Georg Thurnes im Interview (II):

„Viel Aufwand für wenig Erkenntnis“

von Pascal Bazzazi, Berlin; München, 5. Mai 2015

 

Im Dezember 2014 hatte Leiter-bAV.de mit Georg Thurnes, Chefaktuar von Aon Hewitt und Leiter der entsprechenden Arbeitsgruppe der aba, über das im Oktober von der EIOPA verschickte Konsultationspapier zum Holistischen Bilanzansatz und der QIS-II für EbAV gesprochen. Nun geht das Projekt in die heiße Phase. Zeit nachzufragen.

 

 

Herr Thurnes, in Kürze startet EIOPA für die bAV den Stresstest sowie die QIS-2, die nun auf einmal QA heißen soll. Wissen Sie genaueres?

 

Georg Thurnes, Chefaktuar Aon Hewitt

Georg Thurnes,
Chefaktuar Aon Hewitt

Nun, das, was früher einmal Quantitative Impact Study, kurz QIS oder QIS-EbAV, hieß, hört nun in der Tat auf den Namen QA, für Quantitative Assessment, oder zu deutsch QU für quantitative Untersuchung. Bei dem Stresstest werden DB-Pläne und bemerkenswerterweise auch DC-Pläne gestresst. Das ganze läuft vom 11. Mai bis zum 10. August.

 

 

 

Und dieses QA, wie unterscheidet es sich – abgesehen von dem Balancing Itemvon der ersten QIS?

 

Abgesehen von dem weitgehend formal bedeutsamen Balancing Item sind die Unterschiede limitiert. Es gibt eine weitere Berechnungsvariante für den Sponsor Support, einen etwas anderen technischen Prozess und demzufolge auch etwas anderen Output. Nach Eingabe von zwei Basisszenarien werden quasi automatisch fünf der sechs in der Winterkonsultation zur holistischen Bilanz diskutierten aufsichtsrechtlichen Rahmenwerke auf Basis eines HBS befüllt und ausgewertet. Der Stresstest läuft gegen die HGB-Bilanz und gegen den Holistischen Bilanzansatz in einer der Ausprägungen, die sich aus dem QA ergeben. Und zwar wird die erste HBS-Ausprägung von den sechsen der im vergangenen Winter durchgeführten Konsultation herangezogen Das ist diejenige Ausprägung eines HBS-gestützten Aufsichtssystems, die mit ihrem risikofreien Zins und ohne Insolvenzschutz à la PSV grundsätzlich Solvency II am nächsten kommt.

 

 

 

Stichwort etwas anderer Output: Welche neue Erkenntnisse erwarten Sie?

 

Von grundsätzlicher Natur eigentlich keine. Durch das gegenüber der letzten QIS nochmals markant gesunkene Zinsniveau hat sich natürlich die Ausgangsbasis verschlechtert. Dadurch sehen Defizite gegenüber einer vermeintlich marktkonsistenten Bewertung noch schlimmer aus. Aber das verdeutlicht eigentlich nur noch mehr, warum der HBS-Ansatz grundsätzlich für EbAV nicht taugt. Die Ergebnisse der Stresstests gegen den HBS werden wegen der sogenannten risikofreien Zinsstrukturkurve am Stichtag übrigens meist schlechter aussehen als gemäß HGB mit dem dort verwendeten festen Rechnungszins.

 

 

 

Was soll eigentlich ein DC-Stresst sein? Klingt nach einer Angelegenheit des Betriebsrentners. Gehört so etwas überhaupt zu der EIOPA Aufgaben?

 

Gute Frage. Die Behörde soll sich um systemische Risiken kümmern, wenn sie Stresstest-Übungen anfordert. Im DC-Stresstest wird die Versorgung der Berechtigten gestresst. Die Erkenntnisse daraus dürften in der Tat eigentlich kaum in EIOPAs Kernkompetenz liegen. Je nachdem, was mit den Ergebnissen solcher DC-Stresstest gemacht wird, bergen diese auch potenziellen Sprengstoff. Stresstests sind naturgemäß ziemlichen Modellrisiken unterworfen, Gelangen unvorteilhafte Ergebnisse in die breite Öffentlichkeit, sind vielleicht unberechtigte Panikreaktionen in der Breite nicht auszuschließen. Da wir in Deutschland keine reinen DC-Systeme kennen, ist der DC Stresstest für teilnehmende EbAV höchsten von eigenem, rein internen Interesse.

 

 

 

Die Teilnahme ist bei dem QA freiwillig, der Stresstest ist es aber nicht. Für diesen braucht man aber auch das HBS. Wie geht das zusammen?

 

Nicht gut. Meiner persönlichen Meinung nach ist es sehr fraglich, ob EIOPA das Recht hat, einen Stresstest gegen ein fiktives, zudem höchst kontrovers diskutiertes HBS-basiertes System tatsächlich verbindlich zu machen. Nun ist es aber so aufgesetzt, und wie es aussieht, wird der angestrebte Beteiligungsumfang – es sollen 50 Prozent der Vermögenswerte deutscher EbAV repräsentiert sein – erreicht werden.

 

 

 

Die BaFin erwartet rege Teilnahme. Wer muss denn mitmachen?

 

Die Wunschkandidaten der BaFin, sei es für den obligatorischem Stresstest, sei es für das freiwillige QA, sei es für beides – dürften schon kontaktiert worden sein. Aber natürlich darf auch sonst jeder für sich mitmachen, der möchte. Die Spezifikationen und Spread Sheets wird es wohl auch online bei EIOPA geben. Jede EbAV kann sich dann zumindest einmal ein grobes Bild davon machen, was es für sie hieße, wenn so ein Aufsichtsregime Realität würde.

 

 

 

Ihre Quintessenz?

 

Summa summarum viel Aufwand für zu erwartend wenig bis keine neuen Erkenntnisse. Außerdem ist das Ganze eine Weiterarbeit an einer Systematik, die die bAV-Welt nicht braucht, zumindest nicht in Deutschland. Und hier gilt es, endlich belastbare Rahmenbedingungen zu schaffen, belastbar im Sinne einer soliden Planungssicherheit. Im Zusammenhang mit der Bewertung des Sponsor Supports werden zudem viele unternehmensspezifische Informationen über die EbAV und ihre Trägerunternehmen abgefragt. Da ist natürlich der Datenschutz von besonderer Bedeutung, ganz besonders bei börsennotierten Unternehmen. Man kann sich der Stelle sogar fragen, ob das wohl gut und richtig ist, dass EIOPA so viel Insiderwissen über die Unternehmen sammelt, zumal die Bewertungsergebnisse naturgemäß von erheblichen Modellrisiken belastet sind.

 

 

 

Dann hoffen wir mal, dass EIOPA sich gegenüber ausländischen Diensten diskreter verhält als unser werter Bundesnachrichtendienst es zuweilen tut. Bei unserem letzten Gespräch sagten Sie übrigens, dass man gegenüber EIOPA nicht die Katze im Sack kaufen solle. Gilt diese Aussage weiterhin?

 

Ja, sogar mehr denn je. Der umstrittene HBS, eingebaut in einen obligatorischen Stresstest, geschickt verknüpft mit einem umfangreichen QA: Wenn das nicht eine Katze im Sack ist?

 



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