Kassandra:

Die kommentierte Presseschau zur bAV

von Pascal Bazzazi, Berlin, 12. Juni 2016

 

Jeden Freitag bringt Leiter-bAV.de eine kommentierte Presseschau zur bAV. Heute: Heilige Mandate. Und schrille Töne.

 

 

Kathweb.at (30. Mai): „Papst setzt bei Pensionsfonds des Vatikan auf Experten.“

 

Auch im Vatikan fallen Returns, Diversifikation und Custodian nicht vom Himmel. Die Mandate, die der Heilige Stuhl hier ergo zu vergeben hat, sollten attraktiv sein.

 

 

 

HB (8. Juni): „Lebensversicherung – Es droht 'Finanzierungsengpass auf breiter Linie'.“

 

An die weniger heiligen Alarmrufe in Sachen Lebensversicherungen hat man sich mittlerweile gewöhnt, gleichwohl werden diese stetig schriller. Zitat aus dem Beitrag:

 

Seit einiger Zeit scheint es alles andere als sicher, dass alle Gesellschaften noch die Garantieverzinsung für Altverträge erwirtschaften können.“

 

Das Handelsblatt greift eine Assekurata-Studie auf, nach der die notwendigen Volumina der Zinszusatzreserve bei weiter anhaltendem Niedrigzins schon bald Größenordnungen annehmen könnten, die die heutigen um ein Mehrfaches übersteigen: 150 Milliarden Euro bis 2024. Demnach würden selbst Verträge mit einem Garantiezins von nur 1,25 Prozent zusatzreservenpflichtig.

 

 

 

Focus.de (7. Juni): „Direktversicherung ohne Rendite: Aus diesen Gründen sollten Sie auf eine betriebliche Altersvorsorge verzichten.“

 

Die eben geschilderte Problematik macht vor der Direktversicherung nicht halt. Warum sollte sie auch? Hier tritt schließlich noch die doppelte Krankenversicherungspflicht bei gesetzlich Versicherten hinzu.

 

 

 

OFF TOPIC – TO WHOM IT MAY CONCERN

 

Spiegel.de (8. Juni): „Finanzskandale der Großbanken: Die Zocker-AGs.“

 

Irgendwie ist es doch erstaunlich, dass man in Banken Rechtsverstöße begehen kann, die Strafzahlungen in Milliardenhöhe nach sich ziehen, von persönlichen Folgen für die Verantwortlichen in den Instituten – sei es auf der operativen, sei es auf der Leitungsebene – jedoch wenig bis nichts zu vermelden ist. Wenn überhaupt, dann hört man punktuell von aufsichtsrechtlich durchgesetzten Entlassungen. Von strafrechtlichen Konsequenzen für direkt oder indirekt Verantwortliche ist jedenfalls kaum etwas bekannt. Zur Erinnerung ein Vergleich, der nur partiell hinkt: Für den privaten Steuerhinterzieher fordert der BGH bereits ab einem Schaden von einer Million Euro zwingend eine Haftstrafe ohne Bewährung.

 

 

 

FAZ (11. Juni): „Griechenlands Schuldenkrise – Endlose Posse.“

 

Ex-Bundesbanker Jürgen Stark über die, wie er es nennt, „Posse“ um die Insolvenzverschleppung am Peloponnes (Kassandra bevorzugt eher den Terminus „Kindergarten“). Der Beitrag spricht in seiner Klarheit für sich. Hier sei nur ergänzt, dass die Verantwortlichen in Brüssel, Berlin, Athen et cetera seit Eskalation der Krise 2010 keinen wirklichen Schritt zur ihrer Eindämmung weiter gekommen sind – von der Verbrennung von ein paar Hundert Milliarden Euro an Steuergeld und einer verlorenen griechischen Generation einmal abgesehen. Dabei hätte man die Zeit gut nutzen können, denn: Der Euro ist über viele, viele Jahre schrittweise eingeführt worden (Währungsschlange, EWS, ECU…), und so kann auch seine Auflösung – sei es ein Grexit oder insgesamt – nur schrittweise über viele Jahre umgesetzt werden. Hätte man beispielsweise 2010 amtlich verkündet, dass Griechenland – parallel zu den gewährten Hilfen – bis 2020 sukzessive zu einer nationalen Währung zurückkehren wird und dass die Notenbanken bis dahin sämtliche Turbulenzen werden zu verhindern wissen (was sie ohne weiteres können), hätte man bis heute die Hälfte des Wegs geschafft und dabei immer die Option, bei einer möglichen Stabilisierung der Lage den Grexit zu verschieben oder abzusetzen. So ist man längst jedoch zum erbärmlichen Gefangenen des eigenen Handels geworden und muss sich von den griechischen Pokerspielern am Nasenring durch die Manege führen lassen.

 

Besagte Pokerspieler scheinen eben genau darauf ihre Strategie aufgebaut zu haben – dass man in den europäischen Hauptstädten schlicht keinen Plan B hat. Allerdings sollte man sich in Athen nicht täuschen: Der „Erfolg“ dieser Strategie, ständig neue Hilfsgelder zu akquirieren, wird Griechenland – man kann es angesichts der Schnelligkeit des digitalen Industriezeitalters ohne Übertreibung sagen: faktisch für immer – in der Rolle des Almosenempfängers zementieren. Der Posse kein Ende zu machen, um anschließend dem Land endlich wieder eine zwar zunächst bittere, aber tragfähige Perspektive hin zu einer souveränen Nation geben, bedeutet aus deutscher und französischer Sicht die Verschwendung von Hunderten von Milliarden an Hilfsgeldern, aus griechischer Sicht ist es dagegen nicht weniger als Vaterlandsverrat. Alles andere als nachhaltig ist sie also, die Strategie der griechischen Regierung. Nun, im Gegensatz zu den Deutschen haben sie wenigstens eine.

 

 

 

Handelszeitung.ch (8. Juni): „'Die Schweiz hat keine geldpolitische Autonomie'.“

 

Über Peter Bofinger – jüngst erst mit Sympathien für eine Bargeldabschaffung aufgefallen – mag jeder denken, was er will. Hier äußert sich der Professor zur schweizerischen Geldpolitik und vertritt unter Verweis auf die schweizerische Exportwirtschaft die These, dass die Schweiz ohnehin keine geldpolitische Autonomie habe und daher die Aufgabe des Mindestkurses zum Euro ein Fehler gewesen sei. Wohlgemerkt: Nicht der milliardenteure Mindestkurs an sich, sondern die Aufgabe desselben soll der Fehler gewesen sein!

 

Da kann man anderer Meinung sein. Nicht die Aufgabe des Mindestkurses war der Fehler, sondern, dass die SNB meinte, mit dem gefragten Franken kubikmeterweise und in Milliardenhöhe den debilen Euro erwerben zu müssen, um milchmädchenrechnend schweizerischen Export zu fördern. Dass eine Notenbank durch eine starke Währung erhebliche Spielräume gewinnt, mit denen sie klüger operieren kann als eben diese starke eigene Währung zu verramschen, scheint man nicht überall vollständig begriffen zu haben, ebensowenig wie die Tatsache, dass man nicht gegen eine EZB mit einem Mario Draghi an der Spitze wettet – denn von dem kann man halten, was man will, aber die tieferen Taschen als die Schweizer hat er allemal.

 

Zum klügeren Operieren: Anstatt sich in die Abhängigkeit der längst in allen Zwickmühlen steckenden westlichen Notenbanken zu begeben und Devisen in großem Stil zu kaufen, wäre es die klügere Strategie für die SNB gewesen, ausländische Sachwerte zu akquirieren, wenn man denn den Franken-Kurs schon unbedingt meint niedrig halten zu müssen; in erster Linie also ausländische Aktien sowie Edelmetalle. Da damit keine fremden Devisen vom Markt genommen würden, müsste das Volumen zwar etwas höher ausfallen als beim Kauf von Papierwährungen, doch dafür gewänne die Schweiz echte Assets, mit denen sie beispielsweise einen staatlichen Pensionsfonds funden könnte und beizeiten auch die Mittel hätte, falls nötig die Zahnpasta tatsächlich zurück in die Tube zu kriegen. Die eigene Währung zu drücken, indem die Notenbank im Ausland Realwerte kauft (eben zum Wohle eines staatlichen Pensionsfonds), wäre auch für Deutschland die strategische Option angesichts des ewigen Ammenmärchens, dass nach einem Zerfall des Euro eine neue DM zu stark aufwerten würde.

 



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