Kassandra - Die kommentierte Presseschau zur bAV:

Tannhäuser Gate in Obervolta

von Pascal Bazzazi, Bonn, 4. März 2022

Unregelmäßig freitags bringt LEITERbAV eine kommentierte Presseschau zur bAV.

 

Heute: Tannhäuser Gate in Obervolta. Was Love und War gemeinsam haben. Und kein Plan übersteht den ersten Kontakt mit dem Gegner.

 

 

 

Die Welt (2. März): Rekordinflation: „Wir sehen eine starke Verteilung weg von den Bürgern, hin zum Staat.“

 

Hier und heute geht es mal wieder um Geldpolitik und Nullzins, doch kann dies nicht erfolgen, ohne die prekäre politische Lage zu bewerten.

 

Zunächst: Russlands Präsident lernt nun offenbar eine Ur-Clausewitz’sche Lektion, die schon viele Polit-Feldherrn in der Geschichte vor ihm lernen mussten – nämlich die von den berühmten „Friktionen“, auf Neudeutsch heißt das: „Kein Plan übersteht den ersten Kontakt mit dem Gegner.“

 

Wie praktisch für den Chronisten, wenn er Lage und Perspektive gar nicht selbst mit eigenen Worten bewerten muss, sondern dies Dritte in der Literatur- und Kulturgeschichte schon längst getan haben. Fahren wir also damit fort. Achtung: Alle Zitate aus dem Kopf rekapituliert. Keine Gewähr für die Richtigkeit der Zitatgeber, Korrekturen gern an: Redaktion@LbAV.de

 

Was Russlands Präsident Vladimir Putin offenbar unterschätzt hat:

 

 

Der Krieg hat seine eigene Grammatik, aber nicht seine eigene Logik.“

– Carl v. Clausewitz –

 

 

 

Was Putin am Tag vor dem Angriff gedacht hat angesichts der Tatsache, dass sein (geostrategisch vergreisendes) Land sich in diesen Jahren in einem kleinen, schließenden Zeitfenster befindet, in dem es gegenüber den USA einen gewissen technologischen Vorsprung bei Hyperschall-Trägersystemen hat (und nur dort):

 

 

Doch der den Augenblick ergreift:

Das ist der rechte Mann.“

– Mephistopheles im „Faust – der Tragödie erster Teil“ –

 

 

 

Und was er in der Nacht vor dem Angriff gedacht hat:

 

 

Full of Scorpions is my Mind.“

– Macbeth –

 

 

 

Und was er jetzt gerade denkt angesichts der „Friktionen“ seines Feldzuges:

 

 

The Night is long that never finds the Day.“

– Malcom im “Macbeth” –

 

 

 

Im Gegensatz dazu die Haltung der verzweifelt, aber umso bemerkenswerter Widerstand leistenden ukrainischen Militärs (das vermutlich schon in viel größerem Maße militärischen West-Standard adaptiert hat als von Russland erwartet):

:

 

 

When all is one and one is all:

to be a Rock – and no to roll.“

– Robert Plant in „Stairway to Heaven“ –

 

 

 

Wie daher die weitere konventionelle Strategie des nun unter massivem Stress stehenden Russland zur Überwindung des stockenden militärischen Vorankommens aussehen dürfte:

 

 

Viel hilft viel.“

– unbekannt, vermutlich Kölner Anabolika-Szene –

 

 

 

Gepaart mit der Tatsache, dass Russland politisch schon „all in“ gegangen ist und nun dies auch militärisch tun muss:

 

 

Das eben ist der Fluch der bösen Tat, dass sie, fortzeugend, immer Böses muss gebären.“

– Wallenstein –

 

 

 

Bleibt die Frage, wie überhaupt die russischen Kriegsziele abseits des Militärischen aussehen und ob man im Kreml ernsthaft glaubte, die Ukraine jemals so beherrschen zu können wie die totalitäre Sowjetunion, ohne aber die totalitäre Sowjetunion zu sein. Vermutlich so:

 

 

Die Tugend muß durch den Schrecken herrschen.“

– Robespierre in „Dantons Tod“ –

 

 

 

All das war aber zu ahnen, denn eine treffende Analyse der Sowjetunion als geostrategische Macht erfolgte schon in den 70er Jahren, die im Prinzip wenig an Richtigkeit und Gültigkeit in Bezug auf das heutige Russland eingebüßt hat:

 

 

Ein Obervolta mit Atomraketen“. 1

– Helmut Schmidt –

 

 

 

Stellt sich also die Frage nach den Möglichkeiten Russlands zu einem schnellen, gesichtswahrenden Rückzug, jedoch gilt leider:

 

 

It’s easier to get into something than out of it.“

– Donald Rumsfeld –

und

 

Love is like war: easy to start, difficult to end.“

– unbekannt, aber ganz sicher nicht Donald Rumsfeld –

 

 

 

Was dementsprechend Putin jeden Abend vor dem Einschlafen denkt (falls er angesichts der Lage überhaupt noch schläft):

 

 

…die Not ist groß!

Die ich rief, die Geister,

werd‘ ich nun nicht los.“

– der Zauberlehrling –

 

 

Sonst hilft wohl nur noch beten:

 

 

I’m counting on you, Lord, please don’t let me down.“

– Janis Joplin in „Mercedes Benz” –

 

 

 

 

Könnte Russland denn nicht einfach Schluss machen? Ohne sich zu blamieren? Vielleicht ja. Jedenfalls Kassandras Rat an Putin, was er der russischen Öffentlichkeit erzählen könnte, würde er diesen elenden, vermutlich ausweglosen Krieg doch schlicht und ergreifend unverzüglich abbrechen:

 

 

Warum soll ich heut’ nicht klüger sein als gestern?

– unbekannt, möglicherweise Konrad Adenauer –

 

 

 

Grundsätzlich zu der Rolle der beteiligten Völker und Soldaten:

 

 

Krieg ist, wenn junge Männer, die sich nicht kennen und nicht hassen, sich gegenseitig umbringen, weil alte Männer, die sich kennen und hassen, sich aber nicht gegenseitig umbringen, es so wollen.“

– unbekannt –

 

 

 

Allerdings geht es ja nicht nur um die Frontsoldaten. Denn jeden von denen hat jemand zur Welt gebracht, und für die gilt aus der Zeit des ersten Weltkrieges:

 

 

Nur die Mütter weinten

hüben – und drüben.“

– Bertold Brecht in „Moderne Legende“ –

 

 

 

Schließlich auch zu der Art der Kriegsführung, wenn man den Berichten Glauben schenken darf:

 

 

Er nennt’s Vernunft und braucht’s allein

nur tierischer als jedes Tier zu sein.“

– Mephistopheles im „Faust – der Tragödie erster Teil“ –

 

 

 

Was man in der Ukraine über die Bündnistreue der westlichen Staaten denkt:

 

 

Des rühme der blut’ge Tyrann sich nicht,

daß der Freund dem Freunde gebrochen die Pflicht.“

– Damon in der „Bürgschaft“ –

 

 

 

Was man dagegen im Westen über die Kämpfenden denkt:

 

 

Sie streiten sich, so heißt’s, um Freiheitsrechte.

Genau besehn sind’s Knechte gegen Knechte.“

– Mephistopheles im „Faust – der Tragödie zweiter Teil“ –

 

 

 

Und wie es sich manche, nicht wenige, dabei äußerst einfach machen:

 

 

Immer glauben, nur nicht denken,

und das Mäntelchen im Wind.

Wozu noch den Kopf verrenken,

wenn wir für den Frieden sind.“

– Kurt Bartsch –

 

 

 

In den USA hat man auf die Dinge wie stets einen viel pragmatischeren Blick auf die Dinge als im ewigen Streberland Deutschland. Zu der Tatsache, dass die USA in ihrer üblichen, ganz eigenen Nonchalance den Energiesektor aus dem Sanktionspaket ausgenommen haben (es ist wohl hoffentlich jedem klar, wer hier mit Ochse gemeint ist):

 

 

Quod licet Iovi, non licet bovi.“

– ignotus –

 

 

 

 

Das passt dazu, dass die USA schon jetzt, fast egal wie die Sache weitergeht, erster Profiteur dieser betrüblichen Entwicklung Europas sind (s.u.). Der USD tendiert derzeit nicht umsonst langsam, aber stetig Richtung pari. Man sollte aus einem stärkeren USD gegenüber dem Euro übrigens nicht fälschlich ableiten, dass sich an folgendem alten Gesetz betreffend den Greenback in seiner Wirkung auf Europa irgendetwas ändern würde; prägnant in Worte gefasst von einem Texaner, der Anfang der 70er Finanzminister unter Richard Nixon war (und übrigens zehn Jahre zuvor auf dem Beifahrersitz eines offenen Cabrios saß, welches an einem Novembertag 1963 um 1 p.m. nachmittags durch Dallas, Tx fuhr):

 

Unsere Währung, euer Problem.“

– John Conally –

 

 

Dabei sollte man im Westen wissen, dass es in Politik und Krieg nur selten schwarz und weiß gibt:

 

 

“We got a wall in D.C. to remind us all

that you can’t trust Freedom

when it’s not in your Hand

when everybody’s fightin’

for their promised Land.”

– Axel Rose in „Civil War“ –

 

 

 

Und für die, die denken hinter all dem stecke ein Machtfaktor (vor dem zugegebenerweise schon Dwight D. Eisenhower zum Ende seiner Amtszeit Ende der 50er Jahre ausdrücklich gewarnt hat):

 

 

Government is the Entertainment Division of the military-industrial Complex.“

– Frank Zappa –

 

 

 

Zu der Gefahr versehentlicher, aber eskalativer Zusammenstöße auf unterer operativer Ebene, sollten Forderungen nach dem Einrichten einer westlichen Flugverbotszone über der Ukraine für russische Maschinen allen Ernstes Realität werden:

 

 

99 Düsenflieger, jeder war ein großer Krieger, hielten sich für Captain Kirk, es gab ein großes Feuerwerk.“

– Nena Kerner –

 

 

 

Doch sollte wirklich der erste US-Pilot in seine elegante F-35 Joint Strike Fighter steigen müssen:

 

 

I’m guided by the beauty of our weapons.“

– Leonard Cohen in „First we take Manhattan, then we take Berlin“ –

 

 

 

Überhaupt, die Waffenlieferungen an die Ukraine durch den Westen, der aber trotzdem in gewisser Ambivalenz darauf beharrt, keine Konfliktpartei zu sein. Manche sehen diese militärische Unterstützung als Mittel zu Frieden:

 

 

Peace in our Time.“

– Arthur Neville Chamberlain 1938 nach München –

 

 

 

 

Manche halten das für das genaue Gegenteil:

 

 

…putting out Fire with Gasoline.“

– David Bowie in „Cat Poeple“ –

 

 

 

Zu der Gefahr, dass die europäischen Regierungen trotz des an sich einfach antizipierbaren Katatrophenszenarios analog zum Sommer 1914 tumb in den ganz großen Krieg taumeln könnten:

 

 

Geschichte wiederholt sich nicht. Aber sie reimt sich zuweilen.“

– Mark Twain –

 

 

 

Doch genau das könnte passieren, denn angesichts der Lage und des Umgangs mit ihr durch die Verantwortlichen ist heute noch so gültig ist wie in den 50er Jahren:

 

 

Die Atomkraft hat alles verändert – außer unsere Art zu denken.“

– Albert Einstein –

 

 

 

 

Zu Regierenden, die gleichwohl glauben, sie könnten völlig autonom handeln und hätten die Lage unter Kontrolle:

 

 

Was sind wir Großen auf der Woge der Menschheit? Wir glauben sie zu beherrschen, und sie treibt uns auf und nieder, hin und her.“

– Regentin im „Egmont“ –

 

 

 

 

Überhaupt die Politik heute. Man könnte meinen, dass wir vor Ende des Kalten Krieges ja ständig unter der atomaren Bedrohung gelebt haben, doch ist die Situation nicht die gleiche. Damals war die Lage statisch, und die Krisenmanager im Amt hießen Helmut Schmidt, Helmut Kohl, Francois Mitterrand oder Cyrus Vance. Heute ist die Lage äußert dynamisch-instabil, es wird bereits in Europa geschossen, und die obersten Krisenmanager und Krisenmanagerinnen sind andere. Da drängt sich dem Chronisten v.a. mit Blick auf Brüssel zuweilen der Eindruck auf:

 

 

Mit Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens.“

– Talbot in der „Jungfrau von Orleans“ –

 

 

 

Putin am Ende seines Lebens auf die Frage seines Autobiographen, was für ihn das Schlimmste an diesem Krieg war:

 

 

Daß wir ihn verloren haben.“

– Ernst Jünger –

 

 

 

Aber wenn es doch noch zum Frieden kommt? Weil der Westen etwas anbietet? Ukraine-Neutralität? Donbass? Was dann? Europa bleibt auf Jahre zerrissen wie seit 1945 nicht, Russland als Paria des Kontinents – und angesichts der üblichen umfassenden TotalMoralVerurteilungen in unseren Gesellschaften alle russischen Menschen gleich mit? Dann ist ja man fast geneigt zu sagen:

 

 

 

Genießt den Krieg, der Frieden wird fürchterlich.“

– unbekannt, Deutschland um 1944 –

 

 

 

 

Andersherum: Zu der – wirklich gefährlichen und wahrlich nicht unwahrscheinlichen – Perspektive, dass der massiv unter Stress stehende Kreml angesichts der stockenden Militäroperationen mangels Exit-Strategie (s. Rumsfeld) die atomare Karte ziehen könnte und die kleinen Staaten der weichen NATO-Ostflanke mit taktischen Atomwaffen erpresst (z.B. zum NATO-Austritt), ohne die USA direkt angreifen zu müssen, und so die NATO an die Glaubwürdigkeitsgrenze bringt:

 

 

Der Atomkrieg ist begrenzt führbar.“

– Ronald Reagan –

 

 

 

Wenn gerade eben dies für Russland beizeiten die letzte und nicht einmal komplett irrationale – Option sein könnte:

 

 

Der Wahnsinn hat Methode.“

– Polonius im „Hamlet“ –

 

 

 

Wenn aber dann im Fortgang tatsächlich schließlich Irrationalität über die Rationalität obsiegen sollte:

 

 

… der schrecklichste der Schrecken,

das ist der Mensch in seinem Wahn.“

– Die Glocke –

 

 

 

Und was spätestens dann für alle gilt, die denken, das gehe sie alles nichts an:

 

 

Vielleicht hast du kein Interesse am Krieg – aber der Krieg hat ein Interesse an dir.“

Leon Trotzki

 

 

 

Für den Fall einer solchen Eskalation werden die Historiker eines Tages zurückblicken und sich die Augen reiben so, wie sie sich heute noch die Augen reiben über den Sommer 1914:

 

 

Oft große Flamm’ von Fünklein kam.“

– Ulrich v. Hutten –

 

 

 

Das hieße also im Zweifel:

 

 

Die Elemente sind mit uns verschworen,

Und auf Vernichtung läuft’s hinaus.“

– Mephistopheles im „Faust – der Tragödie zweiter Teil“ –

 

 

 

Und wenn das alles schief geht, dann lautet die vorletzte Äußerung der europäischen Menschheit:

 

 

I’ve seen things you People wouldn’t believe. Attack Ships on Fire off the Shoulder of Orion. I watched C-beams glitter in the Dark near the Tannhäuser Gate. All those Moments will be lost in Time, like Tears in Rain. Time to die.

– Rutger Hauer im “Blade Runner“ –

 

 

 

und die letzte:

 

 

…the Rest is Silence.“

– Hamlet –

 

 

 

Für die dafür Verantwortlichen gilt dann:

 

 

Im Abgrund der Geschichte ist Platz für alle.“

Paul Valéry –

(franz.: „Dans le gouffre de l´histoire, il y a de la place pour tout le monde.“)

 

 

 

Doch bevor es soweit kommt, wenn gar nichts mehr geht und die atomare Eskalation unausweichlich ist, hier Kassandras Rat, was Außenministerin Annalena Baerbock den Beteiligten als letzten Rettungsversuch, quasi als Einladung zu einem letzten Runden Tisch in Berlin zusammenzukommen (gern in der Prenzlauer Allee 216), zurufen sollte:

 

 

Bierflaschen muss man aufmachen, Gefühle muss man zulassen.“

– Robert Gernhardt –

 

 

 

Soviel zur Beurteilung der Lage nicht mit eigenen Worten, sondern mit denen Dritter. Doch après tant de culture: Was heisst das für die internationale Geldpolitik und die Optionen der Zentralbanken:

 

Zunächst Nordamerika: Die USA als raumfremder Akteur sind geostrategisch wie oben erwähnt schon jetzt der große Gewinner der Entwicklung – sei es als Schutzmacht Europas, sei als Waffen- und LNG-Exporteur. Nordamerika, ohnehin in beneidenswert besserer Geolage als Europa (demographisch, geographisch, technologisch, ökonomisch, militärisch, diplomatisch…) hat weiter die grundsätzliche Option, auch in diesen Zeiten auf konventionelle Weise aus der Nullzinspolitik auszusteigen – wenn auch nur langsam, schonend und mit viel Geduld. Immerhin: Bisher hat die FED ungeachtet der Krisenlage auch nur wenig Abstriche an ihren Tapering-Plänen gemacht.

 

Und wie ist die Lage im (wie Russland ebenfalls vergreisenden und geostrategisch zurückfallenden) Euroland? Um dessen Lage zu beurteilen, muss man kein Einstein sein. Das Verhältnis zum großen Nachbarn im Osten ist für Jahre zerstört, der Riss quer durch Ost-Europa schon jetzt total, Hass gesät für Jahrzehnte, die eigenen Sanktionen belasten sehr, die Inflation zieht weiter an – ganz zu schweigen von dem geschilderten Eskalationspotential.

 

Kassandra jedenfalls führt seit zig Jahren aus, dass die EZB die Option der Geldmengenverknappung nicht hat (weil Staatshaushalte, Real- und Finanzwirtschaften Eurolands längst viel zu drogenabhängig von dem ständig neuen Geld sind, und weil dieses neue Geld die einzige strategische Antwort ist, die Deutschland und Euroland auf ihre prekären Multi-Problemlagen haben). Das war so, bevor es Corona gab, und das war so, bevor der Krieg im Osten ausbrach. Und wie schon vergangene Woche erläutert, ist es angesichts der unbewältigten Corona-Lage und v.a. im Schatten des großen europäischen Krieges offenkundig unwahrscheinlicher denn je, eher unmöglicher denn je, dass die EZB die Zinsen nur einen Deut erhöht. Sie konnte es vorher nicht, und sie kann es jetzt erst recht nicht. Der grundsätzliche Unterschied ist nur: Jetzt hat sie mit dem Krieg eine Entschuldigung für ihr Nichthandeln, und das ist eine, die man schlecht widerlegen kann.

 

Das wahrscheinliche Szenario für die weitere Entwicklung ist kein Geheimnis, teils zeigen die Märkte schon deutlich in die Richtung: realer Wachstumsrückgang mit kräftig weiter anziehender Inflation, also Stagflation, außerdem US-Dollar und Nachbarwährungen sowie Edelmetall und Rohstoffe long (besonders die Russland-lastigen), Euro und EM Local Currency short.

 

Apropos Euro short: Hinzu kommt, dass man sich als Beobachter zuweilen schon fragt, ob man im Frankfurter Ostend überhaupt in der Lage ist, die Situation zu überschauen, kommende Entwicklungen zu antizipieren und ob ausreichend kompetentes Personal im Amt ist. Zitat aus dem verlinkten Welt-Artikel:

 

EZB-Vizechef Luis De Guindos nannte die frischen Preisdaten aus der Euro-Zone eine ‚negative Überraschung‘“

 

Wie bitte? Der spanische Herr ist überrascht von der anhaltenden Inflation? Überrascht von einer Geldentwertung, die in seinem Heimatland für jede Rentnerin längst zum Alltag gehört? Und das sagt er auch noch offen?

 

Wenn man weiss, dass es zur Kernkompetenz von Notenbankern rund um den Globus gehört, erstens geldpolitische Entwicklungen zu antizipieren (bitte – von der gegenwärtigen Inflation überrascht zu sein, das muss man erstmal schaffen) und zweitens mit zurückhaltenden Worten die Wirtschaftssubjekte klug wie sanft zu steuern, dann betätigt der Vorgang die Kassandrische These von den Fehlbesetzungen im Frankfurter Ostend. Deutlicher kann die EZB kaum kommunizieren, dass sie längst die Kontrolle über die Entwicklung verloren hat und seit einer Dekade nichts anderes ist als Gefangene des eigenen Handelns. Es gilt nach wie vor: Abgerechnet wird, wenn die Zinsen ungeplant steigen.

 

Zum Schluss wieder Kultur. Ein Buchtipp. Das Werk kann jedem Literaturinteressierten nur empfohlen werden.

 

Edgar Neis: Der Krieg im deutschen Gedicht.

 

Es ist allerdings nicht mehr leicht zu kriegen. Eines befindet sich in dem Eigentum des Chronisten, eines in dem von Andreas Hilka, und den Rest kauft die Redaktion gerade auf.

Kassandra bei der Arbeit.

 

 

 

FN 1) Wer es nicht mehr weiß: Obervolta war der damalige Name des heutigen Burkina Faso.



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