Studie zur Wertigkeit der bAV in Großindustrie:

bAV bleibt wichtige Vergütungskomponente

von Detlef Pohl, Berlin, 14. Dezember 2020

Kürzlich hat ein bAV-Berater eine Studie zur Wertigkeit der bAV in Großunternehmen vorgelegt. Dabei geht es um Vergütungsmodelle, bAV und Mitarbeiterbeteiligung der Arbeitnehmer in Betrieben ab 5.000 Beschäftigten. Der Consultant hat die Studie noch nicht komplett veröffentlicht, doch LbAV-Autor Detlef Pohl kennt sie bereits – und findet teils erstaunliche Ergebnisse.

 

Die repräsentative Studie von Aon untersucht den Stellenwert einzelner Vergütungskomponenten für Mitarbeiter. Welche Rolle spielt die Altersversorgung? Wünschen sich Arbeitnehmer eher Sicherheit oder Rendite? Welche Leistungspakete sind für Mitarbeiter attraktiv?

 

Befragt wurden dazu im Sommer online rund 1.000 Arbeitnehmer aus Großunternehmen in Deutschland mit jeweils mindestens 5.000 Beschäftigten. Erfahrungsgemäß sind die besser als ihre Kollegen in KMU informiert, da die Arbeitgeber traditionell eine komplett oder teilweise firmenfinanzierte bAV bieten.

 

Fred Marchlewski, Aon.

Ergebnis: „Betriebsrente und Mitarbeiterbeteiligung sind nach wie vor ausgesprochen attraktiv, sie folgen auf der Wunschliste gleich nach der Barvergütung“, sagt Aon-Geschäftsführer Fred Marchlewski. Vor allem jüngere Mitarbeiter unter 30 legten aber großen Wert darauf, selbst entscheiden zu können, wie sich ihr Vergütungspaket zusammensetzt. Rund 80 Prozent dieser Altersgruppe wünschen sich ein Baukastensystem für die Vergütungskomponenten. „Innerhalb eines solchen Systems hat dann die bAV gute Chancen zum Bestseller – vorausgesetzt, sie kommt nicht zu kompliziert daher“, ergänzt Aon-Partner André Geilenkothen.

 

Ein höheres Bruttogehalt steht auf der Wunschliste junger Leute nach wie vor ganz oben, dicht gefolgt von der bAV. Die Relationen verschieben sich jedoch mit steigendem Alter. Bereits in der Altersgruppe der 40- bis 49-Jährigen hat die bAV die Barvergütung überholt. Eine direkte Mitarbeiterbeteiligung am Unternehmen, etwa über Mitarbeiteraktien, folgt mit Abstand. Unternehmen könnten grundsätzlich deutlich mehr Gestaltungsspielräume nutzen, folgern die Studienautoren. So wäre es denkbar und vermutlich relativ leicht umsetzbar, anstelle der Barauszahlung künftiger Gehaltserhöhungen vermehrt eine optionale Umwidmung in bAV anzubieten.

 

Quelle: Aon. Grafik zur Volldarstellung anklicken.

 

Müssten Arbeitnehmer der Großindustrie zwischen mehreren Alternativen wählen, stünde also klar die Barvergütung im Vordergrund; doch die bAV ist ebenfalls von großer Bedeutung und wird Mitarbeiterbeteiligungen deutlich vorgezogen.

 

In rentennäheren Jahrgängen rückt die Altersversorgung verständlicherweise noch mehr in den Vordergrund und zieht sogar in der Präferenz mit einer höheren Barvergütung gleich, hat die Studie ergeben.

 

Betriebliche Altersversorgung ist laut Studie ausgesprochen attraktiv. „Angebote zur Eigenbeteiligung werden von Mitarbeitern gern wahrgenommen, betont Marchlewski. Lücken gebe es aber offensichtlich immer noch bei der Information rund um die bAV. Selbst in Großunternehmen wüssten 18,8 Prozent der Arbeitnehmer nicht, ob es Arbeitgeber-Angebote zur bAV gibt, oder nähmen fälschlicherweise an, dass dem nicht so ist. Bei Geringverdienern mit maximal 2.200 Euro Monatsbrutto wissen sogar 28,4 Prozent der Befragten nicht Bescheid.

 

Jeder fünfte Arbeitnehmer ist überfragt

 

André Geilenkothen, Aon.

Obwohl Großunternehmen in aller Regel umfassend über die Möglichkeiten der bAV informieren und zumeist auch vom Arbeitgeber finanzierte bAV anbieten, sei die Unwissenheit teils erschreckend groß. „Jeder fünfte Arbeitnehmer ist überfragt und unterstellt, dass es keine Angebote zur bAV bei seinem Arbeitgeber gibt“, informiert Geilenkothen. Bei Geringverdienern liege der Anteil sogar bei über einem Viertel.

 

Wenn Arbeitnehmer die Möglichkeiten der bAV kennen, nutzen sie sie in 85 Prozent der Fälle auch, hat die Studie ermittelt. Allerdings achten viele dabei aufs eigene Geld. So machten 36,5 Prozent nur bei der bAV mit, weil der Arbeitgeber die Beiträge bezahlt. Weitere 38,4 Prozent gaben an, ihre bAV-Ansprüche sowohl durch Arbeitgeberbeiträge als auch durch Eigenbeiträge aufzubauen, in 10,5 Prozent der Fälle ist offenbar nur Entgeltumwandlung durch Eigenbeiträge des Arbeitnehmers möglich. Selbst bei den Geringverdienern ist die Quote der Teilnehmer recht hoch, wenn es hier auch noch Verbesserungspotenzial gibt, denn ein Viertel nimmt noch nicht an der bAV teil:

 

Quelle: Aon. Grafik zur Volldarstellung anklicken.

 

Früher war alles besser – oder doch nicht?

 

Erstaunlich: Nahezu 50 Prozent der Männer sind der Überzeugung, dass das bAV-Angebot in ihrem Unternehmen heute etwa gleichwertig oder sogar wertiger ist als das, was früheren Arbeitnehmer-Generationen angeboten wurde (Frauen: 35,2 Prozent).

 

Interessanterweise ist diese Überzeugung in den jüngeren Altersgruppen stärker ausgeprägt – dies könne natürlich auch mit unzureichenden Informationen über die frühere Versorgungslandschaft zusammenhängen, heißt es in der Studie. Es gebe aber offenbar auch große Wissenslücken. So trauen sich 38,6 Prozent der Frauen die Einschätzung zu, ob früher die bAV besser war oder nicht (Männer: 23,2 Prozent).

 

Sicherheit über alles

 

Nicht minder erstaunlich: Trotz aller Diskussionen über Niedrigzinsen und sinkende Altersbezüge gibt es laut Studie immer noch eine zentrale Erwartung an die bAV, die über allem anderen steht: Sicherheit.

 

Größtmögliche Sicherheit ist für 92,8% der Befragten „sehr wichtig“ (58,6%) oder „wichtig“ (34,2%). Weit abgeschlagen bei „sehr wichtiger“ Einschätzung folgen größtmögliche Renditeerwartung (20,3%), Flexibilität (24,5%) und Steuervorteile (24,8%). „Ein Generationswechsel deutet sich leider nicht an, denn selbst bei jungen Leuten stehen Renditeerwägungen deutlich hinter dem Sicherheitsgedanken zurück“, konstatieren die Studienautoren. Eine Differenzierung nach Altersgruppen sei insgesamt nicht erkennbar.

 

Quadratur des Kreises geht nicht

 

Den Wunsch nach Sicherheit scheint die bAV schon zum großen Teil zu erfüllen. Deshalb steht die höhere Rendite auf der Wunschliste für mehr bAV-Attraktivität ganz oben (60%), gefolgt von der Flexibilität (38%) und Transparenz (32%), wobei Mehrfachnennungen erlaubt waren. Hier liegt offenbar die größte Aufgabe für die Anbieter: zu vermitteln, dass Sicherheit, Rendite und Flexibilität nicht zugleich verbessert und maximiert werden können.

 

Insbesondere die Befragten ab 60, für die der Ruhestand schon in greifbarer Nähe ist, wünschen sich zu über 71% vorrangig eine bessere Rendite. Angesichts unwiderruflicher Ansprüche rückt der Sicherheitsaspekt deutlich in den Hintergrund. Allerdings sei gerade kurz vor dem Ruhestand die Sicherheit wichtiger denn je, da kurzfristige Renditeschwankungen kaum mehr ausgleichbar sind.

 

Zum Vergleich: Bereits vor zwei Jahren hatte Aon 1.000 Arbeitnehmer aus Großunternehmen mit seinerzeit mehr als 10.000 Beschäftigten online befragt (LbAV berichtete).

 

Weit über die Hälfte der Arbeitnehmer gab damals an, Eigenbeiträge für ihre bAV zu leisten (Männer: 65%, Frauen 46%).

 

Laut der Studie von 2018 fühlen sich Mitarbeiter von Großunternehmen gut über die bAV informiert. Rund 80% wussten, dass es in ihrer Firma eine Betriebsrente gibt, wenn auch die Höhe nicht immer bekannt war. Aber nicht einmal die Hälfte der Arbeitnehmer bewertete seinerzeit die Kommunikation zur bAV durch den Arbeitgeber als ausreichend. Ein Drittel vermisste Verständlichkeit und Zuschnitt auf die individuellen Bedürfnisse. Dazu trifft die aktuelle Studie keine Aussagen.

 

Von Baukästen und Mitarbeiteraktien

 

Dafür wurde 2020 generell mehr zu Vergütungsmodellen und auch nach Mitarbeiterbeteiligungen gefragt. Vor allem Nachwuchskräfte bevorzugen Baukastensysteme: entsprechend äußern sich knapp 80 Prozent der 20- bis 29-Jährigen. Dahinter steht der Wunsch, bei der Verteilung der Gehaltskomponenten mitbestimmen zu können. Übrigens: Mitarbeiterbeteiligungen bietet nur rund ein Drittel der Großunternehmen an. Wer als Arbeitnehmer darüber Bescheid weiß, nutzt sie in 75 Prozent der Fälle.

 

In einem Whitepaper hatte Aon schon in diesem Frühjahr festgestellt, dass flexiblere und einfache bAV-Angebote des Arbeitgebers dazu beitragen, Mitarbeiter zu motivieren, mehr Eigenverantwortung zu übernehmen und damit den Arbeitgeber attraktiver zu empfinden.

 

Dort hat die LbAV-Redaktion die Quintessenzen zahlreicher jüngerer diesbezüglicher Studien in Relation gesetzt – und ein kassandrisches Fazit der Gesamtlage gezogen.



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