Boschs Pensions-Chef:

Bernhard Wiesner vor dem Ruhestand

von Pascal Bazzazi, Berlin; Stuttgart, 6. Mai 2015

 

Einer der engagiertesten und profiliertesten Industrievertreter auf dem deutschen Pensionsparkett zieht sich aus dem Berufsleben und damit aus der bAV zurück einein Verlust mit Reichweite.

 

 

Bernhard Wiesner wird zum 30. September diesen Jahres in den Ruhestand gehen. Das bestätigte der Senior Vice President Corporate Pensions der Robert Bosch GmbH in Stuttgart gestern gegenüber Leiter-bAV.de. Sein aba-Vorstandsmandat wird er voraussichtlich bis zum Ende der laufenden Legislatur im Mai 2017 behalten.

 

Bernhard Wiesner, Bosch. Foto: EIOPA, FFM.

Bernhard Wiesner, Bosch.
Foto: EIOPA, FFM.

Mit dem Rückzug von Wiesner, der seinen Ruhestand auf Bitten seines Arbeitgebers im Vorjahr bereits um über ein Jahr hinausgeschoben hat, wird die unternehmenseigene bAV – und damit mittelbar auch die deutsche und europäische Industrie an sich – einen schweren Verlust erleiden, nicht mehr und nicht weniger.

 

Wie kaum ein zweiter setzt sich Wiesner gleichermaßen in Berlin und Brüssel für die Interessen der unternehmenseigenen bAV und ihrer Einrichtungen ein, die er kompromisslos als Sozialleistung der Industrie interpretiert und damit scharf von jeder Finanzdienstleistung abgrenzt, ausdrücklich auch von den Vorsorgeprodukten der Assekuranz. Sein steter Kampf für die bAV, bei dem er vor keinem Gegner zurückschreckt und auch innerhalb der Industrie stets auf klare Trennung von jeder Finanzdienstleistung pocht, gilt dabei vor allem allen Formen der gleichmachenden Regulierung, wie sie in der alten EU-Kommission verfolgt wurde und in Form des HBS von der europäischen Aufsichtsbehörde EIOPA weiterhin entwickelt wird.

 

Solvency II als Level Playing Field, Single Rule Book und EbAV als Finanzdienstleister: Schlagworte einer Lobbyarbeit, die er als strategische Kampfansage der Assekuranz an die bAV und damit an eine der wesentlichen Sozialleistungen der Industrie wertet – und damit praktisch als Angriff auf den inneren Frieden und die Zukunftsfestigkeit Deutschlands. Wiesner ist überzeugt, dass sich die Herausforderungen, vor denen die westlichen Industriestaaten auch demographisch stehen, sich über indivdualisierte Produkte der Finanzdienstleistung nicht im Ansatz werden beheben lassen, sondern nur über die kollektiven Non-Profit-Modelle der Industrie, in denen die Akteure Arbeitgeber, Arbeitnehmer, Sozialpartner, Staat und Kapitalmärkte zusammenwirken.

 

Stimmen auf dem Parkett zu finden, die seine Position als (zu) puristisch bezeichnen, ist nicht schwer. Doch dass sich hier in Berlin – und zumindest vorübergehend auch in Brüssel – der jüngste Wind gedreht hat weg von einer Subsummierung der unternehmenseigenen bAV unter die Versicherungsregulierung, ja, dass überhaupt erst eine Art echtes Bewusstsein für die Leistungen der Industrie auf dem Feld der Altersvorsorge entstanden ist, das ist wohl sicher zu einem guten Teil sein ganz persönlicher Verdienst. Gleichwohl – dass es in Deutschland immer noch kein eigenes Aufsichtsrecht für die bAV gibt und auch die Aufsicht selbst die bAV noch viel zu oft durch die Versicherungsbrille sieht, das sieht er weiterhin als großes politisches Defizit.

 

Nicht zuletzt Leiter-bAV.de war in den letzten zwei Jahren eine Medien-Plattform für ihn, seine Standpunkte zu kommunizieren, sei es zu nationalen und Brüsseler Regulierungsfragen, zur strategischen Lage der bAV an sich  oder zu dem neu angedachten Sozialpartnermodell des BMAS.

 

Gerade in letzterem sieht er – bei allen Bedenken – grundsätzlich den längst überfälligen Schritt zu einer Neuaufstellung der bAV und damit zu einer Neuaufstellung der Altersvorsorge in diesem Land überhaupt. Nicht müde wird er zu mahnen, dass sich für Deutschland das Zeitfenster des Handelns in der Altersvorsorge rasch schließt.

 

Wiesner, gebürtig aus Morsbach an der Sieg und aufgewachsen in Remagen, ist Jurist und Rechtsanwalt. Er hat fast sein gesamtes Berufsleben in der bAV verbracht. Bereits 1985 trat er bei Bosch ein, 1991 wurde er Leiter Betriebliche Versorgungsleistung, seit 1994 hat er Prokura. Außerdem ist er Vorstandsvorsitzender des Bosch Pensionsfonds, den Bosch als eines der ersten Industrieunternehmen 2002 gegründet hat. Neben dem aba-Mandat ist Wiesner auch Mitglied des Ausschusses Betriebliche Altersversorgung der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). Sein Arbeitgeber Bosch gehört zu den 20 größten deutschen Unternehmen. Weltweit beschäftigt der nichtnotierte Konzern heute in 50 Ländern über 360.000 Mitarbeiter, davon circa 125.000 an 80 Standorten in Deutschland. Der Konzernumsatz belief sich 2014 auf knapp 49 Milliarden Euro.

 

Wer Wiesner kennt, weiß, dass man ihn in den nächsten Jahren mit seiner Frau – sie ist auf Mallorca niedergelassene Frauenärztin und Psychotherapeutin – vermutlich häufig beim Wandern im Innern der Insel oder auf den umliegenden Gewässern antreffen wird. Die Insel ist seine große Leidenschaft. Die Lücke, die er dafür nun hier hinterlässt, wird für die deutsche bAV nur schwer zu schließen sein.

 


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