Reinhard Kunz und Peter Seng im Interview (I):

Vorteile der Auslagerung verständlicher machen

von Detlef Pohl, Berlin; Oberursel, 27. Oktober 2015

 

Über Lage und Rolle der Pensionsfonds, über ihre Strategien und über den EIOPA-Stresstest sprachen Reinhard Kunz, Vorstand der Alte Leipziger Lebensversicherung aG, und Peter Seng, Vorstand der Alte Leipziger Pensionsfonds AG, mit LbAV-Autor Detlef Pohl. Teil I eines Interviews.

 

 

Herr Kunz, wann hat die Alte Leipziger ihren Pensionsfonds aufgelegt und welche Ziele waren damit verbunden?

 

Reinhard Kunz. Vorstand der Alte Leipziger Lebensversicherung aG.

Reinhard Kunz.
Vorstand der Alte Leipziger Lebensversicherung aG.

Reinhard Kunz: Wir haben unseren Pensionsfonds 2002, also direkt nach Einführung dieses neuen Durchführungsweges im Rahmen des Altersvermögensgesetzes, gegründet. Als einer der führenden Anbieter der betrieblichen Altersversorgung wollten wir unseren Kunden und Geschäftspartnern die Auslagerung von Pensionsverpflichtungen nach Paragraf 3 Nummer 66 EStG ermöglichen und so unsere Produkt- und Servicepalette in der bAV erweitern.

 

 

 

Herr Seng, wie fällt die Bilanz dieser Ziele nach rund 13 Jahren aus?

 

Peter Seng: Wie bei den meisten Pensionsfonds fällt die Bilanz eher ernüchternd aus. Aufgrund von vielen Ungereimtheiten und Hemmnissen hat sich die Auslagerung in einen Pensionsfonds gerade im Mittelstand noch nicht entscheidend durchgesetzt. Anders bei den großen deutschen Dax-Konzernen – hier nutzen mittlerweile die meisten Unternehmen die Vorteile des Pensionsfonds.

 

 

 

Wie bei den meisten Pensionsfonds fällt die Bilanz eher ernüchternd aus.“

 

 

 

Als Tochter der Alte Leipziger Lebensversicherung auf Gegenseitigkeit ist der Pensionsfonds selbst eine Aktiengesellschaft. Warum? Ist das nicht zu kompliziert?

 

Kunz: Das war die einfachste und schnellste Möglichkeit, um damals zu einer Genehmigung zu kommen. Außerdem konnten wir den Pensionsfonds so gut in unsere Konzernstruktur integrieren.

 

 

 

Der Pensionsfonds hat praktisch keine Mitarbeiter. Wer macht also die Arbeit?

 

Seng: Der operative Betrieb unseres Pensionsfonds ist vollständig in den Lebensversicherer integriert. Das bietet den Kunden viele Vorteile, und wir können alle Synergien nutzen. Geregelt ist das alles über Funktionsausgliederungen und Dienstleistungsverträge.

 

 

 

Gilt das auch für die Kapitalanlage? Wie ist das Asset Management organisiert?

 

Seng: Das Gleiche gilt auch für die Kapitalanlage. Das Asset Management wird bei uns im Konzern zentral für alle Unternehmen betrieben. Unsere Kapitalanlagespezialisten managen rund 30 Milliarden Euro Assets – der Pensionsfonds profitiert also auch hier von der langjährigen Erfahrung und Professionalität unserer Kapitalanleger.

 

 

 

Wie hat sich denn der Markt in den letzten zehn Jahren bei den Wettbewerbs- und bei den Unternehmens-Pensionsfonds entwickelt?

 

Kunz: Nun, der Markt hat sich sehr unterschiedlich entwickelt. Insgesamt entfallen mittlerweile fast 30 Milliarden Euro an Deckungsmitteln auf Pensionsfonds – das ist fast so viel wie auf den traditionellen Durchführungsweg der Unterstützungskassen. Den größten Anteil daran haben allerdings die großen Dax-Konzerne und wenige Branchenpensionsfonds. Bei den Wettbewerbs-Pensionsfonds, die sich auf kleine und mittelständische Unternehmen fokussieren, ist das Auslagerungsgeschäft noch nicht wirklich angekommen.

 

 

 

Bei den Wettbewerbs-Pensionsfonds ist das Auslagerungsgeschäft noch nicht wirklich angekommen.“

 

 

 

Sieht man sich marktweit die Geschäftszahlen des letzten Jahres an, so dürften sich in der Tat längst nicht alle Erwartungen erfüllt haben. Ist das Konzept der Ablösung von Pensionsverpflichtungen gescheitert? Und wie sehen Ihre Zahlen aus?

 

Seng: Das Konzept ist nicht gescheitert, das belegen ja die Marktdaten und die Entwicklung bei den Großunternehmen. Es ist, so glauben wir, weder gelungen, die ganze Komplexität in den Griff zu bekommen, noch die Vorteilhaftigkeit der Auslagerung von Versorgungsverpflichtungen in der Breite des Marktes verständlich zu machen. Und diese Situation spiegelt sich auch in unseren Geschäftszahlen wider. Obwohl wir den Pensionsfonds schon früh gegründet haben, treten wir erst seit gut zwei Jahren aktiv mit eigenen Produkten am Markt auf. In der kurzen Zeitspanne konnten wir schon fast 100 Kunden für uns gewinnen, die insgesamt einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag bei unserem Pensionsfonds angelegt haben.

 

 

 

Hier spielt sicher die hartnäckige Niedrigzinsphase eine Rolle.

 

Seng: Das könnte man so sehen, da gerade den mittelständischen Kunden aufgrund niedriger Kapitalerträge erforderliche Finanzmittel für die Auslagerung auf einen Pensionsfonds fehlen. Auf der anderen Seite führt die anhaltende Niedrigzinsphase zu einem starken Anwachsen der Pensionsverpflichtungen. Gerade für mittelständische Unternehmen, die nach Handelsgesetzbuch bilanzieren, wird sich die Schere zwischen Pensionsvermögen und den Verpflichtungen dramatisch öffnen. Bleibt das derzeitige Zinsniveau dauerhaft bestehen, fällt der Bewertungszins für die HGB-Bilanz in den nächsten fünf Jahren um über zwei Prozentpunkte – dies wird einen Anstieg der Pensionsverpflichtungen in der Bilanz um über 30 Prozent bewirken!

 

 

 

Und was sind die Konsequenzen für den Pensionsfonds auf der Asset-Seite?

 

Seng: Auch die Asset-Seite der Pensionsfonds kann sich diesen ungünstigen Kapitalmarkt-Entwicklungen natürlich nicht entziehen. Es wird immer schwieriger werden, die erforderliche Verzinsung der Pensionsfonds-Vermögen zu erwirtschaften.

 

 

 

Nicht-versicherungsförmige Pensionspläne machen bei uns mittlerweile 70 bis 80 Prozent aller Auslagerungen aus.“

 

 

 

Im Fokus des Marktes stehen nicht-versicherungsförmige Pensionspläne. Ist das auch bei Ihnen so, und welche Nettoverzinsung erzielt Ihr Asset Management?

 

Kunz: In der Tat haben sich in den letzten Jahren nicht-versicherungsförmige Pensionspläne stark verbreitet. Bei uns machen sie mittlerweile 70 bis 80 Prozent aller Auslagerungen aus. Unser Asset Management beim Pensionsfonds ist strategisch auf eine langfristige Wertentwicklung von derzeit 4,5 Prozent jährlich ausgerichtet. Diese Benchmark konnten wir in den vergangenen Jahren übertreffen. Das wird vermutlich auch 2015 so bleiben.

 

 

 

Sie haben 2014 eine Steigerung der Beitragseinnahmen zu verzeichnen, auch wegen Einführung neuer Produkte für den Pensionsfonds. Was hat sich am Produktportfolio geändert?

 

Seng: Seit der Gründung hatten wir im Rahmen einer Konsortialvereinbarung Produkte eines anderen Marktpartners angeboten: der damaligen HVB Pensionsfonds AG, die heute zur R+V-Gruppe gehört. Dies haben wir vor einigen Jahren verändert. Wir bieten nun eine bedarfsgerechte und flexible Produktpalette für die Auslagerung von Versorgungsverpflichtungen nach Paragraf 3.66 EStG an. Mit unseren Produktkonzepten Garant, Chance, Chance plus und Strategie sowie flexiblen Optionen in den Pensionsplänen lassen sich individuelle Auslagerungskonzepte gestalten: Unterschiedliche Garantielevels, zwei Sondervermögen in der Kapitalanlage, diverse Finanzierungsoptionen, die Einbindung bestehender Rückdeckungen sowie alle erforderlichen Biometrie-Elemente lassen sich kombinieren.

 

 

 

Und in den nächsten Jahren soll es eine ganz neue Produktpalette geben, kündigen Sie im Geschäftsbericht 2014 an. Wohin geht die Reise?

 

Seng: Wir werden unsere Produktentwicklung weiter an die Bedürfnisse unserer Kunden ausrichten. Im Mittelpunkt werden dabei weitere Finanzierungsoptionen und zusätzliche Kapitalanlageformen stehen.

 

 

 

Im Mittelpunkt der Produktentwicklung werden weitere Finanzierungsoptionen und zusätzliche Kapitalanlageformen stehen.“

 

 

 

Nicht-versicherungsförmige Pensionspläne sind nach geltendem Recht auf die Ansparphase begrenzt. Nun gibt es Signale, dass die Politik diesen Weg auch für die Rentenphase erlaubt.

 

Seng: Bei der reinen Leistungszuge im Wege der Übertragung nach 3.66 EStG ist das ja heute schon so. Für eine Beitragszusage mit Mindestleistung, die üblicherweise im Wege der Entgeltumwandlung nach 3.63 zum Einsatz kommt, gibt es einen entsprechenden Vorschlag des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales, der derzeit in den Gremien diskutiert wird. Wir sind optimistisch, dass diese Änderung für die Rentenbezugsphase im Pensionsfonds umgesetzt wird.

 

 

 

Das Konzept einer Holistischen Bilanz wirft allerdings mehr Fragen auf als es beantwortet.“

 

 

 

Bleiben wir bei der Regulierung: Die unternehmenseigenen bAV steht immer noch unter einem gewissen Druck der europäischen Gremien, beispielsweise bezüglich der Unterlegung von Garantien mit Eigenkapital. Wie ist hier der aktuelle Stand der Entwicklung? Gibt es weiter einen deutschen Sonderweg?

 

Kunz: Einen deutschen Sonderweg wird es vermutlich nicht geben, da es ja Initiativen aus Europa sind, und bezüglich der Eigenmittelanforderungen überwiegend von deren Aufsichtsbehörde EIOPA. Sicher ist, dass die zu erwartende neue Pensionsfonds-Richtlinie keine quantitativen Anforderungen an die Eigenmittel-Ausstattung von Pensionsfonds enthalten wird. Was danach kommen wird, bleibt abzuwarten. Derzeit führt die EIOPA eine sogenannte Quantitative Untersuchung bei Einrichtungen der bAV durch, an der wir uns auch beteiligt haben. Das dabei verwendete Konzept einer Holistischen Bilanz wirft allerdings mehr Fragen auf als es beantwortet. Umsetzbare Ergebnisse sind aus diesen Untersuchungen deshalb nicht zu erwarten.

 

 

 

Was ist genau mit einer Holistischen Bilanz gemeint, und welche Fragen wirft das auf?

 

Seng: Bei der Holistischen Bilanz werden die Verpflichtungen, die gegenüber Versorgungsberechtigten bestehen, den Mitteln gegenübergestellt, die zur Erfüllung der Leistungen zur Verfügung stehen. Die holistische, also ganzheitliche Sichtweise bedeutet dabei, dass nicht nur das eigene Vermögen, sondern auch Mittel außerhalb des Pensionsfonds berücksichtigt werden, die aus Sicht des Versorgungsberechtigten zur Leistungserfüllung herangezogen werden können. In Deutschland wären das beispielsweise Leistungen durch den Pensions-Sicherungs-Verein im Falle der Insolvenz oder die Nachschussverpflichtungen des Arbeitgebers. Bei letzteren wäre allerdings auch die Ausfallwahrscheinlichkeit eines Arbeitgebers zu berücksichtigen. Bei der Erstellung einer Holistischen Bilanz treten insbesondere Fragen auf, wie diese zusätzlichen Mittel zu bewerten und zu berechnen sind. Insbesondere bei Pensionskassen oder -fonds mit vielen kleinen Trägerunternehmen wäre dies zudem mit erheblichem Aufwand verbunden beziehungsweise praktisch undurchführbar. Da zudem vorgesehen ist, dass unter bestimmten Voraussetzungen Arbeitgeberunterstützung und PSV-Leistung mit dem Wert angesetzt werden können, der zur Schließung einer ansonsten bestehenden Lücke erforderlich ist – der sogenannte Balancing Item Approach –, stellt sich generell die Frage nach dem Sinn des ganzen Ansatzes.

 

 

Ende des ersten Teils des Interviews mit Reinhard Kunz und Peter Seng.

 

Teil II findet sich hier.

 

 

 


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