Kassandra:

Die kommentierte Presseschau zur bAV

von Pascal Bazzazi, Berlin, 9.August 2019

 

Regelmäßig freitags bringt LEITERbAV eine kommentierte Presseschau zur bAV. Heute: Setzen, sechs!

 

 

Süddeutsche Zeitung (8. August): „Pensionslücke bei Dax-Konzernen so groß wie nie.“

 

Schon die Schlagzeile ist zumindest grenzwertig. Aber was im weiteren Verlauf des Artikels folgt – vor allem an Aussagen der Studienautoren – kann bei allen Fachleuten nur Kopfschütteln auslösen, und das unter gleich mehreren Gesichtspunkten. Doch der Reihe nach:

 

Es beginnt damit, dass der Artikel, beruhend auf einer Studie von Flossbach von Storch, die Größenordnungen von DBO, Plan Assets und DBL im DAX darlegt. Das ist grundsätzlich nicht uninteressant, aber auch überhaupt nichts neues, wird dies doch stets im ersten Halbjahr von den drei großen Consultants unseres Parketts turnusgemäß ermittelt und bis in die Tagespresse hinein kommuniziert.

 

Regelmäßig berichtet auch LEITERbAV über diese Studien zu Pensionsverbindlichkeiten und Planvermögen in der Industrie. Betreffend explizit den DAX-30 sind hier Willis Towers Watson mit der turnusgemäßen Modellrechnung German Pension Finance Watch und der Studie DAX-Pensionswerke 2018 sowie Mercers jährliche Auswertung zu Pensionsverpflichtungen und Planvermögen im DAX-30 und schließlich Aons jährlich wiederkehrende DAX-30-Geschäftsberichtsanalyse zu nennen. Und zur Asset Allocation deutscher (und europäischer) Pensionsinvestoren legte Mercer jüngst seinen European Asset Allocation Survey vor.

 

Erstmal nichts neues in der SZ also. Neuigkeitswert in der Studie der Flossbach von Storch und damit in dem Artikel hat dagegen durchaus die Ermittlung der Zuwächse seit Jahresbeginn infolge eines auf niedrigem Niveau weiter fallenden Diskontsatzes um sagenhafte 0,75 Prozentpunkte im 1. HJ 2019. Folge, wie der SZ-Artikel hervorhebt: DBL + 27 Mrd. Euro im DAX, allein bei VW DBO + 6,7 Mrd. Euro (der SZ-Autor benutzt die Termini DBO und DBL nicht. Ist von „Pensionslücke“ die Rede, müsste er die DBL meinen, bei „Verpflichtungen“ die DBO. Nehmen wir mal an, dass dies korrekt so erfasst worden ist).

 

Der SZ-Autor hält sich klugerweise mit eigenen Bewertungen der Materie zurück (was nicht überrascht). Umso schlimmer dagegen, was die Studienautoren zum Besten geben, Zitate:

 

„‘Die Unternehmen haben es versäumt, in der Vergangenheit die nötigen Mittel dafür zurückzulegen‘, sagt Kai Lehmann, der Autor der Studie.“

 

Doch es kommt noch besser:

 

„‘Wie man es auch dreht und wendet: Es sieht nicht gut aus für die Unternehmen“, sagt Lehman. Jetzt räche es sich, dass sie nicht genug Geld zurückgelegt hätten.“

 

Was soll man dazu sagen? Da hat wohl jemand die Grundprinzipien des Zusammenwirkens aus Direktzusage, Rückstellungsfinanzierung, DBO, DBL, Planvermögen, Rentenzahlungen und Cashflow nicht im Ansatz verstanden (oder noch schlimmer: hat dies durchaus verstanden, stellt dies jedoch zugunsten einer PR-Wirkung zurück). Jedenfalls sei zur Nachhilfe für die Studienautoren der Einfachheit halber hier wiederholt, was LEITERbAV weiland zu der Thematik am Schluss nicht ohne Ironie schrieb und hier passt wie die Faust aufs Auge, weil es…

 

…auf unserem Parkett jedem bewusst ist, außerhalb dessen aber zuweilen nicht immer ausreichend deutlich verstanden scheint: zum Beispiel, dass das Vorhandensein bzw. das Zusammenwirken von DBO, Plan Assets, Funding Ratio, Diskontsatz, Assumptions, Return on Plan Assets und OCI am Ende ceteris paribus weder nach IAS 19 noch nach HGB irgendeinen Einfluss auf die tatsächliche Rentenzahlung und deren Cashflow-Effekt für das Unternehmen hat, ganz zu schweigen von der Verpflichtung hierzu. Dass das Vorhandensein von Plan Assets und der Return darauf sowie einer hohen Funding Ratio nichts mit einer geringeren Insolvenzsicherheit des Unternehmens (c.p.ist eher das Gegenteil der Fall), nichts mit der Höhe der Rente und nur wenig mit deren Sicherheit zu tun hat. Dass der Niedrigzins zwar einerseits die Pensionslasten der Unternehmen buchhalterisch massiv ansteigen lässt, andererseits für jedes halbwegs gut geratete Unternehmen die Fremdkapitalaufnahme zur Dotierung seiner Versorgungswerke spottbillig ist. Dass sich dann aber angesichts der launischen Märkte die nicht einfache Frage stellt, wohin mit ebendiesem aufgenommenen Geld. Dass umgekehrt bei hoher verfügbarer Liquidität im Haus ein Outside Funding immer auch ein gutes Tool ist, eben diese Liquidität vor wenig nachhaltigen Ausschüttungen zu bewahren und diesbezüglich agile Aktionäre gar nicht erst anzuziehen wie das Licht die Motten. Dass außerdem ein hohes Outside Funding besonders bei einem LDI-Ansatz bilanzielle OCI-Bewegungen vom Kerngeschäft und der Bilanz fernhalten kann (was wegen geringen EK-Einsatzes besonders für Banken attraktiv ist). Aber dass gleichwohl für jede Unternehmensspitze, die überzeugt ist, mit ihren Plan Assets an den Kapitalmärkten höhere Returns zu erzielen, als wenn sie die Mittel ohne Outside Funding und ohne die Bildung von Plan Assets im eigenen operativen Kerngeschäft arbeiten lässt, sich bei einer konsequenten Fortführung dieses Gedankens nur eine Handlungsmaxime ergibt: Unternehmen liquidieren und stattdessen Asset Manager werden.“

 

Doch nicht nur fachlich, sondern auch taktisch muss man das Verhalten der Zitatgeber in dem SZ-Artikel hinterfragen. Die Studienautoren sollten die hier von Kassandra geschilderten Zusammenhänge eigentlich nur zu gut kennen (sollte das anders ein, müsste man wohl einen Branchenwechsel nahelegen). Insofern überrascht es, dass ein Asset Manager, der schließlich auf Mandate institutioneller Pensionsinvestoren angewiesen ist, mit Aussagen operiert, mit denen man zwar Tageszeitungsredakteure anspitzen und damit Press-Coverage generieren kann, mit denen man andererseits gerade bei dem fachlich kompetenten, institutionellen Kundenkreis auf Unverständnis stoßen dürfte. Nicht zuletzt die erwähnten Studien der großen Drei zeigen, dass die deutschen Großkonzerne auch angesichts der von der europäischen Politik hart an der Grenze jeder Legalität zu verantwortenden prekären Lage an den Kapitalmärkten ihre Pensionswerke unter schwierigen Herausforderungen professionell managen – und das seit Jahren.

 

Wer mit solch falschen wie befeuernden Aussagen an die Tagespresse geht, und das in Zeiten, in denen die grundsätzlich nötigen Diskussionen um die bAV im nachhaltigen Umfeld des politisch manipulierten Niedrigzinses außerhalb des Parketts zuweilen nicht ohne gewisse fachfremde Hysterie geführt werden, der muss sich als institutioneller Akteur fragen lassen, was ihm wichtiger ist – schnelle Schlagzeilen oder langfristiges Mitarbeiten an der Sache.

 

Kassandras Würdigung jedenfalls: Setzen, sechs.

 

Kassandra bei der Arbeit.





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