EIOPA Stresstest 2017 (II):

Die Angst vor dem „Spill-over“

von Pascal Bazzazi, Posen, 14. Dezember 2017

Könnte in Europa manch ein Träger von Versorgungswerken über Nachschusspflichten in den Abgrund gerissen werden? Die europäische Aufsichtsbehörde schlägt jedenfalls Alarm. Geht es nach dem Amt, zeichnen sich am Horizont Dramen ab.

 

Dienstsitz der EIOPA in Frankfurt am Main.

Gestern Abend hat die Europäische Aufsichtsbehörde für das Versicherungswesen und die betriebliche Altersversorgung EIOPA die Ergebnisse ihres diesjährigen, zweiten EbAV-Stresstests vorgelegt. Das grundsätzliches Fazit des Veranstalters fällt durchwachsen aus, so schreibt er in einer gestrigen Mitteilung:

 

The European DB and hybrid occupational pension sector has, on average, insufficient assets to meet pension liabilities on the national balance sheet, both in the baseline and adverse market scenario.“

 

Das gelte umso mehr unter dem Common Framework:

 

These vulnerabilities are even more pronounced on the common, market-consistent balance sheet, providing a more comparable and realistic view of the financial position of the IORPs.“

 

In Zahlen hat die Behörde für DC- und hybride Systeme dramatische Zahlen ermittelt:

 

The shortfalls on the common balance sheet – EUR 349 billion in the baseline and EUR 702 billion in the adverse scenario – would need to be covered by increased sponsor support and/or by benefit reductions.“

 

702 Milliarden Euro. Im Vorjahr waren es übrigens noch deren 773. Doch macht das mögliche Drama nicht an EbAV-Grenzen halt. Könnten gar Träger gleich mit in den Abgrund gerissen werden?

 

More than a quarter of IORPs providing DB and hybrid schemes are covered by a sponsor that may not be able to (fully) support the pension promise following the adverse scenario. In addition, the stress test results show that pension obligations may exert substantial pressure on the solvency and future profitability of companies with a potential spill-over to the real economy. In particular, for 25% of participating IORPs the value of sponsor support on the common balance sheet exceeded 42% of the sponsors’ market value under the pre-stress and 66% under the adverse scenario.“

 

Doch kommt es in der Spitze noch dicker:

 

Additionally, for 10% of the sponsors the value of the support exceeded even 169% in the baseline and 266% in the adverse scenario.“

 

Das alles könnte weitere Folgen haben:

 

Pension liabilities of sponsors may be a strain on the companies' future growth prospects with possible negative implications on economic growth and employment levels.“

 

Auch für den DC-Sektor keine Entwarnung:

 

The DC occupational pension sector would experience a drop of 15% in the market value of investment assets in the adverse scenario, reducing the individual accounts of DC pension scheme members and, in case the scenario persists, leading to lower pension income when the members enter retirement.“

 

Immerhin gilt:

 

The IORP sector does not seem to impact financial stability in the same way and to the same extent as banking or insurance.“

 

Was tun also? Mehr Aufsicht vielleicht? Gabriel Bernardino, Chair der EIOPA, ließ jedenfalls bereits verlauten:

 

Gabriel Bernardino, Chairman EIOPA.

To gain further insights and to deepen supervisory understanding EIOPA will conduct a horizontal assessment of potential systemic risk drivers such as search for yield, flight to quality or herding behaviour. ESG aspects including climate change will be of growing importance for the pensions sector and will require cautious assessment of any financial stability implications.“

 

 

Denn:

 

Younger generations should not suffer and carry a disproportionate burden because of today’s complacency and lack of required actions.”

 

 

BaFin: Das dachten wir uns doch!

 

Bestätigt sieht sich bereits die deutsche Aufsicht. Wie die Anstalt noch gestern Abend mitteilte, belegten die Ergebnisse des Stresstests erneut die eigene Einschätzung, dass eine andauernde Niedrigzinsphase für den deutschen EbAV-Sektor eine große Herausforderung bliebe. Dies gelte erst recht für das im Stresstest verwandte Szenario einer negativen Entwicklung der Kapitalmärkte.

 

Deutsche EbAV hätten in den vergangenen Jahren in Reaktion auf die niedrigen Zinsen bereits eine Reihe von Maßnahmen ergriffen, insbesondere ihre Deckungsrückstellungen verstärkt und die Überschussbeteiligung reduziert. Die BaFin stehe hierzu mit den EbAV in engem Kontakt, und die Maßnahmen seinen in den nächsten Jahren fortzusetzen. Die mit dem BRSG eingeführte reine Beitragszusage könnte zwar ein guter Weg sein, um Probleme mit hohen Garantiezinsen künftig zu vermeiden, hülfe aber nicht dabei, die hohen Garantien der Vergangenheit besser zu bewältigen, so die Anstalt in einer grundsätzlichen Einschätzung.

 

Frank Grund, Chef der BaFin-Versicherungsaufsicht. Foto: BaFin / Ute Grabowsky.

Auch der EIOPA-Stresstest für EbAV weist darauf hin, dass es trotz der bereits ergriffenen Maßnahmen in den nächsten Jahren bei einigen Pensionskassen zu Schieflagen kommen könnte, wenn nicht Mittel von außen zugeführt werden“, erklärte gestern Abend Frank Grund, Exekutivdirektor der BaFin-Versicherungs- und Pensionsfondsaufsicht. Solche Mittel könnten von Aktionären oder von Arbeitgebern, die Pensionskassen nutzen, zur Verfügung gestellt werden, so Grund, der sich bereits in der jüngeren Vergangenheit mehrfach kritisch zur Lage der deutschen Pensionskassen geäußert hatte.

 

Die BaFin sah sich offenbar veranlasst, hier konkreter zu werden und darauf hinzuweisen, dass „die Zurverfügungstellung externer Mittel häufig mit komplexen Fragen verbunden ist , beispielsweise dann, wenn eine sehr große Anzahl an Arbeitgebern vorhanden ist“. Aus Sicht der Anstalt sei es daher wichtig, dass die Pensionskassen die potenziellen externen Geldgeber frühzeitig einbezögen, um für alle Beteiligten möglichst wirksame und effiziente Lösungen zu finden.

 

 

Hintergrund

 

Zur Erinnerung: Gerade einmal vier Monate nach Verabschiedung der überarbeiteten Pensionsfonds-Richtlinie hatte die EIOPA am 18. Mai 2017, erneut auf eigene Initiative, diesen Stresstest für EbAV gestartet.

 

Frank Zagermann, Mercer.

Ebenfalls im Mai hatte Frank Zagermann in einem Beitrag für LEITERbAV nicht nur die Einzelheiten des Stresstests erläutert, sondern auch Kritik an dem Vorgehen der Behörde geäußert. Der Principal und Aktuar bei Mercer bemängelte vor allem die Erfassung auch von DC-Systemen, eine nicht ausreichende Fokussierung auf systemische Risiken, den rückwirkenden Charakter des Tests, den geringen zu erwartenden Erkenntnisgewinn, die unklare Ermittlung des Wertes des Sponsor Supports sowie teilweise fragwürdige Ansätze, insbesondere den HBS bzw. Common Balance Sheet.

 

BaFin-Vertreter hatten jüngst bereits verlauten lassen, dass künftig alle zwei Jahre mit einer Wiederholung des EIOPA-Stresstests zu rechnen sein dürfte.

 

Georg Thurnes, Aon Hewitt.

Schon der Stresstest des Vorjahres war Gegenstand intensiver Kontroversen zumindest auf dem deutschen Pensions-Parkett. Nicht zuletzt sei hier an die prägnante Analyse von Aon Hewitts Chefaktuar Georg Thurnes für LEITERbAV verwiesen.

 

 

 

 

 

 

EIOPA: Die ganz eigene Sicht auf die Dinge

 

Zum Schluss noch: 195 EbAV aus 20 EWR-Staaten haben an dem Test teilgenommen, entsprechend 39 Prozent der Planvermögen im EWR. Das Ziel der EIOPA war hier gewesen, 50 Prozent zu erreichen. Grund sei laut EIOPA gewesen, dass die betreffenden nationalen Aufsichten hier nicht genug „Power“ hätten, dies durchzusetzen. Das sei eine ganz eigene Gefahr:

 

Such inadequate supervisory powers constitute an additional risk because relevant authorities are not able to assess vulnerabilities during adverse market conditions.“

 

Die detaillierten Unterlagen der EIOPA zu dem Stresstest finden sich hier.

 

Eine genauere Auswertung auf LEITERbAV folgt.

 



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