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Online aus Berlin


23. Handelsblatt-Jahrestagung bAV (I):

4-Re, Riester, eigene Steine …

und einer soll nicht selbst zum Anleger werden. Die Entwicklungen in der bAV vollziehen sich noch immer mit minderer Priorität, denn das politische Berlin ist weiter im Krisenmodus. Trotzdem zeichnen sich weitere Verbesserungen bei Betriebsrenten ab. LbAV-Autor Detlef Pohl dokumentiert Auszüge einiger Referenten vom ersten Tag aus Industrie und Politik.

Vorab in eigener Sache: Die Wartungsarbeiten auf LEITERbAV sind noch nicht vollständig abgeschlossen. Entschuldigen Sie etwaige Unstimmigkeiten im Layout.

Wegen der Inhaltsdichte dokumentiert LEITERbAV Impressionen vom ersten Tag der hybriden HB-Tagung im typischen LbAV-Stakkato, der Redaktion und Leserschaft gleichermaßen schont (sämtlich im Indikativ der Referenten).

Quiring: 4-Re und Zeitenwende mit strukturell inflationären Effekten

+++ Im Oktober mussten Verbraucher für Nahrungsmittel 20,3% mehr als im Vorjahr ausgeben, erinnert Christof Quiring, Leiter betrieblicher Vermögensaufbau bei Fidelity International +++ Haupttreiber der Inflation sind aber Energiekosten; Haushaltsenergie 55% +++ Inflationsrate in EU auf über 10%, höchster Stand seit 1951 +++ Hauptursache aber Anstieg der Zentralbank-Geldmenge seit 2015 – laut Prof. Bernd Raffelhüschen mehr als verdreifacht +++ Unerwartet hohe Inflation auch, weil Pandemie Angebot und Nachfrage im globalen Warenverkehr durcheinandergebracht hat: Rückgänge bei Produktion durch Lockdowns, sinkende Frachtkapazität +++ andererseits steigende verfügbare Einkommen aufgrund fiskalischer Maßnahmen, sodass 2021 steigende globale Nachfrage auf gesunkenes Angebot trifft +++

Christof Quiring, Fidelity…

+++ dramatische Folgen in Deutschland für Wirtschaft und private Konsumenten +++ nach Fidelity-Berechnungen bringen allein Energiepreiserhöhungen 170 Mrd. Euro Mehrkosten zwischen 2022 und 2024 +++ entspricht rund 5% des deutschen BIP +++ ohne staatliche Maßnahmen steigt Anteil der Energiekosten an privaten Haushaltseinkommen 2024 von 5 auf 19% +++ bereits seit Ende 2021 reale Einkommensverluste der Arbeitnehmer +++ Streiks absehbar, insb. in Metallindustrie +++ zusätzlich schlägt demografische Entwicklung auf Lohniveau durch +++ Abgang der Babyboomer schrumpft Arbeitskräftepotential und verteuert Faktor Arbeit +++ mit kommendem Abschwung und zugleich Übergang von Pandemie in Endemie wird Nachfrageüberhang zurückgehen +++ damit sinken auch Güter- und Frachtpreise, aber gestiegene Löhne sinken nicht wieder unter das neue Niveau (Lohn-Preis-Spirale) +++ bedeutet strukturell höhere Inflationsrate +++

+++ weitere inflationäre Effekte, die sich durch Klimawandel und Disruption der alten Weltordnung ergeben, folgen mit vier Effekten +++ a) höhere Defence-Investitionen (Re-Arming) +++ b) Neuordnung der Handels- und Lieferketten (Re-Shoring) +++ c) mehr Investitionen in Erschließung und Bevorratung wichtiger Rohstoffe (Re-Stocking) +++ d) Investitionen in Neuordnung der Infrastruktur, insb. Energie (Re-Wiring) +++

+++ Ausblick: Fidelity schätzt Inflation in Eurozone auf 2,7% p.a. in nächsten zehn Jahren +++ klassische konservative Anlageklassen Staats- und Unternehmensanleihen erzielen keine oder nur geringe positive Realverzinsung +++ hat direkte und indirekte Auswirkungen auf bAV-Beteiligte +++

+++ Leistungsbezieher haben fixes Einkommen mit begrenztem Anpassungspotential, oft nicht inflationsindexiert +++ Anwärter in Zwickmühle: verfügbares Einkommen sinkt durch Inflation; dennoch steigt künftiger Kapitalbedarf für Ruhestand nominal (erfordert Konsumverzicht und Disziplin bei bAV-Nutzung) +++ Firmen müssen bei Auswahl des Durchführungsweges auf genügend Freiheitsgrade bei Kapitalanlage achten, um nicht aus regulatorischen Gründen in unattraktive Anlageklassen gezwungen zu werden +++ Inflation dürfte 2023 sinken und in Folgejahren deutlich zurückgehen +++ wir werden künftig mit Inflation leben müssen, die deutlich über aktuellem EZB-Ziel liegt +++ Arbeitnehmer brauchen umso mehr gut gestaltete und ausgestattete bAV +++

Toncar: Altersvorsorge-Reform ambitioniert gestalten

+++ gutes Stück Kapitaldeckung in unseren Altersvorsorgesystemen fehlt, bilanziert Florian Toncar, parlamentarischer StS im BMF +++ vermeintlich kommende Rezession erschwert Vermögensaufbau, der jedoch für Erhalt von Freiheit nötig ist +++ solange Inflation so hoch, sind viele an Vorsorge gehindert +++ Bekämpfung nur durch Angebots-Politik nach Angebots-Schock +++ Ausweg wegen fiskalischer Neutralität: Investitionsbedingungen für Privatsektor stärken +++ Mittel: Zukunftsfinanzierungsgesetz will 2023 Kapitalmarkt verbreitern und vertiefen +++ Folgen für Altersvorsorge: mehr Chancen für Institutionelle +++ und Entlastung für Private, etwa Sparerpauschbetrag auf 1.000 Euro 2023 erhöht (erste Erhöhung seit 14 Jahren) +++

Florian Toncar, BMF, zugeschaltet …

+++ alle drei Säulen der Altersvorsorge müssen ambitioniert reformiert werden +++ GRV: Aktienrücklage mit öffentlichen Mitteln und unabhängiger öffentlich-rechtlicher Stelle als Verwalter +++ Gesetzesvorlage „in diesem Winter“ +++ bAV: höhere Renditen durch Sozialpartnermodelle +++ darüber hinaus Verbreiterung durch geplanten Hürdenabbau mittels Fachdialog mit BMAS und Stakeholdern (s.u.) +++

+++ private AV: starre Sicherungsmechanismen auflösen, gerade bei staatlicher Förderung +++ Akzeptanz für Riester-Rente verbessern, nicht Riester-Rente abschaffen +++ Prüfung des Staatsfonds-Einsatzes, eventuell mit Opting-out, primär für GRV, nicht für pAV +++ in pAV existiert schon breites Angebot +++ Staat muss vitalen Wettbewerb in dritter Säule erhalten und nicht selbst zum Anleger werden +++

Schmachtenberg: Fachdialog Betriebsrente läuft – Vorsicht bei der Zielerreichung

+++ 12% des BIP in Deutschland für Altersversorgung eingesetzt (EU: 12,7%), betont Rolf Schmachtenberg, StS im BMAS +++ Regierung hat sich in Sachen bAV viel vorgenommen +++ Ziel: möglichst viele an dieser Form kapitalgedeckter Alterssicherung profitieren lassen +++ große Verbreitungslücken bei Geringverdienern und in KMU nach und nach schließen +++

+++ Fachdialog Betriebsrente läuft: aktuell werden Stellungnahmen gesichtet, danach konkrete Einladungen nach Sachgebieten +++ ein Knackpunkt: Beseitigung rechtlicher Hürden, damit sich viele Firmen bestehenden SPM anschließen können +++

Rolf Schmachtenberg BMAS…

+++ Zweifel an Staatsfonds in dritter Säule: hätte erhebliche Auswirkungen auch auf geplanten weiteren Auf- und Ausbau der Betriebsrente +++ auch Arbeitgeber lehnen solches System ab, weil sie Verwaltungsaufwand fürchten, ebenso die Gewerkschaften, weil allein die Beschäftigten dies finanzieren sollen +++

+++ 29% der AV-Leistungen der über 65-Jährigen entstammen bAV (Stand 2019) +++ diese Altersgruppe bringt es auf 88,8% des Durchschnittseinkommens aller Haushalte +++ Durchdringung bei bAV soll auf 80% wachsen +++ Zielzeitpunkt nennt Schmachtenberg „jetzt mal nicht“ +++

+++ Fachdialog zu bAV zwar ergebnisoffen geführt, aber mit Ziel einer Gesetzesänderung +++ maßgebliche Druckpunkte: Verbesserung der steuerlichen Förderung nach § 100 EStG +++ Sozialpartnermodelle auf Nichttarifgebundene erweitern +++ möglichst an große SPM-TV andocken +++ neuerdings auch Freie Berufe an SPM interessiert +++ insbesondere Tierärzte offen für ihre Angestellten (selbst sind sie ja berufsständisch abgesichert) +++

Schminke: Fachdialog darf nichts verzögern, muss Unsicherheit abbauen

+++ Kerstin Schminke, Geschäftsführerin der Metallrente: Lebensstandardsicherung , sieht bei 48% Rentenniveau nicht gewährleistet +++ Ziel muss Alterseinkommen aus den ersten beiden Säulen sein, das zu gutem Leben reicht +++ daher Fachdialog richtig und wichtig +++ wichtig auch, dass Fachdialog nichts verzögert, was auf betrieblicher oder tariflicher Ebene heute schon notwendig ist +++ nur hilfreiche und sinnvolle Regelungen umsetzen, nicht zu Verwerfungen und noch mehr Komplexität in bAV führen +++ notwendig: auch außerhalb dieses Dialogs individuelle Gespräche mit Akteuren führen +++ jede Branche hat ihre eigenen Steine, die aus Weg zu räumen sind +++

… und Kerstin Schminke, Metallrente, zugeschaltet. alle Fotos: Dietmar Gust, HB.

+++ Signal an die Politik: Wir brauchen keine Verhinderungsdebatten, z.B., ob Sozialpartnermodelle nicht mehr nur tarifexklusiv, sondern auch betrieblich möglich sein sollen +++ Sozialpartnerschaft findet auf Augenhöhe statt, ist ausbalanciert und vermischt nichts mit anderen betrieblichen Interessen außerhalb der bAV +++

+++ jetzt angestoßener Dialog auch in Breite notwendig, da viele offene Baustellen +++ Beispiele: Abbau von Komplexität, Optimierung der Geringverdienerförderung und Stärkung von SPM durch bedarfsgerechten Abbau individueller Hemmnisse +++ nötig auch Abbau von Unsicherheiten rund um bAV +++ Dialog darf keine neuen Unsicherheiten schaffen +++

+++ Rat an die Politik: jeweiligen Akteuren und Fachkreisen zuhören, bei Gesprächen über Prüfaufträge keine funktionierenden Systeme gefährden und keine Verzögerungen bei Umsetzung wichtiger und notwendiger Regelungen zulassen +++

Fazit von LEITERbAV: AV-Konzepte im Wettstreit

+++ kürzlicher Einstieg in reine Beitragszusage macht reale Hoffnung auf baldige Nachahmer +++ als angemessene Prüfungszeit neuer Projekte sieht BaFin sechs Monate +++ Erfolgsrezept ist frühzeitige Einbeziehung aller Tarifpartner und der durchführenden Einrichtung auf Augenhöhe und schnelle Einbindung der BaFin +++ nächstes SPM könnte von Freien Berufen kommen, die fast 5 Mio. Arbeitskräfte bündeln und damit Skalierbarkeit durch Synergien großer Kollektive verbessern könnten +++ SPM erlaubt hohen Freiheitsgrad bei Kapitalanlage mit attraktiven Anlageklassen, die Inflation trotzen können +++ Fachdialog des BMAS kann bAV-Rahmen bis Mitte 2023 weiter verbessern +++ einige offene Details, aber gute Perspektive für rBZ +++ Politik scheint derzeit wirklich zumindest zu kleineren, vielleicht mittelgroßen Schritten der Verbesserung der bAV bereit +++

Teil II der Berichterstattung zu der Tagung findet sich auf LEITERbAV zwischenzeitlich hier.

Diskriminierungsfreie Sprache auf LEITERbAV

LEITERbAV bemüht sich um diskriminierungsfreie Sprache (bspw. durch den grundsätzlichen Verzicht auf Anreden wie „Herr“ und „Frau“ auch in Interviews). Dies muss jedoch im Einklang stehen mit der pragmatischen Anforderung der Lesbarkeit als auch der Tradition der althergerbachten Sprache. Gegenwärtig zu beobachtende, oft auf Satzzeichen („Mitarbeiter:innen“) oder Partizipkonstrukionen („Mitarbeitende“) basierende Hilfskonstruktionen, die sämtlich nicht ausgereift erscheinen und dann meist auch nur teilweise durchgehalten werden („Arbeitgeber“), finden entsprechend auf LEITERbAV nicht statt. Grundsätzlich gilt, dass sich durch LEITERbAV alle Geschlechter gleichermaßen angesprochen fühlen sollen und der generische Maskulin aus pragmatischen Gründen genutzt wird, aber als geschlechterübergreifend verstanden werden soll. Auch hier folgt LEITERbAV also seiner übergeordneten Maxime „Form follows Function“, unter der LEITERbAV sein Layout, aber bspw. auch seine Interpunktion oder seinen Schreibstil (insb. „Stakkato“) pflegt. Denn „Form follows Function“ heißt auf Deutsch: "hässlich, aber funktioniert".

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