Kassandra:

Die kommentierte Presseschau zur bAV

von Pascal Bazzazi, Bonn, 11. September 2015

 

Jeden Freitag bringt Leiter-bAV.de eine kommentierte Presseschau zur bAV. Heute: Skandaaaaaal!

 

 

 

FAZ (6. September): „Betriebliche Altersversorgung lohnt – wenn der Chef sich beteiligt.“

 

Artikel einer Gastautorin in der FAZ, der dem nicht unbedingt bAV-affinen Leser einen guten Überblick über Pros und vor allen Dingen Cons der bAV aus Arbeitnehmersicht bietet. Doch angesichts der schwierigen externen Faktoren vor allem des Niedrigzinses, der Kosten und der letztlich sehr überschaubaren Fördertatbestände muss auch in diesem Artikel die ebenso häufige wie zweifelhafte Argumentation bemüht werden, dass sich die Betriebsrente bei einem Arbeitgeberzuschuss lohne (eine Argumentation, die übrigens weiland bei Riester bezüglich der Steuerzulagen analog angeführt wurde).

 

Das mag aus subjektiver Arbeitnehmersicht so sein, kann aus institutionellem Blickwinkel aber nicht im Ansatz befriedigen. Denn: Ein Spar-oder Vorsorgevorgang, der nicht über seine eingezahlten Beiträge ausreichend rentiert, sondern nur durch Quersubvention eines Dritten (hier des Arbeitgebers), bleibt über die Gesamtheit seiner investierten Beiträge und damit insgesamt insuffizient – nicht mehr und nicht weniger.

 

Irritierend auch, dass Ulrich-Arthur Birk, Professor für Recht der Sozialen Sicherung und Migrationsrecht an der Universität Bamberg und auf dem Parkett zumindest virtuell kein Unbekannter, in dem Beitrag die fehlende Pflicht der Weitergabe der eingesparten Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung unwidersprochen als „Skandal“ bezeichnen darf. Nun, man kann diese Regelung befürworten oder auch nicht, doch muss man von einem Skandal zu sprechen? Da wirft Kassandra die Frage auf, ob der Betreffende als Diskussionsteilnehmer noch ernstgenommen werden sollte.

 

Im übrigen wiederholt Kassandra hier ihre ganz eigene Position zu der Regelung:

 

Was bringt einem Arbeitgeber die bAV in ihren verschiedenen Ausprägungen weit abseits seines eigentlichen Kerngeschäftes vor allem?

 

Als da wären ohne Anspruch auf Vollständigkeit: unkalkulierbare nationale und europäische Regulierung, ständig zunehmende Komplexität, jahrzehntelange Haftung für Performance, Beratung und Aufklärung, ausufernde Informationspflichten, Bilanzberührung, Insolvenzschutzbeiträge, Risiko- und Asset-Management-Anforderungen, Vertriebs-, Verwaltungs-, Aktuar- und Consultantkosten, wechselnde Rechtsprechungen, Anpassungsprüfungspflichten und Dynamisierungen und über allem schwebend ein politisch gewollter Niedrigzins, der mittlerweile Ausmaße erreicht, dass im deutschen Mittelstand die Sorge um Bankrotte infolge bilanzieller Überschuldung durch explodierende Pensionsrückstellungen um sich greift – und schon Realität wird.

 

Wäre all das nicht, so würde manch ein Arbeitgeber sicher gern auf die Ersparnis der Sozialversicherungsbeiträge verzichten. Und auf den Gang zum Insolvenzrichter auch.“

 

 

 

NDR.de (4. September): „Land päppelt Pensionsfonds für Beamte auf.“

 

Was denn, Mecklenburg-Vorpommern nimmt bei den eigenen Versorgungsfonds Kredite auf zu 4 Prozent auf, nicht zu den üblichen 1,5 Prozent? Das ist aber mal eine interessante Variante des Nachschusses. Ohnehin gilt, was hier auf dem Parkett alle wissen: Verpflichtungen, die im Vermögen eines Pensionsfonds liegen, aber auf denjenigen lauten, der die Renten sowieso zahlen muss, sind alles, aber keine Assets. Ein solches ähnliches gelagertes Vorgehen (zum Beispiel durch ein Funding mit den eigenen Staatsanleihen) ist bei einigen deutschen Länderpensionsfonds die Regel. Das wäre ungefähr so, als würde ein Industriekonzern eigene Anleihen in den eigenen Pensionsfonds stecken.

 

 

 

WAZ (4. September): „Mehr Geld für 70.000 Ex-Beschäftigte von Thyssen-Krupp.“

 

Die 16er-Auseinandersetzung zwischen Thyssen-Krupp und einem Teil der Betriebsrentner, teils gerichtlich geführt, ist auch hier in einigen Presseschauen schon aufgegriffen worden. Nun jedenfalls will der Konzern offenbar zu einer Lösung kommen. Ganz billig ist das – wie üblich in der bAV – allerdings nicht.

 

 

 

Towers Watson (7. September): „Volumen großer Pensionseinrichtungen weiter gestiegen.“

 

Das Volumen der weltweit 300 größten Pensionseinrichtungen ist 2014 um 3,4 Prozent auf den Rekordstand von 15,4 Billionen Dollar gestiegen, so die Studie. Vor zehn Jahren waren es noch 8,4 Billionen Dollar – auch damals Rekord. Die Top 300 repräsentieren 42,6 Prozent des weltweit von Pensionseinrichtungen verwalteten Kapitals.

 

Unterschiede bei der Aktiengewichtung: IORPs in Nordamerika zu 50,6 Prozent in Aktien, in Europa und Asien bei 45,8 beziehungsweise 37 Prozent. Deutschland dürfte niedriger liegen. Nicht berücksichtigt sein dürften CTAs und die typisch deutschen rückstellungsfinanzierten Systeme.

 

DB-Pläne repräsentieren 66,8 Prozent des weltweiten Anlagevermögens, nach 75 Prozent vor fünf Jahren. Mit 4,7 Prozent aber stärkster Zuwachs bei DC-Plänen; DB-Wachstum bei 3,7 Prozent.

 

USA mit 128 Fonds unter den weltweit 300 größten Pensionseinrichtungen, Deutschland leider rückläufig mit zehn IORPs mit Assets von gut 253 Milliarden USD entsprechend 1,6 Prozent der Assets – angeführt von der Bayerischen Versorgungskammer auf Platz 36 mit einem Pensionsvermögen von gut 75 Milliarden Dollar.

 

Hier die größten deutschen IORPs im Überblick mit ihren Plan Assets in Milliarden USD 2014 und 2013

 

Bayer. Versorgungskammer 2014: 75,02 Mrd. USD. 2013: 80,94 Mrd. USD

BVV 30,39 Mrd., VJ 33,36 Mrd.

VBL 24,99 Mrd., VJ 25,14 Mrd.

BASF 22,09 Mrd., VJ 23,62 Mrd.

Daimler 19,33 Mrd. VJ 17,36 Mrd.)

Siemens 18,28 Mrd., VJ 19,33 Mrd.)

Allianz 15,88 Mrd., VJ 16,01 Mrd.)

BW Versorgungsanstalt für Ärzte 14,62 Mrd., VJ 15,86 Mrd.

NAEV 14,10 Mrd., VJ 14,81 Mrd.

RWE 18,83 Mrd. VJ 14,62 Mrd.

Total: 253,53 Mrd. USD, VJ 261,05 Mrd. USD

(Anmerkung von LbAV: warum RWE hier an letzter Stelle gesetzt wird, ist unklar).

 

Fazit von Kassandra, trotz der in Deutschland gegenwärtig partiell rückläufigen Plan Assets: Die Niedrigzinspolitik der westlichen Notenbanken führt vor allem via Asset Inflation zu radikalen Umverteilungseffekten von unten nach oben. Gelackmeierte sind in erster Linie die Sparer und kleine Einkommensbezieher. Und gemäß Cantillion-Effekt profitieren von der Geldflut vor allem diejenigen Akteure, die nah an der Emission operieren, also vor allem institutionelle Finanzdienstleister wie Investmentbanken, Asset Manager, Custodians, Fondsadministratoren, Trader und irgendwann als institutionelle Anleger auch die Pensionseinrichtungen. Diese können wenigstens für sich in Anspruch nehmen, dass sie hier die einzigen Player sind, die diese Wertverschiebungen infolge der Asset Inflation auf relativ kurzem Wege auch dem kleinen Mann zukommen lassen. Immerhin.

 

 


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