

 

Die Investmentboutique Quoniam verwaltet mit über 130 Mitarbeitern ein Vermögen von über 25 Mrd. Euro und sieht sich als ein Pionier des quantitativen Asset Managements. Quoniam ist ein partnergeführtes Unternehmen mit Fokus auf institutionelle Anleger in Deutschland wie im Ausland und Teil der Union Investment.

 

Von Frankfurt nach Lissabon

 

EIOPA-Chair Gabriel Bernardino im November 2013 in Frankfurt.
Foto: Maleki Group, Jochen Mueller.

Frankfurt, 4. Februar, zehnte Jahreskonferenz der EIOPA: Looking back to move forward: 10 years at the heart of insurance and pensions supervision in Europe“ ist die Rede betitelt, die der Chef der Behörde hält, Gabriel Rodrigo Ribeiro Tavares Bernardino.

 

Es ist eine Art Abschiedsrede. Denn LEITERbAV hatte es vergangenen September schon vermeldet: Im März wird der portugiesische Aktuar sein Amt turnusgemäß abgeben.

 

Erneut: Die Fußstapfen, die der 56jährige Lissaboner hinterlässt, sind keine kleinen. Wurde die neue Behörde hierzulande anfangs als „Eia-Popeia“ verspottet, wich dies schnell Respekt. Freundlich, verbindlich, heiter, dabei in der Sache zielstrebig und auch vor Brüssler Spitzengremien sattelfest, erwies sich Bernardino als Pionier, der stets genau wusste, was er wollte und die Behörde im Frankfurter Westhafen umgehend zu einem dynamischen, bienenfleißigen Akteur machte, der im europäischen Versicherungs- wie im Pensionswesen so manch regulatorischen Pflock einschlug.

 

Das gilt vor allem für die Herkules-Aufgabe (gemeinsam mit seinem Counterpart bei der Kommission, dem Löwener Professor Karel Van Hulle), für die Assekuranz das neue Regime von Solvency II in die Tat umzusetzen – was ungeachtet des katastrophalen Nullzinses bemerkenswert geräuschlos gelungen ist. Andererseits mussten die Pensionslandschaften Deutschlands, Großbritanniens, der Niederlande und weiterer bAV-affiner Staaten alle Kräfte bündeln, um zu verhindern, dass ein analoges System für betriebliche Versorgungswerke oktroyiert wird.

 

In der jahrelangen, teils mit harten Bandagen geführten Auseinandersetzung um die Frage, ob auch das Pensionswesen einer Regulierung à la Solvency II unterworfen werden sollte (mit der Gefahr, dass die Trägerunternehmen das ohnehin überschaubare Vergnügen an der bAV für ihre Belegschaften komplett verlieren), waren die Fronten klar: Auf Seiten der Befürworter standen als namhafte Akteure Frankreich und die Versicherungswirtschaft („Level Playing Field“), das EU-Binnenmarkt-Kommissariat unter dem Franzosen Michel Barnier, Teile des eher linken Flügels des Europäischen Parlamentes – und auch die EIOPA.

 

In Bernardinos vermutlich letzter Rede im Amt klingt das so:

 

On the occupational pensions side, the heterogeneity of the pensions’ landscape in the different member states created political difficulties in building a more harmonized European approach.“

 

Ob dieser Kampf endgültig entschieden ist – wer weiß das schon. Zuletzt, bei ORA, poppte die Befürchtung wieder auf, erwies sich aber wegen der klaren Haltung der BaFin als unbegründet. Klar ist aber auch, dass mit dem EU-Austritt des Vereinigten Königreiches die Tektonik auch im Pensionswesen sich derart verschiebt, dass der Kampf von damals für die europäische bAV von dieser heute (und vielleicht morgen) ohne die Briten wohl kaum zu gewinnen wäre.

 

In seiner Frankfurter Rede nannte Bernardino jedenfalls – neben dem Wunsch nach einer stärkeren, zentralen europäischen Aufsicht zu Lasten der nationalen Behörden – als eine künftige Aufgabe seiner Behörde:

 

Create an optional pan-European framework for Occupational pensions in order to benefit from economies of scale in the single market.“

 

Wie dem auch sei, Bernardinos unzweifelhafter Verdienst ist es, dass die Europäische Union heute über eine Versicherungs- und Pensionsaufsichtsbehörde verfügt, die alles andere als nur irgendeine weitere der zahlreichen EU-Bürokratie-Apparate ist, sondern ein Akteur, an dessen Ernsthaftigkeit niemand zweifelt. Daran wird sich sein Nachfolger messen lassen müssen.

 

Und an seinem Blick auf das europäische betriebliche Pensionswesen und die Arbeitgeber als dessen essentielle Akteure auch.

 

Die gesamte Frankfurter Rede Bernardinos findet sich hier.



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