Kassandra:

Die kommentierte Presseschau zur bAV

von Pascal Bazzazi, PMI, 4. Dezember 2015

 

Jeden Freitag bringt Leiter-bAV.de eine kommentierte Presseschau zur bAV. Heute: Kleiner Gernegroß im Déjà-vu.

 

 

NZZ (30. November): „Japanischer Pensionsfonds – Großer Verlust mit hohem Aktienanteil.“

 

Dass der japanische Pensionsfonds bei Licht betrachtet nicht voll- sondern nur teilgefundet ist und des Weiteren ohnehin wie die japanische Notenbank eher ein Mittel der Abe'schen Wirtschaftspolitik ist als sonstwas, ist hier schon öfters beunkt worden.

 

Beispielsweise wurde in Japan der neue Trend zu Aktien seinerzeit mit viel Tam Tam öffentlich angekündigt, ohne Rücksicht auf Market Impact oder Transition Management. Das ist ein Teil des Problems, für das man nun eine Quittung bekommen hat.

 

 

 

FAZ (28. November): „Europa vor der nächsten Geldschwemme.“

 

Dieser Beitrag ist vor der gestrigen (vorhersehbaren) EZB-Entscheidung erschienen, wirft aber ein bezeichnendes Licht darauf, wes Geistes Kind Mario Draghi ist und welcher Mittel er sich bedient, Zitat aus dem Beitrag:

 

Es ist seine übliche Methode: Durch Andeutungen weckt er den Hunger der Märkte auf noch billigeres Geld durch noch mehr Staatsanleihekäufe. Die Skeptiker und Kritiker im EZB-Rat werden so unter Druck gesetzt – denn ein 'Enttäuschen' der Markt-Erwartungen würde ja Turbulenzen auslösen. Also muss der EZB-Rat 'liefern'.“

 

Der Italiener bedient sich einer einfachen Taktik, die man in der Spieltheorie als Selbstbindung bezeichnet – mit dem simplen Ziel, vorzeitig vor Spielende Fakten zu schaffen. Dass er damit alle ungeschriebenen Gesetze verletzt, die den Stil renommierter Notenbanker seit allen Zeiten ausmachen – vor allem nämlich gerade die Unabhängigkeit der Notenbank von den Märkten stets zu bewahren, statt sich ihnen über weitreichende Ankündigungen bewusst auszuliefern – ist ihm vermutlich völlig egal.

 

Die ständig wechselnden Begründungen für diese Politik, die die europäischen Märkte wie die Realwirtschaft ständig drogenabhängiger von dem billigen Geld macht, Verwerfungen erzeugt und verfestigt und daher keinen Exit kennt, sind ebenso plump wie vorgeschoben: Mal ist es die vorgeblich zu geringe Kreditvergabe durch die Banken (nicht durch diese Politik zu beheben), mal zu hohe Zinsen für die Südeuropäer (längst Geschichte) und derzeit die angeblich zu niedrige Inflation (man sehe sich nur die Asset Inflation an).

 

Kassandra unkt seit Jahr und Tag, dass des Italieners eigentliches Ziel ein ganz anderes ist: Mit billigem Geld dafür zu sorgen, dass sich in den mediterranen Krisenstaaten, besonders in deren öffentlichen Diensten und Finanzsektoren, nur ja nicht allzu viel ändern muss. Der Preis, den die Europäer dafür zahlen müssen, wird jeden Tag höher.

 

 

 

OFF TOPIC – TO WHOM IT MAY CONCERN

 

 

Welt.de (1. Dezember): „Nur von Krieg wollen sie nicht reden.“

 

Jetzt also Krieg.

 

Dabei macht der jüngste Track Record des Westens – zwei mal Irak, Afghanistan und vor allem Libyen – wenig Hoffnung, dass diesmal etwas anderes herauskommt als Chaos, Instabilität, noch mehr Terror und noch mehr ungelöste Probleme.

 

Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 zogen die USA in den Afghanistan-Krieg, ohne eine klare Strategie zu haben. Die Folgen beschäftigen vor allem uns Europäer bis heute, auch aus deutscher Sicht: Nach fast 15 Jahren Krieg und Truppenpräsenz und nach Milliarden von Hilfsgeldern, die niemand mehr zählen kann, kommen aus Afghanistan mehr Flüchtlinge nach Deutschland als je zuvor. Anders gelagert übrigens die Kosovo-Sache, aber im Ergebnis nicht viel besser.

 

Nun kann man in diesem Herbst 2015 eine Art Déjà-vu haben: Auch Frankreich wurde Opfer eines großen Terroranschlags, und auch Frankreich hat stante pede beschlossen, als Reaktion hierauf in den Krieg zu ziehen. Doch im Vergleich zur Bush jr.-Administration ist das Einsteigen Frankreichs von noch weniger Konzeption gekennzeichnet:

 

Gegen wen will man eigentlich genau kämpfen? Gut, gegen den IS. Aber wer und was ist der IS genau, und wie grenzt man ihn von anderen Terrorgruppen ab, bspw. von der al Qaida nahestehenden al Nusra-Front oder von anderen Rebellengruppen, unter denen weitere fragwürdige Zusammenschlüsse sind? Überhaupt: Wer will zwischen „guten“ und „bösen“ Rebellen vor Ort entscheiden? Das hat sich schon in Afghanistan und im Irak als völlig unmöglich herausgestellt, und dort war im Vergleich zu Syrien die Lage regelrecht überschaubar.

 

Ebenso undeutlich sind andere Parameter des kommenden französischen Einsatzes: Mit wem kämpft man? Mit den Russen? Vermutlich. Aber mit Assad? Völlig unklar, aber wohl beizeiten unausweichlich. Dann also beizeiten französische Einheiten zumindest mittelbar auch Seite an Seite nicht nur mit iranischen Militärberatern, sondern auch mit der an Assads Seite kämpfenden Hisbollah? Völlig unklar auch, wie man mit der Türkei, mit Saudi-Arabien und mit Qatar umgehen soll, die alle drei ihr eigenes dunkles Spiel in Syrien spielen und vermutlich ebenfalls mehr als fragwürdige Kampfgruppen unterstützen.

 

Noch unklarer als diese taktischen und operativen Fragen ist die nach Frankreichs Strategie. Was will man überhaupt erreichen? Eine völlige Zerschlagung des IS? Und was kommt dann? Eine Re-Installation des Assad-Regimes? Oder die Installation eines völlig neuen „demokratischen“ Regimes, womit man bereits im Irak, in Afghanistan und in Libyen eindrucksvoll gescheitert ist? Und am allerwenigsten von allem hat Frankreich irgendetwas, was man eine Exit-Strategie nennen könnte.

 

Selbst irgendeine Form eines militärischen Sieges irgendwann in ferner Zukunft vorausgesetzt: Was passiert dann mit den hunderttausenden unterlegenen Kämpfern, Unterstützern, Sympathisanten, Mitläufern et cetera des IS, zumindest denjenigen, die nicht von den Siegern an Ort und Stelle exekutiert werden? Für diese bleibt eigentlich nur eines: die Flüchtlingsroute nach Europa (genaugenommen nach Deutschland).

 

Fazit: Frankreichs Präsident Francois Hollande führt sein Land in ein militärisches Abenteuer, dessen Implikationen er überhaupt nicht abschätzen kann – schlicht weil dies unmöglich ist. Er weiß nur eins: Will er sich eine Minimalchance erhalten, bei den nächsten Präsidentenwahlen 2017 nicht schon in der ersten Runde zu scheitern, muss er nun diesen Krieg führen.

 

Nun, bei den Franzosen kann man immerhin diskutieren, dass sie keine echte Strategie haben. Bei den Deutschen, die hier im Kielwasser mitschwimmen wollen, lohnt es nicht einmal, diese Frage überhaupt zu stellen.

 

Summa Summarum die Prognose: Man erinnere sich an das fatale Libyen-Abenteuer, wo es für Engländer und Franzosen schon nach kurzer Zeit ohne US-Hilfe keinen Schritt mehr weiterging. Und selbst die USA, die wegen ihrer ökonomischen, technischen, personellen und militärischen Ressourcen sowie ihrer geografisch-sicheren Ferne vom Brennpunkt über eine völlig andere Durchhaltefähigkeit verfügen als das kleine und insuffiziente Frankreich, stellten ihre verhältnismäßig einfach gelagerten Feldzüge im Irak und Afghanistan vor unlösbare Fragen aller Art.

 

Ergo werden wir schon bald sehen, dass der kleine Gernegroß Frankreich sich nicht nur strategisch und politisch, sondern auch militärisch völlig übernommen haben wird (von seinem deutschen Alliierten, für den schon ein einzelner funktionierender Hubschrauber ein militärisches Highlight ist, ganz zu schweigen).

 

Im Nahen Osten sind schon viele Kinder in viele Brunnen gefallen, und dort ist es wie in der deutschen bAV: Einfache Lösungen drängen sich nicht auf. Will man in dem chronischen Krisenbogen jedoch in irgendeiner Form sich auf den Weg zu etwas machen, was man irgendwie Lösung nennen könnte, so müsste man politisch beginnen, nicht militärisch. Ein erster, wirklich allererster Schritt einer politischen Lösung wäre, die drei regionalen Strippenzieher Saudi-Arabien, Qatar und auch die Türkei ins diplomatische Visier zu nehmen, diese Akteure unter massiven politischen Druck zu setzen und gegebenenfalls sanktionär international zu isolieren, um deren klammheimlich-doppelzüngige Politik rund um die IS-Syrien-Problematik als auch ihre Einflussnahme in Europa selbst abzustellen Jedoch passiert…

 

Spiegel.de (3. Dezember): „Eklat wegen Analyse – Regierung distanziert sich nach Saudi-Schelte vom BND.“

 

…das genaue Gegenteil: Der jüngste EU-Türkei-Deal ist wohl an Absurdität derartig nicht mehr zu überbieten, dass er hier gar nicht mehr kommentiert werden muss; und an Saudi-Arabien wagt sich hierzulande die Politik schon überhaupt nicht mehr ran. Stattdessen müssen in dem schmutzigen Spiel nun auch noch europäische Soldaten ihr Leben riskieren. Wen kümmert das noch…


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