Kassandra:

Die kommentierte Presseschau zur bAV

von Pascal Bazzazi, Köln am Rhein, 17. Oktober 2014

 

Jeden Freitag bringt Leiter-bAV.de eine kommentierte Presseschau zur bAV. Heute: Italien tickt anders, und Infrastruktur heißt auch Gefängnis.

 

 

 

 

NZZ (6. Oktober): „Italien willl Binnenmarkt beleben – Vorsorgegelder für den Konsum.“

 

Während in Deutschland intensiv, ja fast verzweifelt diskutiert wird, wie mehr Entgelt in die betriebliche Altersversorgung gelenkt werden kann, scheint man sich in Italien gegenteilige Gedanken zu machen. Offenbar gehen diese immerhin (noch) nicht in die Richtung, Einrichtungen der zweiten Säule partiell zu enteignen, so wie es in verschiedenen Varianten in einigen osteuropäischen EU-Staaten bereits zu beobachten war.

 

 

Bloomberg (15. Oktober): „Biggest German Public Pension Likes Buyout, Hedge Funds.“

 

Ging via Bloomberg auch durch einige deutsche Medien. BVK engagiert sich verstärkt in PE, derzeit vier Prozent, acht denkbar. Immerhin auch drei Prozent Infrastruktur, und mittels „specialized funds“ (gemeint sind vermutlich Spezialfonds) ist die BVK auch an Häfen und Flughäfen beteiligt. Und an Gefängnissen.

 

 

Mainpost (13. Oktober): „Schlechte Geschäftslage treibt Kaufmann zu Verzweiflungstat.“

 

Wie bitte? bAV-Beiträge nicht abgeführt? Wie verzweifelt muss ein Mensch sein, um so etwas zu tun?! Gleichwohl hätte natürlich eine exemplarische Strafe verhängt und exekutiert werden müssen.

 

 

 

OFF TOPIC – TO WHOM IT MAY CONCERN

 

 

Finanztreff.de (16. Oktober): „Börsen im freien Fall – Finanzkrise kehrt zurück.“

 

Sie kehrt zurück? Sie war nie weg!

Vor allen Dingen lehren die gegenwärtigen Börsenturbulenzen hoffentlich auch die bis dato Unbelehrbaren endlich zweierlei:

 

Erstens, dass realwirtschaftliche Defizite und Fehlallokationen sich nicht dauerhaft durch ständig neues, billiges Geld kaschieren, erst recht nicht sanieren lassen.

 

Zweitens, dass die Notenbanken längst Gefangene des eigenen Handelns sind und für ihre ohnehin fragwürdige Rettungsstrategie (sprich: Unmengen Geld drucken) keinerlei Exit-Strategie haben, da es diese schlicht nicht gibt. Denn man stelle sich vor, was an den Märkten passierte, wenn die Notenbanken versuchten, den Märkten neben den realwirtschaftlichen Defiziten (an denen sich absehbar eben wegen des mumifizierenden Effekt des Gelddruckens nichts ändern wird) auch noch einen Entzug der billigen Droge namens Geld zuzumuten.

 

 

stern.de (14. Oktober): „Katalonien sagt Unabhängigkeitsreferendum ab.“

 

Das ist für das Brüsseler Establishment nach dem gescheiterten Vorstoß der schottischen Nationalisten erneut eine gute Nachricht, scheinen sich doch damit auch die Fliehkräfte der Europäischen Union zumindest derzeit sichtlich zu entspannen. Wie dem auch sei, der Lackmustest kommt ohnehin erst 2017 – mit dem britischen Brexit-Referendum und den französischen Präsidentschaftswahlen.

 

 

 

Genug der Nebensächlichkeiten. Ab jetzt kommt in der Presseschau nur noch Ebola. Hier sollten also diejenigen aufhören zu lesen, die an dem Virus kein Interesse haben (seien Sie aber gleichwohl gewiss: Das Virus hat ein Interesse an Ihnen):

 

 

Bild.de (13. Oktober): „Leipziger Klinik wird verseuchte Schutzkleidung nicht los – Angst vor dem gefährlichem Ebola-Müll.“

 

Endlich, möchte man ausrufen. Ist dies zum ersten Mal ein Artikel in deutschen Massenmedien, der es wagt, die Angelegenheit kritisch zu hinterfragen?

In Leipzig hat man anfangs noch getönt, dass man die Situation im Griff habe (Patient übrigens trotzdem tot), doch hat sich der Bild zufolge herausgestellt, dass man noch nicht mal weiß, wohin mit den bergeweise anfallenden, kontaminierten Schutzkleidungen.

Für die Bild ist auch die Motivlage zumindest partiell klar, die die vor Ort Verantwortlichen getrieben hat, den Infizierten überhaupt einfliegen zu lassen, nämlich die bloße Eitelkeit, Zitat:

 

Für das Krankenhaus ein prestigeträchtiges Projekt, das weltweit für positive Schlagzeilen sorgen soll.“

 

Respekt der Bild dafür, dass sie nun als vielleicht erstes deutsches Massenmedium offenbar genauer hinguckt. Doch auch das Springer-Blatt muss sich fragen lassen, warum es angesichts des naiven Umgangs von Kliniken und Behörden mit der Problematik des Einfliegens Infizierter dies nicht früher hinterfragt hat (die meisten anderen Massenmedien tun dies nach wie vor nicht).

 

Am Rande I: Deutschland ist übrigens das einzige Land, dass sich bei der Aufnahme Infizierter nicht auf eigene Staatsbürger beschränkt.

 

Am Rande II: Wenn die Sache am Ende schiefgeht, sprich durch das fahrlässige Handeln das Virus in Deutschland ausbricht und Menschen infiziert, die damit vor der Zeit sterben müssen, oder es gar zu einem schweren Ausbruch kommt, dann wird das für die Verantwortlichen – wie fast immer in diesem Land – genau welche Konsequenzen haben? Richtig: gar keine.

 

Abseits der Leipziger Sorgen rätselt man unterdessen in Madrid und Texas offenbar weiter, wie es zu den Infektionen der bisher insgesamt drei Pflegekräfte kommen konnte. Die naheliegendste Möglichkeit wird dabei wohl weiter gar nicht in Betracht gezogen: dass das Virus leichter übertragbar ist, als es die Verantwortlichen in Kliniken und Behörden gerne hätten. Es sei an dieser Stelle nochmal auf den BBC-Bericht vom November 2012 (!) verwiesen, der lange vor dem jetzigen Ausbruch vermeldet hatte: „Growing concerns over 'in the air' transmission of Ebola.“

Wissenschaftlern war es seinerzeit gelungen, Ebola airborn-fähig zu machen, das heißt über die Luft übertragbar.

 

Wie dem auch sei, obwohl die genauen Übertragungswege, die das Virus in Madrid und Texas genommen hat, ebenso noch völlig unklar sind wie die möglicherweise vom Pflegepersonal gemachten Fehler, bleibt man in Deutschland dabei, dass dies hier nicht passieren könne. Man habe ja bundesweit schließlich 50 (andere Quellen sprechen von 20) Betten und bestens ausgebildetes Personal. Doch es ist wie es ist: Menschen machen Fehler (auch deutsche Menschen übrigens), und allein der offenbar amateurhafte Umgang mit den kontaminierten Anzügen in Leipzig indiziert dies bereits.

 

Die in diesem Zusammenhang stets gebetsmühlenartig wiederholte Strategie, bei einem Ausbruch Kontaktpersonen eingrenzen zu können, ist nicht weitere als eine Chimäre – in Deutschland wie anderswo.

 

Schließlich soll erneut betont werden, dass die ohnehin auf wackligen Füßen stehende „Das-kann-hier-nicht-passieren“-These den vernünftigen, mitdenkenden und vollständig kooperierenden Infizierten voraussetzt. Doch das ist uneingeschränkt weder hier noch woanders der Fall. Selbst die erkrankte spanische Mitarbeiterin der Madrider Isolierstation hat sich laut Medienberichten noch nach Auftreten der Symptome in einem Studio von zwei Damen die Beine epilieren lassen, obwohl sie schon wissen musste, dass sie aller Wahrscheinlichkeit nach infiziert ist.

 

Wer nun all diese kassandrische Skepsis an den Transporten Infizierter nach Deutschland für unvereinbar hält mit dem Gebot der Menschlichkeit und – aus sicherer Entfernung natürlich – den Einflug weiterer Infizierter fordert, dem sei zugerufen:

 

Wer als freiwilliger oder amtlich bestellter Helfer in Westafrika Hilfe leistet und sich dort infiziert, der hat insbesondere alle moralischen Rechte, in ein westliches Land mit den Kapazitäten anspruchsvoller Behandlung gebracht zu werden. Das ist auch eine Frage der Solidarität (die im Prinzip jedem einzelnen Erkrankten zuteil werden sollte, was aber jenseits aller Praktikabilität ist). Wie stets muss aber auch hier abgewogen werden. Wenn der Preis für diese Solidarität ist, ein großes Risiko (= kleine Eintrittswahrscheinlichkeit x sehr große potentielle Schadensgröße) einzugehen, nämlich das Virus in einem mit 500 Millionen Menschen dicht besiedelten Europa mit keinen 500 Betten freizusetzen, sollte das Recht des einzelnen, auch das moralische, zurücktreten müssen.

 

Und für Madrid sieht die Bilanz dieses Aktes der Menschlichkeit nach dem Einfliegen des infizierten Priesters nun so aus: Patient tot, dafür aber mindestens ein weiterer Mensch infiziert, der nun seinerseits mit dem Tod ringt; und das Virus ist möglicherweise auch noch freigesetzt.

 

Unterdessen nahen für die spanische Hauptstadt nun langsam die Tage der Wahrheit. Angesichts der Inkubationszeit von bis zu drei Wochen dürften in den nächsten Tagen erste Ebola-Fälle in Madrid aufpoppen. Oder eben auch nicht. Bleibt zu hoffen, dass der Kelch nochmal vorübergehen möge.

 

 

FAZ (10. Oktober): „Hoffnung auf Impfstoffe – Schutz auch nach einer Ebola-Infektion.“

 

Der einzige Hoffnungsschimmer in Zusammenhang mit der derzeit wütenden Ebola-Epidemie war und ist, dass die Pharmazeutik bezüglich Therapie und Impfung offenbar nicht auf dem völlig falschen Fuß erwischt worden ist und in beiden Bereichen entsprechende Mittel möglicherweise vor der Einsatzreife stehen. Hier beleuchtet die FAZ die mögliche Einsatzbereitschaft und Wirkweise zweier Impfstoffe. Es ist bemerkenswert, wie weit die Entwicklung schon fortgeschritten ist, insbesondere angesichts der marginalen Quantität, die Ebola in den vergangenen Jahrzehnten aufwies (man vergleiche das mit den seit Jahrzehnten nicht recht weiterkommenden Forschungen gegenüber dem ungleich marktrelevanteren HI-Virus).

 

Dann fassen wir mal zusammen, was wir definitiv wissen: 2012 finden Forschungen mit Ergebnissen statt, die das Virus luftübertragbar machen können. Einige Zeit später kommt es zu einem ungewöhnlich wütenden Ausbruch in Westafrika, das einerseits bettelarm und instabil, andererseits aber überhaupt kein typisches Ebola-Gebiet ist. Dann werden unter nicht ganz nachvollziehbaren Gründen Erkrankte nach Europa und Nordamerika gebracht, und unter ebenfalls nicht nachvollziehbaren Umständen entweicht das Virus aus mindestens zwei Isolierstationen. Trotzdem werden weiter Infizierte nach Europa gebracht und der Flugverkehr aus Westafrika weiter aufrecht erhalten. Kritische Fragen zu der Thematik bleiben in den Massenmedien so gut wie komplett aus. Schließlich wird bekannt, dass zwei angelsächsische Player die Patente an verhältnismäßig weit gediehenen Impfstoffen halten.

Und was soll man angesichts dieser Gemengelage nun tun? Stutzig werden, da man nicht an so viele Zufälle glauben mag? Beten? Oder sich lieber einfach mal die notierten Papiere von GlaxoSmithKline und NewLink Genetics genauer ansehen, ob ein Einstieg lohnen könnte?

 

Wie dem auch sei, mittlerweile geht die WHO künftig von 10.000 Neuinfizierten in Westafrika aus – pro Woche wohlgemerkt (in Worten: Zehntausend alle sieben Tage!). Manch ein normal Sterblicher da draußen mag sich wundern angesichts der plötzlich auftretenden Dynamik. Doch hier auf dem Parkett muss wenigstens keinem erklärt werden, was eine Exponentialfunktion ist. Und wie kurz es bei einer solchen dauert, bis er fällt, der letzte Vorhang.

 

 


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