Kassandra:

Die kommentierte Presseschau zur bAV

von Pascal Bazzazi, Berlin, 30. Oktober 2015

 

Jeden Freitag bringt Leiter-bAV.de eine kommentierte Presseschau zur bAV. Heute: Nichts wird einfacher…

 

 

FAZ (28. Oktober): „Altersvorsorge – die unglaublich komplizierte neue Lebensversicherung.“

 

Kaum eine Woche vergeht, in der die Verwerfungen, die der Niedrigzins im Lebensversicherungswesen anrichtet, nicht Thema auch in den Massenmedien sind. Analoges gilt für die LbAV-Presseschau, so beispielhaft letzte Woche. Hier beleuchtet die FAZ eine der Folgen, nämlich die, dass sich mit den notwendigen Produktanpassungen der Lebensversicherer die Materie für allem für die Kunden massiv verkompliziert und intransparenter macht.

 

 

 

Towers Watson (27. Oktober): „Studie – Pension Risk Management und Anlage von Pensionsvermögen 2015.“

 

Summary: Risikowahrnehmung hat sich verändert: Niedringzinsphase lässt Erwartungen an baldige Normalisierung des Marktumfeldes schwinden +++ Auf Vorstandsebene rücken unternehmensspezifische Aspekte der Asset Allocation in den Vordergrund – Grund sind bilanzielle Einflüsse der Zinsschritte +++ Guter Portfoliokonstruktionsprozess orientiert sich nicht an unterschiedlichen Assetklassen, sondern an gewünschtem Mix der Risikoprämien +++ Diversifiziertes Rentenportfolio kann fehlende Renditetreiber im Gesamtportfolio nicht kompensieren +++ Selbst wenn Renditeziele nicht erreicht werden, zeigen Anleger wenig Interesse, ihr Gesamtportfolio (beispielsweise durch Alternatives) zu ändern, Hemmschwelle ist hoch, Outsourcing, externe Beratung und Multi-Asset-Strategien können helfen.

 

Handlungsempfehlungen laut Studie: Mit zunehmendem Zinseinfluss auf die Bilanz blickt der Vorstand stärker auf die strategische Asset Allocation, Fokus auf Investment Beliefs, Mission und Ziele +++ Investoren können jedoch ihre Governance noch stärker an die veränderten Marktbedingungen anpassen, indem sie auch ihr Zeit-, Ressourcen- und Risikobudget überdenken +++ Ausbau der Renditetreiber: durchschnittliches EbAV-Portfolio besteht weiter hauptsächlich aus Credit- und Equity-Prämien. Empfehlung, Portfoliokonstruktionsprozess anhand zeitgemäßer Best-Practice-Prinzipien aufzubauen, um den Prozess entlang eines Diversitäts- und Implementierungskontinuums ausrichten +++ Hierzu zuerst Art und Menge der Credit- und Equity-Renditetreiber identifizieren und dann Renditetreiber im Portfolio festlegen, die diversifizierend auf bestehende Risikoprämien wirken können. Schließlich Art der Implementierung bestimmen: Bulk-Beta, Liquid-Smart-Beta, Liquid-Alpha, die Vorteile aus Alpha-Managern ziehen. Auch Illiquide Strategien zur Nutzung auch komparativer Vorteile +++ Mehr Renditetreiber einbauen über Diversified Growth Funds oder Absolute-Return-Mandate als transparenter und kostengünstiger Zugang zu einem breitgefächerten alternativen Portfolio +++ weiterer Ansatz ist, Rendite durch die Minimierung bestehender Asset-Manager-, Master-KVG- und Verwahrstellengebühren zu verbessern. Beachten, dass Asset-Manager-Gebühren nur in den wenigsten Fällen ihrem Können zur Überrendite gerecht werden; oftmals in keiner Relation zur Performance, können sich sogar negativ auf diese auswirken. Vor allem größere Anleger können hier von ihrer Verhandlungsposition profitieren, kleinere Investoren können von der Expertise und der Beratung externer Dienstleister.

 

 

 

 

OFF TOPIC – TO WHOM IT MAY CONCERN

 

 

Bild (26. Oktober): „Erwartungen der Deutschen Bank – Schuldenschnitt für Athen wird kommen.“

 

Ist das nicht lustig? Der Schuldenschnitt von 2012 war 100 Milliarden schwer, und wenn jetzt noch die im Artikel diskutierten 200 Milliarden dazukämen, wäre das ungefähr die Größenordnung, mit der man 2010 – als der ganze, von Beginn an aussichtslose Rettungszirkus begann – das damalige Griechenland von seiner gesamten Staatsschuld hätte befreien können. Freilich, auch das wäre eine ebenso falsche Entscheidung gewesen wie die open-end-Rettungspolitik, doch illustrierten die Zahlen gut, dass man mit naiver deutscher Schulmeisterei und Inkonsequenz fünf bis acht Jahre nach Beginn der Krise praktisch nichts erreicht hat – außer der Verbrennung von hunderten von Milliarden an Rettungsgeldern, Streit und Zwietracht zwischen den europäischen Völkern, EU-Verdrossenheit und vor allem eine durch das billige Geld jahrelange Manifestierung der zugrundeliegenden problematischen Strukturen mit der Folge, dass man mehr denn je Gefangener des eigenen Handelns ist. Exit-Strategie nicht in Sicht – siehe folgenden Kommentar.

 

 

 

NZZ (27. Oktober): „EZB-Chefvolkswirt Peter Praet – Inflation um jeden Preis.“

 

Erst in der letzten Presseschau hatte Kassandra (nicht zum ersten Mal) geunkt, dass Europa angesichts der ganzen Latte an unbewältigten geostrategischen Problemen sich auf Jahrzehnte Niedrigzins wird einstellen müssen.

 

Und prompt schien die EZB kurz darauf diese Prognose bestätigen zu wollen, als sie kundtat, über eine Ausweitung von QE nachzudenken. Hier nun legt der EZB-Chefvolkswirt nach, wie die Neue Züricher berichtet.

 

Man kann es nicht of genug betonen: Die Möglichkeit, einigermaßen unbeschadet aus aus der Politik des billigen Geldes auszusteigen, besteht ohnehin längst nicht mehr. Kapitalmärkte und vor allen Dingen mittlerweile auch die Realwirtschaft (man werfe nur einen Blick auf die niedrigen Renditen der Corporates von angeschlagenen Unternehmen, die sich viel zu billig refinanzieren können) sind längst drogenabhängig. Daher kommen die Notenbanken aus der selbstgestellten Falle kaum noch heraus. Die Zahnpasta bleibt aus der Tube – auf Dauer! Denn wer über Geldschwemme und Niedrigzins die Krise verhindert, verhindert die Korrektur von auch von realwirtschaftlichen Fehlallokationen – mit dem Ergebnis, dass vor allem die Fallhöhe steigt.

 

Trotzdem gilt: Solange die Notenbanken QE betreiben, also Govies aufkaufen, um die Staatsschulden abzutragen, ist das zwar ordnungspolitisch äußerst fragwürdig (verfassungspolitisch auch, aber das interessiert ja keinen mehr), aber gleichwohl diskutabel, denn Wachstum und Ausgabenkürzungen allein werden niemals ausreichen, die nun einmal existierenden exorbitanten staatlichen Schuldenberge wieder abzubauen (siehe oben). Insofern sind Schuldenschnitte schlicht unvermeidbar – und ein QE, bei dem die Notenbank Staatsschulden aufkauft, in ihren Kellern verschwinden lässt und dann eines Tages klammheimlich abschreibt oder stumpf primär refinanziert (also nie wirklich fällig stellt, denn das ist unmöglich!), ist im Prinzip nicht anderes als ein Schuldenschnitt. Hinzu tritt, dass es – außer VAG-Anlegern – keinen Akteur im Spiel gibt, dessen strategischen Interessen QE zuwider läuft – im Gegenteil.

 

Voraussetzung für das Gelingen der Strategie wäre aber, dass die Staaten die freundliche Unterstützung der Notenbanken und den damit verbundenen Zeitgewinn auch nutzen, die realwirtschaftlichen Verwerfungen, die sie mit ihren Schuldenorgien vor allem in ihren öffentlichen Diensten geschaffen haben (Stichwort: Der Staat kauft sich seine Wähler) auch nachhaltig zu sanieren! Doch scheint in der EU das Gegenteil der Fall: Statt durchzugreifen, abzuwickeln, haftbar zu machen (und dort wo geboten, auch individuell zu bestrafen), wird munter weitergerettet, weiter umverteilt (von der Mitte nach unten und ganz oben), weiter lamentiert (am liebsten über Deutschland) und den Fehlanreizen des mit dem QE verbundenen Niedrigzinses weiter freien Lauf gelassen – und viel kosmetisch reguliert. Damit haben die Notenbanken längst alle Grenzen überschritten, denn sie entschulden die Staaten nicht nur, sondern finanzieren längst ihren Schlendrian. Sie verschaffen den Staaten also keine Spielräume für nötige Reformen, sondern kaufen für immer mehr Geld immer weniger Zeit, und nicht anders wäre es mit Eurobonds. Derzeit laufen selbst italienische Govies Richtung Niedrigzins. Abgerechnet wird, wenn die Zinsen ungeplant steigen. Denn dann sind die Instrumente der Notenbanken stumpf und die Staaten schnell am Ende.

 

Dass es derzeit noch nicht zu massiven Teuerungen gekommen ist, sollte man dabei nicht als Entwarnung verstehen. Denn da Govies immer noch Güter nah am Cash-Status sind, ist die Begebung einer Staatsanleihe im Prinzip eine Art Geldschöpfung der Staaten an ihren Notenbanken vorbei. Der inflationäre Effekt entstand also am Tag der Begebung der Anleihe und nicht erst dann, wenn die Notenbank die Anleihe mit selbstgedrucktem Geld vom Markt nimmt, also praktisch nur weißes Papier gegen buntes tauscht. Eine entsprechend weit betrachtete Geldmenge bleibt also durch QE im Prinzip konstant (eine Einschätzung übrigens, die der Autor dieser Zeilen schon lange pflegt, aber vermutlich nach wie vor exklusiv hat). Inflation gibt es demnach in einer solchen Situation nur als Asset Inflation (und die gibt es in der Tat). Außerdem hindern Regularien wie vorneweg Basel III die Geschäftsbanken daran, das neue Zentralbankgeld zu M3 aufzupumpen, und man müsste als Notenbanker schon auf den Kopf gefallen sein, diese geldpolitische Lücke nicht mit eigenem Geld zu schließen und damit echte „Politik” zu machen – doch wer es zu weit treibt, wird eben irgendwann Gefangener des eigenen Handelns.

 

Alan Greenspan notierte bereits 1966 – zu einer Zeit, als er offenbar noch niederschrieb, was er wirklich dachte – in seinem sehr lesenswerten Beitrag „Gold and Economic Freedom“ über die fatale Vorgehensweise der (Geld-)Politik, Krisen als Reinigungsprozesse plump nicht mehr zuzulassen: „The Process of Cure was misdiagnosed as the Disease.“ Dass er 30 Jahre später höchstselbst quasi als Pionier exakt diese Problematik auf ein völlig neues Niveau gehoben hat, steht auf einem anderen Blatt.

 

Und was heißt das für Deutschland? Es wäre schon zu Beginn der Krise richtig gewesen, wenn Deutschland, als die EZB mit QE respektive OTM einstieg, darauf bestanden hätte, dass die EZB nicht nur die Govies der Krisenstaaten, sondern anteilig nach BIP oder EZB-Anteil auch deutsche hätte kaufen und in ihren Kellern verschwinden lassen müssen (für immer). Mitmachen bei dem, was ohnehin nicht aufzuhalten ist, wäre die richtigere Strategie gewesen als den ständig in die Ecke getriebenen Schulmeister zu spielen. Richtig wäre es also von der Bundesregierung, dafür zu sorgen, dass die EZB beim Ankauf der Govies die Anteile der Euro-Mitgliedstaaten an der EZB berücksichtigen muss, also 27 Prozent der Käufe auf deutsche Staatsanleihen entfallen müssen.

 

Und die VAG-Anleger? Die können einem ohnehin nur noch leid tun.

 

 

 

 


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