Sperrfeuer-Kommentar – EIOPA Stresstest 2017 (III):

Von Bären und Diensten

von Dr. Georg Thurnes, München, 21. Dezember 2017

Besieht man sich Systematik und Ergebnisse des jüngsten Stresstests der europäischen Behörde sowie den Umgang mit diesen genauer, muss man fragen, ob angesichts der Wirkung auf die bAV und die Altersvorsorge insgesamt die Aufsicht überhaupt verantwortungsvoll handelt. Georg Thurnes nimmt Stellung.

 

Georg Thurnes, Aon Hewitt.

Nun ist es wieder soweit: Kaum hat die für die betriebliche Altersversorgung zuständige europäische Aufsichtsbehörde EIOPA die Ergebnisse ihres zweiten Stresstests für Einrichtungen der betrieblichen Altersversorgung (EbAV) veröffentlicht, da kursieren wieder Schlagzeilen, die von „verheerenden Unterdeckungen“ sowie von „Löchern“ und „Deckungslücken“ berichten. Von europaweit bis zu rund 700 Milliarden Euro ist die Rede.

 

Und damit nicht genug, diesmal hat EIOPA auch die Realwirtschaft mit ins Auge gefasst, die nach den Analyseergebnissen bzw. deren öffentlicher Kommentierung ebenfalls massiven Bedrohungen durch die betriebliche Altersversorgung ausgesetzt sein soll. Zu den meisten Punkten könnte man auf die sachlichen Analysen zu den gar nicht so anderen Ergebnissen des letzten Stresstests verweisen und es dabei belassen. Dennoch soll hier neuerlich eine kurze Einordnung vorgenommen werden.

 

 

Langer Niedrigzins und sukzessive Sanierungen

 

Soviel vorweg: Die anhaltende Niedrigzinssituation stellt nach wie vor alle langfristigen Ansparvorgänge vor große Herausforderungen. Das gilt natürlich auch für EbAV, die Leistungspläne (Defined Benefit) finanzieren sollen.

 

Da in Deutschland in aller Regel die Arbeitgeber in letzter Instanz für durch EbAV zu gewährende Leistungen haften, sind EbAV aus Sicht der Arbeitnehmer eine besonders gesicherte Altersversorgung. Denn gerät die EbAV in wirtschaftliche Schwierigkeiten, dann muss der Arbeitgeber entweder der EbAV zusätzliche Mittel zur Verfügung stellen oder Teile der Versorgungsleistungen selbst übernehmen. Solche Sanierungssituationen werden nun in dem historisch einmaligen Niedrigzinsumfeld wahrscheinlicher bzw. treten auch schon auf, jedoch nicht plötzlich, sondern sukzessive, und nicht in dem Ausmaß, wie man das bei undifferenzierter Betrachtung aus den Stresstestergebnissen ableiten könnte. Die Sanierungsmaßnahmen werden i.d.R. behutsam, möglichst frühzeitig und vorbeugend, und über längere Zeiträume geplant und umgesetzt.

 

 

Wäre das denn woanders anders?

 

Wie funktioniert nun der EIOPA- Stresstest im Niedrigzinsumfeld? Vereinfacht gesprochen wird unterstellt, dass das Unternehmen am Betrachtungsstichtag signifikante Vermögensverluste erleidet und gleichzeitig annehmen muss, dass es bis zur Erfüllung aller Verpflichtungen nahezu keine Erträge mehr erzielt. Letztere Interpretation ist beim EbAV-Stresstest letztlich Ausfluss der sog. risikolosen Zinsstrukturkurve, die der Bewertung der Verpflichtungen zugrunde gelegt wird.

 

Vorstehend wurde zunächst bewusst von einem beliebigen „Unternehmen“ statt von „EbAV“ gesprochen. Denn in solch einem Szenario dürfte wohl jedes Unternehmen – gleich aus welcher Branche – in kaum lösbare Schwierigkeiten geraten. Der Eintritt des Stressszenarios ist an sich schon relativ unwahrscheinlich. Die Kombination mit der – vielen Interpretationen zugrunde liegenden – Annahme, dass die Lage nach Stress dauerhaft so bliebe, dürfte dann nahezu ausgeschlossen sein. Aber genau in diesem Szenario, also Stress bei Bewertung gemäß EIOPAs sog. Common Balance Sheet, entstehen die oben genannten rund 700 Milliarden Euro.

 

 

Falscher Einsatz

 

Ein Stresstest kann zwar grundsätzlich auch ein sinnvolles Instrument sein. Das ist nämlich dann der Fall, wenn er – richtig im Risikomanagement eingesetzt – dazu beiträgt, möglichen oder sich bereits abzeichnenden negativen Entwicklungen frühzeitig und angemessen zu begegnen. Vorliegend hat man ihn aber eher missbraucht.

 

Übrigens: Bewertet man die Verpflichtungen nach nationalem Recht, was auch ein Teil der EIOPA Übung ist, dann sind die Verpflichtungen der deutschen EbAV aktuell bedeckt – vor und nach Stress auf die Vermögenswerte.

 

 

Aufsicht über die Träger?

 

Wie eingangs erwähnt, geht EIOPA über den Bereich der EbAV hinaus. Sie trifft Aussagen darüber, wie es den Trägerunternehmen im Stressfall ihrer EbAV erginge – und zwar unter der realitätsfernen Annahme, dass die kompletten Unterdeckungen von den Trägerunternehmen unmittelbar auszugleichen wären. Die Herleitung der Beträge gründet dabei auf methodisch sehr umstrittenen quantitativen Modellen und wenigen, relativ holzschnittartigen qualitativen Abfragen.

 

Einmal abgesehen davon, dass EIOPA keinerlei Zuständigkeit und Kompetenz bezüglich der Aktionen und Reaktionen der Trägerunternehmen hat, sind diese Ergebnisse mit großer Vorsicht zu genießen.

 

 

Der Sinn der Übung?

 

Hinsichtlich des Stresstests für reine Beitragszusagen (Defined Contribution), bei denen die Arbeitnehmer das Anlagerisiko alleine tragen, kann man sich fragen, warum man den Aufwand überhaupt betreibt. Denn die Ergebnisse sind vorhersehbar. So wird u.a. befunden, dass mit mehr Aktien im Portfolio mehr Risiken verbunden sind, und dass ein Kapitalmarktschock kurz vor Rentenbeginn den Arbeitnehmer vor größere Probleme stellt als seinen jungen Kollegen – ist das eine Überraschung?

 

 

Der Schaden für die bAV…

 

Mal abgesehen von der für Schlussfolgerungen viel zu geringen Teilnahmequote von etwas mehr als einem Drittel, muss man sich fragen, was EIOPA erreichen will. Zum einen ist die Vorgehensweise in vielen Belangen nicht sachgerecht und zum anderen (und vor allem) beugt EIOPA der unsachgerechten, Panik schürenden Berichterstattung nicht aktiv vor bzw. begünstigt diese durch die eigene Öffentlichkeitsarbeit sogar noch. Welche Schlüsse sollen der Normalbürger und der noch nicht Betriebsrente gewährende Unternehmer ziehen? Soll man der betrieblichen Altersversorgung überhaupt noch Mittel anvertrauen?

 

 

und für die Altersvorsorge überhaupt

 

Wie schon 2015 geschlussfolgert: Der oft und zurecht geforderten stärkeren Ausbreitung der bAV wird hier ein Bärendienst erwiesen. Private Altersversorgung dürfte so gesehen übrigens auch keine Lösung sein, denn da ginge es den Individuen ja ebenso schlecht, würde man die Maßstäbe der DC-Stresstests anlegen. Also besser keine Altersvorsorge betreiben? Ist diese Botschaft dann Ausfluss einer verantwortungsvollen Aufsicht?

 

Diese letzte Frage ist dabei auch mit Blick auf die Trägerunternehmen zu stellen, die sozial verantwortlich handeln, indem sie ihren Mitarbeitern eine betriebliche Altersversorgung gewähren. Sie laufen nämlich Gefahr, durch eine leichtfertig beförderte undifferenzierte Kommentierung von zumindest teilweise recht strittig ermittelten Untersuchungsergebnissen von Investoren an den Kapitalmärkten völlig ungerechtfertigt abgestraft zu werden.

 

 

Der Autor ist Chefaktuar von Aon Hewitt in Deutschland.

 

Weitere Berichterstattung zu dem Stresstest der EIOPA folgt LEITERbAV auf Anfang des nächsten Jahres.







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