Kassandra:

Die kommentierte Presseschau zur bAV

von Pascal Bazzazi, Bad Gastein, 16. Januar 2015

 

Jeden Freitag bringt Leiter-bAV.de eine kommentierte Presseschau zur bAV. Heute: All quiet at the pension front. An den Märkten aber nicht.

 

 

Der Spiegel (9. Januar): „EZB-Direktorin Lautenschläger warnt vor Staatsanleihekäufen.“

 

Kernsatz: „Ich kann momentan nicht erkennen, dass die Konsumenten mit beständig fallenden Preisen rechnen und deshalb ihr Kaufverhalten ändern.“

 

Was Sabine Lautenschläger hier qua Amt zurückhaltend ausdrückt, könnte man auch anders sagen: Das Deflationsgespenst und die angeblich drohende Spirale ist nichts weiter als eine Chimäre, die an Absurdität nicht mehr zu überbieten ist. Jeder außerhalb des Elfenbeinturms weiß, dass die Bürger im Euroraum von einer Aufschiebung von Anschaffungen aller Art – vom Kaffee bis zu  Immobilien – in Erwartung fallender Preise in ihrem Alltag soweit entfernt sind wie ein Schweden-Krimi vom Literaturnobelpreis.

 

Stellt sich noch die Frage, warum Mario Draghi dann die eingeschlagene Politik verfolgt. Dummheit und Unwissen? Eher nicht. Kassandra unkt daher weiter: Draghi ist kein Argument zu realitätsfern und von zu geringer Halbwertszeit – erst waren es angeblich zu hohe Zinsen der Krisenländer, die längst wieder pervers niedrig sind; dann war es die angeblich zu stockende Kreditvergabe; und nun ist es die Chimäre der Deflation – um per Geldschwemme seine wahren Ziele zu verfolgen: Nämlich all die durch billiges Geld entstandenen, völlig an allen realwirtschaftlichen Notwendigkeiten vorbeigehenden Strukturen in den Krisenländern – sei es im öffentlichen Sektor oder im Bankensektor – durch noch billigeres Geld irgendwie über die Krise zu retten, indem er Teile der überlaufenden Staatsschulden verschwinden lässt.

 

Status Erscheinungstag ist das komplette Interview übrigens nicht auf Spiegel.de verfügbar, allerdings stellt es die EZB auf ihren Seiten zur Verfügung.

 

 

HB (14. Januar): „Freibrief für die EZB.“

 

Um seine oben erläuterten Ziele zu erreichen, ist dem Italiener nicht nur kein Argument zu dumm, sondern auch keine Maßnahme zu monströs. Gefälligkeitsgutachten von europäischen Schwesterinstitutionen passen da gut ins Konzept. Und dass sich das Bundesverfassungsgericht am Ende wirklich quer stellen wird, ist unwahrscheinlich. In Karlsruhe dürfte man sich durchaus die Frage stellen, warum man sich in die Bresche werfen und dem öffentlichen Sturm besonders der staatlichen und privaten Profiteure des Gelddruckes aussetzen soll, wenn weder die deutsche Regierung noch der deutsche Wähler den Mumm haben, diesen Euro-Zug, der offensichtlich in die immer falschere Richtung läuft, irgendwie aufzuhalten.

 

Dabei könnte QE eigentlich das richtige Werkzeug gegen Staatsschuldenkrisen sein, wenn, ja wenn denn die damit teuer gekaufte Zeit von der Politik für ein nachhaltiges Sanieren und Zurechtstutzen der realwirtschaftlichen Fehlstrukturen genutzt werden würde. Doch das genaue Gegenteil ist in Europa der Fall – mit dem immer billigeren Geld werden immer neue Fehlallokationen erzeugt.

 

Übrigens sei angemerkt, dass wenn die EZB nun – wie bereits kolportiert – nun vornehmlich italienische Staatsanleihen kauft (egal ob am Primär- oder am Sekundärmarkt), die dafür nötigen Mittel Italien geschenkt werden, nicht mehr und nicht weniger! Zinsen fallen ja angesichts der „EZB-Vorarbeit“ keine mehr an, und die Rückzahlung kann man faktisch auch vermeiden. Dies kann auf drei – möglicherweise kombinierbare – Arten geschehen. Erstens: Italien emittiert Govies überlanger Laufzeit (100 oder 200 Jahre). Zweitens: Auslaufende Anleihen werden zur Tilgung direkt durch neu emittierte ersetzt. Drittens: Irgendwann werden die Bestände einfach abgeschrieben, und fertig (Proteste von Ordnungspolitkern oder deutschen Notenbankern lächelt ein Draghi dann einfach weg).

 

Schließlich noch: Kommt es zum QE, könnte eine Frage an Virulenz gewinnen, die man derzeit offenbar noch nicht auf dem Schirm hat: Was, wenn die Kommunisten in Griechenland die Parlamentswahl gewinnen? Was, wenn diese den eingeschlagenen Weg der Konsolidierung – sei dieser zielführend für das Land oder nicht – verlassen? Was, wenn Deutschland dann tatsächlich auf einen Grexit drängen würde? Kann, ja darf Draghi dann – selbst im Vorfeld – überhaupt noch griechische Staatsanleihen kaufen, wären die doch im Grexit-Fall vermutlich wertlos? Oder sollte er gar möglichst viele kaufen, um sich so noch mehr zum Gefangenen des eigenen Handelns zu machen – und all die halbwegs stabilitätsorientierten Länder, die dann vor riesigen EZB-Abschreibungen stünden, gleich mit? Man darf gespannt bleiben – und sollte sich keine Illusionen machen.

 

 

FAZ (15. Januar): „Die Schweiz zieht die Reißleine.“

 

Liest man in der SNB etwa LbAV? Schließlich hatte Kassandra in der letzten Woche gemutmaßt, dass „es den schweizerischen Notenbankern langsam zu dämmern scheint, dass sie in der selbstgestellten Falle sitzen.“

 

Nun also der Befreiungsschlag, nachdem man offenbar endlich begriffen hat, dass die Taschen Draghis tiefer sind als die eigenen. Doch muss man sich ernsthaft fragen, wofür die Herren in der SNB überhaupt bezahlt werden. Erst jahrelang mit gutem Schweizer Franken kubikmeterweise ständig frisch gepresste Euros aufkaufen (besonders via Bunds), dann völlig überraschend die Notbremse ziehen und so auch noch schwere Marktturbulenzen verursachen.

 

Jeder VWL-Student lernt im ersten Semester (hoffentlich) die Binsenweißheit, dass ein Staat die eigene Währung nach Belieben drucken kann. Warum die Schweizer dann zur Stützung ihrer Exportindustrie nicht den Franken statt über den Kauf des Euros über den Kauf der Realwerte gedrückt haben (wie hier schon vor Jahren erläutert), wird wohl ihr Geheimnis bleiben. Professionell ist jedenfalls anders.

 

 

 

 

IN EIGENER SACHE:

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