Kassandra:

Die kommentierte Presseschau zur bAV

von Pascal Bazzazi, Zülpich, 28. September 2018

Regelmäßig freitags bringt LEITERbAV eine kommentierte Presseschau zur bAV. Heute: Wenn der Staat zockt…

 

 

Welt (26. September): „Land Berlin verzockt Steuergeld mit Zinswetten.“

 

Kassandra hatte die Causa „Hessen-Derivate“ bereits zweimal aufgegriffen, u.a. unter dem Gesichtspunkt, dass der hessische Finanzminister Thomas Schäfer (CDU), Erfinder und Trommler für die sogenannte „Deutschland-Rente“, sich mit den Derivate-Spekulationen zumindest bezüglich (s)einer vorgeblichen Investment-Kompetenz nachhaltig blamiert hat.

 

Nun hat die Welt, welche die Angelegenheit an die Öffentlichkeit gebracht hat, das getan, was gute Journalisten-Arbeit ist, nämlich in 15 anderen Bundesländern nachgehakt, ob es dort ähnliche Investments gegeben hat. Und siehe da, sie ist fündig geworden: Zwölf Länder (und der Bund) sind in Zins-Derivaten engagiert! Die gegenwärtigen Verluste gehen in die Milliarden, tief im Plus steht einzig der Bund.

 

Ganze vorne bei den Verlierern mit dabei – neben den hessischen Finanz-Koryphäen – ausgerechnet das Pleiteland Berlin, welches gegenüber der Presse offenbar die Aussage verweigert hat und erst über eine parlamentarische Anfrage zur Auskunft gebracht werden konnte. Absender der Anfrage war übrigens der in dem Welt-Beitrag zitierte Florian Swyter (FDP), auf dem Pensions-Parkett bestens bekannt nicht nur als MdA, sondern als Pensions-Referent der BDA.

 

Wenn man an der Sache etwas Positives finden will, dann höchstens, dass mit den Schlagzeilen, die namentlich Thomas Schäfer produziert, auch die unter dem Gesichtspunkt der nachhaltigen Altersvorsorge mäßig kluge Idee von der Deutschland-Rente desavouiert wird. Gerade Schäfer war es bekanntlich, der regelmäßig und öffentlich von den Investment-Potentialen der Staatsrente fabuliert hat.

 

Davon abgesehen hier nochmal ein paar Kernaspekte der Angelegenheit, wie Kassandra sie für betonenswert hält:

 

  • Hedging ist per se nicht Schlechtes und gehört für Institutionelle zum täglichen Geschäft. Fragt sich nur, in welcher Form. Zu denken gibt hier die Art der Hedgings, denn offenbar sind die Volumina erstaunlich hoch, die Laufzeiten erstaunlich lang (teils bis 2061), die Kündigungsrechte unausgeglichen und die Komplexitäten der Strukturen selbst vom Landesrechnungshof nicht mehr zu überblicken.

  • Zumindest bezüglich der ab 2010 getätigten Hedgings muss man fragen, wie die Verantwortlichen eigentlich auf die Idee kamen, dass es sich bei dem Niedrigzins um ein kurzfristiges Phänomen handeln könnte.

  • Gut, eine Glaskugel hat keiner, aber wenn man gleichwohl die Meinung hatte oder hat, dass man sich als Bundesland eines gut gerateten Förderalstaates den Niedrigzins lange sichern müsse, so sollte man smart genug sein, dem Beispiel anderer Staaten zu folgen und festverzinsliche Methusalem-Anleihen zu begeben. Das ist eleganter und raffinierter zugleich, als mit hässlichen Derivaten noch hässlichere Schlagzeilen zu produzieren.

     

Wie dem auch sei, wenn Sie, liebe Leserin, lieber Leser, sich nun fragen, ob diese milliardenschweren Fehlspekulationen für die Verantwortlichen auf der politischen oder der Beamtenebene irgendwelche substantiellen Konsequenzen haben werden, fällt die Antwort in solchen und nicht unähnlichen Fällen (z.B. Cum/cum und Cum/Ex) in der Bundesrepublik Deutschland des frühen 21. Jahrhunderts wie stets kurz und eindeutig aus: Nein.







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