Von Weichen, Vola und Risikokapital:

„Flexible Anlagepolitik, hohe Diversifikation“

von Pascal Bazzazi, Berlin, 19. Juni 2018

Vergangene Woche hat LEITERbAV über den BVV und sein Geschäftsjahr 2017 berichtet. Der Verein hat ein gutes Anlageergebnis erzielt. Grund genug, nach mehr Details zu fragen. Mit Rainer Jakubowski sprach Pascal Bazzazi.

 

 

Herr Jakubowski, zunächst zu Ihrem Haus: Der BVV hat im Vorjahr die Ergebnisse des Jahres 2016 übertroffen. Die Nettoverzinsung lag bei 4,3 Prozent. Sind Sie mit dem Wert zufrieden, und reicht er zu Deckung Ihrer passivseitigen Anforderungen?

 

Mehr wäre immer gut, aber Scherz beiseite: Grundlage für den guten Geschäftsverlauf des BVV im Jahr 2017 war die positive Entwicklung an den Finanzmärkten. Trotz Niedrigzinsumfeld ist es uns auch in diesem Jahr wieder gelungen, ein attraktives Ergebnis für unsere Versicherten und Rentner zu erwirtschaften. Die Nettoverzinsung von 4,3 Prozent war ausreichend, um die passivseitigen Anforderungen zu erfüllen, die solide Kapitalausstattung, die der BVV in den vergangenen Jahren aufgebaut hat, deutlich zu stärken und damit die Stabilität und Leistungsfähigkeit des Unternehmens weiter auszubauen.

 

 

Wie haben Sie diese Verzinsung in dem schwierigen Umfeld erzielt? Kommen die Erträge wie 2016 weiterhin aus volatilen Anlagen, und wie gehen Sie damit um? Bevorzugen Sie weiterhin Private Debt …

 

Der Anteil des Direktbestandes hat 2017 bei uns erstmals die Marke von 50 Prozent unterschritten. Die in den Vorjahren bereits betriebene konsequente weitere Diversifikation des Portfolios hat sich in den Ergebnisbeiträgen 2017 ausgezahlt und wird im kommenden Jahr fortgeführt. Und ja, der Ausbau der alternativen Zinsanlagen im Bereich der Finanzierungen, also Private Debt, steht unverändert auf der Agenda. Der forcierte Portfolio-Aufbau der vergangenen Jahre führte zum Jahresende 2017 bereits zu einem investierten Volumen von rund sechs Prozent des Portfolios und zu einer Stabilisierung der Ertragskraft. Die Suche nach Rendite treibt jedoch viele Anleger in diese Richtung, und einige Marktsegmente weisen auch hier hohe Bewertungen auf. Insofern können die Investments nur noch selektiv verstärkt werden.

 

 

… und Private Equity sowie Aktien?

 

Die Investments in aktienorientierten Strategien haben wir weiter ausgebaut. Die aufsichtsrechtliche Aktienquote betrug zum Jahresultimo 2017 mehr als zehn Prozent. Aufgrund der breiten Diversifikation, der Nutzung taktischer Elemente sowie Absicherungsstrategien und der vollen Anrechnung auch marktneutraler Strategien wird damit das tatsächliche Aktienexposure jedoch deutlich überzeichnet. Auch in den illiquiden Asset-Klassen Immobilien, Infrastruktur und Private Equity sind seit Jahren Programme etabliert, die tendenziell zu weiteren Neuinvestments in diesen Bereichen und damit zu einem wachsenden Portfoliogewicht führen werden. Die Reife der Programme und das attraktive Marktumfeld führen jedoch auch vermehrt zu Realisationen, sodass die Allokation insgesamt langsamer ansteigen wird.

 

 

Als wir vor einem Jahr gesprochen haben, erwähnten Sie die Problematik der damit einhergehenden Vola.

 

Insgesamt haben wir die Weichen gestellt, um auch langfristig ein adäquates und attraktives Ertragsniveau des Anlageportfolios zu sichern. Der Preis für diese Schritte ist jedoch in der Tat ein höheres Maß an Volatilität und damit eine erheblich geringere Planbarkeit der Erträge und damit der Gewinn- und Verlustrechnung sowie die Notwendigkeit zur Bereitstellung von Risikokapital. Eine flexible Anlagepolitik in Verbindung mit hoher Diversifikation werden Kernelemente unserer Strategie für das Jahr 2018 bleiben. Sofern sich Möglichkeiten ergeben, hat die Stärkung des zinstragenden Direktbestandes hierbei uneingeschränkt Priorität.

 

 

Der BVV als regulierte PK muss keine ZZR bilden. Sie tun das freiwillig trotzdem. Warum?

 

Wie Sie wissen, hat der BVV auf Grundlage eines Maßnahmenkataloges in den letzten Jahren gemeinsam mit dem Aufsichtsrat kontinuierlich Maßnahmen beziehungsweise Handlungsoptionen entwickelt, die im anhaltenden Niedrigzinsumfeld zu Entlastungen auf der Verpflichtungsseite und zur Stärkung der Vermögenserträge führen sollen. Zuletzt haben die BVV-Mitgliederversammlungen im Jahr 2016 über die Reduzierung der Rentenfaktoren in den so genannten Alttarifen Beschluss gefasst. Ein Großteil der Mitgliedsunternehmen hat die Kompensation des Effektes der Senkung der Rentenfaktoren durch entsprechende Mehrbeiträge beschlossen und damit bereits einen substanziellen Beitrag zur Stärkung des BVV geleistet. Das Geschäftsjahr 2017 zeigt, dass sich der BVV bezüglich der erwirtschafteten Kapitalerträge unter den aufsichtsrechtlichen Restriktionen gut aufgestellt hat. Aufgrund der gegebenen Volatilität in den Investmentfondsanlagen, über die wir gerade gesprochen haben, kann es jedoch einzelne Jahre geben, für die die Notwendigkeit besteht, Risikokapital vorzuhalten. Es ist Anspruch des BVV, dies aus eigener Kraft zu tun. Und es ist für den BVV wichtig, dass für seine „Stakeholder“ deutlich und transparent wird, dass innerhalb der Verlustrücklage eine Reserveposition oberhalb der aufsichtsrechtlich gebotenen Mindestkapitalausstattung aufgebaut wird, die die erhöhte Volatilität der Vermögensanlage im gegenwärtigen Kapitalmarktumfeld adressiert. Dieser „Puffer“ in der Verlustrücklage soll das Erfordernis zum Ausgleich eines Jahresfehlbetrages in einzelnen „Katastrophenjahren“ adressieren. Er unterstreicht, dass kein Eingriff in das Beitrags-Leistungsverhältnis erfolgen darf und soll.

 

 

Kommen wir zur Lage im Allgemeinen: Wie bewerten Sie die gegenwärtige öffentliche Diskussion um die Lage der Pensionskassen?

 

Pensionskassen medial an den Pranger zu stellen, wird der erfolgreichen Arbeit der meisten dieser Einrichtungen in einem extrem herausfordernden Umfeld nicht gerecht und kann der betrieblichen Altersversorgung insgesamt nur schaden. Gerade der BVV bindet seine Mitglieder in sämtliche unternehmensrelevanten Entscheidungen transparent ein. bAV lebt von Vertrauen. Nur wenn dies sichergestellt ist, funktioniert eine jahrzehntelange Partnerschaft von Versicherten und Versorgungseinrichtung. Dieses Vertrauen wird durch die aktuelle Berichterstattung jedoch beschädigt und konterkariert die Bestrebungen des Gesetzgebers, den Durchdringungsgrad der bAV nennenswert zu erhöhen. Persönlich wichtig erscheint mir auch die Erinnerung daran, dass die Krise, die als Reaktion der EZB und der Politik das extreme Niedrigzinsniveau und erhöhten regulatorischen Druck ausgelöst hat, ohne jegliches Zutun von Einrichtungen der bAV ausgebrochen ist. Das ist in der öffentlichen Diskussion heute vergessen und hätte in der aktuellen medialen und parlamentarischen Auseinandersetzung mit dem Thema, die die namentliche Nennung einzelner Institutionen nicht scheut, eine adäquate Berücksichtigung verdient. Für den BVV lässt sich konstatieren, dass wir in diesem nach wie vor herausfordernden Zinsumfeld frühzeitig gemeinsam mit unseren Versicherten und in enger Abstimmung mit der BaFin die schon erwähnten Weichen gestellt haben. Ein Ergebnis ist beispielsweise besagte schrittweise Anpassung der strategischen Asset Allocation.

 

 

Noch kurz zu den Märkten. In den USA steigen die Zinsen, in Euroland nicht. Nutzen Sie eigentlich verstärkt das außerhalb des Eurolandes höhere Zinsniveau, namentlich im USD-Raum? Oder lohnt das wegen des notwendigen Hedges nicht?

 

USD-Engagements sind für uns als Euro-Bilanzierer im Rahmen unserer Kapitalanlagestrategie dynamisch abzusichern. Mit entsprechendem Auftrag binden wir seit Jahren spezialisierte Währungsmanager ein. Richtig ist allerdings, dass man im gegenwärtigen Währungsumfeld im Rahmen der turnusmäßig anstehenden Strategieüberprüfung USD-Engagements hinterfragen muss.

 

 

Während wir hier – es ist Ende Mai – sprechen, kommt von der politischen Seite, vor allem infolge der turbulenten Regierungsbildung in Italien, Druck auf die Kapitalmärkte. Welche Folgen könnte die Entwicklung nicht zuletzt für die EZB-Geldpolitik haben? Bereiten Sie sich gar auf eine neue Krise vor?

 

Selbstverständlich beschäftigen wir uns fortwährend mit möglichen krisenhaften Entwicklungen, die die Kapitalmärkte treffen können. Hier war 2017 glücklicherweise weniger herausfordernd, als es das Jahr 2018 gemessen an den bisherigen Entwicklungen zu werden scheint. Erlauben Sie es mir bitte, gerade vor dem Hintergrund der vielen zu bewältigenden Herausforderungen der vergangenen Dekade für Kapitalanleger, mir Kommentare zu den bizarren politischen Entwicklungen der jüngeren Vergangenheit – damit meine ich ganz aktuell Brexit, Trump und die italienische Regierungsbildung – zu verkneifen. Wenn Sie aber die EZB schon erwähnen: Ich gehe davon aus, dass diese mit aller Kraft wirklich gefährliche Entwicklungen im Heimatland ihres Präsidenten schon zu verhindern weiß.

 

Rainer Jakubowski und Pascal Bazzazi im Gespräch in den Räumen des BVV am Berliner Kurfürstendamm.







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