Wer leugnet hier was?

Das böse H-Wort vermieden

von Pascal Bazzazi, Frankfurt am Main, 19. November 2015

 

Gestern. Turnusgemäße EIOPA-Konferenz in Frankfurt. Das Hauptthema Solvency II dominiert die Diskussionen, für das betriebliche Pensionswesen bleibt diesmal wenig Raum. Und in diesem wird von der Aufsichtsspitze die Nennung des roten Tuchs tunlichst vermieden.

 

 

Die Veranstaltung – früher immer gut für harte bAV-Diskussionen – ist dieses Jahr inhaltlich stark versicherungslastig. Insofern spricht EIOPA-Chef Gabriel Bernardino nur wenig über Pensions. Hier die entsprechenden Auszüge aus seiner gestrigen Rede zur Eröffnung der Veranstaltung:

 

Within a context of subdued growth, macro-economic uncertainties and demographic change, one of the main challenges for the EU countries will certainly continue to be the provision of safe and sustainable pensions to EU citizens. I am truly convinced that both occupational and personal pensions can play an important role in diversifying the sources of retirement income.

 

In this sense, more should be done to create the appropriate incentives for the establishment of occupational and personal pensions, both at national and EU levels.

 

[…]

 

At an EU level, while recognizing the high sensitivity around pensions’ discussions, I believe that a further important step would be to design a simple and transparent EU framework for DC occupational schemes. This framework should be capable to take full advantage of the potential of the EU internal market, by providing a cross-border platform that would reduce costs, support long term funding of the EU economy and ultimately deliver better pension outcomes.

 

Concerning the DB pension schemes, which unfortunately become more and more a legacy issue, I believe that there is a need to build appropriate incentives for a proper dialogue between employers and employees on their long-term sustainability – 'clarity before solvency' as the Actuarial Association of Europe called it. However, this important dialogue should not be based on valuations and risk assessments that deny economic reality: It will not contribute to a better risk management, will fail to reflect the true risks that the different stakeholders are running and will help to preserve schemes that are clearly unsustainable, postponing the taking up of measures in due time. The inevitable consequences in the short to medium term will be a sudden lowering in the value of pensions for the members and beneficiaries, higher concentration of costs for employers and ultimately intergenerational conflicts.“

 

 

To deny economic reality?

 

Vielleicht hat es nicht viel zu bedeuten, doch auffallend ist es schon, dass Bernardino hier als Abhilfe aus dem von ihm geschilderten Dilemma der vorgeblichen mangelhaften Realitätsnähe zwar vermutlich den Holistischen Bilanzansatz (HBS) meint, ihn aber mit keinem Wort erwähnt. Insgesamt wirkt Bernardino auch gestern in Sachen EbAV-Regulierung deutlich defensiver als noch vor einiger Zeit – was mit dem Wechsel der Verantwortlichkeiten in der Europäischen Kommission Barnier zu Jonathan Hill durchaus zu tun haben kann.

 

Ein ähnliches Bild in der üblichen, mittäglichen Pressekonferenz im Rahmen der EIOPA-Veranstaltung. Auf dem Podium wie immer Behördenchef Bernardino und sein erster Offizier Carlos Montalvo. Auch hier dominieren Versichererfragen die Diskussion, Pensions findet kaum statt. Als aber ein Vertreter des deutschen Staatsfunks etwas ungelenk fragt, inwiefern für die europäische Aufsichtsbehörde die gegenwärtige, streikbehaftete bAV-Problematik bei der Lufthansa eine Rolle spiele, muss Bernardino auf an sich selbstverständliche europaaufsichtsrechtliche Grundsätze der Subsidiarität verweisen – dass nämlich die Aufgabe der EIOPA in der grundlegenden und prinzipienorientierten Minimalharmonisierung liegt. Doch auch hier nutzt er die Gelegenheit, ganz allgemein die grundsätzliche Notwendigkeit anzumahnen, die Pensionsproblematik in einem Unternehmen stets mit Realismus zu betrachten. Bei der Mahnung nach mehr Realitätsnähe hat der Portugiese – erneut ohne es auszusprechen – wohl auch hier den HBS als Mittel der Wahl im Kopf. Offen lässt er dabei, ob oder inwiefern die Lufthansa im Speziellen oder beispielsweise der IAS 19 im Allgemeinen an einem Mangel an Realismus in der Frage der Bewertung von Pensionsherausforderungen leiden.

 

Es mag Länder in der EU geben, wo es anders ist, doch zumindest in der deutschen Industrie ist dem Autor niemand bekannt, der die harten Fakten und die schweren Herausforderungen, vor denen auch die zweite Säule steht, auch nur im Ansatz leugnet – im Gegenteil. Allein der IAS 19 sorgt schon auf der Passivseite über das OCI dafür, dass wohl kein CFO, der nach IFRS bilanziert, die Problematik nicht ernst nimmt. Ein Mangel an Ernsthaftigkeit und Realitätsnähe ist jedenfalls auf dem deutschen bAV-Parkett nicht erkennbar. Insofern stellt sich auch aus dieser Sicht die Notwendigkeit eines HBS nicht. Und an dem zugrundeliegendem Problem – dem politisch induzierten Niedrigzins – kann in Europa ohnehin auf absehbare Zeit niemand etwas ändern, und ein HBS – egal ob beim Namen genannt oder nicht – schon gar nicht.

 

Im Übrigen bestätigte die EIOPA gegenüber LbAV am Rande der Veranstaltung, dass die Ergebnisse des EbAV-Stresstests wie geplant im Dezember 2015 und der QA im März 2016 veröffentlicht werden.

 

 


Leiter-bAV
Artikel per Email empfehlen