Kassandra:

Die kommentierte Presseschau zur bAV

von Pascal Bazzazi, Berlin, 6. Januar 2017

 

Jeden Freitag bringt LEITERbAV eine kommentierte Presseschau zur bAV. Heute: Funktioniert doch schon ganz gut.

 

 

 

FAZ (31. Dezember): „Liquidität ist nicht nur positiv.“

 

Ohne den Begriff zu benutzten, berichtet die Frankfurter über Carry Trades, die ausgerechnet Unternehmen aus Schwellenländern offenbar in enormer Höhe betrieben haben sollen. Laut Biz soll die in Zeiten des schwachen USD von EM-Unternehmen akkumulierte USD-Schuldenlast im Sommer 2016 rund 3,3 Billionen Dollar betragen haben.

 

Dass die Welt in einem Meer aus Schulden und Liquidität ertrinkt, ist sicher einer der Hauptauslöser dafür, derentwegen Unternehmen überhaupt solche Finanzwetten abseits ihres Kerngeschäftes eingehen. Und dass Carry Trades schief gehen können, musste in den letzen zehn Jahren rund um die Welt bitter gelernt werden. Die Verve, mit der der Dollar nach oben und zum Euro Richtung pari strebt, darf hier für EM-Investoren jedenfalls Anlass genug sein, wachsam zu bleiben.

 

 

 

Bild (4. Januar): „VW zahlt 3.100 Euro am Tag – Wut-Welle gegen Winterkorn-Rente.“

 

Die Meldung belegt vor allem eines: Es ist richtig, dass die Politik sich um die Verbreitung der bAV bei KMU und Geringverdienern kümmert. Denn bei Konzernführungskräften funktioniert sie offenbar schon ganz gut.

 

 

 

NZZ (31. Dezember): „Chef von staatlichem Pensionsfonds verhaftet.“

 

In anderen Ländern wird anders vorgegangen. In der letzten Presseschau 2016 hatte LbAV die Aufarbeitung der Korruptionsaffäre in Südkorea aufgegriffen, die auch das Pensionswesen erfasst hat. Der Vollständigkeit halber hier ein Update der Entwicklung: Moon Hyung Pyo, Chef des staatlichen Pensionsfonds NPS, formal der drittgrösste staatliche Pensionsfonds der Welt, festgenommen.

 

 

 

FAZ (23. Dezember): „Die Börsenfusion ist so nicht akzeptabel.“

 

FAZ (4. Januar): „Gashersteller droht Abstieg – Linde-Fusion: Bitterer Verlust für den Standort Deutschland.“

 

Mit der Geschichte des Versagens deutscher Industriepolitik – auch an dieser Stelle schon mehrmals thematisiert (siehe hier und hier) – ließen sich dicke Bücher füllen. Auf dem Pensionsparkett mittelbar noch präsent ist der Fall der seinerzeitigen Hoechst AG, weiland als eine Perle der deutschen Industrie die „Apotheke der Welt“ genannt, dann als Merger of Equals mit der französischen Rhone-Poulenc zur Aventis geworden und mittlerweile praktisch komplett in der französisch dominierten Sanofi aufgegangen.

 

Hier zwei Meldungen betreffend neuer „Projekte“. Wenig überraschend stammen beide Meldungen aus der FAZ, die als eines der letzten Medien Deutschlands in der Frage der Industriepolitik sensibilisiert ist: Da ist zunächst die schon länger virulente und bereits vor der Brexit-Abstimmung geplante Fusion der Deutschen Börse mit der LSE, deren Verlauf die FAZ ablehnend beäugt. In einem weiteren Beitrag der Zeitung deuten sich unschöne Seilschaften ehemaliger und aktiver Politiker vor allem der Grünen an, die Einfluss auf die weitere Entwicklungen haben könnten.

 

Neueren Datums ist die Meldung, dass auch zwischen dem DAX-Wert Linde und dem US-Player Praxair formal ein Merger of Equals erfolgen soll. Doch klipp und klar prognostiziert die FAZ, wie die Sache für die Deutschen ausgehen wird:

 

Das Unternehmen Linde, von dessen 64.000 Beschäftigten 8.000 in Deutschland arbeiten, verliert mit der Fusion voraussichtlich über kurz oder lang seine Eigenständigkeit und degeneriert zu einer Produktions- und Vertriebsgesellschaft der […] Praxair.“

 

Dem ist wenig hinzuzufügen. Und wer am Ende bei Bayer und Monsanto Koch und Kellner sein wird, darauf dürfen Wetten abgeschlossen werden. Jedenfalls gibt es bereits Stimmen, die auch in diesem Fall langfristig Nachteile für den Standort D befürchten.

 

Hat das alles mit der bAV zu tun? Ja, viel sogar, denn einer der Gründe, warum es ausgerechnet bei dem sogenannten „Exportweltmeister“ Deutschland immer wieder und gefühlt mit ansteigendem Tempo zum Ausverkauf der deutschen Industrie kommt, ist in der mangelhaften Akkumulation von Pensionsvermögen, das in heimische wie in ausländische Realwerte investiert, zu suchen. Damit schließt sich der Kreis am Ende sogar bis hin zu der gegenwärtigen Diskussion um Garantien in der bAV, die der Gesetzgeber endlich zumindest partiell auf den Müllhaufen der Geschichte werfen will, damit aber bei denjenigen, deren Geschäftsinteressen das berührt, auf den üblichen Widerstand trifft.

 

 

 



© alle Rechte vorbehalten