Kassandra:

Die kommentierte Presseschau zur bAV

von Pascal Bazzazi, München, 26. Februar 2016

 

Jeden Freitag bringt Leiter-bAV.de eine kommentierte Presseschau zur bAV. Heute: Ahnungslos?

 

 

 

Handelsblatt (23. Februar): „Europas Altenversorgung steckt in der Krise.“

 

Der grüne EP-Abgeordnete Sven Giegold, Mitglied des ECON, hatte schon bei Vorlage der EbAV-Stresstestergebnisse die Rolle des Alarmisten übernommen.

 

Nun hat er in der Tagespresse, hier im Handelsblatt, nochmal nachgelegt – gemeinsam mit zwei Fraktionskollegen.

 

Dabei stützt sich Giegold auf die Auswertung nach den Bilanz-Regeln der EIOPA (welche die größten Lücken hervorgebracht hat), da, Zitat, „die Anbieter von bAV sowie die Finanzaufsichtsbehörden auf nationaler Ebene zahlreiche Möglichkeiten zur Schönfärberei genutzt haben“.

 

In ihrer Kritik grenzen Giegold & Co. die unternehmenseigene bAV offenbar bewusst nicht von anderen Formen der bAV ab, gehen sie doch explizit auf die Nachschusspflichten der Arbeitgeber in Deutschland ein.

 

Umso bemerkenswerter, wie sehr sich die Autoren ins Zeug legen, EbAV als Finanzdienstleister darzustellen und den Versicherern und ihrer Regulatorik anzunähern (schönes Zitat aus dem Beitrag: „Leistungen von Pensionsfonds ähneln einer Versicherung“). Dies tun sie besser und energischer als es der beste Lobbyist je könnte – und mit einem missionarisch-alarmistischen Eifer, der Kassandra fast glauben machen könnte: Entweder Giegold steht im Dienste interessierter Kreise, oder aber – was wahrscheinlicher ist – er hat Genese, Wesen, Sinn, Funktion und Funktionsweise der unternehmenseigenen bAV nicht im Ansatz begriffen. Da weiss man gar nicht, was man schlimmer finden sollte.

 

 

 

Die Welt (20. Februar): „Der Rendite-Geheimtipp bei der gesetzlichen Rente.“

 

Ob es wirklich ein Geheimtipp ist, seine Altersversorgung auf dem Umlagesystem eines überalternden Staates mit stetig abnehmender Governance-Qualität zu stützen, und das auch noch mit zusätzlichen Mitteln, ist nicht ohne weiteres eingängig. Und die Größenordnungen der zusätzlichen Beiträge, die nötig sind, um Abschläge auszugleichen, erinnern ein wenig an diejenigen bei der Ausfinanzierung von GGF-Zusagen an Pensionsfonds. Licht und Schatten also. So heißt es auch in dem Beitrag mahnend:

 

Wer gezielt auf die gesetzliche Rente setzt, macht sich nicht nur von der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes abhängig, sondern vor allem von der Alterung der Gesellschaft und den Entscheidungen der Politik in den kommenden Jahren.“

 

Zumindest den allerletzten skeptischen Teilsatz in Bezug auf diesen Geheimtipp kann man analog auf die derzeit diskutierte Deutschland-Rente anwenden.

 

 

 

FAZ (23. Februar): „Aktivität von Fonds – Gebühren fürs Nichtstun?“

 

Die Kritik ist schon alt. Nun gibt die ESMA-Untersuchung der Sache neuen Schwung. Man darf gespannt sein.

 

 

 

FAZ (23. Oktober): „Bargeld-Debatte – Deutschland als „Hort der Kriminellen.“

 

Deutschland leidet offenbar nicht nur unter einer „Herrschaft des Unrechts“ (durch die Regierenden), sondern ist offenbar auch ein „Hort der Kriminellen“ (durch Regierte). Das sagte jedenfalls vor einem ARD-Millionenpublikum der parl. StS im BMF, Michael Meister, über sein Land, das ihn seit über 20 Jahren mit politischer Verantwortung betraut und ihn seitdem mit seinen Diäten gut ernährt.

 

Dass Meister (der auch in der bAV alles andere als ein Unbekannter ist) mit den Kriminellen Regierte meint und nicht Regierende, hat Kassandra übrigens hier mal vorausgesetzt. Dabei ist das nicht selbstverständlich, das berüchtigte Seehofer-Zitat spricht für sich.

 

Anyway: Ist Meister möglicherweise als junger Abgeordneter traumatisiert worden, als sein heutiger Dienstherr Wolfgang Schäuble 1994 sage und schreibe 100.000 DM in bar von dem Waffenhändler Karl-Heinz Schreiber entgegennahm, deren Verbleib bis heute ungeklärt ist? Ist es gar das, was er unter Kriminalität versteht?

 

Entsprechend muss man nach des Meisters Motiven fragen, wenn er sich nun für die Bargeldbeschränkung ins Zeug legt und damit offenkundig gegen weite Teile des (Wahl-)Volks stellt. Den damaligen Fall Schreiber-Schäuble neu aufrollen? Seinen Chef davor bewahren, vielleicht eines Tages rückfällig werden zu können? Den Hort der Kriminellen austrocknen, wen auch immer er damit meint?

 

Alles Humbug, das alles will er ebensowenig wie Mario Draghi mit der Geldschwemme vorgeblich Inflation erzeugen will. Kassandra hat direkt nach Bekanntwerden der BMF-Pläne geunkt, worum es geht, und weite Teile der Medien und Experten in diesem Land sehen es ähnlich:

 

Der (vermutlich in Davos) wohlorchestrierte Vorstoß (EZB, BoJ, BMF) hat keinen anderen Zweck, als Niedrigzinsen auf breiter Front durchzusetzen und damit den Weg frei zu machen für völlig neue Dimensionen der Financial Repression. Das sollten vor allem institutionelle Investoren klar auf dem Schirm haben. Nach Niedrigzins und Gläubigerhaftung dürfte nach den jüngsten Vorstößen zu mehr Financial Repression der Umgang mit cashnahen Mitteln für EbAV damit erneut an Bedeutung gewinnen.

 

Einer der nächsten Schritte, der hellhörig machen müsste, könnte übrigens die Einführung der Mehrwertsteuerpflicht auf Gold sein, um ein Verbot desselben vorzubereiten. Honi soit qui mal y pense.

 

Wie dem auch sei, bei all dem schweren Kampf im Kriminellenhort für unser aller Sicherheit sei es dem Staatssekretär dann auch verziehen, wenn er der kleinen und völlig unkriminellen bAV nicht immer die gebotene Aufmerksamkeit zukommen lassen kann. Ergebnis: ein halbgare Entlastung im 253 HGB, dabei noch mit grottenschlechtem Timing, und den 6a gar nicht erst angefasst – seis drum …

 

 

 

Donaukurier: (23. Februar): „Paritätischer Wohlfahrtsverband warnt vor 'Lawine an Altersarmut'.“

 

Heute noch ein Hort der Kriminellen, morgen einer der Armen – das scheint die Perspektive für Deutschland zu sein. Und das in den Zeiten der Rekorde: Rekordbeschäftigung, Rekordsteueraufkommen und Rekordsozialabgabenaufkommen paart sich mit Rekordverfall der Infrastruktur und Rekordverteilungsungleichgewichten. Nun warte man mal ab, bis die Babyboomer in Rente gehen, gleichzeitig die ökonomischen und politischen Herausforderungen weiter eskalieren und die wirtschaftliche Lage mal nicht mehr so gut ist wie heute: Dann bekommt die düstere Perspektive des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes vielleicht eine reale Perspektive – angesichts der schlechten Governance (zum Beispiel in der Altersvorsorge, siehe Meldung oben) wäre das auch kein wirkliches Wunder.

 

 

 

Süddeutsche Zeitung (22. Februar): „Bafin-Chef: 'Situation definitiv nicht mit 2008 vergleichbar'.“

 

Felix Hufeld hält die gegenwärtige Gemengelage nicht für vergleichbar mit der Situation 2008? Kassandra auch nicht. Denn 2008 hatten wir eine vom Subprimegeschäft ausgehende Bankenkrise, die in eine Staatsschuldenkrise mündete. Ansonsten war nicht viel los auf dem Planeten.

 

Und heute? Die Staatsschuldenkrise haben wir immer noch, sie ist ungelöster denn je, und sie wird nur mühsam mit immer frischem Geld unter der Decke gehalten. Hinzu kommt, dass wir anders als 2008 sieben Jahre Minizins hinter uns haben mit der Folge, dass ein Ausweg aus dieser Land und Leute, Industrie und Regierungen süchtig machenden Geldpolitik ebenso schwierig bis unmöglich ist wie gleichzeitig die Fallhöhe zugelegt hat. Ein geldpolitisches Leitzinspolster, ein trockenes geldpolitisches Pulver haben die Notenbanken, vorneweg die EZB, heute anders als 2008 nicht mehr.

 

Parallel dazu haben wir sieben Jahre Asset Inflation hinter uns, die besonders an den Bondmärkten, aber auch bei Real Assets und Aktien, die Wiederanlagefrage für Institutionelle immer diffiziler macht und die gar manch Versicherer in Bedrängnis zu bringen droht.

 

Auch die Realwirtschaft selbst – im Privatsektor, mehr aber noch im öffentlichen – hat sich an die billige Refinanzierung längst gewöhnt und ist damit viel verwundbarer für externe Schocks als noch 2008.

 

Weiteres gibt es gratis on top: China droht massiv abzukühlen und könnte die Rolle der Lokomotive mit der des Krisenauslösers tauschen. Zu den politischen Risiken: Auch die Zahl der Failed States hat seit 2008 weiter zugenommen; die für Europa gefährlichsten Entwicklungen spielen sich hier im Irak, in Libyen und vor allem in Syrien ab – ein Strudel, in den auch der Iran, Saudi-Arabien und die Türkei gerissen werden könnten. Letztere gerät dabei in einen ständig gefährlicheren Gegensatz mit Russland, welches wiederum mit der Ukraine (ebenfalls quasi Failed State) bereits eine paramilitärische Auseinandersetzung am Rande Europas führt. Der fatal niedrige Ölpreis befeuert die Destabilisierung der beteiligten Akteuere weiter.

 

Ebenfalls anders als 2008 ist die Dimension der Terrorgefahr besonders in Europa mittlerweile eine völlig neue. Ganz neu hinzugetreten zu den Problemfeldern im Vergleich zum beschaulichen 2008 ist besonders für Deutschland die Flüchtlingsfrage, die noch weit von ihrem Kulminationspunkt entfernt sein dürfte.

 

In der Tat, das ist alles (da hat Felix Hufeld im Prinzip durchaus recht) nicht mit 2008 vergleichbar. Viel eher mit 1914.

 

Doch Trost gibt es: Wir haben über eine Woche hinter uns mit bester Stimmung an den Märkten. Asset Meltdown also erstmal verschoben. Immerhin.

 

 

 

Basler Zeitung (22. Februar): „Pensionskassen wollen die Renten kürzen.“

 

Rentenkürzung! Das schweizerische Pensionssystem hat hier einerseits mehr Möglichkeiten der Flexibilität, doch unterliegt es andererseits zuweilen den strengen Zwängen der unmittelbaren Demokratie. Gut in Erinnerung ist noch, wie 2010 die Senkung des Umwandlungssatzes am direkten Einspruch des Volkes scheiterte.

 

 

 

OFF TOPIC – TO WHOM IT MAY CONCERN

 

FAZ (17. Februar): „Flugzeugentwicklung – Bombardier streicht in Deutschland jede zehnte Stelle.“

 

Neues vom Fachkräftemangel.

 

 

 

 


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