EIOPA legt Financial Stability Report vor (III):

Risiken weiter hausgemacht

von Pascal Bazzazi, Frankfurt am Main, 20. Mai 2014

 

Die europäische Aufsichtsbehörde EIOPA hat letzte Woche turnusgemäß ihren Financial Stability Report (First Half Year Report) 2014 vorgelegt, in dem auch der „European Pension Fund Sector“ analysiert wird.

 

Die Frankfurter Behörde identifiziert in dem Bericht für alle drei von ihr beaufsichtigten Sektoren (IORPs, Versicherer und Rückversicherer) drei gemeinsame Schlüsselrisiken:

  • das anfällige konjunkturelle Klima
  •  den Niedrigzins
  •  das Bonitätsrisiko.

 

Hinzu tritt das, was die Behörde nicht direkt als Risiken anspricht, sondern als „Other Challenges“. Hier nennt EIOPA Cyber-Risiken, den Verlust von Steuervorteilen, das Investment in Alternatives (namentlich unter anderen in Insurance-linked Securities ILS), aber auch mögliche Nachreservierungen infolge nationaler Regulierung – möglicherweise hat die Aufsicht hier auch die deutsche Zinszusatzreserve im Auge.

 

Im weiteren Verlauf des Berichts ist jedem der Sektoren ein eigenes Kapitel gewidmet, also auch dem betrieblichen Pensionswesen. Die Behörde sieht die europäische IORP-Landschaft dabei weiter als grundsätzlich stabil an, betont aber wie in der Vergangenheit, dass Niedrigzins und Langlebigkeit den DB-Plänen unverändert zusetzen.

 

 

Janusköpfiger Niedrigzins

 

Den Niedrigzins sieht die Behörde dabei zurecht janusköpfig: Er ist gefährlich, wenn er bleibt, und wenn er geht auch. Genau deshalb will sie ihn ihn auch stets zweiseitig geprüft wissen:

 

…apart from the low yield environment, the impact of a sudden increase in yields (reducing the value of their portfolio and making life insurance products less competitive compared with short term banking products) needs to be tested.“

 

 

Kein grenzenloses Vertrauen in Super-Mario?

 

Beim Bonitätsrisiko schließt die Behörde Sovereigns ausdrücklich mit ein, Mario-Glauben-Sie-mir-es-wird-reichen-Draghi zum Trotz :

 

Contagion risks from the exposure to sovereigns and financial institutions remain a challenge for the insurance sector. Although CDS spreads both on sovereign and financial bonds might indicate decreasing credit risks, heavily indebted private and public balance sheets and weak financial sector profits remain the main sources of vulnerabilities. Recent turbulences in key emerging markets have increased the likelihood of a sudden reassessment of global risk premia with a negative impact on insurers’ assets. The sovereign risk will further continue to challenge the profitability of the insurance.“

 

Möglicherweise bezieht sich die Behörde hier nur auf Staaten außerhalb der Währungsunion. Allerdings muss man sich hier die Lage der EIOPA vor Augen halten. Es würde wohl für Aufsehen bei Politik und Märkten sorgen, würde eine europäische Aufsichtsbehörde die Staatsschuldenkrise für beendet erklären. Was soll sie also sonst tun als weiter auf das Risiko der Sovereigns verweisen?

 

Politische Risiken für IORPs – beispielsweise die in Osteuropa bereits in der Vergangenheit zu beobachtenden enteignungsartigen Maßnahmen – spricht die Behörde übrigens wie in der Vergangenheit erneut nicht an. Auf Nachfrage erklärte EIOPA gegenüber Leiter-bAV.de dies damit, dass es sich hierbei um rein nationale Risiken handele.

 

 

Zwei Staaten – Pareto at its best

 

Schließlich hat sich EIOPA auch wieder die Assets der europäischen Pensionslandschaften angesehen. Es sind wie bisher Großbritannien und die Niederlande, die den Löwenanteil aller europäischen Planvermögen akkumuliert haben. Die zwei Staaten vereinigen allein über 85 Prozent der Planvermögen auf sich – das nennt man wohl Pareto at its best.

 

In der Tat: Gegenüber dem 49,1-prozentigen Anteil der Briten und dem 36,7-prozentigen Anteil der Holländer am gesamtem europäischen Pensionsvermögen machen sich die 6,1 Prozent Deutschlands – der größten und stärksten Industrienation Europas – geradezu kümmerlich aus (allerdings müsste man für ein korrektes Bild die rückstellungsfinanzierte und teilweise CTA-gedeckte bAV addieren).

 

Total assets per country as a share of total assets reported (2013)

 

Nicht besser das Bild im Verhältnis zum GDP: Niederländer über 160 Prozent, Briten an die 70 Prozent, Deutschland bei circa 6 Prozent.

 

 Penetration rates total assets as percent of GDP

Pensions aktienlastig

 

Auch der Investment Allocation widmet sich EIOPA erneut, und auch hier wenig Neues, Deutschland in den EbAV weiter verhältnismäßig defensiv. Doch zufrieden machen kann aus Sicht der bAV eine grundsätzliche Erkenntnis der Behörde:

 

Change in investment allocation in 2013 No 2

 

Equity generally represents a much higher share of investments in the pension fund sector than in the insurance sector (averaging approximately 33 per cent). Such an investment allocation reflects the long-term horizon of pension funds and the intention to benefit from equity premia that are expected in the long-run. It may also be a reflection of strict legal or contractual obligations for pension funds or the result of long-term investment strategies with the aim to maintain a specific and stable asset mix.“

 

 

Pensionskasse & Co. weiter stabil

 

Wie erwähnt hält EIOPA den europäischen Pensions-Sektor für grundsätzlich stabil. Gleichwohl betont sie:

 

Only a few national authorities reported cover ratios in 2013 that are sufficiently high.“

 

Deutschland darf sich hier angesprochen fühlen, liegen die Ratios laut EIOPA hierzulande doch solide bei circa 115 Prozent.

 

 Cover Ratio

 

 

Alter Wein in neuen Schläuchen?

 

Fazit des Berichts: Etwas andere Schwerpunkte, etwas andere Terminologie – doch alles in allem gleicht der EIOPA-Bericht sichtlich demjenigen von vor einem halben Jahr. Das verwundert wenig, hat sich an der realen Lage hat sich ja auch nicht viel geändert. Weiter stabil auch der Treppenwitz, dass eine europäische Aufsichtsbehörde den Niedrigzins als eines der Schlüsselrisiken für die europäische Versicherer-, Rückversicherer- und IORP-Landschaft identifiziert, während eine andere zentrale europäische Behörde derzeit möglicherweise selbst zu unorthodoxesten Maßnahmen greifen will, um eben diesen Niedrigzins weiter zu manifestieren. Daher kann an dieser Stelle das Fazit gezogen werden, das Leiter-bAV.de schon nach dem letzten Bericht gezogen hat, nämlich dass die Probleme, die EIOPA hier anspricht, hausgemacht waren und es weiterhin sind:

 

Die Ursache des Niedrigzinses bedarf wohl keiner weiteren Erläuterung. Doch hat die Geldschwemme praktisch aller westlichen Notenbanken und über praktisch alle Kanäle schließlich auch Wirkungen auf die Realwirtschaft: Marode Industrieunternehmen und Banken, die längst hätten das Zeitliche segnen müssen, können sich zu aberwitzig niedrigen Kosten refinanzieren – leicht abzulesen an den geringen Returns der Corporates selbst sanierungsreifer Emittenten. Wer aber Krisen unterbindet – und die damit einhergehenden Bereinigungen der Realwirtschaft – der schafft ein Klima des nachhaltig niedrigen Wirtschaftswachstums. Und auch die Ansteckungs- und Downgrade-Gefahren bei Staats- und Bankanleihen sind Folge einer Krise, die erstens durch zu viel billiges Geld entstanden ist und zweitens seit einem halben Jahrzehnt durch noch mehr billiges Geld kuriert werden soll. Hinzu tritt die den offiziellen Inflationsstatistiken der Verbraucherpreise diametral entgegenstehende, längst grassierende Asset Inflation, die EbAV täglich die Frage der Wiederanlage schwerer beantworten lässt – sei es bei Aktien, Corporates, Real Estate oder Govies. Eine der Folgen dieser alle relevanten Asset-Klassen erfassende Preisauftrieb ist zweifellos der unter „Other Risks“ angesprochene Trend bei EbAV, sich bei den Cat-Bonds zu engagieren.“

 

 

Alle im Artikel verwendeten Grafiken entstammen dem besprochenen Bericht (zum Vergrößern anklicken).



© alle Rechte vorbehalten
Artikel per Email empfehlen