Kassandra – Die kommentierte Presseschau zur bAV:

Apocalypse Inflation now!

von Pascal Bazzazi, Berlin, 20. Mai 2022

Unregelmäßig freitags bringt LEITERbAV eine kommentierte Presseschau zur bAV.

Heute: Frustpotential für Arbeitgeber, Deutschlands devote Naivität, harte britische Endzeit-Worte und mehr…

 

 

aba (18. Mai): „Regierungsentwurf zum Nachweisgesetz ist Rückschritt in Sachen Digitalisierung.“

 

Deutsches Institut für Altersvorsorge (5. Mai): „Fehlende Versorgungsordnung führt nicht zu Bußgeld.“

 

Wie hier schon berichtet, hält die Causa Nachweisgesetz für Unternehmen in Deutschland – auch auf der Ebene der bAV – ordentlich Frustpotential bereit. Die aba legt hier nach, in erster Linie mit Blick auf die mögliche Gefährdung der weiteren Digitalisierung, während das DIA erfahren haben will, dass dies alles halb so wild sei.

 

Die Praxis wird es zeigen, doch sei dem Gesetzgeber dringend davon abgeraten, aus einer Petitesse ohne Not ein Bürokratiemonster zu machen.

 

 

 

Bild (17. Mai): „EU-Hilfe für Ukriane-Wiederaufbau: Von der Leyen will Schulden machen.“

 

Hatte Kassandra nicht prognostiziert, dass zu den unzähligen, immer wieder angeführten Gründen, die eine Bilanzverkürzung der EZB und Verknappung der Euro-Geldmenge mitten im Krieg extrem unwahrscheinlich bis unmöglich machen, nun auch noch hinzutritt, dass eines Tages auch der Wiederaufbau der Ukraine von der EZB finanziert werden muss?

 

…muss ja auch die teilzerstörte und unter massivem Brain Drain leidende, aus allen Wunden blutende Ukraine, die ja nun auch noch Blitz-EU-Mitglied werden soll, irgendwann nach dem Krieg wieder aufgebaut werden. Wer wird das denn bezahlen? Die Russen? Kaum. Die Ukraine selbst? Unmöglich. Der deutsche Steuerzahler? Das ist selbst für ihn zuviel. Auch hier bleibt am Ende nur ein Finanzier: die Notenpresse in Frankfurt-Ostend.“

 

Hier beginnt nun offenbar schon der nächste Akt: Finanzierung über EU-Schulden, und das Volumen dürfte kein kleines werden. Kann man begrüßen oder nicht, doch fest steht: Gigantische EU-Schulden und steigende EZB-Leitzinsen – das passt nicht recht zusammen.

 

 

 

Die Welt (18. Mai): „‘Apokalyptische Inflation’: Britische Zentralbank spricht drastische Warnung aus.“

 

Ruhe ist des Notenbankers erste Pflicht. Zwischen den Zeilen zu kommunizieren die zweite. Wenn die BoE öffentlich derart drastische Worte wählt, dann sollte man das durchaus ernst nehmen.

 

Kleines Problem aus europäischer Sicht: Die EZB ist in ungleich schlechterer Lage im Vergleich zu deanderen Großen, also Fed, BoJ und eben auch BoE.

 

Denn anders als die genannten Notenbanken muss sie einen Währungsraum höchst unterschiedlicher Volkswirtschaften zusammenhalten, die geographisch auch noch an einige der prekärsten Krisenherde der Welt grenzen. Sie muss eine Währung steuern, deren Pathogenese von Anfang an und bis heute von Fälschung und Manipulation begleitet war und ist. Sie muss mit immer größeren Summen die Insolvenz seit Jahren faktisch bankrotter Staaten verschleppen und hat damit eine Fallhöhe ohnesgleichen aufgebaut. Sie muss wie oben erläutert den irgendwann kommenden Aufbau der Ukraine finanzieren, sie steht demzufolge unter erheblichem politischen Einfluss. Und wird zu allem Überfluss auch noch fachfremd geführt.

 

Wenn also die BoE, die einen kleineren, homogeneren und völlig unabhängigen Währungsraum zu verantworten hat, schon von Apocalypse redet, was blüht dann erst Euroland?

 

Das male sich jeder selber aus, doch gibt es hier denn gar nichts Positives zu vermelden? Doch gibt es: Viele, fast alle Kapitalmärkte weltweit und über alle Asset-Klassen hinweg haben in den letzten Wochen schon nicht unerheblich, punktuell teils sogar signifikant Luft abgelassen (und damit grundsätzlich auch an Stabilität gewonnen), ohne dass es bei Anlegern, Sparern, Politik, Medien, Öffentlichkeit etc. hier nun zu ernsthaften Panikerscheinungen gekommen wäre. Alles in allem zeigt sich hier durchaus eine gewisse, schon recht bemerkenswerte System-Stabilität. Ob das so bleibt, wird man sehen, macht aber etwas Hoffnung. Und es sei erinnert: Schon während der Corona-Krise haben wir gesehen, dass die ökonomischen Systeme doch sichtlich resilienter sind, als man angesichts der Schwere der Eingriffe befürchten musste.

 

 

 

OFF TOPIC – TO WHOM IT MAY CONCERN:

 

Heise.de (19. Mai): „Kryptowährungen: Terra will abgestürzten Stablecoin UST mit Hard Fork begraben.“

 

Nochmal eine kleine, ganz eigene Apocalypse: Gut, es ist nur eine Nische in einem mittlerweile großen Markt. Doch legt der Totalabsturz dieser Stablecoin in Hyperschallgeschwindigkeit klare Charaktereigenschaften der aus dem Nichts geschaffenen Kryptowährungen offen. Warum Kassandra sie am Ende des Tages für Schneeballsysteme ohne jede inneren Wert hält (selbst bei weitester Auslegung des sehr dehnbaren Terminus’ „innerer Wert“), die im Ernstfall dazu neigen werden, in Lichtgeschwindigkeit auf ihren inneren Wert von Null zurückzufallen, ist hier ausführlich erläutert worden. Und just dies hat sich nun einem ersten Fall bewahrheitet. Seherische Prognose: Es wird nicht der letzte sein.

 

Es sei auch erneut daran erinnert, dass dezentrale algorithmisch begründete Kryptos staatlicherseits zwar schwer bis gar nicht zu kontrollieren oder zu unterbinden sein mögen, doch dies immer wieder vorgebrachte Argument der Krypto-Jünger faktisch gar keine Rolle spielt. Denn eine Kontrolle oder ein Unterbinden ist gar nicht nötig, um sie bei Bedarf ins totale Aus zu drängen. Das geht viel einfacher.

 

 

 

Heise.de (19. Mai): „‘Devot und naiv’: Deutsche Forschung zugunsten des chinesischen Militärs.“

 

Kassandra äußert sich oft und gern zur schon weltweit legendären Cleverness deutscher Industriepolitik im frühen 21. Jahrhundert, zuletzt hier.

 

Hier nun ein weiteres Beispiel, diesmal heißt der Counterpart China (das übrigens von Deutschland 474 Mio. Euro Entwicklungshilfe bekommt hat, 2019). Eine weitere Kommentierung erübrigt sich.

 

 

 

Focus (18. Mai): „Putsch, Krankheit, Liquidation: Was auf Russland und uns zukommt, wenn Putin verschwindet.“

 

Wenn es schlecht läuft, dann geht es auch hier um die Apocalypse: Der Autor sinniert im Fokus darüber, was in Russland nach Putin kommt, wenn dieser aus welchen Gründen auch immer abtritt, und er spielt verschiedene personelle Szenarien durch.

 

Sicher ist der Beitrag von viel Know how über Russland geprägt, doch erlaubt sich Kassandra zu wiederholen, dass man nicht ohne weitere davon ausgehen darf, dass auf den Autokraten Putin automatisch ein an sich stabiles Russland folgen würde. Nochmal:

 

Haben sich all jene, die Attentate oder einen Militärputsch in Russland fordern oder wünschen, mal gefragt, was danach kommen soll? Wie es nach Putin weiterginge im VielVölker-VielReligionen-VielAtomwaffen-VielKonflikt-VielProblem-Staat Russland? Ist ihnen klar, dass ein Land wie Russland in seiner jetzigen katastrophalen diplomatischen, militärischen und ökonomischen Stress-Situation – ständig taumelnd in der Grauzone zwischen Rationalität und Irrationalität – bei Führerlosigkeit schnell im totalen Bürgerkrieg versinken kann? Sich schnell Syrifizieren oder Balkanisieren kann?

 

Den Älteren sind noch die brutalen jugoslawischen Teilungskriege aus den frühen 90ern präsent. Ein Bürgerkrieg im 145-Mio.-Atom-Staat-Russland infolge eines verlorenen Ukraine-Krieges oder eines halbgaren Militärputsches wäre ein Jugoslawien hoch 10, plus wild zirkulierender Atomwaffen – ein Szenario, dass zu den schlimmsten Albträumen gehört, die man sich in Ost-, Mittel- und West-Europa überhaupt vorstellen kann und angesichts dessen sogar die jetzige schreckliche Lage sich moderat ausmacht. Ein Zerfall Russlands einschließlich herrenloser Massenvernichtungswaffen würde für ganz Europa Destruktionspotentiale freisetzen, die ohne weiteres das Zeug hätten, die Katastrophe des II. Weltkrieges in den Schatten zu stellen.“

 

Am Rande sei prognostiziert, dass ein zerfallendes, die letzte Kontrolle verlierendes Russland unmittelbar einer ausgreifenden chinesischen Militär-Intervention unterzogen würde. Das Reich der Mitte würde sich, sobald sich die Gelegenheit ergibt, den rohstoffreichen, dafür fast menschenleeren süd- und ostsibrischen Großraum militärisch aneignen, auf Dauer und mit allen Folgen für das Mächtegleichgewicht auf dem Planeten, v.a. zu Lasten des Westens. Und das betrifft keinesfalls nur die Gebiete östlich des Amur (die übrigens weiland chinesisch waren), sondern sicher weite Teilte Jakutiens und der Nachbarregionen. Wenn es schlecht läuft, dann wartet auf China fern am Horizont noch der ganz große Preis aus dem gegenwärtigen Great Game.

 

Mehr zu dem zur heutigen Headline anregenden Kulturstück findet sich hier: „Smells like … Victory“.

 

Kassandra bei der Arbeit.



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