Lage und Perspektive der Pensionskassen:

„Dass die heutigen Probleme nicht vom Himmel fallen…“

von Frank Oliver Paschen, Hamburg, 2. Dezember 2020

Weiter geht es mit der Berichterstattung zum Tagungsherbst im deutschen Pensionswesen – heute mit einem Praxisbericht, der ursprünglich Ende Oktober auf dem Institutionellen Altersvorsorge- und Investorengipfel gehalten wurde. Über Kapitalanlage und Risikomanagement einer Pensionskasse im aktuellen Umfeld und vor dem Hintergrund von Covid-19 schreibt Frank Oliver Paschen – und spart nicht mit klaren Worten.

 

Frank Oliver Paschen, Pensionskasse der Hamburger Hochbahn.

In welchem Umfeld bewegen wir uns heute? Die ca. 130 Pensionskassen unter BaFin-Aufsicht sind sehr heterogen aufgestellt, unterschiedlich geprägt (AG/VVaG, Vertrieblich/Überbetrieblich/Konzern, zu 70% reguliert) und stehen unter dem Eindruck sich schnell verändernder Rahmenbedingungen, die durch die Pandemie 2020 nochmals einem Beschleuniger ausgesetzt sind.

 

Nimmt man den BVV aus, der mit seinen über 30 Milliarden Bilanzsumme eine Sonderrolle einnimmt, ist festzustellen, dass:

 

 

  • prominente Fälle ihren Verpflichtungen nicht mehr nachkommen können

  • und fast die Hälfte der Kassen mit einer Bilanzsumme von unter 400 Mio. Euro und im Schnitt gerade einmal fünf Mitarbeitern sich extremen regulatorischen Herausforderungen gegenüber sieht, die mit eigenen Ressourcen kaum noch bewältigt werden können.

 

Ausgangslage und Folgen

 

In Zeiten negativer Zinsen und eines durch Covid-19 dauerhaft zementiertem Niedrigzinsniveaus im Renten- und Staatsanleihen-Bereich, politischer Märkte, von Überregulierung, Protektionismus, Konjunkturabkühlung und Handelskriegen wird der deutsche Pensionskassenmarkt zudem dauerhaft angespannt bleiben.

 

 

 

Die prominenten Schieflagen einiger und die Vielzahl der durch die BaFin intensiviert beobachten Kassen sowie die nicht unerhebliche Anzahl von Trägerunternehmen, die Einschüsse leisten mussten, zeigen, dass die sorgenfreien Jahre vorbei sind.“

 

 

 

In dieser Gemengelage eine Pensionskasse auskömmlich und ohne existenzbedrohende Risiken zu steuern, erfordert andere Fähigkeiten, als dies in der Vergangenheit der Fall war.

 

Ging es lange nur um den besten Kupon auf den Schuldscheinen im Tresor und eine möglichst hohe Überschussbeteiligung für die Versicherten, so hat sich das Bild mittlerweile komplett geändert. Die prominenten Schieflagen einiger und die Vielzahl der durch die BaFin intensiviert beobachten Kassen sowie die nicht unerhebliche Anzahl von Trägerunternehmen, die Einschüsse leisten mussten, zeigen, dass die sorgenfreien Jahre vorbei sind.

 

Man hätte erkennen können, dass die heutigen Probleme nicht vom Himmel fallen, zumal das Niedrigzinsszenario mittlerweile seit über einem Jahrzehnt anhält – eine Erkenntnis auf allen Seiten: bei den Pensionskassen selbst, aber auch in der Politik und bei der Aufsicht, die noch vor nicht allzu langer Zeit den Verbraucherschutz des Einzelnen höher bewertet hat als eine vorausschauende Risikovorsorge zur Sicherung des Kollektivs.

 

Verschärft wird die Lage noch dadurch, dass etliche Kassen nicht nur auf der Aktivseite Probleme haben (offenkundig in dem Glauben, die Zinsen würden schon über kurz oder lang wieder ansteigen), sondern zum Teil auch Zinserfordernis, Biometrie und ein modernes Risikomanagement vernachlässigt wurden.

 

 

 

„… all das lässt sich als kleinere PK aus eigenen Bordmitteln kaum noch bewältigen.“

 

 

 

Kann man den Pensionskassen daraus einen Vorwurf machen? In hausgemachten Einzelfällen vielleicht schon. Doch zu Gute halten muss man der Branche sicherlich, dass die massive Steigerung der regulatorischen Anforderungen in einer rasanten Geschwindigkeitsspirale gerade die Vielzahl der kleineren Kassen schlicht und ergreifend von den vorhandenen Ressourcen her überfordert.

 

Funktionstrennung auf Vorstandsebene, Einrichtung von Schlüsselfunktionen, ein mehrköpfiges Risikomanagement-Team, IT-Sicherheitsbeauftragte/VAIT, EDV-Anforderungen an Asset-Liability-Management-Systeme oder auch die Umsetzung der bevorstehenden Rundschreiben zu MaGo und ERB.

 

Dazu die auf 15 Jahre ausgeweitete BaFin-Prognoserechnung, laufend gesteigerte Reporting-Pflichten, die Änderungen aus (auch europäischer) Gesetzgebung und Rechtsprechung, die ausgeweiteten Informationspflichten, die Berücksichtigung von ESG-Kriterien und vieles mehr … all das lässt sich als kleinere PK aus eigenen Bordmitteln kaum noch bewältigen.

 

Hausaufgaben

 

Eine strategische Mindestgröße bei den deutschen Kassen erscheint dem Autor unerlässlich, doch der Weg dahin ist weit. Nimmt man eine solche von zumindest 500 Mio. Euro an (eine vom Autor zwar gegriffene Größe, die aber durchaus als passende strategisch sinnvolle Untergrenze anzusehen sein dürfte), stellt sich die Frage, was aus den ca. 60 bis 70 Kassen wird, die zum Teil deutlich kleiner sind?

 

 

 

Eine Marktkonsolidierung muss her, wäre zu einem früheren Zeitpunkt allerdings deutlich einfacher zu realisieren gewesen.“

 

 

 

Bestandsübernahmen, Fusionen, Abwicklungen kommen nur langsam und selten zum Tragen, so dass diese Kassen nach und nach massive Probleme bekommen dürften, den künftigen Anforderungen an Regulatorik, Kapitalanlagen- und Risikomanagement gewachsen zu sein. Eine Marktkonsolidierung muss her – und wäre zu einem früheren Zeitpunkt allerdings deutlich einfacher zu realisieren gewesen.

 

Doch auch mittelgroße und große Kassen müssen ihre Hausaufgaben machen, um unbeschadet durch die aktuelle Phase zu kommen.

 

Die BaFin selbst schätzt die Lage so ein, dass deutlich mehr Pensionskassen als zuletzt im Rahmen der Erhebungen der Prognoserechnung das BaFin-Szenario (Wiederanlagezins von 0,5 %), aber zum Teil auch das eigene Unternehmensszenario reißen könnten und dann Fälle der sog. intensivierten Aufsicht werden. Diese Einschätzung ebenso wie die Einführung einer PSV-Pflicht auch für regulierte Kassen oder der sanfte Zwang zur Einführung von Tarifen im Neugeschäft mit einem Rechnungszins von gerade einmal 0,25% zeigt, wie ernst die Lage ist.

 

Ursachen

 

Woran liegt das? Die Probleme sind vielschichtig, aber eine Ursache ist sicherlich, dass nach wie vor die meisten Pensionskassen nur zu ca. 3 bis 5% in Aktien (allerdings steigend), aber zu fast 50% in festverzinslichen Papieren mit gutem Kupon (Direktbestand, also NSV, SSD etc.) allokiert sind und nun durch die massiven Fälligkeiten in den nächsten Jahren die BaFin-Prognoserechnung nicht bestehen werden und alternative Anlagen im Rahmen einer nicht mehr zeitgemäßen Anlageverordnung suchen müssen. Vielfach ist man zudem mit modernen und im Rahmen von Neuproduktprozessen erklärungsbedürftigen Produkten nicht vertraut und hat zu spät begonnen umzuschichten.

 

Gelingt es der Branche nicht aus sich heraus, die Aufgaben der Zukunft zu meistern und eine attraktive und sichere Betriebsrente zu offerieren, braucht man kein Hellseher zu sein für die Prognose, dass die Allianz PK nicht die letzte größere Kasse im Run-Off sein wird und am Ende vielleicht sogar staatliche Obligatorien den bewährten Durchführungsweg der Pensionskassen und auf jeden Fall die bisherigen Garantiemodelle ablösen werden.

 

Damit es dazu nicht kommt, müssen aus Sicht des Autors in den Häusern selbst die Weichen rechtzeitig und vorausschauend gestellt werden. Wie das geschehen könnte, soll hier in drei Thesen (und den Umgang damit in der Kasse des Autors) zusammengefasst werden:

 

Drei Thesen

 

Erstens: Risikolosen Zins gibt es nicht mehr, aber das größte Risiko ist, in bisherigem Anlagestil fortzufahren. Dann ist der schleichende Tod sicher, wenn nicht Trägerunternehmen immer wieder Einschüsse leisten sollen.

 

An Aktien, Immobilien, Sachwerten führt kein Weg vorbei. Investieren sollte man aber nur in Produkte, die man auch selbst versteht. Zudem ist Diversifikation zwingend, um unvermeidliche Volatilitäten, wie z.B. jetzt durch Covid-19 im März, auszuhalten. Die Kasse des Autors hat mit BaFin-Genehmigung aktuell eine 25%ige Immobilienquote, welche sie sukzessive auf ca. 30 bis 35% ausbauen wird.

 

Die Kasse ist sowohl in Logistik- und Wohnimmobilienfonds investiert, hat aber auch einen großen Direktimmobilienbestand, den sie selbst verwaltet. Wichtig auch dort: Diversifikation! Denn wie schnell sich beispielsweise der Büroimmobilienmarkt ändern kann, zeigt Corona eindrucksvoll. Vorteil des Kasse: gewachsenes Portfolio und Kompetenz im Hause. Jetzt erst in den Immobilienmarkt einsteigen, ist natürlich deutlich schwieriger. Im Rentensegment ist die Kasse fast ausschließlich indirekt durch ein Global Fixed Income Segment investiert. Da ist mittlerweile das gefragt, was früher für den Aktienmarkt galt, nämlich aktives Managen, Währungen mit einbeziehen, Opportunitäten nutzen etc.

 

Zu den Aktienmärkten: Die Aktienquote der Kasse liegt einschließlich Produkten wie Goldminenaktien bei ca. 16%.

 

 

 

Jedes Mandat aus sich heraus muss risikobegrenzend, aber auch renditestark sein.“

 

 

 

Stichwort Gold: Das Haus hatten vor Amtsantritt des Autors den Ruf, die Pensionskasse mit dem größten Goldbestand zu sein. Das hat der Vorstand nun korrigiert, hält Edelmetalle samt Industriemetallen als Beimischung des Gesamtportfolios aber angesichts des Umfeldes, der politischen Märkte und der anhaltenden Krisen für sehr sinnvoll.

 

Unter Beimischung versteht der Autor heutzutage eine Quote von ca. 10%. Ist das Gesamtportfolio gut aufgestellt, hat man die Managerauswahl im Griff und kennt sich mit der heutigen Produktwelt aus, kann man auch in der veralteten Anlageverordnung gut klarkommen und braucht keine renditeminimierenden Gesamt-Overlays. Jedes Mandat aus sich heraus muss risikobegrenzend, aber auch renditestark sein.

 

Zweitens: Risikokapital ist essentiell und muss notfalls über ein oder auch diverse Trägerunternehmen generiert werden, um mit gefüllter „Kriegskasse“ im Sinne der eben dargestellten Kapitalanlagenstruktur breit gestreut und auch mit volatileren Anlagen operieren zu können. Fatal, wenn Kassen in Phasen wie im März/April 2020, in denen Covid-19-bedingt extreme Turbulenzen und Abschwünge an den Kapitalmärkten zu verzeichnen sind, zu Notverkäufen gezwungen sind.

 

Die Kasse des Autors konnte durch die entsprechenden Polster diese Phase nicht nur „gelassen“ beobachten, sondern sogar Opportunitäten nutzen. Die Eigenmittelausstattung der Pensionskassen ist eines der wesentlichen Probleme, und so lag die durchschnittliche Solvabilitätsquote der ca. 130 Kassen zuletzt gerade noch mit sinkender Tendenz bei 130%.

 

Drittens: Wie bereits weiter oben dargestellt, ist eine strategische Mindestgröße zur Bewältigung der regulatorischen und verwaltungsmäßigen Anforderungen unerlässlich. Der Kostendruck nimmt zu, und der oftmals mangelnde Professionalisierungsgrad in kleineren Kassen führt zu erheblichen Zukunftsrisiken. Wo organisches Wachstum nicht reicht, werden Bestandsübernahmen, Fusionen oder zumindest Kooperationen in Bereichen des Risikomanagements, der Betreuung der Versicherten oder bei den Schlüsselfunktionen unausweichlich sein.

 

Ein Screenshot von dem diesjährigen Institutionellen Altersvorsorge- und Investorengipfel. Unten links Autor Frank Oliver Paschen, links oben Berenike Wiener, Evangelische Bank, rechts Moderatorin Barbara Bertolini.

 

Schließlich: Ohne gesunden Menschenverstand geht es nicht. Hört sich banal an, aber über den zu steigernden Professionalisierungsgrad der Kassen hinaus ist es eben unerlässlich, strategischen Weitblick walten zu lassen, und sich nicht darauf zu beschränken, die mittlerweile zahlreichen Instrumente des Reportings und der Risikomessung nur als formale Elemente zu betrachten. Stehen alle Ampeln auf grün, muss trotzdem nicht alles gut sein. Stehen einzelne Ampeln auf gelb oder gar rot, kann trotzdem der Weg richtig und der aktuelle Zustand erklärbar sein. Aktives Handeln, Aufbau von Kompetenz, Vorhalten von Ressourcen und ein permanenter Blick über den Tellerrand der eigenen Kasse sind alternativlos.

 

Fazit

 

Beherzigt man all das, ist auch in diesen Zeiten – trotz Niedrigstzins-Szenario, überbordender Regulatorik und eines sich massiv verändernden Pensionskassenmarktes – die sichere und rentable Steuerung der eigenen Kasse dauerhaft möglich.

 

Frank Oliver Paschen ist Mitglied des Vorstandes der Pensionskasse der Hamburger Hochbahn Aktiengesellschaft VVaG und verantwortet Kapitalanlage, Reporting/Controlling sowie Personal, Recht und Öffentlichkeitsarbeit.



 

Die knapp 500 Mio. schwere Pensionskasse der Hamburger Hochbahn entstand bereits 1922 durch den Zusammenschluss der Pensionskasse für die Angestellten der Straßen- und Eisenbahn Gesellschaft Hamburg und der Fürsorgekasse der Hamburger Hochbahn Aktiengesellschaft.

 

Der Beitrag basiert auf einem Vortrag, gehalten auf dem Institutionellen Altersvorsorge- und Investorengipfel, Barbara Bertolini, am 21. und 22. Oktober 2020.

 

 



© alle Rechte vorbehalten