Kassandra:

Die kommentierte Presseschau zur bAV

von Pascal Bazzazi, Köln am Rhein, 19. September 2014

Jeden Freitag bringt LEITERbAV eine kommentierte Presseschau zur bAV. Heute: Bald neue Sterbetafeln RT 2014 E, Geostrategie für Anfänger, und wenn die FAZ vom Deppen spricht.

 

 

NZZ (17. September): „Amerikas größter Pensionsfonds, Calpers, kehrt den Hedge-Funds den Rücken.“

 

Die Meldung ging durch alle größeren Medien, zum Teil nicht ohne Häme. Grund für den Entzug der Mandate durch den kalifornischen Pensionsfonds soll die unschöne Kombination aus hohen Kosten und mieser Performance, gewürzt mit Komplexität, sein. Die NZZ:

 

„Der Schritt könnte Nachahmer finden unter den Pensionsfonds in den USA, aber auch in Übersee. Calpers gilt als Vorreiter in der Branche und ist überdies mit einem Investitionsvolumen von 300 Mrd. USD der größte Pensionsfonds in den USA.“

 

 

Augsburger Allgemeine (15. September2014): „Fischer folgt auf Heydrich.“

 

Der bundesweit tätige Verein „Betriebsrentner e.V.“ hat einen neu gewählten Vorstand und hofft, den Mitgliederschwund bremsen zu können.

 

 

Manager-Magazin.de (15. September): „Russland schröpft Rentenkasse für Unternehmens-Hilfsfonds.“

 

Aus dem Artikel geht nicht hervor, ob Moskau dafür in private Töpfe greift. Falls ja: Ähnliches kennt man auch aus EU-Staaten – Polen, Ungarn, Rumänien. Insofern zeigt Russland also schon mal eine gewisse Beitrittsreife.

 

 

 

OFF TOPIC – TO WHOM IT MAY CONCERN

 

 

FAZ (12. September): „Nach dem Schuldenschnitt – Deutschland schenkt Griechenland Milliarden.“

 

Wie bitte? Die staatliche Abwicklungsgesellschaft der Hypo Real Estate soll mit den falschen Papieren am griechischen Schuldenschnitt teilgenommen haben? Vornehmlich zugunsten Griechenlands und von HedgeFonds? Über 2,5 Milliarden Verlust für Staat und Steuerzahler? Glückwunsch an die Verantwortlichen, dass wir hier in Deutschland sind. In den USA gäbe es für solches Versagen im Staatsdienst Haft, aber nicht zu knapp.

 

Übrigens: In ihrer Printausgabe titelte die FAZ in diesem Zusammenhang am gleichen Tag „Deutschland wirkt wie ein Depp“. Nanu? Bis dato dachte Kassandra, die Bezeichnung „Depp“ für das Verhalten der Bundesrepublik in europäischen Fragen exklusiv zu haben – siehe hier und hier.

 

Wenn die seit Jahrzehnten staatstragende FAZ sich dieser groben Wortwahl nun anschließt, dann muss wohl etwas richtig faul sein im Staate D. Wie dem auch sei, fest stehen angesichts des Vorfalls drei Dinge. Erstens: Deutschland wird nicht nur unter Niveau regiert, sondern offenbar auch unter Niveau verwaltet. Zweitens: Für keine der direkt oder indirekt Verantwortlichen wird das irgendwelche Konsequenzen haben, die man in irgendeiner Form als relevant wird bezeichnen können. Drittens: So richtig interessiert das hier sowieso keinen mehr.

 

 

Spiegel.de (16. September): „Neuer EU-Währungskommissar Moscovici – Lasst die Deutschen zahlen.“

 

Das Hamburger Nachrichtenmagazin – in der Vergangenheit nicht gerade als konsequenter Vertreter deutscher Interessen verhaltensauffällig geworden – spricht ungeschminkte Wahrheiten aus: über den Euro an sich, über „Versaillles ohne Krieg“ und über die Folgen der Junkerschen Kommissionsbildung. Den kassandrischen Terminus „Depp“ verweigert das Magazin aber anders als die FAZ – noch.

A propos FAZ: Die schreibt zur gegenwärtigen französischen Polit-Stimmungslage nicht minder treffend:

Valls Regierungserklärung – Schuld sind die Deutschen.“

 

 

Spiegel.de (13. September): „Konflikt mit Russland – Barroso stellt Ukraine EU-Mitgliedschaft in Aussicht.“

 

Warum ausgerechnet jetzt? Diese völlig überflüssige Aussage wird man in Russland ebenso irritiert zur Kenntnis nehmen wie die soeben im Verbleib in UK und damit mittelbar auch über den Verbleib in der EU abstimmenden Schottland (beim Referendum 2017 werden sich übrigens alle, die dann noch Briten sind, die Liste der EU-Beitrittskandidaten – Montenegro, Serbien, Türkei, Albanien, Mazedonien bis hin zu Bosnien und Kosovo und nun offenbar bald die Ukraine – sicher ganz genau durch den Kopf gehen lassen).

 

However, ob der Portugiese gerade jetzt absichtlich Öl ins russisch-ukrainische Feuer gießt oder ob ihn nur die schiere Dummheit treibt, sei mal dahingestellt. Kassandra hätte jedenfalls nie gedacht, dass sie dem Amtsantritt eines Jean-Claude Juncker eines Tages mit Erleichterung entgegen sehen wird.

 

 

HB (18. September): „EZB-Rat – Weidmann muss aussetzen.“

 

Durch den Euro-Beitritt Litauens läuft im EZB-Rat nun das Rotationsverfahren, und BuBa-Chef Jens Weidmann muss 2015 direkt zwei Mal aussetzen? Unions-Politiker sprechen insofern von einem Konstruktionsfehler, da das stärkste Land zeitweise ohne Stimme ist? Kassandra empfiehlt: Ruhig Blut. Konstruktionsfehler gibt es beim Euro satt und genug. Und ob Deutschland künftig nun in An- oder in Abwesenheit im EZB-Rat überstimmt wird, ist dann doch auch egal.

 

 

FAZ (13. September): „Kampf gegen den IS – Hoffnungsträger PKK?“

 

Kassandra zitiert aus dem Lehrbuch Geopolitik für Anfänger, Kapitel 1 Absatz 1: „Wenn eine raumfremde Macht Deinen Hinterhof destabilisiert, dann verhindere das, anstatt Dich daran zu beteiligen.“ Schade, dass man das in Ankara offenbar nicht gelesen hat. Erst hat die Türkei jahrelang geglaubt, erste Geo-Liga spielen und Seite an Seite mit raumfremden Mächten Assad-Syrien durch eine Unterstützung der mehrheitlich islamistischen Rebellen destabilisieren zu können – mit dem Ziel, sich dort anschließend als neue Ordnungsmacht zu etablieren. Der – mit Verlaub – etwas simple Plan der Türkei, über Zündeln zum Erfolg zu kommen, ist nicht aufgegangen. Die besagte raumfremde Macht kennt schließlich keine Freunde, dafür aber ihr eigenes Interesse. Und ob dieses Interesse mit Blick auf das wankende Dollar-System, mit Blick auf das geographisch ungünstig liegende Europa, mit Blick auf den weichen Bauch Russlands und den islamischen Westen Chinas wirklich „Stabilität“ lautet, könnte man bezweifeln. Doch jetzt, wo die Sache zumindest humanitär etwas aus dem Ruder zu laufen droht, setzt diese Macht auf die Kurden (einschließlich PKK), um kurz etwas Dynamik aus der Destabilisierung zu nehmen.

 

Konsequenz: Die Türkei könnte, wenn es schlecht für sie läuft, als Folge ihrer stümperhaften Geopolitik innerhalb der nächsten zehn Jahre mit ihrem ureigensten strategischen Alptraum konfrontiert werden: Einem autonomen kurdischen Staat vor der eigenen Haustür.

 

 



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