Deutschland erneut Dreizehnter...

…aber auch ein kleines bisschen Erster

von Pascal Bazzazi, PMI, 23. Oktober 2018

Jedes Jahr im Herbst erstellt ein internationeler Consultant ein globales Ranking der nationalen Altersvorsorgesysteme. Deutschland verbessert sich erneut, bleibt aber mittelmäßig. An Spitze gibt es nach Jahren einen Wechsel, die Schlusslichter sind die schon üblichen.

 

Turnusgemäß hat Mercer gestern seinen Melbourne Mercer Global Pension Index (MMGPI) für 2018 vorgelegt, der die Altersvorsorgesysteme in mittlerweile 34 ausgesuchten Staaten (nach im Vorjahr 30) zum zehnten Mal vergleicht.

 

 

Starke Skandinavier – Oranje rules

 

Fazit: Spitzenreiter im Mercer-Ranking sind nun die Niederlande (80,3 Punkte), die nach sechs Jahren Dauerspitzenreiter Dänemark (80,2) denkbar knapp auf den zweiten Platz verwiesen haben. Finnland ist nun als Dritter auf dem Treppchen und verweist Australien auf den vierten Platz. Fünfter ist Schweden. Schlusslichter sind wie im Vorjahr u.a. Indien, Südkorea, Japan und ganz zuletzt Argentinien.

 

Deutschland nimmt wie schon 2017 den 13. Platz ein, legt aber leicht von 63,5 auf 66,8 Punkte zu.

 

Aber: In dem Sub-Index „Angemessenheit“ belegt Deutschland mit 79,9 Punkten erstmals den 1. Platz!

 

Dies ist vor allem auf zwei Gründe zurückzuführen: die Umstellung der Berechnungsmethode der OECD zur Ermittlung der Nettoersatzrate sowie den neu in die Studie aufgenommenen Indikator der Verschuldung privater Haushalte.

 

Der Sub-Index Angemessenheit untersucht die derzeit gewährten Versorgungsleistungen und einige wichtige Gestaltungsmerkmale, wie bspw. Versorgungsniveau, steuerliche Anreize, Gestaltung der Altersversorgungsmodelle und Sparquote privater Haushalte. Als wichtigster Index wird er in der Studie mit 40 Prozent gewichtet.

 

 

In der Theorie gut aufgestellt

 

Achim Lueder, Mercer Deutschland. Foto: Tim Wegner

Dass Deutschland im Bereich Angemessenheit so gut bewertet wird, zeigt deutlich, dass unser Altersvorsorgesystem mit seinen drei Säulentheoretisch sehr gut aufgestellt ist. Aufgrund des BRSG sind viele positive Aspekte nun auch im Gesetz verankert“, erklärt Achim Lüder, CEO Mercer Deutschland. „Das Gesetz muss jetzt aber mit Leben gefüllt werden. Die prognostizierte Rentenlücke ist und bleibt hoch. Der Staat, aber auch die Arbeitgeber sind dazu aufgerufen, mit den Menschen in den Dialog zu treten und sie nicht nur über die Notwendigkeit der betrieblichen und privaten Vorsorge aufzuklären, sondern sie auch dabei zu unterstützen.“

 

 

 

Flexibilität erzeugt Druck

 

Beim Sub-Index Nachhaltigkeit landet Deutschland mit 44.9 Punkten im unteren Mittelfeld. Der demografische Wandel, aber auch die wachsende Gig Economy stellen die deutsche Altersvorsorge offenbar auf die Probe. Immer mehr Menschen suchen den Weg in die Selbstständigkeit, arbeiten auf Freelancer-Basis oder projektweise im Ausland. Darüber hinaus stehen Elternzeiten, Auszeiten und regelmäßige Jobwechsel auf der Tagesordnung. „Diese gebrochenen Erwerbsbiografien müssen berücksichtigt werden. Vor allem Frauen geraten sonst finanziell ins Hintertreffen. Unser Altersvorsorgesystem reflektiert diese Entwicklungen noch viel zu wenig. Wir haben mittlerweile einen absoluten Arbeitnehmermarkt. Wer seinen Mitarbeitern innovative und flexible Lösungen für die Vorsorge bietet, schafft klare Wettbewerbsvorteile“, so Lüder weiter.

 

Weitere Empfehlungen, die sich aus den Studienergebnissen ergeben:

 

  • Ergänzung des umlagefinanzierten Systems durch kapitalgedeckte Modelle

  • Anhebung der Mindestrenten für Niedriglohn-Rentner

  • Weitere Erhöhung der Erwerbsquote älterer Arbeitnehmer

  • Verbesserung der Kommunikation an die Leistungsempfänger

  • Erhöhung der Teilnahmequoten in der bAV.

 

 

Angemessenheit auf Kosten der Nachhaltigkeit

 

Wie Mercer erläutert, zeigten die Resultate deutlich das wachsende Spannungsverhältnis zwischen Angemessenheit und Nachhaltigkeit in vielen Ländern. Dies werde besonders offensichtlich bei der Betrachtung der europäischen Ergebnisse. Dänemark, die Niederlande und Schweden erreichen A- oder B-Noten sowohl für Angemessenheit als auch für Nachhaltigkeit, während Österreich, Italien und Spanien eine B-Note für Angemessenheit, aber eine E-Note für Nachhaltigkeit erhalten, was auf Reformbedarf hindeute.

 

Der Index verwendet drei Sub-Indices – Angemessenheit, Nachhaltigkeit und Integrität – um jedes Altersvorsorgesystem anhand von über 40 Indikatoren zu messen. Die folgende Tabelle zeigt den Gesamtindexwert für jedes Land zusammen mit dem Wert für jeden der drei Sub-Indices. Jeder Index-Wert repräsentiert einen Wert zwischen Null und 100.

 

 

Abb.: Das Ranking nach Staaten geordnet und im Vergleich zum Vorjahr.

 

Grafik zur Volldarstellung anklicken. Quelle: Mercer.

 

 

David Knox, Autor der Studie und Senior Partner bei Mercer Australien, erklärt, dass eine wichtige Voraussetzung für ein erstklassiges Rentensystem darin bestehe, das richtige Gleichgewicht zwischen Angemessenheit und Nachhaltigkeit zu finden.

 

Dies ist für die Politik eine echte Herausforderung“, so Knox. „Zum Beispiel ist es unwahrscheinlich, dass ein System, das kurzfristig sehr großzügige Leistungen erbringt, nachhaltig ist. Ebenso erbringt ein System, das über viele Jahre hinweg nachhaltig ist, wahrscheinlich eher bescheidene Leistungen. Die Frage ist: Was ist ein angemessener Kompromiss?“

 

Das ist aber nicht alles. Knox fügt hinzu, dass es nicht ausreiche, wenn ein System nachhaltig oder angemessen sei. Ein neuer Aspekt in der Debatte darüber, was ein Weltklassesystem ausmacht, sei die Abdeckung der Bevölkerung. „In einigen Ländern wurde eine breite Abdeckung durch obligatorische bAV oder durch Opt-out-Systeme erreicht“, sagt er. „Angesichts der weltweiten Veränderungen der Arbeitswelt müssen wir jedoch sicherstellen, dass diese Systeme alle Erwerbstätigen einbeziehen, damit die gesamte Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter für die Zukunft spart. Dazu gehören Unternehmer, Selbständige und alle, die eine Einkommensunterstützung erhalten – beispielsweise während der Elternzeit oder aufgrund von Erwerbsunfähigkeit oder Arbeitslosigkeit.“

 

 

Über den Melbourne Mercer Global Pension Index

 

Der Melbourne Mercer Global Pension Index wird vom Australian Centre for Financial Studies (ACFS) in Zusammenarbeit mit Mercer und der Regierung des australischen Bundesstaates Victoria veröffentlicht.

 

Der Index wurde erstmalig im Jahr 2009 mit einem Ranking für 11 Länder erstellt. Jedes Land ist auf einer Skala von 0 bis 100 bewertet. Der Gesamtindex ist der gewichtete Durchschnittswert der drei Sub-Indices Angemessenheit, Nachhaltigkeit und Integrität.

 

Der Sub-Index Angemessenheit untersucht wie oben erwähnt die derzeit gewährten Versorgungsleistungen und einige wichtige Gestaltungsmerkmale, wie bspw. Versorgungsniveau, steuerliche Anreize, Gestaltung der Altersversorgungsmodelle und Sparquote privater Haushalte. Der Sub-Index Angemessenheit wird als wichtigster Index mit 40 Prozent gewichtet.

 

Der Sub-Index Nachhaltigkeit untersucht anhand mehrerer Indikatoren, ob das gegenwärtige System in Zukunft aufrechterhalten werden kann. Hier spielen Faktoren wie z.B. Rückdeckung, Finanzierung, Demografie, Staatsverschuldung und das von der Weltbank gemessene reale Wirtschaftswachstum eine Rolle. Dieser Sub-Index wird mit 35 Prozent gewichtet.

 

Der Sub-Index Integrität konzentriert sich auf den Bereich der Privatvorsorge und untersucht anhand verschiedener Indikatoren, wie „vertrauenswürdig“ und beständig das Vorsorgesystem ist. Hier spielen staatliche Aufsicht, Governance, Risikosteuerung und Kommunikation eine entscheidende Rolle bei der Beurteilung. Die Gewichtung liegt bei 25 Prozent.

 

Der vollständige Studienbericht findet sich zum Download hier.

 

 







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