Thank God it's Friday:

Die kommentierte Presseschau zur bAV

von Pascal Bazzazi, Berlin, 11. April 2014

 

Jeden Freitag bringt Leiter-bAV.de eine kommentierte Presseschau zur bAV. Heute: Mal wieder nur Dramen, was sonst?!

 

Die Welt (9. April): „So dramatisch gefährdet die Überalterung Europa.“

Wenig rosige Perspektive für Deutschland und ganz Europa, passend zur fragwürdigen Rentenreform der Bundesregierung. Basis ist eine HWWI-Studie im Auftrag des DIA.

 

 

OFF TOPIC – TO WHOM IT MAY CONCERN

 

Die Welt (3. April): „Bunds schwächer, Spanien-Emission zu tiefster Rendite seit 2005.“

Die spanischen Staatsschulden sind seit 2007 von rund 35 Prozent auf jetzt gut 95 Prozent des BIP gestiegen. Soviel zum Erfolg der spanischen und europäischen Strategien zum Umgang mit der Krise. Es sei in diesem Zusammenhang mit dem Beitrag aus der Welt daran erinnert, dass Spanien sich seit Monaten wieder zu Rekord-Mini-Zinsen refinanzieren kann. Und angeblich waren es ja gerade die zu hohen Zinsen, die die Staaten angeblich erdrosseln würden und damit die die EZB zu ihrer Niedrigszinspolitik veranlasst haben. Nun sind die Zinsen auch für Spanien, Italien et. al. wieder niedrig wie selten zuvor, ergo sollte die EZB aus dem Krisenmodus auch wieder aussteigen. Kann sie aber nicht. Warum? Unter anderem weil Staaten mit nun 95 Prozent Staatsverschuldungsquote dann schlicht kollabieren – und die in Europa unrettbar mit ihnen verknüpften Banken auch.

 

 

Die Welt (2. April): „Kunden leiden unter Überlebenskampf der Versicherer.“

Ausführlicher Blick auf die gegenwärtige Situation von VAG-Anlegern. Dass – wie in dem Beitrag erwähnt – es tatsächlich einen Versicherer gegeben haben soll, der anfangs glaubte, die Niedrigzinsphase sei ein kurzfristiges Phänomen und dementsprechend spekuliert hat, muss allerdings doch sehr erstaunen. Angesicht der bekanntlich „alternativlos“ nur mit frischem Geld (Rettungsschirme, Niedrigzins, QE) zu „lösenden“ Probleme und deren Größenordnungen gab es für die Notenbanken von Anfang (und gibt es nach wie vor) gar keine andere strategische Option, als jahre-, wenn nicht jahrzehntelang einen Niedrig-Zins zu fahren (der uns daher noch lange begleiten wird). Und selbst jetzt, wo Länder wie Spanien sich wieder zu Rekord-Mini-Zinsen verschulden können (siehe oben), wird in den Frankfurter EZB-Türmen eifrig daran rumgedoktert, wie man noch weiter und noch mehr billiges Geld produzieren kann – weil man nämlich die Schuldengebirge sonst gar nicht mehr in den Griff bekommt, wenn überhaupt. Dass die Pathogenese dieser Krise zuerst und vor allem in viel zuviel billigem Geld gedieh, interessiert da nur noch am Rande. Genaueres in der letzten Meldung.

 

 

WiWo (8. April): „Bundesbank-Präsident Weidmann: 'Lange Niedrigzinspolitik darf keine Option sein.'“

Nicht, dass er nicht recht hätte. Natürlich hat er das. Aber Weidmann – hier an dieser Stelle schon des öfteren mit der Tochter des König Priamos verglichen – weiß es natürlich besser (anders als der oben erwähnte Kölner Versicherer). Denn was er hier äußert, ist nur ein frommer Wunsch. Der Zins wird niedrig bleiben. Genaueres dazu für den geneigten Leser ausführlich im nächsten Beitrag.

 

 

WiWo (4. April): „EZB-Modellrechnung – Anleihekäufe für 1000 Milliarden Euro jährlich geprüft.“

Eine Billion QE. Zumindest mal als Testballon in den Raum werfen. Nun, vor knapp einem halben Jahrzehnt hatte der Autor hier mal auf 500 Milliarden Euro QE getippt – in einem ersten Schritt. Glatt um 50 Prozent verschätzt (oder 100, je nach Sichtweise, liebe Aktuare).

Man kann es gar nicht oft genug betonen: Die Möglichkeit, einigermaßen unbeschadet aus aus der Politik des billigen Geldes auszusteigen, besteht längst nicht mehr. Kapitalmärkte und vor allen Dingen mittlerweile auch die Realwirtschaft (man werfe nur einen Blick auf die niedrigen Renditen der Corporates von angeschlagenen Unternehmen, die sich viel zu billig refinanzieren können) sind längst drogenabhängig. Daher kommen die Notenbanken aus der selbstgestellten Falle kaum noch heraus. Wer denkt denn ernsthaft, man könne hüben eine Dicke Bertha und drüben Monat für Monat 85 Milliarden Dollar in Märkte und Wirtschaft pumpen und dann irgendwann einfach aussteigen? Die Zahnpasta bleibt aus der Tube – auf Dauer! Denn wer über Geldschwemme und Niedrigszins die Krise verhindert, verhindert die Korrektur von auch von realwirtschaftlichen Fehlallokationen – mit dem Ergebnis, dass vor allem die Fallhöhe steigt.

Trotzdem gilt: Solange die Notenbanken QE betreiben, also Govies aufkaufen, um die Staatsschulden abzutragen, ist das zwar ordnungspolitisch äußerst fragwürdig (verfassungspolitisch auch, aber das interessiert ja keinen mehr), aber gleichwohl diskutabel, denn Wachstum und Ausgabenkürzungen allein werden niemals ausreichen, die nun einmal existierenden exorbitanten staatlichen Schuldenberge wieder abzubauen. Insofern sind Schuldenschnitte schlicht unvermeidbar – und ein QE, bei dem die Notenbank Staatschulden aufkauft, in ihren Kellern verschwinden lässt und dann eines Tages klammheimlich abschreibt (also nie wirklich fällig stellt, denn das ist unmöglich!), ist im Prinzip nicht anderes als ein Schuldenschnitt. Hinzu tritt, dass es – außer VAG-Anlegern – keinen Akteur im Spiel gibt, dessen strategischen Interessen QE zuwider läuft – im Gegenteil.

Voraussetzung für das Gelingen der Strategie wäre aber, dass die Staaten die freundliche Unterstützung der Notenbanken und den damit verbundenen Zeitgewinn auch nutzen, die realwirtschaftlichen Verwerfungen, die sie mit ihren Schuldenorgien vor allem in ihren öffentlichen Diensten geschaffen haben (Stichwort: Der Staat kauft sich seine Wähler) auch nachhaltig zu sanieren! Doch scheint das Gegenteil der Fall: Statt durchzugreifen, abzuwickeln, haftbar zu machen (und dort wo geboten, auch individuell zu bestrafen), wird munter weitergerettet, weiter umverteilt (von der Mitte nach unten und ganz oben), weiter lamentiert (am liebsten über Deutschland) und den Fehlanreizen des mit dem QE verbundenen Niedrigzinses weiter freien Lauf gelassen. Außerdem haben die Notenbanken längst alle Grenzen überschritten, denn sie entschulden die Staaten nicht nur, sondern finanzieren längst ihren Schlendrian. Die Notenbanken verschaffen den Staaten also keine Spielräume für nötige Reformen, sondern kaufen für immer mehr Geld immer weniger Zeit, und nicht anders wäre es mit Eurobonds. Abgerechnet wird, wenn die Zinsen ungeplant steigen. Denn dann sind die Instrumente der Notenbanken stumpf und die Staaten schnell am Ende.

Dass es derzeit noch nicht zu massiven Teuerungen gekommen ist, sollte man dabei nicht als Entwarnung verstehen. Denn da Govies immer noch Güter nah am Cash-Status sind, ist die Begebung einer Staatsanleihe im Prinzip eine Art Geldschöpfung der Staaten an ihren Notenbanken vorbei. Der inflationäre Effekt entstand also am Tag der Begebung der Anleihe und nicht erst dann, wenn die Notenbank die Anleihe mit selbstgedrucktem Geld vom Markt nimmt, also praktisch nur weißes Papier gegen buntes tauscht. Eine entsprechend weit betrachtete Geldmenge bleibt also durch QE im Prinzip konstant (eine Einschätzung übrigens, die der Autor dieser Zeilen schon lange pflegt, aber vermutlich nach wie vor exklusiv hat). Inflation gibt es demnach in einer solchen Situation nur als Asset Inflation. Außerdem hindern Regularien wie vorneweg Basel III die Geschäftsbanken daran, das neue Zentralbankgeld zu M3 aufzupumpen, und man müsste als Notenbanker schon auf den Kopf gefallen sein, diese geldpolitische Lücke nicht mit eigenem Geld zu schließen und damit echte „Politik” zu machen – doch wer es zu weit treibt, wird eben irgendwann Gefangener des eigenen Handelns.

Alan Greenspan notierte bereits 1966 – zu einer Zeit, als er offenbar noch niederschrieb, was er wirklich dachte – in seinem sehr lesenswerten Beitrag „Gold and Economic Freedom“ über die fatale Vorgehensweise der (Geld-)Politik, Krisen als Reinigungsprozesse plump nicht mehr zuzulassen: „The Process of Cure was misdiagnosed as the Disease.“ Dass er 30 Jahre später höchstselbst exakt diese Problematik auf ein völlig neues Niveau gehoben hat, steht auf einem anderen Blatt.

Und was heißt das für Deutschland? Es wäre schon zu Beginn der Krise richtig gewesen, wenn Deutschland, als die EZB mit QE resp. OTM einstieg, darauf bestanden hätte, dass die EZB nicht nur die Govies der Krisenstaaten, sondern anteilig nach BIP oder EZB-Anteil auch deutsche hätte kaufen und in ihren Kellern verschwinden lassen müssen (für immer). Mitmachen bei dem, was ohnehin nicht aufzuhalten ist, wäre die richtigere Strategie gewesen als den ständig in die Ecke getriebenen Schulmeister zu spielen. Sollte es nun zu QE kommen, dann sollte die Bundesregierung sich diesmal nicht wie so oft in der Vergangenheit darauf verlegen, anfangs blockieren zu wollen, um dann einzuknicken oder sich überstimmen zu lassen. Klüger ist es, gestalterisch mitzuwirken. Richtig wäre es also von der Bundesregierung, dafür zu sorgen, dass die EZB beim Ankauf der Govies die Anteile der Euro-Mitgliedstaaten an der EZB berücksichtigen muss, also 27 Prozent der Käufe auf deutsche Staatsanleihen entfallen müssen.

Und die VAG-Anleger? Die können einem ohnehin nur noch leid tun.

 


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