Kassandra:

Die kommentierte Presseschau zur bAV

von Pascal Bazzazi, Köln am Rhein, 1. Juli 2016

 

Jeden Freitag bringt LEITERbAV eine kommentierte Presseschau zur bAV. Heute: Vom Imperativ des Niedrigzinses, Liederlichkeit, einer Lösung mit Eleganz und einem Schmankerl für Aktuare.

 

 

Süddeutsche Zeitung: „Mehr Arbeitnehmer haben Anspruch auf Betriebsrente.“

 

Gestern am Rhein: Die Mathematiker hatten geladen, und die Presse war gekommen. Hier in der Süddeutschen ein dpa-Ergebnis der gut besuchten Pressekonferenz der Deutschen Aktuarvereinigung am Kölner Hohenstaufenring. Wurde die Mahnung der Aktuare bisher in dieser Konkretheit vornehmlich auf dem Parkett und seinen Fachforen diskutiert (beispielsweise hier und hier), erreicht die Thematik über die Massenmedien zunehmend die breite Öffentlichkeit.

 

Mehr dazu nächste Woche auf LEITERbAV.

 

 

 

Südwestpresse (29. Juni): Erneute Milliardenspritze für das Daimler-Pensionsvermögen.“

 

Daimler legt erneut nach, und das ordentlich. Und wiedermal zeigt sich: bAV ist alles – aber nicht billig.

 

Ordnungspolitisch ist das Funding übrigens optimal strukturiert: innerdeutsches Pensionsvermögen mit ausländischen Realwerten unterlegt (also kein inländischer Crowding-out-Effekt und renditeorientierte Anlage).

 

Und sage keiner, französische Autobaueraktien seien keine Realwerte. Also bitte!

 

 

 

FAZ (28. Juni): „Beschäftigte vertrauen Arbeitgebern.“

 

Willis Towers Watson hat eine recht groß angelegte Studie vorgelegt (siehe links oben unter „News der Spezialisten“). Dass die bAV – offenbar besonders dann, wenn sie als arbeitgebernahes Instrument empfunden wird – bei den Arbeitnehmern ein gutes Standing geniesst, überrascht nicht. Bemerkenswert und nicht unkritisch: Der hohe Stellenwert, den Garantien und Sicherheit (in welcher Form auch immer) nach wie vor bei den Menschen einnehmen.

 

Früher – in ordnungspolitisch klugen Zeiten – sorgten Mindestleistung und Garantie dafür, dass der Arbeitgeber bzw. die EbAV mit einem zu aggressiven Asset Management viel verlieren, aber wenig gewinnen konnten. Effekt für den Arbeitnehmer war zwar keine spektakuläre Performance, dafür aber ruhige und stetige Wertentwicklung auch über schwierige Zeiten hinweg (anders zum Beispiel in NL und UK).

 

Doch die Zeiten, sie sind ordnungspolitisch nicht mehr klug. Folglich muss man in den Jahren des Niedrigzinses (und hier liegt wohl erst ein kleiner Teil des Weges hinter uns) fragen, ob eben dieser Zins die gute und eigentlich langbewährte Garantie an sich nicht mittlerweile in eine janusköpfige Doppelzüngigkeit hat mutieren lassen. Zwingen die Garantien den Garantiegeber in ein Asset Management, das dazu führt, dass er eben diese Garantien nicht mehr bedienen kann?

 

Vermutlich ja, und Kassandra unkt, dass sich daher bei deutschen Arbeitnehmern in den nächsten Jahren ein Bewusstseinswechsel in Sachen Altersvorsorge wird einstellen müssen: weniger Leistungen in der Gesetzlichen sowie mehr Realwerte, weniger Garantien und mehr Schwankungen in der zweiten und dritten Säule sowie mittelfristig pure DC. Und das nicht, weil die Finanzindustrie sich das wünschen würde, die Aktuare das ausgerechnet hätten (s.o.) oder die Arbeitgeber nur noch De-Risking suchten – sondern weil der Imperativ des Niedrigzinses ein solches Umdenken nicht nur erfordert, sondern mittelfristig stumpf durchsetzen wird.

 

Am Rande noch eine schönes Zitat von WTWs Stephan Wildner in der FAZ in Zusammenhang mit der Vorlage der Studie:

 

Etliche Arbeitgeber federn die Probleme der Pensionskassen ab. Diese hatten lange den Nimbus des Unantastbaren, während Versicherer als schmutzig und Arbeitgeber mit Direktzusagen fast schon als liederlich galten. Das wird jetzt geradegerückt.“

 

 

 

GDV (30. Juni): „Betriebliche Altersversorgung legt deutlich zu.“

 

Die Zahl der bAV-Verträge stieg im Jahr 2015 um 1,8 Prozent auf über 15 Millionen, vermeldet der GDV. Im einzelnen schlagen zu Buche: Direktversicherung rund 7,7 Millionen Verträge, Pensionskassen der Versicherer deren 3,7 Millionen sowie Pensionsfonds 532.000 Verträge. Hinzu treten 3,3 Millionen Rückdeckungsversicherungen, die Arbeitgeber oder U-Kassen abgeschlossen haben.

 

Beiträge 2015: rund 19,1 Milliarden Euro, das heißt plus 16 Prozent. Zu diesem Ergebnis trug laut GDV maßgeblich die Übertragung von Versorgungszusagen auf Pensionsfonds bei. Auf die Direktversicherung entfielen demnach gut 7,6 Milliarden Euro, gefolgt von der Rückdeckungsversicherung (6,8 Milliarden Euro), den Pensionskassen (2,8 Milliarden Euro) sowie den Pensionsfonds (1,8 Milliarden Euro).

 

Der GDV lenkt mit den Zahlen den Blick auf das Positive. Doch gibt es auch weniger dynamische Sichtweisen. Mehr Informationen zur Entwicklung 2014 und 2015 finden sich bei den Untersuchungen zu den bAV-Deckungsmitteln von Joachim Schwind sowie bei der BaFin.

 

 

 

Spiegel.de (25. Juni): „Brexit-Folgen: EU-Finanzkommissar Jonathan Hill legt Amt nieder.“

 

Eine bemerkenswerte und schnelle Konsequenz, die Finanzkommissar Jonathan Hill da an den Tag gelegt hat. Für die bAV kommt sie – fast – zur Unzeit; und man kann froh sein, dass die EbAV-II- RL so gut wie unter Dach und Fach ist.

 

Glückhaft für die bAV auch, dass Jean-Claude Juncker nicht auf die Idee gekommen ist, die provisorische Leitung der Hill-Direktion dem französisch-sozialistischen Kommissar Pierre Moscovici (Wirtschaft und Währung) sondern dem lettischen Com-Vizepräsidenten Valdis Dombrovskis zu übertragen.

 

Dass der Abgang Großbritanniens als wesensverwandter Alliierter der Deutschen in Rat, Kommission und Parlament Deutschland und auch die Niederlande nicht zuletzt in Fragen der europäischen IORP-Regulierung in die Defensive bringen wird, dürfte offenkundig sein. Deutsche bAV-Stimmen zu den Folgen des britischen Ausscheidens aus der EU für die europäische bAV-Regulierung in Kürze auf LEITERbAV.

 

 

 

Süddeutsche Zeitung (26. Juni): „Grüne: Milliardenlücke im Pensionsfonds.“

 

Die bayerischen Grünen befürchten eine Unterdeckung des lokalen Pensionsfonds für die bayerischen Beamten von guten zwei Milliarden Euro?

 

Kein Problem, Kassandra hat eine elegante Lösung für die Staatsregierung: Für zwei Milliarden bayerische Staatsanleihen zum Nullzins emittieren (also faktisch ohne Zinszahlungen), den Emissionserlös in den Pensionsfonds nachschießen, diesen davon erneut zu emittierende bayerische Staatsanleihen in gleicher Höhe kaufen lassen, und mit dem Emissionserlös die im ersten Schritt emittierten Staatsanleihen wieder vom Markt nehmen. Anschließend den Grünen erzählen, dass der Fonds die Lücke nun mit Triple-AAA-Bonds geschlossen habe.

 

Den Pensionsfonds für die Altersvorsorge der Beamten, die man ohnehin tragen muss, mit eigenen Schulden zu funden, ist schließlich weder in Deutschland noch im Rest der Welt eine ungewöhnliche Vorgehensweise.

 

 

 

OFF TOPIC – TO WHOM IT MAY CONCERN

 

 

FAZ (24. Juni): „Die Alten wählten den Brexit – die Analyse.“

 

Nochmal Brexit, aber diesmal Off Topic. Und ohne Position für Leave oder Remain zu beziehen hier nur ein paar Aspekte, die in der öffentlichen Diskussion zumindest in Deutschland eher zu kurz zu kommen scheinen:

 

Erwähnt sei zunächst, dass Großbritannien in einer grundlegend anderen Situation ist als alle anderen EU-Staaten: Mit dem Commonwealth sowie mit der speziellen Partnerschaft zu den USA und den drei anderen Staaten angelsächsischer Genese ist Großbritannien nie allein oder isoliert – politisch, ökonomisch und kulturell. Man stelle sich im Gegensatz dazu nur die – bis dato eher theoretische – Möglichkeit eines Frexits vor. Ein Frankreich außerhalb der EU könnte durchaus einen etwas einsamen Eindruck machen. Ähnliches gelte für Deutschland, Griechenland und viele andere Staaten. Bei Großbritannien ist das nicht der Fall.

 

Außerdem dürfte es für das marktwirtschaftliche Großbritannien (anders als bspw. für das sozialistisch-planificatorische Frankreich) eine realistische, gar schnell zu realisierende Option sein, dem EFTA aus Norwegen, der Schweiz, Island und Liechtenstein beizutreten. Über diese Freihandelszone hätte das Land auch wieder direkten und völlig unkomplizierten Zugang zu den EU-Märkten – etwas, was viele EU-Staaten und allen voran Deutschland wohl mit Erleichterung aufnehmen würden (im Gegensatz zu den trotzig-beleidigten Reaktionen, die manche Politiker in Berlin und Brüssel derzeit noch an den Tag legen zu müssen glauben).

 

Denkt man in mittelfristigen Zeiträumen (10-20 Jahre) weiter, kommt man nicht umhin, die Attraktivität dieser um Großbritannien erweiterten Freihandelszone EFTA zu konstatieren – besonders im Vergleich zu einer sich nach Südosteuropa weiter ausdehnenden EU, die unter Frankreichs Führung zunehmend zu einem Club Med der Dauerkrisenstaaten wird. Heute kam auch noch die Meldung, dass nun auch die Ukraine innerhalb von 10 Jahren EU-Mitglied sein will – also ein faktischer Failed State. Die EFTA dürfte in diesem Vergleich auf Länder wie die Niederlande, Dänemark, Finnland und Schweden (und auch Österreich) eine magische Anziehungskraft ausüben. Könnte Deutschland am Ende in diesem Club Med allein zu Hause sein?

 

Nun zu dem oben verlinkten Beitrag, der besonders für die Aktuare unter den Lesern ein besonderes Schmankerl sein dürfte.

 

Sieht man sich in manch deutschem Leitartikel um, scheinen in Britannien die Wähler zu dumm, die Alten zu alt, die Jungen zu faul und sogar das Wetter in London zu schlecht gewesen zu sein, um UK in der EU zu halten.

 

Dem versucht der vorliegende FAZ-Beitrag, in dem das Blatt Angaben der Times und des Instituts YouGov übernommen hat, auf den Grund zu gehen, indem es feststellt:

 

Bei den über 65-Jährigen lag die Zustimmung zum EU-Austritt demnach bei 63 Prozent, bei den 50- bis 64-Jährigen immerhin noch bei 56 Prozent. Unter den 25-49-Jährigen plädierten hingegen 55 Prozent für einen Verbleib in der EU, bei den 18-24-Jährigen sogar 80 Prozent.

 

Fällt etwas auf? Ja, die zweite Kohorte (25-49) ist sage und schreibe viermal so breit gestaltet worden wie die erste (18-24). Könnte hier vielleicht versucht worden sein, die Kohorte der jüngeren Menschen, die gegen den Brexit gestimmt haben, möglichst breit werden zu lassen (wie ein Leserkommentar mutmaßt)? Weil vielleicht sonst ab dem Lebensalter 30 vielleicht die Remainer keine Mehrheit mehr gehabt hätten und so das schöne Bild von der Pro-EU-Jugend und den rückständigen, alten Brexiteers (dem wohl das Begleitfoto dienen soll) in sich zusammenfallen würde? Die Grafik hat auf jeden Fall ein unschönes Geschmäckle.

 

 

 

NZZ (29. Juni): „Terror in Istanbul – Ein verletztes Land.“

 

Was soll man zur Türkei noch sagen? Sie bekommt zunehmend die entsetzliche Quittung nicht zuletzt für ihre eigene doppelzüngige Politik, wie Kassandra schon vor längerem befürchtet hat. Staatschef Erdogan dürfte sich – germanistische Bildung vorausgesetzt – fatal an den Zauberlehrling und die gerufenen Geister erinnert fühlen, oder – wie die NZZ es nüchterner formuliert:

 

…der Terror ist eben nicht nur eine Heimsuchung, er ist auch das Resultat gewaltiger politischer Fehler, die man sich bis heute nicht eingestehen will.“

 


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