Kassandra:

Die kommentierte Presseschau zur bAV

von Pascal Bazzazi, LondonTown, 28. August 2015

 

Jeden Freitag bringt Leiter-bAV.de eine kommentierte Presseschau zur bAV. Heute: Und was kommt jetzt? Ein wahrhaft kassandrisches Szenario…

 

 

Nürtinger Zeitung (22. August): „Man will sich von den 'Altlasten' befreien.“

 

Vor zwei Wochen hat die Presseschau die Insolvenz des Modelleisenbahnherstellers Fleischmann berichtet, die in Zusammenhang mit den Pensionsverbindlichkeiten des Unternehmens stehen soll.

 

Hier nun in der lokalen Nürtinger Zeitung ein Leserbrief, dessen Schreiber möglicherweise mehr Detailkenntnis hat, Auszug:

 

Ziel ist, dieses Unternehmen von den Betriebsrenten-Zahlungen für die ehemaligen Fleischmann-Mitarbeiter zu befreien. Diese Betriebsrenten gingen dann zu Lasten des PSV, also im weitesten Sinne zu Lasten der Allgemeinheit. Über dieses Vorgehen, ein Unternehmen gewissermaßen auszuschlachten, um sich anschließend durch eine Insolvenz von den 'Altlasten', hier den Pensionszahlungen, zu 'befreien', kann man sicherlich geteilter Meinung sein. Die Produktion oder Lieferung der Fleischmann-Erzeugnisse hat jedoch mit der aktuellen Insolvenz gar nichts zu tun, die Marke Fleischmann wird es also weiterhin geben.“

 

 

 

BaFin.de (19. August): „Verfahren zur Feststellung von kleinen Versicherungsunternehmen im Sinne von § 211 VAG.“

 

Kleine Versicherungsunternehmen im Sinne von § 211 VAG 2016 unterliegen nicht den Anforderungen von Solvency II, brauchen aber eine Feststellung der Anstalt hierzu. Pensionskassen, Pensionsfonds (beide oftmals alles andere als „klein“ im wörtlichen Sinne) und Sterbekassen bedürfen keiner entsprechenden Feststellung, gleichwohl hier verlinkt mehr Informationen der Aufsicht zu dem Verfahren.

 

 

 

OFF TOPIC – TO WHOM IT MAY CONCERN

 

 

HB: (28. August): „Ob wir in einen Bärenmarkt laufen, ist längst nicht entschieden.“

 

Und was war das Ganze jetzt? Nur eine vorübergehende Korrektur, weil es ja am Ende schließlich doch keine Alternative zu Aktien gibt? Und gestern waren die Märkte ja erneut sehr fest. Also wohl nur ein Sturm im Wasserglas? Oder kommt nun nach Bankenkrise und Staatsschuldenkrise mit Macht der Krise dritter Teil? Ein erneuter Asset Meltdown samt Totaleinbruch der Realwirtschaft mit Folgen auf allen Märkten? Wird Cash wieder mal King? Keiner weiß wirklich, denn diese Märkte – und praktisch alle Asset-Klassen – sind unkalkulierbarer denn je!

 

Hier verlinkt ein interessantes Gespräch mit dem immer wieder unterhaltsamen Dirk Müller, der stets eine ungeschminkte Sicht auf die Dinge pflegt und hier zur Wachsamkeit rät.

 

Wie dem auch sei, doch was werden die klugen Staatslenker Chinas, die ihr Land schon in so manche Sackgasse gesteuert haben (als da wären gefährliche Vergreisung durch EinKindPolitik; Aufkauf von 2 Bio. USD an grünem Papier; nachhaltiges Inangstversetzen der geografischen Nachbarn) nun tun? Offenbar glauben sie immer noch, sie könnten die Krise – ob sie nun jetzt kommt oder später, ist egal – quasi „wegbefehlen“. Doch werden sie wie kleine Kinder lernen müssen, dass am Ende der Markt stärker ist als alle, und als alle Kommunisten erst recht. Im Westen glaubt man ja wenigstens nicht, man könnte die Krise wegbefehlen, sondern nur wegkaufen.

 

A propos „Krise wegkaufen“: Wie geht es denn im Westen weiter? Höchstwahrscheinlich – unkt Kassandra erneut – werden die derzeitigen Friktionen den Notenbanken den willkommenen Vorwand liefern, jeden auch noch so zaghaften Ausstieg aus der Niedrigzinspolitik erneut auf den St. Nimmerleinstag zu verschieben – Kassandra glaubt jedenfalls weiter nicht daran, dass die lang angesagte US-Zinserhöhung im Herbst noch kommt. Und wenn schon die verhältnismäßig stabilen USA sich zu einer Abkehr von dem Krisenmodus nicht in der Lage sehen, dann ist Europa aufgrund der hier wechselseitig viel verzwickteren Lage – Gemeinschaftswährung mit geringeren Handlungsmöglichkeiten, Verknüpfung von Staatsschulden- und Bankenkrise – davon noch viel weiter entfernt.

 

Aber hat der Euro sich dieser Tage nicht gerade wieder als Krisenwährung gezeigt, als sicherer Hafen? Nun, wers glaubt. Doch da dürften auch CarryTrader, die sich glattgestellt haben, keine kleine Rolle gespielt haben. Deleveraging ist in solchen Situationen eben für viele immer das Gebot der Stunde. Und genau dieses Deleveraging war die Tage wieder Schnee von gestern: Euro schwächer, EM-Währungen und Aktien stärker, sogar Commodities stabil.

 

Gleichwohl, die Abwertung Chinas bleibt Fakt, und das bedeutet vermutlich: Geldschleusen weiter auf! Mit welchen Mitteln auch immer. Die Krise der billigen Geldes also mit noch mehr billigem Geld bekämpfen (die Chinesen wollen sich in diese Sackgassenpolitik offenbar einreihen), ergo die dadurch immer intensiver entstehenden Fehlallokationen in der Realwirtschaft noch weiter zementieren, Märkte noch volatiler und anfälliger machen (wie wir gerade gesehen haben), folglich jede Abkehr vom Krisenmodus noch schwieriger und unwahrscheinlicher machen – unser Parkett dürfte es am nun noch länger anhaltenden Niedrigzins merken – und summa summarum das laue Lichtlein am Ende des Tunnels noch lauer werden lassen.

 

Die Rechtfertigungen von Politik und Notenbanken sind so vorhersehbar wie sie simpel sein werden: Man war auf so gutem Wege, aber das mit China habe man doch nun wirklich nicht voraussehen können! Tja, so ist das mit den Fat Tails – wenn man sie voraussehen könnte, dann wären sie keine.

 

Fazit für das im Wesentlichen handlungsunfähige Deutschland und Europa: Die Insolvenzverschleppung Griechenlands geht in die dritte von X Runden, die Staatsschuldenkrise auch der anderen vermeintlichen Euro-Musterstaaten einschließlich Deutschlands ist weiter Lichtjahre von jeder Lösung entfernt, der Niedrigzins manifestiert sich auf unabsehbare Zeit, und nun – wenn es schlecht läuft – zu allem Überfluss auch noch noch die krachenden Märkte. Hinzu treten eine offenbar ernster werdende Terrorgefahr, ein zunehmend instabilerer und prekärerer werdender Krisenbogen Nahost vor der Haustür, dessen Brutalität beinahe täglich groteskere Züge annimmt, schließlich damit einhergehend die Flüchtlings- und Einwanderungsfrage, die ebenso ungeklärt ist wie sie exponentiell an Schärfe zunimmt.

 

Und das ist das gute Szenario für ein Deutschland, das in allen drängenden Fragen praktisch immer nur ein „Weiter so“ kennt. Das schlechte, kassandrische ist, wenn noch eine militärische Eskalation in der Ukraine dazukommt. Das nennt man dann wohl perfect storm. Dann gehen in Europa aber endgültig die Lichter aus. Und das ist dann zu Abwechslung wirklich alternativlos. Schönes Wochenende.

 

 


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